Stephen King, Feuerkind

King buchstabiert in diesem Roman aus, was es bedeutet, wenn der Zweck die Mittel heiligt: Es geht um die Folgen skrupelloser Experimente mit Menschen im Dienste der nationalen Sicherheit. In der Figur des Chefs der Geheimdienstorganisation bietet uns King eine kleine Phänomenologie der Banalität des Bösen, eine Phänomenologie von Schreibtischtätern. – Allerdings hat Kings Chef eine gewisse Reife: Er hat dann doch Skrupel bei den menschenverachtenden Sicherheitsmaßnahmen, gibt aber schließlich den Versuch auf, das was er tut, noch ernsthaft ethisch vor sich rechtfertigen zu wollen.

Die Geschichte kann außerdem gelesen werden als Studie darüber, was es für Kinder bedeutet, wenn sie wegen ihrer Fähigkeiten von den Erwachsenen verplant werden und nicht unbeschwert Kind sein dürfen.

Erbauend ist Kings Schilderung eines in seiner Reife und Schlichtheit vorbildhaften Charakters, der versucht, Vater und Tochter zu helfen.

Beklemmend ist der zweite Teil des Buches, in dem King schildert, wie jemand planmäßig und gezielt das Vertrauen des von seinem Vater isolierten Mädchens zu gewinnen versucht, um es für sein eigenes persönlichen Experimente zu benutzen und schließlich zu töten. Das ist der eigentliche Horror des Buches.

Das was King hier entwickelt, hätte er allerdings noch besser in seiner ganzen Perfidität weiterentwickeln können: Er geht zu schnell dazu über, daß das Mädchen seine Zweifel überwindet, seine Zweifel, ob sie mehr dem Vater vertrauen soll, den sie in der Mangel hatten, oder dem Wärter, der ihr vormacht, ein heimlicher Rebell zu sein. Hier buchstabiert King einen horrenden Konflikt nicht aus, hier ist er flüchtig. Vermutlich hätte er jedoch seinen Plan ändern müssen, hätte er diesem Konflikt mehr Raum gegeben. Denn an Raummangel liegt es bei King nie: Wie in allen seinen Geschichten scheut sich   King auch hier nicht, allem Möglichen soviel Raum zu geben, wie sein Fabulierlust möchte.

Das macht auch diesen Roman zu lang, zumindest, wenn man es von einem künstlerischen Standpunkt aus betrachtet: Es gibt Szenen und Charakterisierungen, die sich im Nachhinein als unnöig herausstellen oder als zu ausführlich.- Im Nachhinein! King schreibt so packend, daß man das beim Lesen selbst nicht merkt. Bloß hinterher bleibt ein Gefühl von Hohlheit zurück, von viel taubem Gestein um ein paar Kristalle herum.

King ist wie jemand, mit dem man spazieren geht, und der an jeder Ecke stehenbleibt um umständlich zu fotographieren. Er scheint z.B. nicht zu unterscheiden, was für eine Geschichte wirklich nötig ist, und was er in jeder Geschichte beschreiben könnte – z.B. den Ärger eines Streifenpolizisten über die Arroganz eines Bundespolizisten.

Auch das „show-down“ ist sehr üblich und in dieser Art altbekannt. – Seine Auflösung ist nicht die einzig Mögliche – man fragt sich: Wieso machen die Protagonisten das nicht besser, sie hätten doch bessere Lösungen zur Verfügung gehabt? Hier scheint King etwas hinbiegen zu müssen, um seinen Plan nicht ändern zu brauchen.

Natürlich darf eine Geschichte erzählen, daß den Helden im Eifer des Gefechts nur suboptimale Lösungen gelingen. Aber dann sollte die Geschichte – wie eine Novelle – davon handeln, wie die Helden mit den Folgen klarkommen. Wenn die Frage entsteht: „Welchen Sinn verbindet er damit, diesen Ausgang zu wählen, statt jenen?“ wirkt das Unangenehme, der „Horror“, gewollt. Man fühlt die Absicht und man ist verstimmt. – Kings Geschichten haftet oft etwas davon an. – Doch seine Qualität zeigt sich darin, daß sie dennoch lesenswert sind.

Allerdings: Ich muß zugeben: die letzten hundert Seiten habe ich in einer halben Stunde quer gelesen. Und wenn ich jetzt Stichproben mache, bereue ich das nicht, im Gegenteil.

Das Buch könnte mühelos um ein Drittel gekürzt werden. Und mit ein wenig Mühe auch auf die Hälfte. Künstlerisch würde der Roman dadurch um ein vielfach Vielfaches gewinnen. Für Leute die Lesevergüngen suchen, würde er freilich dadurch viel verlieren.

King selbst scheint es nicht darum zu gehen, ein vollendetes Kunstwerk zu schaffen, sondern seiner Fabulierlust zu frönen. Und er weiß, daß er dabei auf seine Begabung vertrauen kann, jederzeit genügend künstlerischen Gehalt mit herauf zu schürfen, und mehr als nur pures Lesevergnügen zu bieten.

Weiterlesen: Die Kunst von Steven King

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