Archiv der Kategorie: Allgemein

Babylon Berlin

Dank der überzeugenden Schauspielkunst waren die ersten beiden Folgen ein Genuß. Doch die Vorstellung, mehr zu sehen, langweilt mich.

Das Übliche: Sex and Crime – bloß mit ner‘ anderen Kulisse. – Und dann: Unnötige Nebenhandlungen, die versuchen durch Verknüpfung mit bedeutenden historischen Personen und Vorgängen einen Mehrwert rauszuschlagen – Mehrwert ohne Informationswert.

Zwei Folgen ohne Informationswert reicht mir, und wenn dahinter das Schlaraffenland käme: ich fresse mich nicht durch einen Berg faden Breis durch! Da können die Schauspieler so gut sein wie sie wollen!

Ich hatte die Hoffnung, meine schlechte Meinung vom Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk durch diese Serie falsifizieren zu können. Meine Hoffnung ist enttäuscht…

Der Goldstandart für Serien, den man verlangen kann vom „besten Fernsehen der Welt“ (so das Selbstlob von Programmdirektor Herres), der Goldstandart ist immer noch: „The Wire“. – Sicher „The Wire“ ist so anspruchsvoll, daß es anstrengt. Aber ich schätze: Es wäre kein Problem, auf einem ähnlich hohen Niveau an Information und künstlerischer Form eine Serie zu entwickeln, die eingängiger ist. – Soetwas zu entwickeln, genau das wäre die Aufgabe eines Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks.

 

 

 

„Einer bleibt übrig damit er berichte“ – Verfallsszenarien von Christoph Meckel

Meckels Texte sind Innenansichten für Außenstehende, Innenansichten derer, die in Verfall, Chaos, Zukunftslosigkeit und Tod blicken, weil sie fliehen oder weil sie nicht mehr fliehen können.

Wie auch immer wir das Problem der globalen Fluchtbewegungen lösen wollen: wir sind es den Fliehenden schuldig, dieses Problem nicht nur in seinem Ausmaß sondern in seiner ganzen menschlichen und existentiellen Bedeutung zu erfassen, zu begreifen, zu ermessen. Denn einen deutschen Paß zu haben, ist reiner Zufall. Wer die Ungeheuerlichkeit dieses Zufalls nicht begreift, hat gar nichts begriffen.

Meckels Erzählungen helfen, zu begreifen.

Was hat das nun mit Goethes Faust zu tun?

Meckels Erzählungen können aufgefaßt werden als „Parallelgeschichten“ im goethischen Sinne zum 5. Akt von Goethes Faust: Ein Potentat will Einheimische deportieren lassen, läßt die Deportation von Leuten ausführen, deren Skrupellosigkeit er eigentlich kennen müßte, und als nur Tod und verbrannte Erde zurückbleibt, flüchtet er in seine Vision, einen freien Grund für ein freies Volk zu schaffen, und hält diesen Zweck für so  heilig, daß er keine Probleme damit hat, dafür Zwangsarbeiter herbeizupressen. – Und von dem, was die, die von den Deportierten und Herbeigepressten übrig bleiben, erzählen, hat Meckel etwas aufgeschnappt…

Um zu ermessen, wie sehr Faust sich verstiegen und verblendet hat, und um zu ermessen, wie radikal Goethes Idee ist, solch einen Heini zu erlösen (die Engel finden ihn bloß peinlich), kann die Lektüre von Meckels Erzählungen hilfreich sein.

Und nicht zuletzt auch, um zu begreifen, auf welchem Gräberfeld wir heutigen Deutschpaßbesitzer tanzen: Meckel ist 1935 geboren. Wenn ich mir vorstelle, welche Blicke ins Chaos seinen Kinderaugen zugemutet wurden, dann scheinen die Geschichten, die er mit 70 veröffentlichte, davon ein später, gut durchgearbeiteter Reflex – eine Botschaft von jemandem der übrigblieb, damit er erzähle…

(Ich erinnere mich an einen Patienten von mir, einen überdurchschnittlich erfolgreichen, tüchtigen Mann, der nach seiner Pensionierung sich von Zeit zu Zeit an den Alkohol verlor, weil sich die Bilder hochwühlten, die er als 5-jähriger sehen und begraben mußte, z.B. die Straße, wo an jeder Straßenlampe ein deutscher Soldat hing, aufgeknüpft von Deutschen, die es für Recht befanden, jemanden hinzurichten, der verweigert, in einem aussichtslosen Kampf weiter zu töten… (So nutzlos kann ein deutscher Paß sein bei einer richtigen Entscheidung zur falschen Zeit am falschen Ort… – (Und noch in den 70ziger Jahren gab es einen CDU-Ministerpräsidenten, der Todesurteile für solche Hinrichtungen ausgestellt hatte und nicht verstehen konnte, was daran Unrecht gewesen sein sollte.)

Nachsatz: Wie bei Träumen sollte man sich bei der Lektüre von Meckels Erzählungen vor Deuten hüten. Deuten ist Ersatzhandlung, Abwehr: Abwehr der Stimmungen und Gefühle, die Meckels Erzählungen auslösen, unangenehme Stimmungen, die wortkarg machen für Stunden, wortkarg, gerade weil sie zur Sprache gebracht werden wollen, aber dafür müssen sie erst gefühlt, gespürt werden, deutlich! – Deuten ist dumm. Es geht ums Fühlen. Gefühle haben einen Informationsgehalt, um ihn „abzuschöpfen“ brauchen wir eigentlich gar nicht viel zu tun, die Gefühle drängen uns ihren Gehalt auf – sofern wir sie nicht verdrängen…

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/einer-bleibt-uebrig-damit-er-berichte/978-3-446-20572-7/

„Bad Banks“, ZDF-Serie

Um den heißen Brei herum: Kritik an Serie „Bad Banks“

Zweifellos: Die Serie „Bad Banks“ gehört mit zum Besten, was das Deutsche Fernsehen in den letzten Jahren hervorgebracht hat. – Doch von einem Rundfunk mit 8 Milliarden Jahresbudget ist mehr erwartbar, weit mehr – und zweifellos können Autor und Regisseur auch mehr.

Bemerkenswert sind vor allem die für´s Deutsche Fernsehen ungewöhnlich guten Schauspielleistungen. – Auch von den üblichen Drehbuchschwächen der ARD- und ZDF-Produktionen bezüglich des gesprochenen Worts habe ich hier nichts bemerkt. Die Monologe und Dialoge waren lebensecht. (Sollte es doch die eine oder andere Schwäche geben, ist sie mir entgangen, weil es so spannend war – das wäre dann auch ein Qualitätskriterium…)

Doch die Serie ist uninformativ: Daß Bänker manchmal Zahlen fälschen und Verlustgeschäfte in Tochterfirmen verstecken, um die Aktionäre an der Nase herumzuführen; daß es Intrigen gibt und sich die Mitarbeiter um der Karriere willen gegenseitig in die Pfanne hauen; daß manche Bänker Kokain schnupfen und andere ihre Familie vernachlässigen – wer hätte das gedacht!

Die Bänkerei ist in „Bad Banks“ nur die Kulisse für das, was zwischen den Menschen geschieht. Es ist wie ein Kung-Fu-Film ohne Kung Fu: Die überlegene Kunstfertigkeit der Heldin von „Bad Banks“ wird immer nur beteuert, aber ist nie erlebbar.

Weglassen gibt es sonst nur noch bei Kinderfilmen: das, was die Kinder noch nicht verstehen können, braucht auch nicht gezeigt zu werden. – „Bad Banks“ gehört in dieser Hinsicht formal in die Kategorie des Kinderfilms und liegt damit ganz auf der Linie des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks: das Publikum zu infantilisieren.

Da man die Kunstfertigkeit der Heldin nicht zeigen kann, muß der Zufall ran, um ihren Erfolg zu erklären: Ein Kunde hat Krebs, den gleichen, wie die Mutter der Heldin, das erkennt nur sie. Sie weiß, daß der Mann nicht mehr lange zu leben hat, unterbietet gewagt die üblichen Zeitvorgaben – und bekommt den Auftrag.

Zufall ist immer ein Stringenzbruch. Und immer nur zu beteuern, daß jemand gut ist, aber nie zu zeigen, wie er gut ist, ist billig. Diese künstlerischen Mängel muß ich dem Drehbuch attestieren. – Aber wie gesagt: sie beruhen nicht auf der Unfähigkeit des Autors sondern auf der des Senders. Es ist vorstellbar, daß der Autor anderes erwog, aber keine Chance hatte, sich gegen die Vorgaben durchzusetzen.

 

Nachsatz

Zu provokant? Nicht, wenn das Maß des Möglichen angelegt wird: Um die abstrakten und komplexen Vorgänge der Bänkerei publikumswirksam anschaulich zu konkretisieren, wäre ein souveränes Sachverständnis erforderlich. – Den dafür notwendigen Aufwand an Expertenhonoraren, Recherche, Zeit und Mühe haben die Verantwortlichen bei „Bad Banks“ offenbar gescheut.

Möglicherweise würde eine künstlerische Umsetzung von soviel dokumentarischer Information  ein Konzept erfordern, das es überzeugend noch gar nicht gibt.

Aber genau dafür wird der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk ja von den Marktkräften freigehalten: damit er Konzepte einer gewagten Verbindung von Fiktionalem mit hochkomplex Dokumentarischem entwickelt! – Eine „Verbindung“ läßt – im Gegensatz zu einer Kombination – aus verschiedenen Elementen etwas Neues entstehen, das selbst wie ein Element wirkt und eine sinnliche Unterscheidung seiner Komponenten unmöglich macht (so wie man dem Wasser nicht mehr ansieht, daß es aus zwei Gasen besteht).

Die Meisterschaft, die Regisseur und Autor von Bad Banks zeigen, läßt keinen Zweifel aufkommen, sie seien für die Entwicklung solcher Formate nicht geeignet. Es gibt keine Ausrede für den Sender, hier mal wieder seiner ureigensten Aufgabe nicht gerecht geworden zu sein.

Statt innovative fiktionale Formate zu entwickeln, verballern ARD und ZDF ihre Mittel für eine unfaire Wettbewerbsverzerrung auf dem Markt der Sport-Übertragungsrechte – ohne daß dadurch die Bürger irgendeinen Vorteil hätten (denn sie könnten den Sport sonst bei den Privaten schauen).

Neue Musikdokumentation

Neue Konzepte der Vermittlung klassischer Musik

Es ist doch wie: Als ob die meisten Menschen noch nie eine Kathedrale betreten hätten! – Sich Musikkunstwerke zu erschließen ist nicht leicht. Wissenschaftlich ist es noch nicht untersucht, aber offenbar braucht das Gehirn eine gewisse Zeit, bis es Muster und Ordnungen in einer Musik erkennt, mit der wir nicht aufgewachsen sind. Ich mache regelmäßig die Erfahrung, daß selbst Musik, wie die von Corelli, die mir einfach und eingängig erscheint, und wunderbar schwelgerisch, daß diese Musik für viele intelligente und feinfühlige Leute, denen ich sie zum Einstieg in die klassische Musik empfehle, unmittelbar völlig nichtssagend ist.

Wie kann auf attraktive Weise vorstellbar gemacht werden, wie toll diese Musik ist? – Unbekanntes wird durch Vergleich mit Bekanntem vorstellbar gemacht. Und attraktiv sind Bilder und Geschichten.

Herkömmlicherweise werden zur Vermittlung von Musik Anekdoten aus dem Leben von Komponisten inszeniert und mit ihrer Musik als Filmmusik unterlegt. Nicht die Musik wird interessant gemacht, sondern ihre Schöpfer. Das vermittelt indirekt die Botschaft, daß die Musik nebensächlich ist. Die Musik selbst wird entwertet und ihr künstlich ein äußerlicher, nicht-musikalischer Mehrwert wieder zugefügt: wie erstaunlich das ist, daß da ein tauber Mann oder ein acht jähriger Junge eine Sinfonie komponiert! Man will die Leute für den Menschen interessieren und hofft, daß sie dann neugierig genug auf das Werk werden, um sich so oft damit zu beschäftigen, daß sie alleine einen Zugang dazu zu finden.

Ein Folgeproblem könnte in Vernutzungseffekten bestehen: Werden die gleichen Themen aus klassischen Kunstwerken immer wieder Filmen unterlegt, besteht die Gefahr, daß die Musik mit Assoziationen „verschmutzt“ wird: Hört man eine Sinfonie, drängen sich immer wieder Bilder aus Filmen auf. – Allerdings meinte der Dokumentarfilmer Hannes Schalle, der mir dankenswerterweise auf meine Fragen antwortete, seit dreißig Jahren sei ich der erste, der sich darüber beschwere, daß er in seinen Filmen über klassische Musik Bilder und Musik dramaturgisch verknüpft. – Also vielleicht spinne ich mit meiner These von der Vernutzung.

Doch „kreativ“ wäre es mal, Gleichnisse zu entwickeln, die die Vielschichtigkeit und den Reichtum der Musik veranschaulichen – ohne auch nur einen Ton dieser Musik selbst darbieten zu müssen oder auch nur eine Anekdote aus dem Leben ihrer Schöpfer und Schöpferinnen. – Wie bringen wir Kindern das rechnen bei? Mit Geschichten: „Hans, Paul und Grete finden 6 Äpfel. Wieviel Äpfel kriegt jeder?“

Es könnten mit Hilfe von künstlicher Intelligenze „Profile“ entstehen, mit denen z.B. auch Vergleiche zwischen Beethoven und Beatels möglich wären: „Seht her: so sieht das 3-D-Profil einer Sinfonie und so das eines Songs aus!“ – Diese Profile sollen keine Bewertungen sein, sondern Beschreibungen, die Unterschiede sichtbar machen. (Manchmal sitzen wir lieber im Garten, ein andermal durchstreifen wir lieber den Wald, klettern einen Berg hoch oder erforschen eine Höhle. Jedes ist zu seiner Zeit unübertreffbar.)

Eine andere Möglichkeit wäre, zu veranschaulichen, was im Gehirn vor sich geht bei verschiedenen „Musiken“.

Oder: Es könnten Wege gefunden werden, das Phänomen der Form zu veranschaulichen: was der Unterschied ist, ob ich 20 Minuten improvisiere oder im gleichen Stil mit den gleichen musikalischen Ideen eine Komposition ausarbeite?

Die Vorstellung eines Werkes wäre stilistisch statt anekdotisch. Ob mit oder ohne KI: Es könnte „sichtbar“ gemacht werden, was Beethovens Musik von der Mozarts unterscheidet. Beethovens Verfahren könnte aus seinen Skizzenbüchern anschaulich und nachvollziehbar rekonstruiert werden, ohne daß jemand dazu Noten lesen können muß. – Es könnte sichtbar gemacht werden, was die Klassik anders macht, als der Barock.

Eine derartige Vermittlung von Musik bedeutet immer auch eine Erforschung der Musik. Aber sind das die großen Schätze der Menschheit nicht wert? – Es ist doch erklärungsbedürftig, warum es nicht längst solche Ansätze gibt! – Für alles mögliche wird KI eingesetzt. Warum nicht dafür, uns z.B. Vorschläge für die Veranschaulichung der Komplexität klassischer Musik zu machen?

Das sind ad hoc Ideen. Ob sie „funktionieren“ muß sich zeigen. Ohne Forschungs- Experimentier- und Entwicklungszeit wird es nicht möglich sein, herauszufinden, was überhaupt geht und was davon gut. Es wird nicht reichen, einfach mal was auszuprobieren, um dann besserwisserisch festzustellen, daß es nichts bringt.

Weiterlesen: Gegen die Diskriminierung klassischer Kunstwerke

Ein Beispiel, wie läppisch das Niveau der Musikdokumentation im Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk ist:
https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr3/meisterstuecke/audio-emilie-mayer-faust-ouverture–100.html

Stephen King, „Sommer“

Ist es ein Unterhaltungsroman? – Wenn ja: darf sich Unterhaltung des Themas Holocaust bedienen?

Es geht um den ehemaligen Komandanten eines Vernichtungslagers der Nazis, der untergetaucht in einer amerikanischen Großstadt lebt. Es geht nicht um das Grauen des Völkermords. Daher finde ich nicht, daß der Holocaust hier verharmlost wird, obwohl die Geschichte deutlich genrehafte Züge trägt, also Unterhaltungselemente enthält.

Wie so oft bei King gehen Gehalt und Unterhaltung eine Verbindung ein. In den meisten Romanen, die ich von ihm kenne, verbinden sie sich stark überwiegend zugunsten der Unterhaltung, so daß nach der Lektüre ein Gefühl der Hohlheit entsteht. – In diesem Roman hat King sich dagegen kurz gefaßt: etwas mehr als 200 Seiten. Und selbst der strengste Lektor würde nicht mehr als 5 % kürzen wollen. Der Hohlheitsfaktor ist deutlich geringer.

Das Gehaltvolle:

King fingiert eine Situation, in der zwei Kriminelle, die sich am liebsten gegenseitig umbringen würden, miteinander kooperieren müssen, weil sie sich gegenseitig „in der Hand haben“. Es spielt hier keine Rolle, wie gut oder unzulänglich King die Aufgabe, die er sich hier stellt, gelöst hat. Er führt ein Gedankenexperiment durch, das in jedem Fall ein genaues Studium wert ist.

Interessant ist auch, wie wenig den jungen Psychopathen sein eigener überdurchschnittlicher sportlicher und schulischer Erfolg interessiert, auf den jeder andere Heranwachsende neidisch wäre. King veranschaulicht damit, wie sehr Menschen mit stark psychopathischer Beeinträchtigung „aus der Welt“ sind: Sie sind „bedeutungsblind“, sie können mit dem, was den andern Menschen bedeutend, wertvoll und sinnvoll ist, nichts anfangen. Sie sind in ihrer eigenen Welt isoliert.

Nicht zuletzt bietet King in diesem Roman eine Veranschaulichung der „Banalität des Bösen“.

Faktencheck:

King greift in diesem Roman auf keinerlei „übernatürliche“ Elemente zurück, wie: Hellsehen, Telekinese usw. – Wenn alles mit „natürlichen“ Dingen zugehen soll, entsteht die Frage, ob ein Fakencheck sinnvoll ist oder nicht:

Ist es wirklich möglich, daß Menschen mit einer schwer ausgeprägten Psychopathie aus ganz normalen Elternhäusern kommen? – Das sollte recherchiert werden. Ich denke, das ist so nicht möglich. Ich schätze, schwere Ausprägungen von Psychopathie, wie hier geschildert, entstehen nur durch Zusammenwirken von Anlage und Umwelt – also wenn ein Kind mit einer Anlage zu Psychopathie in einem traumatisierenden oder sonstwie schwer pathogenen Elternhaus aufwächst.

Wieso ist dieser Faktencheck hier wichtig? Weil King hier offenbar einen Horror-Effekt erzielen will durch Verunsicherung: Kann soetwas bei jedem Menschen überall und jederzeit sich entwickeln? Wie sicher können wir uns noch sein? – Wenn fingierte Fakten so konstitutiv sind für die Aussage eines fiktiven Textes, dann ist ein Faktencheck notwendig.

Zum Vergleich: Bei den Erzählungen von Lars Lehmann von unserer „NetzSchriftenInitiative“ knirscht es ganz gehörig, was die Fakten angeht. Jedem Laien ist klar, daß das, was Lars erzählt, so nicht möglich ist. Aber diese fingierten Fakten sind nur konstitutiv für die Erzählung, nicht für die Aussage der Erzählung. – Lars versucht das anzuzeigen, in dem er den Titel „Psychjatergarn“ wählt, analog zu „Seemannsgarn“. Ob das alles so gelungen ist, sei hier dahingestellt…

Das Genrehafte:

Es ist für mich nicht nachvollziehbar, wieso der ehemalige Massenmordfunktionär in hohem Alter noch beginnt, eigenhändig Morde zu begehen. Meines Erachtens biegt King hier psychologisch was zurecht. Mich überzeugen die Motive nicht. Es wirkt, als ob er noch ein wenig mehr Horror in die Geschichte bringen wollte, um seine Fäns nicht zu enttäuschen.

Die Massenmörder der Nazis waren keine Psychopathen. Ich schätze, das wußte King auch: die Studie Hannah Arendts („Die Banalität des Bösen“) war 1981 bereits ein „Klassiker“. Merles „Der Tod ist mein Beruf„, war bereits 1957 erschienen.

Statt zu fingieren, daß auch Söhne ganz normaler Eltern schwer psychopathisch werden können, hätte King weit mehr Verunsicherung dadurch erzeugen können, daß es nicht erst der seltenen Psychopathen bedarf, damit der Horror in die Welt kommt…

Die Geschichte gilt als „Novelle“ oder „Kurzroman“ und wurde von King zusammengefaßt zu einem Sammelband: „Different Seasons“, erschienen 1982 ( deutsch.: „Frühling, Sommer, Herbst und Tod“, 1992).

Stephen King, Feuerkind

King buchstabiert in diesem Roman aus, was es bedeutet, wenn der Zweck die Mittel heiligt: Es geht um die Folgen skrupelloser Experimente mit Menschen im Dienste der nationalen Sicherheit. In der Figur des Chefs der Geheimdienstorganisation bietet uns King eine kleine Phänomenologie der Banalität des Bösen, eine Phänomenologie von Schreibtischtätern. – Allerdings hat Kings Chef eine gewisse Reife: Er hat dann doch Skrupel bei den menschenverachtenden Sicherheitsmaßnahmen, gibt aber schließlich den Versuch auf, das was er tut, noch ernsthaft ethisch vor sich rechtfertigen zu wollen.

Die Geschichte kann außerdem gelesen werden als Studie darüber, was es für Kinder bedeutet, wenn sie wegen ihrer Fähigkeiten von den Erwachsenen verplant werden und nicht unbeschwert Kind sein dürfen.

Erbauend ist Kings Schilderung eines in seiner Reife und Schlichtheit vorbildhaften Charakters, der versucht, Vater und Tochter zu helfen.

Beklemmend ist der zweite Teil des Buches, in dem King schildert, wie jemand planmäßig und gezielt das Vertrauen des von seinem Vater isolierten Mädchens zu gewinnen versucht, um es für sein eigenes persönlichen Experimente zu benutzen und schließlich zu töten. Das ist der eigentliche Horror des Buches.

Das was King hier entwickelt, hätte er allerdings noch besser in seiner ganzen Perfidität weiterentwickeln können: Er geht zu schnell dazu über, daß das Mädchen seine Zweifel überwindet, seine Zweifel, ob sie mehr dem Vater vertrauen soll, den sie in der Mangel hatten, oder dem Wärter, der ihr vormacht, ein heimlicher Rebell zu sein. Hier buchstabiert King einen horrenden Konflikt nicht aus, hier ist er flüchtig. Vermutlich hätte er jedoch seinen Plan ändern müssen, hätte er diesem Konflikt mehr Raum gegeben. Denn an Raummangel liegt es bei King nie: Wie in allen seinen Geschichten scheut sich   King auch hier nicht, allem Möglichen soviel Raum zu geben, wie sein Fabulierlust möchte.

Das macht auch diesen Roman zu lang, zumindest, wenn man es von einem künstlerischen Standpunkt aus betrachtet: Es gibt Szenen und Charakterisierungen, die sich im Nachhinein als unnöig herausstellen oder als zu ausführlich.- Im Nachhinein! King schreibt so packend, daß man das beim Lesen selbst nicht merkt. Bloß hinterher bleibt ein Gefühl von Hohlheit zurück, von viel taubem Gestein um ein paar Kristalle herum.

King ist wie jemand, mit dem man spazieren geht, und der an jeder Ecke stehenbleibt um umständlich zu fotographieren. Er scheint z.B. nicht zu unterscheiden, was für eine Geschichte wirklich nötig ist, und was er in jeder Geschichte beschreiben könnte – z.B. den Ärger eines Streifenpolizisten über die Arroganz eines Bundespolizisten.

Auch das „show-down“ ist sehr üblich und in dieser Art altbekannt. – Seine Auflösung ist nicht die einzig Mögliche – man fragt sich: Wieso machen die Protagonisten das nicht besser, sie hätten doch bessere Lösungen zur Verfügung gehabt? Hier scheint King etwas hinbiegen zu müssen, um seinen Plan nicht ändern zu brauchen.

Natürlich darf eine Geschichte erzählen, daß den Helden im Eifer des Gefechts nur suboptimale Lösungen gelingen. Aber dann sollte die Geschichte – wie eine Novelle – davon handeln, wie die Helden mit den Folgen klarkommen. Wenn die Frage entsteht: „Welchen Sinn verbindet er damit, diesen Ausgang zu wählen, statt jenen?“ wirkt das Unangenehme, der „Horror“, gewollt. Man fühlt die Absicht und man ist verstimmt. – Kings Geschichten haftet oft etwas davon an. – Doch seine Qualität zeigt sich darin, daß sie dennoch lesenswert sind.

Allerdings: Ich muß zugeben: die letzten hundert Seiten habe ich in einer halben Stunde quer gelesen. Und wenn ich jetzt Stichproben mache, bereue ich das nicht, im Gegenteil.

Das Buch könnte mühelos um ein Drittel gekürzt werden. Und mit ein wenig Mühe auch auf die Hälfte. Künstlerisch würde der Roman dadurch um ein vielfach Vielfaches gewinnen. Für Leute die Lesevergüngen suchen, würde er freilich dadurch viel verlieren.

King selbst scheint es nicht darum zu gehen, ein vollendetes Kunstwerk zu schaffen, sondern seiner Fabulierlust zu frönen. Und er weiß, daß er dabei auf seine Begabung vertrauen kann, jederzeit genügend künstlerischen Gehalt mit herauf zu schürfen, und mehr als nur pures Lesevergnügen zu bieten.

Weiterlesen: Die Kunst von Steven King

Link zu Wikipedias Artikel über das Buch

Die Kunst von Stephen King

King hat eine beneidenswerte Auffassungsgabe für Menschen. – Eine junge Frau die zwanghaft ist, ängstlich und von anderen Menschen abhängig, beschreibt er z.B. auf eine so lebensechte Weise, wie ich es als Therapeut, der dieses Störungsbild gut kennt, unmittelbar nicht könnte. Außerdem fehlt mir die „Antizipationsfähigkeit“, wie Goethe das nannte, um mir gleich die ganze Familie vorstellen zu können, und vor allem: die Art und Weise, wie die Beeinträchtigungen der Frau und die Verhaltensweisen der Familienmitglieder zu einem System zusammengewachsen sind. Ich hätte mindestens eine Woche mit so einer Familie zusammenleben müssen, um so eine Beschreibung hinzukriegen.

Offenbar vereint King ein nahezu filmisches Gedächtnis mit einer schnellen Auffassungsgabe, die ihm gestattet, aus wenigen markanten Punkten den Rest zu erschließen. Steven King hat eine phänomenale Menschenkenntnis. Und das entschädigt.

Denn die Stärken des Autors wenden sich künstlerisch gegen ihn: Viele seiner Geschichten sind langatmig und bringen wenig Erkenntnisgewinn – auch wenn sie so gut geschrieben sind, daß es sich wie von selber liest, es gibt sozusagen ein nahezu abschüssiges Lesegefälle: man will immer weiter lesen. Erst hinterher stellt sich ein Gefühl von Unzufriedenheit und Leere ein, allerdings auch nur, wenn man mehr gesucht hat, als pures Lesevergnügen. Und auch das ist Kings Kunst: So verteufelt gut schreiben zu können! Und das wie am Fließband! (Mittlerweile laut Wikipedia hat er 60 Romane veröffentlich, dazu mehrere Bände Erzählungen und Sachliteratur.) – Möglicherweise gibt es in manchen Romanen, die ich noch nicht kenne, mehr Reflektion und Durcharbeitung.

Einige seiner Romane und Erzählungen habe ich nicht zu Ende gelesen, es war mir zu unergiebig: „Brennen soll Salem“ und „Das Bild“. Bei anderen, wie „Friedhof der Kuscheltiere“ habe ich bedauert, sie zu Ende gelesen zu haben. Wieder andere, wie „Sie“ oder „Dolores“ waren toll zu lesen, doch hinterher dachte ich: „Das hättest Du Dir auch sparen können.“ Ähnlich ging es mir mit „Atlantis“. – Der Roman „The Cell“ ist ärgerlich und ich frage mich, ob King ihn selbst geschrieben hat.

Dennoch: in manchen Romanen gibt es Abschnitte, in denen sich der Text zu höherer Kunst verdichtet, z.B. die Beschreibung einer schweren unheilbaren Nervenerkrankung eines Mädchens in „Friedhof der Kuscheltiere“ (Kap. 32) , oder die Beschreibung stark rechtslastiger Männlichkeitsvorstellungen in „Das Bild“ .

Das beste, was man über seine Geschichten sagen kann ist: sie sind verspielt: Gehaltvolles, eingebettet in Spannendes und Gruseliges. – Die künstlerische Qualität ist großen Schwankungen unterworfen. Die Erzählung mit der ängstlichen Frau z.B. mündet in eine Zombiegeschichte, die völlig abgeschmackt wäre, würde sie nicht auch von Elementen der Menschenbeobachtung getragen. – Zombies: das ist einfach einfallslos, und alles, was da an Horror kommt, wirkt aufgesetzt, vorhersehbar, aber vor allem „man fühlt die Absicht und man ist verstimmt“. Der ganze zweite Teil der Geschichte ist – zumindest da, wo er „phantastisch“ ist, einfach langweilig. So geht es mit vielen seiner Geschichten.

Manchmal gelingt es ihm – wie in der Erzählung „Der rasende Finger“ – nahezu kafkaesk zu schreiben. Die Geschichte gehört mit zum Besten, was ich von ihm gelesen habe.

Allgemein ist festzustellen: Was die „phantastischen“ Elemente seiner Geschichten angeht, ist Steven King nicht sehr einfallsreich und phantasievoll. Er hält sich an die altbackenen Schauermärchenelemente: Gespenster, Hexerei, Dämonen, Zombies, Vampire und nicht sehr originelle Monster, die auffallende Ähnlichkeit mit Spinnen oder Oktopussen haben. Und alles wird zusammengekittet mit Telepathie und Telekinese.

Dadurch flachen seine Geschichten nicht selten ab: Einem athmosphärischen, lesenswerten und vielversprechendem ersten Teil folgt der eigentliche Horror, der oft eher grotesk ist (z.B. eine Stadt, die von den Geistern früh verstorbener Rock- und Bluesmusiker bewohnt wird) oder klischeehaft (wenn die Figuren aus dem Lovecraft-Museum ausgeliehen werden oder die übliche Zombiemasche abgezogen wird.) – Auch viele minutiöse Schilderungen körperlichen Schmerzes wirken aufgesetzt, um genretypische Erwartungen zu erfüllen. – Aber wie gesagt: das Atmosphärische und das Menschliche, und natürlich das Lesevergnügen, entschädigen für die Enttäuschungen.

Die besten unheimlichen Geschichten die ich kenne sind immer noch: „Arthur Gorden Pym“ von E.A. Poe, „Die Weiden“ von Algernoon Blackwood, „Der Sandmann“ von E.T.A. Hoffmann, „Ratten im Gemäuer“ und „Ctullus Ruf“ von Lovecraft, „Der Horla„(2. Fassung) von Guy de Maupassant.

 

2

Es gibt einen Unterschied zwischen der Literatur der Angst und der Literatur des Leids. In den besten Werken der Angstliteratur sind Elemente der Literatur des Leids nicht ausgeschlossen – wie z.B. bei E.A.Poe oder die erwähnte Passage aus Kings „Friedhof der Kuscheltiere“. Und Literatur des Leids – wie z.B. „Der Horla“ – kann auch ängstigen.

Doch meist ist die Horrorliteratur weit entfernt davon, eine Literatur des Leids zu sein, weil alle wissen: Hier soll jetzt gegruselt oder schockiert werden, es ist nur ein Spiel. Wir wollen uns verunsichern lassen, mit unseren Ängsten auseinandersetzen, Sensationslust stillen, aber nicht mit dem auseinandersetzen, was uns existentiell erschüttert, was beklemmend ratlos macht und am Leben zweifeln läßt.

Goethes Darstellung von Margarete im Kerker war für mich weit schockierender als alles, was ich bei King oder Lovecraft gelesen habe. Das Gleiche gilt für eine Szene in Kafkas „Der Verschollene“: die Darstellung von Mobbing durch Vorgesetzte in einer Situation, in der der Betroffene vor dem Nichts steht und buchstäblich verloren ist, wenn er die Stelle verliert.

 

3 Zu Verfilmungen von Werken Steven Kings

„Shining“ von St. Kubric ist keine Verfilmung sondern ein Film, das muß man ihm zu Gute halten. – Ich halte ihn als Kunstwerk jedoch für fragwürdig wegen der Filmmusik: Was wäre der Film ohne die Musik von Görgy Ligeti und Krzysztof Penderecki? Wahrscheinlich streckenweise armselig und ein krasser Gegensatz zu Jack Nickolsens grandiosen Darstellungsleistungen. Ich finde es grundsätzlich ästhetisch fragwürdig, autonome Musikkunstwerke als Filmmusik zu benutzen. Dieser Film ist daher kein eigenständiges Kunstwerk, sondern eines, das sich auf andere Kunstwerke stützt, es braucht die Musik wie ein schwaches Rückgrad ein Korsett.

Die Verfilmung von „Shining“, die King veranlaßte, steht im Schatten von Kubrics Film, wirkte auf mich aber atmosphärisch und erlebnisreich.

Der Film „Der Nebel“, von Frank Darabont nach Kings gleichnamiger Erzählung, ist nach meiner Einschätzung einer der wenigen Fälle, in denen die Verfilmung besser ist, als die Vorlage. Der Regisseur gab dem bei King nur angedeuteten religiösen Fanatismus mehr Raum und buchstabierte ihn aus. Das fand ich am horrorhaftesten. Gleichzeitig ist es aber eine anschauliche lebensechte Studie über jenen neurotischen religiösen Fanatismus, der das weiße Amerika von Beginn maßgeblich geprägt hat und sozusagen in seine Fundamente eingeschrieben ist.

(Zum Überblick über die Erzählungen unserer „Netzschrifteninitiative“ geht es hier)

Arte bildet nicht, Arte füllt ab

Stichworte zur Ästhetik populärwissenschaftlicher Fernsehdokumentation

Wie kann man Astro- und Teilchenphysik ins Fernsehen bringen? Die Ansätze in den Sendungen am Thementag des 11.8.18 waren durchaus gut. Und daß viele Menschen davon fasziniert und inspiriert gewesen sein mögen, streite ich nicht ab. Doch wenn man das Dargebotene daran mißt, was möglich wäre, kann man nur verärgert sein.

Gut war, daß die Dokumentationen ansatzweise unterschieden zwischen Phänomenen und Interpretationen: So wurde z.B. gezeigt, welche Beobachtungen die Idee nahelegten, daß es eine „Dunkle Materie“ geben müsse. Ansatzweise wurde dadurch verstehbar, daß die „Dunkle Materie“ den Status eines wissenschaftlichen Konstrukts hat statt den einer Tatsache. Aber „ansatzweise unterscheiden“ reicht nicht, zumal wenn es beiläufig und unsystematisch geschieht. Dann verwirrt es bloß. Statt Systematik herrschte Entertainment: Die immer wieder eingestreuten „O-Töne“ der Wissenschaftler waren inhaltlich redundant und sprachlich wenig hilfreich. Allzu offensichtlich ging es dabei um den Unterhaltungswert: um Abwechslung und „Menschelei“. –

Visuell reihte sich eine bemühte Verlegenheitslösung an die andere, wenn z.B. zu einem Text über dunkle Materie ein Vogelschwarm gezeigt wird. – Manche dieser visuellen Ideen haben durchaus künstlerische Qualität, man weiß bloß nicht, was da jetzt noch die Silhouette des Wissenschaftlers soll, der zwischendurch immer wieder seine überflüssigen O-Töne absondert, etwa so wie ein Hund seine Urinmarken. – O-Töne sind Text! Eine Dokumentation sollte sich auszeichnen durch guten, gut durchgearbeiteten Text. Wenn sich da ein O-Ton einfügt, gut. Wenn nicht, ist der O-Ton nichts als Spielerei, die die Aufmerksamkeit zerstreut.

Am Deplaziertesten war die Musik. Sie war nicht schlecht. Aber das ist ja gerade das Problem! Sie war zu informativ! Ich mußte ihr nachhören und mir entging Text. – „Nicht alle sind so für Musik sensibilisiert, daß sie ihr nachhören müssen!“ wird sich der Redakteur über diese Kritik brüskieren. Aber er hat Unrecht: für Musik sensibilisierte Menschen sind hier „Detektoren“ für zu hohen musikalischen Informationsgehalt. Der stört Konzentration und Erleben auch bei jenen Menschen, bei denen er nicht zur Fixierung führt.

Auch im Zusammenspiel von Bildern und Musik zeigten sich künstlerische Ansätze – vielleicht etwas kitschig, aber egal: das darf ruhig schon mal sein und auch im Kitsch liegt eine Wahrheit, ohne Wahrheit schafft es kein Kitsch, kitschig zu sein. Das Problem ist bloß: die Redakteure sollten sich entscheiden: entweder Text oder Kunst. Eine Überfrachtung durch unausgegorenes Tutti-Frutti führt zu nichts.

Den Rotstift ansetzen! Sehr gelungen war die Veranschaulichung, wie aus der rhythmischen Verdunklung von Sternenlicht auf die Planeten geschlossen werden kann, die um den Stern kreisen. – Aber daß der gleiche Sachverhalt vorher nochmal am Modell Motte-Scheinwerfer vorgeführt wurde war nicht nur unnötig sondern auch noch hinkend. Das war schlechtes Handwerk. Ein guter Handwerker muß bereit sein, eine ganze Sequenz zu streichen, wenn sie im Ganzen unnötig ist, egal wieviel Einfall und Mühe darin steckt.

Eine populärwissenschaftliche Dokumentation muß erstens wissen, was sie will und was sie nicht will, sonst über- und unterfrachtet sie gleichzeitig. Und sie muß zweitens drei Erfordernisse in Einklang bringen: die Erfordernisse der Sache, der Verständlichkeit und der Faßlichkeit. („Faßlichkeit“ ist ein Begriff für „Informationslogik“, für wahrnehmungs- und auffassungspsychologische Ökonomie sowie sequenziellen und synchronen Zusammenhang: Genauso, wie die Teile eines Textes sinnvoll sequenziell aufeinander bezogen sein müssen, müssen es auch die „Kontrapunkte“ der verschiedenen Informationskanäle sein: Bild, Text und Musik. Auch hier gilt Schönbergs Wort: Kunst komme nicht von Können, sondern von Müssen.)

Die Dokumentationen kamen auf keine anderen Ideen, auf die auch Lieschen Müller kommen würde („Vogelschwarm“ für „Dunkele Materie“). Freilich sollte man Lieschen Müller  nicht unterschätzen. Aber was auch immer sie kann, sie hat ihr Können nicht systematisch reflektiert und trainiert. Das ist aber von Redakteuren des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks zu erwarten.

Die Dokumentationen sind ästhetisch dilletantisch. Und als dilletantisch muß auch die Auffassung gelten, daß man für quotenrelevante Attraktivität ästhetische Kompromisse in diesem Ausmaß und dieser Art machen müsse.

(Titel der besprochenen Dokumentationen: „Die fantastische Geburt der Sterne“. – „Das Rätsel der Dunkelen Materie“.  – „Aliens: Sind wir allein im Weltraum?“ – Gesendet auf Arte am 11.8.18.)

 

Nachsatz: Primitive Attraktionstechnologie – zur Dokumentationsästhetik der „Öffentlich-Rechtlichen“ allgemein

Ständig das Getute und Gewute der Musik! Man wird ganz rammdösig! Etwas in den Zuschauern soll betäubt werden, das ist offensichtlich. Anders funktionieren die dokumentarischen „Formate“ wohl nicht.

Ob Moorleiche oder Kathedrale: überall steht der Krimi Pate. Es wird nicht von den Gegenständen erzählt, sondern bestenfalls lernt man etwas von der Erkundung der Gegenstände. So ging es in einer Dokumentation über einen Künstler nicht um sein Werk sondern um die detektivischen Recherchen zu einer geheimen Geliebten. – Und statt einfach Wissen darzubieten oder zu erklären oder Zusammenhänge zu stiften, werden Rätselfragen gedrechselt, um im Zuschauer ein Spannungsgefühl zu erzeugen: „Werden die Wissenschaftler es schaffen, dieses Rätsel zu lösen?“ Bei dieser Infantilisierung lernt man selten etwas über das, worum es eigentlich gehen sollte. Interessanter als die Frage, was die moderne Gerichtsmedizin an antiken Moorleichen erkennen kann, wäre doch, darzustellen, wie die Menschen damals ihr Überleben der Natur  abringen mußten und warum Menschen unter solchen Bedingungen glauben, mit dem Opfern ihres Häuptlings besseres Wetter machen zu können. – Und weit interessanter als die Frage, wie heute die Abstände von Kathedralenpfeilern in 30 m Höhe gemessen werden, wäre die Frage, wie diese Kathedralen im 12. Jahrhundert überhaupt möglich waren.

Der Dritte Grundzug der Banalität ist die Reizüberflutung: Ständig werden die Zuschauer mit neuen Bildern beschossen. Die Strategie ist so fadenscheinig – getrieben von der Angst, die Zuschauer könnten wegzappen, wenn man eine Einstellung nur einen Sekundenbruchteil zu lang werden läßt! – Was herauskommt ist närrisch, z.B. in einem Tierfilm: Plötzlich wird ein Adler hoch über der Landschaft gezeigt, dann genauso plötzlich ein anderer und man denkt, ach, was gibt es in dieser Landschaft viele riesige Adlerarten – d.h. man kann das gar nicht zu Ende denken, denn schon sieht man ein völlig anderes Tier und bemerkt nachträglich, nicht nur, daß bereits der zweite Riesenvogel etwas anderes als ein Adler war, sondern auch, daß er in einer ganz anderen Landschaft flog, am anderen Ende der Welt; das Bindeglied zwischen den Bilder war offenbar einzig die Länge der Flügelspannweite. – Die Krone der Narretei war eine filmische Dokumentation über Tierdokumentationsfilmer. Über das Filmen von Tieren erfuhr man nicht viel mehr, als daß man bei schlechtem Wetter lange warten muß, bis das Licht stimmt, und daß die Ausrüstung sehr sehr schwer ist. Dafür sah man schleppende Menschen, blitzlichthaft einmal im Fluß waten, einmal in hohem Schnee, einmal am Berg usw, usw, und dazwischen immer wieder genauso blitzlichhaft eingeworfen ein Sammelsurium von Tieraufnahmen, mal eine Giraffe, mal ein Eisbär, mal eine Walfluke, mal dies, mal jenes.

Daß es sich bei diesen Dokumentationen oft um Produktionen französischer oder englischer Öffentlich-Rechtlicher Rundfunkanstalten handelt, macht es nur noch schlimmer. Es läßt vermuten, daß sich auch dort die Profis nicht gegen die Funktionäre durchsetzen konnten. – Und es entlastet ARD und ZDF nicht: Wenn ein Cafe langweiligen Kuchen auftischt, kann es sich ja auch nicht damit rausreden, es habe ihn nicht selbst gebacken.

Gemessen an dem, was wir heute machen könnten, gemessen an dem, was an Möglichem den Zuschauern vorenthalten wird, sind diese Dokumentationen Betrug am Publikum.

Bruno Latours „terrestrisches Manifest“

eine Rezension 

Die Verlagsinformation über Latours Schrift gibt es hier:

Bruno Latour (geb. 1949) ist einer der bedeutensten zeitgenössischen französischen Philosophen.

(1) Gehalt und Inspiration

(1.1) Das Problem

Latour versucht, ein neues Ordnungschema zu entwickeln für die „Dialektisierung“ des Gegensatzes von „Globalität“ und „Lokalität“: Verbindung und Austausch auf der einen Seite, sowie Rückzug und Abgrenzung auf der anderen. – Es ist schon verwirrend: Während USA und Großbritannien die Globalisierung auf Hochtouren weiter betreiben, beginnen sie, sich abzuschotten und auf sich selbst zurückzuziehen (Lokalisierung). Wohingegen bestimmte Formen von Lokalisierung in Form von Dezentralisierung, Regionalisierung und Autarkisierung geboten sind, um den Globus zu retten. (Z.B. energieautarke Häuser, die Familien von den „Global-Playern“ der Energiewirtschaft unabhängig machen1.) Doch viele für das „Lokale“ Engagierte (z.B. PEGIDA) sind unsolidarisch und selbstbezogen und was mit dem Rest der Welt passiert, ist ihnen scheißegal. – Die Globalisierung andererseeits geht mit „Modernisierung“ einher: mit der Entstehung von Einstellungen, die die Ausbildung moderner universalisierter ethischer Denkweisen begünstigen und vormoderne Formen partikularistischer Ethiken auflösen, Ethiken, die zwischen Binnen- und Außenmoral unterscheiden, zwischen Regeln die für die eigene Gruppe und das eigene Geschlecht gelten und Regeln die für die andern gelten. – Ist es nicht gut, wenn der moderne Kapitalismus in einem afrikanischen Land Traditionen zersetzt, in denen 12-jährigen Mädchen mit schmutzigen Glasscherben die Klitoris weggeschnitten wird?

Latour unterscheidet Plus- und Minusglobalisierung: „Plus“ heißt: „Gesichtspunkte vermehren“: „daß man eine größere Mannigfaltigkeit erfaßt, eine größere Zahl von Wesen, Kulturen, Phänomenen, Organismen und Menschen“ (21) – Minus-Globalisierung heißt: „eine einzige Sicht gegenüber allem und überall“, durchgesetzt „von einer kleinen Gruppe von Personen“, „die von Grund auf provinziell ist“, „eine winzige Zahl von Interessen repräsentiert“, zugleich aber den Anspruch auf Fortschrittlichkeit stellt. – Analog unterscheidet Latour ein Plus- und Minus-Lokales. Er gibt kein Beispiel dafür, aber vermutlich hat er etwas wie dies im Sinn: Die bayrische Heimatpartei (CSU) ist die politische Kraft, die die Betonierung und Vernutzung der Landschaften am rücksichtslosesten fördert. Und sie mißbraucht traditionelle religiöse Symbole für parteipolitische Zwecke. Das ist das Dilemma der Konservativen: Wo der Zweck die Mittel heiligt, schwindet das Heilige.

Quer zu „global“ und „lokal“ setzt Latour „extraterrestrisch“ und „terrestrisch“. „Extraterrestrisch“ meint: Nicht im Einklang mit dem Universum der wirkenden Kräfte, sondern: ausbeuterisch, plündernd, verbrannte Erde zurücklassend (44). – „Terrestrisch“ bedeutet dagegen eine Kombination von: verallgemeinerbar, nachhaltig, solidarisch, ökologisch. – Zur Förderung des Terrestrischen ist die Überwindung eines politischen „Repräsentationsdefizits“ notwendig. – Das ist einer der interessantesten Gedanken Latours: Wie können wir es schaffen, hinreichend umfassend den von der Naturwissenschaft ignorierten Wesen, Zusammenhängen, Umständen und Bedürfnissen des Lebens auf unserem Planeten, mit denen wir in einem biologischen Netzwerk verbunden sind, eine Stimme zu verleihen, damit es in der Politik berücksichtigt wird (und, wie Latour es poetisch ausdrücken würde: uns berücksichtigen kann). Latour bleibt hier im Allgemeinen, jedenfalls habe ich von seinem Text nicht mehr verstanden als die Aufforderung, uns für die Belange der anderen Lebewesen zu sensibilisieren, wenn wir nicht in der Antropozentrischen Illusion gefangen bleiben wollen (z.B. S. 100ff). – Hier lohnt es sich weiterzudenken: Das „Repräsentationsdefizit“ ist ein Korrektivdefizit: Viele wichtige Wahrnehmungen, Ideen, Gedanken und Sorgen der Bürger gehen auf dem Weg ins Parlament verloren oder verlieren an Gewicht. Wollen wir Bürger wirklich abwarten, bis sich die Parlamentarier und Politiker des „Terrestrischen“ annehmen? Wie können wir selber aktiv werden, ohne auf Institutionen zu warten? Warum warten wir darauf, daß Nichtregierungsorganisationen das für uns erledigen? Mit den modernen Demokratien haben wir uns weit mehr geschaffen, als Parteien und Parlamente. Den Möglichkeiten des Bürgerengagements sind keine Grenzen gesetzt2.

Wichtiger noch: Im Hinblick auf die Volksaufklärer meint Latour: Es sei nutzlos, „sich darüber zu empören, dass Leute an alternative Fakten glauben, wenn sie faktisch in alternativen Welten leben. Die Frage ist nicht, wie die Unzulänglichkeiten des Denkens ausgeräumt werden können, sondern, wie es möglich wird … denselben Herausforderungen zu trotzen. Wir stoßen hier auf den gewohnten Fehler der Epistemologie nämlich daß etwas intellektuellen Defiziten zugeschrieben wird, was in Wahrheit einem Defizit an gemeinsamer Praxis geschuldet ist“ (35). Latour hat dabei vermutlich konkrete Ideen „gemeinsamer Praxis“ im Sinn und vertraut darauf, daß man seine Schriften kennt. Aus dem Text geht dazu nichts weiter hervor, auch hier kann man sich nur inspirieren lassen: Es käme darauf an, daß wir uns über unsere verschiedenen Ansichten hinweg als Mitbürger verstehen und respektieren und gemeinsame, verbindende Aufgaben definieren, für die wir kooperieren können, so, als ob plötzlich Außerirdische uns bedrohen würden. Latours Begriff des „Extraterrestrischen“ bekäme so einen ganz anderen Sinn… – Eine inspirierende Denkaufgabe: wie kann man die Gefahr durch das „Extraterrestrische“, durch die Tendenzen zur Zersetzung der Demokratie, Degeneration der Medien, Ohnmacht des Politischen, Entfesselung der Profitwirtschaft mit dem Raubbau an unserer gemeinsamen Zukunft, wie kann man dieses komplexe Syndrom übersetzen in alltagstaugliche, Gemeinsamkeit stiftende und erfordernde Projekte, die uns alle als Menschen angehen unabhängig von Herkunft und Hautfarbe – wie können wir über Gräben und Grenzen hinweg Ebenen von Kooperation finden, auf der wir ein Bündnis schmieden können für die Zukunft unserer Kinder, die Zukunft des Planeten… Zumindest eines könnte vorab sinnvoll und wichtig sein: im Mitbürger, der aktuell gegnerisch erscheint – sei es der Neureiche oder der „Reichsbürger“, die fundamentalistische Feministin oder der Marrokanermatscho – den potentiellen Verbündeten zu sehen. – Kooperieren statt Missionieren! – (Doch diese Formel unterläuft Latours Anliegen subversiv: Er will gerade einen neuen Orientierungsrahmen entwickeln, mit dem er „Freund und Feind“ erkennen kann, mögliche Verräter und mögliche Verbündete (43).

(1.2) Wissenschaft und Rationalität

Während die Wissenschaft sich einerseits als Maßstab für Realismus aufspielt, für Rationalität und Objektivität im Gegensatz zu irrationalen und subjektiven Vorstellungen und Vorgehensweisen, neigt sie in Wirklichkeit zu Illusionen über das Ausmaß, in dem sie die Komplexität des Zusammenhangs und Zusammenspiels der Gesamtheit der irdischen Lebensformen verkannt hat und nicht gewachsen ist. Latour nennt sie zurecht „provinziell“: ein Produkt eines ehemals lokalen sozialen Netzwerks, das global hypertrophierte. – Sie nutzt ihr Nicht-Wissen tendenziös: Alles ist erlaubt, solange nicht bewiesen ist, daß es ernsthaft schadet. Politische Positionen, die vor Klimaveränderungen, Bodenvernutzung, Artensterben usw. warnen, werden dann als voreingenommene, irrationale Ökoideologien diskreditiert, die behaupten, was nicht bewiesen ist. – Aber man muß Latour entgegenhalten: das diskreditiert nicht die Wissenschaft selbst! Es zeigt nur, daß uns die Wissenschaft nicht dabei helfen kann, unserem Handeln die Grenzen aufzuzeigen. Wir dürfen nicht auf die Wissenschaft warten. Und wir brauchen es auch nicht: Es reicht doch, immer wieder und immer eindringlicher die Frage zu stellen: Warum müssen wir wissen, wie weit wir zuweit gehen können? Was ist das denn für eine pathologische Disziplinlosigkeit, wenn man immer erst auf den allerletzten Drücker in der Lage ist, ein schädliches Verhalten zu korrigieren? Wie irrational ist es, auf unnötige Vorteile nicht verzichten zu wollen, bloß weil man noch nicht weiß, wie schädlich sie schaden?

Das, was ich von Latours Anliegen verstanden habe, kann ich mit eigenen Worten so umschreiben: Der technische Fortschritt ist schneller als die kulturelle Willensbildung, als die Reflexion unserer Bedürfnisse und Wünsche im Lichte aller menschlichen und planetaren Möglichkeiten, die die Menschheit bereits kennt oder entwickelt hat. Kulturelle Willensbildung würde zu einer weit selektiveren und gezielteren Technisierung führen, zu einem wahrhaften „Schreiten“, gemessen an dem unser „Fortschritt“ ein unentwegtes Stolpern ist. Wir sind närrisch, wir handeln besinnunglos: Aus infantiler Freude über die Entdeckung unserer Flinkheit preschen wir vor, ohne die Schatzkarte studiert zu haben und ohne zu wissen wo die Krokodile lauern. Das zeigt die Beschränktheit der Protagonisten des Fortschritts. Die Leute von sillicon valley sind Hinterwäldler.

(2) Kritik

(2.1) Latour entfaltet in den ersten Abschnitten eine veritable Verschwörungstheorie. Er kommt darauf in seinem Text aber nicht mehr zurück, damit zeigt er selbst, wie überflüssig sie ist. Wir können ohne Verschwörungstheorien auskommen, ohne Spekulationen über Intention und Moral. Beides führt nur zu Zirkeln: Wer unterstellt, wird sich für leichtgläubig halten, wenn er an der Unterstellung zweifelt, und sich so selber im Unterstellen bestätigen. Und wer sich für einen Guten hält, wird sein Selbstbild schützen müssen gegen sein Böses, und glauben, zu gut zu sein, um etwas Wesentliches unterlassen zu haben bezüglich der Erkenntnis von Gut und Böse. – Viele Probleme sind Probleme unreflektierter Interessen, die moralfrei angegangen werden können mit der Frage: „Was ist denn jetzt daran so wichtig, daß ihr dafür soviele Ungerechtigkeiten, Schäden und unabsehbare Risiken in Kauf nehmen wollt? In Eurem privaten Leben würdet ihr niemals derart irrationale Entscheidungen treffen geschweige denn mit so irrationalen Leuten zu tun haben wollen!“

(2.2) Was bringt die Begrifflichkeit „terrestrisch-extraterrestrisch“? Latours Vorschlag ist inspirirend wegen seines Fehlschlags. Es ist doch die Frage, ob eine so einfache Koordinaten-Heuristik weiterführen kann, ob sie wirklich was Neues bringt, ob sie Zusammenhänge stiftet und Strukturen sichtbar macht. Es müßte eine komplexere, mehrdimensionale Matrix entwickelt werden anhand der der Begriffe: Austausch, Kompromißbereitschaft, Solidarität, Kooperation, Toleranz, Respekt, Selbstreflexion, Erkenntnis und Entwicklung. Dabei müßte unterschieden werden zwischen strukturellen Widerständen, wie wirtschaftlichen Zwängen, und individuellen Widerständen wie persönliches Profitstreben. Und es muß unterschieden werden, ob Widerstände unwillkürlich sind – z.B. aus Gründen von Religion und Tradition – oder wirtschaftlichen und machtpolitischen Eigeninteressen geschuldet. Als islamische Lehrerin auf ein Kopftuch verzichten zu müssen, bedarf einer anderen Art von Verzicht, als aus ökologischen Gründen auf ein gutes Geschäft verzichten zu sollen.

(2.3) Nicht nachvollziehbar ist für mich, wieso Latour nicht im geringsten auf die Vorarbeiten zur Entwicklung des Rationalitätsbegriffs von Habermas in dessen „Theorie des kommunikativen Handelns“ eingeht, auf dessen Erwägung eines „selektiven Musters von Rationalisierung“3. Damit hätte er seine (und Habermas´) Gedanken klären, reflektieren und weiter entwickeln können. So wirkt seine Rationalitätskritik und sein Postulat von Alternativen pauschal und unkonkret – und münden möglicherweise in den alten Streit um eine „alternative“ Vernunft, der nicht zu gewinnen ist4. – Mit Habermas Orientierungsschema könnten wir Latours Begriff des „Terrestrischen“ rekonstruieren: Das Rationale ist das Kritisierbare. Und neben der technischen Rationalität gibt es die soziale und expressive: Wir können auch über unsere Beziehungen und über unsere Gefühle und Wünsche auf eine kritisierbare Art und Weise reden – in Form von Diskursen der Gerechtigkeit, Schönheit und Authentizität. – Da, wo die technische Rationalität versagt – bei der Erfassung der Komplexität biologischer und sozialer Netzwerke und Interdependenzen – kann sie flankiert werden von Diskursen über die Berechtigung materieller Ansprüche, Zukunftssorgen, Gerechtigkeitsvorstellungen und Bedürfnisinterpretationen. Hierbei sind alle Abstufungen von Kritik, Toleranz, Wertschätzung und Respekt gegenüber traditionellen Weltbildern und Werten möglich. – Nicht ein Zuviel sondern ein Zuwenig an Rationalität ist das Problem: die instrumentelle Rationalität hat kein Korrektiv in kulturell ebenso „geläufigen“ und implementierten Formen von sozialer und expressiver Rationalität.

(3) Lesbarkeit

Ich fand den Text sperrig zu lesen und gemessen am Verstehensaufwand unergiebig. Was macht den Text sperrig? Er ist durchsetzt mit unklaren Bezügen: das Produktionssystem beruhe auf einer Trennung der menschlichen Akteure von ihren Ressourcen (97) – meint das die Privatisierung der Produktionsmittel? – Ständig wird die Lektüre aufgehalten, weil man erstmal überlegen muß, was er meint, worauf er sich bezieht. Er benennt nicht, er deutet nur an, was er im Sinn hat.

Weitere Beispiele:

„Zu den Migranten von außerhalb … kommen jetzt jene inneren Migranten, die an Ort und Stelle verbleiben und dramatisch erleben müssen, wie ihr Land sie verläßt“ (14). Da denke ich als Leser bloß: „Hä?“ – Oft finden sich solche unvermittelten Wechsel von wörtlichem zu metaphorischem Sprachgebrauch, bei denen man lange rätseln muß, für was die Metapher steht. (Hier offenbar z.B. die PEGIDA-Leute, die in „innere“ Emigration gehen und sich von der Regierung verlassen fühlen.)

Ebenso verhält es sich, wenn er schreibt:, die Politik sei „buchstäblich gegenstandslos“, „da sie die Welt, in der sie zu leben behauptet, zurückweist“ (49). Politik hat immer einen Gegenstand. Aber gut: wenn die Politik die Welt zurückweist – ihren Gegenstand –, ist sie in gewissem Sinne gegenstandslos. – Aber es ist eigenartig, die relative ökologische Ignoranz der Politik damit zu umschreiben, die Politik weise die Welt zurück. Welchen Sinn, welchen Gewinn verbindet Latour mit dieser eigenartigen Ausdrucksweise?

„Dieses Terrestrische entwirft buchstäblich eine andere Welt, die sich von der „Natur“ ebenso unterscheidet wie von dem, was „menschliche Welt“ oder „Gesellschaft“ heißt. Die drei sind in Teilen politische Wesen, die aber nicht auf gleiche Weise den Boden besetzen, „Landnahme“ betreiben“ (95). – Was soll man mit so einem Satz anfangen? Was soll das heißen, Gesellschaft sei ein politisches Wesen, aber nur zum Teil? Was in diesem Zusammenhang „Landnahme“ heißen soll, kann man nur erahnen. Der Sinn seiner „Boden“-Metaphorik, die Buch und Titel durchzieht, hat sich mir generell nicht erschlossen. – Vermutlich würde das Unverständnis sofort verschwinden, wenn Latour ein paar Hinweise geben würde, wie diese andere Welt aussieht. So kann man nur spekulieren, was er im Sinn haben mag – So geht es fort: „Verständlich wird auch, dass zur Entdeckung dieser neuen Welt eine andere psychische Ausstattung erforderlich ist…“ – Ohne Hinweis, was diese andere Ausstattung ausmacht, ist der Satz trivial. Im Prinzip sagen beide Sätze nicht mehr als: „eine andere Einstellung sieht die Dinge anders und erfordert eine andere Einstellung“.

Das Erzeugungssystem setzt „Agentien, Akteure, lebende Wesen in Verbindung“ (97). Welche Verbindungen meint er? – Und dieses System ist daran interessiert Erdgeschöpfe zu erzeugen. Mhm. Das ist ein Satz, bei dem es schon allein schwer ist, eine sinnvolle Verständnisfrage zu stellen. – So geht es weiter: Dem System „liegt die Idee zugrunde, Bindungen zu kultivieren, was umso schwieriger zu bewerkstelligen ist, als die Lebewesen keine Grenzen aufweisen und sich fortwährend überlagern und ineinander verschränken“. – Was ist der Zusammenhang zwischen Erzeugen und Bindungen kultivieren? Und was soll das heißen, daß Lebewesen keine Grenzen aufweisen? Und wieso wird deshalb Bindung schwierig?

„Dabei stößt man überall auf Fragen der Erzeugung, im Rahmen von Gender, Rasse, Erziehung ebenso wie in dem von Ernährung, Beruf, technischer Innovation, Religion oder Freizeitverhalten“ (110f) – Was gibt es bei Erziehung oder Freizeit für Erzeugungsfragen? Ich verstehe das nicht. Wenn ich für „Erzeugung“ einsetze: „Bindungen kultivieren“ (was merkwürdig genug wäre), wird der Satz trivial, er muß also irgendwie mehr meinen – bloß was?

Auf diese Art und Weise blieb für mich vieles so vage und allgemein, daß ich immer nur hineinlesen konnte, was ich schon kannte. Ein direkter Erkenntnisgewinn war für mich mit der Lektüre kaum verbunden. Den größten Gewinn zog ich aus den Begriffen Plus/Minus-Globalisierung und die Entgegensetzung von Global und Lokal sowie der Idee, für ihre Dialektisierung ein Ordnungsschema zu entwickeln.. – Unabhängig davon war die Lektüre inspirierend und bekräftigend. – Möglicherweise ist der Text verstehbarer für Leser, die schon ein paar Bücher von Latour gelesen haben. Der Text scheint mir wie eine Improvisation für seine Gemeinde, seine Eingeweihten. Das wäre durchaus legitim: kein Vordenker muß sein eigener Multiplikator sein.

Anmerkungen und Nachweise

Die Verlagsinformation über Latours Schrift gibt es hier: http://www.suhrkamp.de/buecher/das_terrestrische_manifest-bruno_latour_7362.html

1 In diesem Zusammenhang zeigt sich, daß Wirtschaft und Politik zwar den Anspruch auf Fortschrittlichkeit stellen, es ihnen dabei aber in schildbürgerhaftem Ausmaß nicht um Rationalität und Effektivität geht sondern allein um Profit: Solarthermie würde die Energiekosten der Haushalte reduzieren, die Klimaziele stark befördern und Deutschland politisch von Putin unabhängiger machen – aber – im Gegensatz zu Photovoltaik, Energiesparlampen, Häuserdämmung und Windkraft – kann die Großindustrie damit nichts verdienen, man braucht dafür nur den Installateurbetrieb von um die Ecke. Deshalb kommt diese Energieform in der Öffentlichkeit so gut wie nicht vor. Das Unwissen treibt absurde Blüten: Ein Fachredakteur des „Spiegel“ schrieb 2009, Solarthermie sei unbedeutend, weil: man wolle es ja auch Nachts warm haben. – In Welzers „Futur Zwei“ von 2016 findet man unter dem Stichwort „Energiewende“ keinen einzigen Hinweis – das ist „Futur Null“.
Lit: Leukefeld, Timo et al. „Modern heizen mit Solarthermie“, Erlangen 2014. www.timo-leukefeld.de – Welzer, Harald et al. Futur zwei, Zukunftsalmanach 2017/18, Frankfurt a.M. 2016 – sowie meinen Beitrag „Schildbürgerpreis für den „Spiegel“

2 Näheres dazu in meinem Beitrag: „Erste Ideen für Bürgerräte“ auf philosophischeberatung.berlin

3 Habermas, Jürgen, Theorie des kommunikativen Handelns, Frankfurt a.M. 1981, Bd. 1, S. 324f

4 Apel, Karl-Otto, Fallibilismus, Konsensustheorie der Wahrheit und Letztbegründung. In: Forum für Philosophie Bad Homburg (Hg), S. 116-212, Frankfurt a.M. 1987

Fack ju Göhte – wo der Film recht hat, hat er recht

Inhalt:

Jugendschutz im Unterricht
Irrungen und Wirrungen der Faust-Interpretation
Nachsatz zum Film Fackju Göhte

(1) Jugendschutz im Unterricht

1978 übersandte ein böser Schüler – heute würde man sagen: ein Whistleblower – dem Dichter H.M.Enzensberger die Fotokopie einer Deutschklausur, in der es um die Interpretation eines seiner Gedichte ging. Enzensberger hat uns die Kommentare des Lehrers erhalten: „Sachlich falsch!“ – „Das ist viel zu eng und verschiebt die Thematik“. – „Davon steht nichts im Text.“ – „Das ist so nicht richtig“ – „Die 6. Strophe wird völlig außer acht gelassen.“ – „Das kann so nicht dem Text entnommen werden“ – „Die Darstellung wird dem Gedicht in keiner Weise gerecht.“- „Mangelhaft“.

Angesichts dieses „corpus delicti“ schreibt Enzensberger über die Gilde der Deutschlehrer (den „Lehrkörper“): „Der Lehrkörper, der in diesen Zeugnissen in Erscheinung tritt, ist keineswegs homogen. Seine Methoden reichen von der subtilen Einschüchterung bis zur offenen Brutalität, seine Motivationen vom reinsten Wohlwollen bis zum schieren Sadismus. All dieser Nuancen ungeachtet macht jener Lehrkörper doch im ganzen den Eindruck einer kriminellen Vereinigung, die sich mit unsittlichen Handlungen an Abhängigen und Minderjährigen vergeht, wobei es gelegentlich – dabei denke ich vor allem an die Randbemerkungen aus Brühl – zu Fällen von offensichtlicher Kindesmißhandlung kommen kann. Als Tatwaffe dient jedesmal ein Gegenstand, dessen an und für sich harmlose Natur ich bereits dargelegt habe: das Gedicht.“ – Soweit das Zitat.

In der Ausbildung werden die Lehrer nicht angeleitet, die Heranwachsenden für sprachliche Kunstwerke zu interessieren, sondern sie mit fragwürdigen Interpretationsaufgaben zu nerven, noch bevor überhaupt ein Interesse für das Kunstwerk geweckt wurde. – Stattdessen wäre es doch spannend, erst mal zu fragen, was an dem Kunstwerk unmittelbar so unzugänglich ist, daß die Schüler sich nicht von selber für sowas Tolles interessieren. Und um die Heranwachsenden dabei zu unterstützen sich das Kunstwerk zu erschließen, könnte auf die gleiche Art und Weise mit Sprache oder Musik herumgespielt werden, wie es die Menschen machten, die diese Kunstformen mal entwickelt haben.

Ich halte die Frage für interessant, warum das in der Schule keinen Platz hat: den sichersten, motivierensten und von den Musen mit dem größten Wohlgefallen betrachteten Weg zu beschreiten, der gleichzeitig wenig Anlässe für Kinderabwertung bietet. – Ich schätze, an den Lehrern liegt es nicht, daß es das nicht gibt, sondern an den Oberlehrern, die die Curricula festschreiben.

Alle gute Kunst enthält Spontaneität und Spiel, weiterentwickelt durch „Können“ und „Müssen“, durch Handwerk und Reflexion. – So etwas wie einen rudimentären „walking bass“ könnte man mit jeder Schulklasse hinkriegen, mit viel Spaß dabei. Und aufgrund der strukturellen Ähnlichkeit von „walking bass“ und Generalbass hätte man damit eine Eintrittskarte in zwei völlig verschiedene Welten. (Da würde sich sogar noch der Biologielehrer freuen, weil es veranschaulicht, wie Evolution auf völlig verschiedenen Wegen zu gleichen Resultaten gelangen kann.) – Und Rap ist poetry slam, und poetry ist poetry, ob Rap oder „Faust“… – Ich frage mich überhaupt, wie Lehrer darauf gekommen sind, Gedichte als Gedanken zu behandeln statt als Sprachspiele und Erlebnisse.

Möglicherweise eine der anschaulichsten „Engführungen“ der menschlichen Vermögen, die für künstlerisches Schaffen erfordert sind, ist Bachs 4. Kanon aus der Kunst der Fuge: Es ist ein Umkehr-Proportionskanon im doppelten Kontrapunkt – aber das hört man ihm nicht an, er ist alles andere als „akademisch“, sondern Konstruktion und Spontaneität, Sinn und Form gehen eine denkbar virtuose Verbindung ein.

(„Umkehr-Proportionskanon im doppelten Kontrapunkt“: das ist eine Melodie, die sich mit sich selbst begleitet, und zwar in dem sie in der Begleitung langsamer oder schneller gespielt wird sowie „umgekehrt“, d.h.: wo sie „nach oben geht“ geht sie in der Begleitung „nach unten“. Und als wär das noch nicht schwer genug, wird im sie zweiten Teil mit getauschten Stimmen wiederholt: der Diskant wird zum Baß und der Baß zum Diskant. Das erfordert eine weitere „Planung“ der ganzen Anlage, weil Ober- und Unterstimme unterschiedliche „harmonische“ Funktionen haben. Wird das nicht aufeinander abgestimmt, entstehen unlogische Mißklänge.

 

(2) Irrungen und Wirrungen der Faust-Interpretation

Eine unfreiwillige Ironie der Oberlehrer besteht darin, daß ihre eigenen Interpretationen mit viel gelehrtem Tamtam und nahezu kriminalistischem Scharfsinn an Irrigkeit, Abwegigkeit, ja Abstrusität oft nichts zu wünschen übrig lassen. Das beste Beispiel dafür ist Goethes Faust, der anderthalb Jahrhunderte von der professionellen Germanistenzunft mißverstanden wurde: Faust sollte als Musterbeispiel des Menschen gelten und der Text wurde regelrecht „vergewaltigt“, um an dieser Deutung gegen das geschriebene Wort festhalten zu können. Nachdem Faust bis nach dem Nationalsozialismus idealisiert wurde, drehte sich der Wind und nun überboten sich alle darin, in ihm den „Unfaustischen“ zu sehen.

Wer sich gelehrsam mit der Wissenschaftsgeschichte der Renaissance beschäftigt und Goethes Recherchen rekonstruiert, der könnte auf die Idee kommen, Goethe habe in Faust eine Satire auf einen Wissenschaftler schreiben wollen: einer, der seine Experimente nicht richtig vorzubereiten versteht, der den Geist des Elements Erde dilletantisch mit dem Erdgeist verwechselt, (dem Geist, der alle Elemente erst schafft); einer der aus Hilflosigkeit in die Esoterik der überwundenen Pseudowissenschaften flüchtet („Magie“), der die Professionalität der neuen Generation (Wagner) für kleinkariert hält, weil sie die Träume vom Wissen-Was-die-Welt-Zusammenhält aufgegeben hat und sich nur noch ans Handfeste hält; und weil Faust schließlich den Teufel nicht in seiner wahren Gestalt zu beschwören vermag, sondern die Gestalt, in der Mephisto sich ihm zeigt, für die Wahrheit des Teufels hält, und ihn in seiner ganzen finsteren Macht verkennt.

Aber was würde uns so eine Interpretation vermitteln? Daß das Drama nicht des Schauens wert wäre. – Wen interessiert das Schicksal eines närrischen Dilletanten, der nicht an der Unzureichendheit der menschlichen Vermögen sondern an der Verkennung seines Dilletantismus scheitert? Wenn es Goethe darum gegangen wäre, die Wunderlichkeit eines wunderlichen Menschen zu zeigen: was hätte er dann bewiesen?

Und sollte Goethe wirklich beabsichtigt haben, daß man seine Texte nur dann richtig verstehen könnte, wenn man genau dieselben Bücher gelesen hat, wie er? Das ist vielleicht bei Möchte-Gern-Genies der Fall – Goethe hatte es nicht nötig, mit Hilfe von Chiffrierverfahren seinen Texten den Anschein von „Tiefe“, Hintergründigkeit und Bedeutsamkeit zu geben.

Von der Struktur her zeigt uns Goethes Text Folgendes: Ein Mensch ist in seiner Hilflosigkeit und Enttäuschung bereit, sich auf geächtete Mittel und Methoden einzulassen. – Dieses Thema würde nicht sinnvoll dadurch vertieft, daß hier die Verzweiflung eines Dilletanten gezeigt wird, der verzweifelt, weil er in seiner Ungeduld und Unwissenheit keinen professionellen Begriff von der Beherrschung seines Handwerks hat, es deshalb nicht beherrscht, und zu früh aufgibt.

 

Nachsatz zum Film „Fack ju Göhte“

Manche Jugendlichen – vor allem solche, die es besonders schwer hatten – haben keinen Sinn dafür, sich was ganz Tolles zu erschließen, es sei denn eine Droge. Ein Kick durch eine Droge scheint ihnen „cooler“, als ein Kick durch ein Gedicht. Das ist ungefähr so, wie jemand, der es cooler fände, den ganzen Urlaub vor der Glotze zu hängen, als mal auf einen Berg zu steigen.

Es fällt auf, daß sich manche Heranwachsenden kaum mit etwas anderem beschäftigen, als mit ihrer Stellung in der Klique und ihren sexuellen Chancen. (Und haben sie hier wenig Erfolg driften sie ab in Ballerspiele oder Drogen.)

Es ist unfair, sich über das Primitive und allzu Offensichtliche daran lustig zu machen. Es liegt nicht an ihrer Intelligenz. Sie waren aufgrund unverschuldeter Beziehungsbedingungen immer darauf fixiert, ihre Selbstwert-, Integrations- und Statusbedürfnisse zu befriedigen. Das ließ ihnen nie eine Chance, andere Interessen und Ziele zu entwickeln. Daß sie ihre Intelligenz und Tüchtigkeit auch weit intelligenter nutzen könnten, hat ihnen nie jemand gezeigt, sie haben davon nicht die geringste Vorstellung, sie sind völlig ahnungslos. – Eine unkritische Wertschätzung ihrer Versuche, unter ihren widrigen Umständen klar zu kommen, tut ihnen genau so unrecht, wie Überheblichkeit. Filme wie „Fackju Göhte“ schwanken zwischen beidem…

Überheblichkeit beruht auf Illusion. Wir sind zu leicht eingenommen von dem, was wir sind, und blind für die Zufälle, die uns ermöglicht haben, so zu werden. Wir neigen dazu, uns die Geschenke des Zufalls und was daraus ohne großes Zutun erwächst, als Verdienst anzurechnen, wie ein Bauer, der einen Mähdrescher in der Lotterie gewinnt, und dann auf den Nachbarn mit der Sense herabsieht.

Selbst für Fleiß und Tüchtigkeit sind wir unterschiedlich begabt und begünstigt. Ein Mensch z.B., dessen Gehirn genetisch bedingt weniger freigiebig mit Dopamin ist, hat es einfach schwerer, etwas zu tun, wozu er unmittelbar keine Lust hat. – Und Gehirne, die unter Umständen aufwachsen, die nicht sehr ermutigend sind, haben weniger Gelegenheit die Dopaminproduktion zu trainieren…

Hat jemand eine besondere Begabung, kann er auch unter den entmutigensten Umständen mit seiner Begabung ermutigende Erlebnisse bewirken. Er wird dann trotz der Umstände tüchtig und gilt als ein Beispiel, daß es ja wohl am Millieu nicht liegen könne. – Manchmal reicht auch eine kleine Abweichung, um in die Haltekräfte des Millieus eine Unwucht zu bringen: Ein Onkel oder Opa, der einem Heranwachsenden einen Bereich erschließt – vielleicht ein Tier oder eine Technik – in dem er Faszination und Selbstwirksamkeit erleben kann.

Nur der geringste Teil unseres Erfolgs geht auf unser Verdienst zurück, fast alles auf die Gunst von Genen und Gesellschaft und die daraus entspringenden selbstverstärkenden Prozesse. Das ganze Ausmaß zu erkennen, in dem wir das, was wir an uns toll finden, nicht verdient haben, kränkt. Die „ungerechte Verteilung der Glücksgüter“ (Max Weber) ist für die Begünstigten oft schwerer einzugestehen als es für die Benachteiligten ist, sie zu akzeptieren. – Daß sich nicht alles um die Erde dreht und das Universum auch ohne Gott denkbar ist, daß der Mensch vom Affen abstammt und unsere angebliche Selbstbestimmung vom Unbewußten gesteuert wird: nach diesen vier großen Desillusionierungen der Menschheit bleibt der Verdienstdünkel der letzte Rückzugsort kollektiver Illusion.

Obwohl die Weisen aller Zeiten darum wußten, war erst die Hirnforschung nötig, um es breitenwirksam dämmern zu lassen, daß es mit unseren Verdiensten nicht so weit her ist, wie unser Selbstbild es gerne hätte.

Es wird sich zeigen, daß Respekt, Wertschätzung und Solidarität die einzig desillusionierten Einstellungen zu allen Menschen sind, zu allen!

Sicher, das wird die Befriedigung zweier Bedürfnisse erschweren: andere Lächerlich zu machen, um sich selbst als was Besseres zu fühlen, und sich gegen sie abzugrenzen mit dem Dogma, jeder kriege, was er verdiene.

Aber wo ist das Problem: Was wäre denn so schlecht daran, wenn wir Menschen ganz anders als jemals in der Weltgeschichte zusammenhielten: gegen ein unendliches Universum in dem wir nicht der Nabel der Welt sind sondern ein bedeutungsloser Zufall, dessen Wohl und Wehe niemanden interessiert…

 

Nachweise

Die Zitate sind aus H.M. Enzensberger (1976): Ein bescheidener Vorschlag zum Schutz der Jugend vor den Erzeugnissen der Poesie. In: ders. Erinnerungen an die Zukunft, Reclam, Leipzig 1988 –

Das diskutierte Interpretationsbeispiel ist aus: Gaier, Ulrich, Wissenschaftssatire, in: ders. Fausts Modernität, Reclam, Stuttgard 2000. – Eine Fülle weiterer Beispiele, wie Gelehrtheit und Scharfsinn nicht vor abstrusen Interpretationen schützen, führt Hans Arens in seinem Kommentar an: Arens, Hans, Kommentar zu Goethes Faust I und II, Heidelberg 1989 (Möglicherweise wurde dieses Werk, das zweifellos der beste Kommentar zu Goethes Faust ist, wegen seiner Ausstellung professuraler Abstrusitäten nie über enge akademische Kreise hinaus verbreite.) – Link: https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Arenshttps://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Arens

Ob meine Interpretation des Epilogs abstrus ist oder nicht, und wie hineinkonstruiert oder herausgelesen meine Idee, daß Goethe in Fausts Himmelfahrt die Möglichkeit einer utopischen Solidarität feiert, als Gegenmodell zum beschränkten „faustischen“ Individualismus, das alles kann hier besichtigt werden: Zum Epilog von Goethes Faust