Hexenküchen

oder: Sprachlosigkeit und Unterwelten  (Lesezeit: 10 Minuten)

Inhalt:

(1) Diskriminierung
(2) Heimlichkeit
(3) Das Hexeneinmaleins
(4) Studierzimmer und Hexenküche
(5) Die Heimlichkeiten der Untertanen
(6) Das Sinnbild
(7) Nachsatz zur Interpretation

 

 

(1) Diskriminierung

„Verlang ich Rat von einem alten Weibe!“ – Mit dieser Doppeldiskriminierung offenbart Faust seine Beschränktheit. So ein Freigeist er in seiner wissenschaftlich-akademischen Blase auch sein mag: über den Tellerrand des für ihn Selbstverständlichen, über die Klischees und Vorurteile seiner Zeit, blickt er nicht. (Doch darum geht es in der Hexenküche nicht, das ist nur im Sinn zu behalten für die Gesamtinterpretation.) – Dennoch: Trotz seines Vorurteils hat Faust nicht ganz unrecht: Bei isolierten Menschen muß man mit einem höheren Maß an Irrationalität rechnen. (Diese Erwartung ist nur dann diskriminierend, wenn sie dazu führt, sich zu den Menschen, auf die sie sich bezieht, anders zu verhalten als zu anderen Menschen, und nicht die Bereitschaft besteht, sich eines Besseren belehren zu lassen.)

 

(2) Die Heimlichkeiten der Hexenküchen

Die Hexe der Hexenküche ist versponnen in esoterische Fantasien von ihrer magischen Macht (Hexeneinmaleins). Möglicherweise wurde sie Hexe, weil sie sich verkannt fühlte: Ihrem Selbstbild gemäß hätte sie mehr Bewunderung und Bedeutung bekommen müssen, als die Gemeinschaft ihr zubilligte. Weil sie diese Anerkennung nicht bekam, fand sie alle doof: „Mit denen kann man nicht reden!“ Sie zog sich in ihre eigene Welt zurück, in die Hexenküche. Dort umgibt sie sich mit Menschen, die ihr unterlegen sind und von ihr abhängig  („Affen“), so daß sie nicht wagen, das Selbstbild ihrer Cheffin offen in Frage zu stellen.

Für Faust ist es eigentlich abwegig, sich auf abergläubischen Hokospokus einzulassen.  „Sudelköcherei“ ist das Stichwort: Es herrscht Unordnung, Unsauberkeit und Unverstand. Und die Hexe unterbindet den Austausch mit dem Rest der Welt, um eigensinnig ihren Bestrebungen, Umtrieben und Trägheiten zu frönen. Vor Desillusionierung schützt außerdem, daß Fremden das Betreten bei Todesstrafe verboten ist („die Feuerpein euch ins Gebein“). So braucht die Hexe sich nicht zu fragen: „Was würden andere Leute denken, wenn sie meine Wirtschaft hier sähen?“

Abgeschottetes mutiert: „In allen Instituten, in welche nicht die Luft der öffentlichen Kritik hineinweht, wächst eine unschuldige Corruption auf, wie ein Pilz“ (Friedrich Nietzsche, „Menschliches, Allzumenschliches“ Nr. 468).

 

(3) Das Hexeneinmaleins

Angenommen jemand, der keine Ahnung von Chemie hat, versucht das erste Mal in seinem Leben, ein Streichholz zu entzünden. Es ist etwas feucht und beim ersten Streich entzündet es sich nicht. Beim zweiten Versuch sagt er laut „Feuer“ in der Hoffnung, damit auf das Streichholz einzuwirken. Jetzt zündet’s. Wenn er das öfter macht, wird er irgendwann glauben, die Zündung würde sicherer klappen, wenn er das Streichholz mit Aussprechen des Wortes „Feuer“ beschwört. Er kann damit nur Recht behalten: Wenn es mal nicht klappt, denkt er: „Naja, keiner kann einen Zauber haben, der so mächtig ist, daß er immer Erfolg hat.“ – Wenn es klappt denkt er: „Ohne würde es wahrscheinlich nicht so oft klappen, der Zauber wirkt!“

Soetwas wie das Hexeneinmaleins entsteht aus einer urtümlichen, uns oft unterlaufenden Verwechslung von Korrelation und Kausalität. Es ist eines der stammesgeschichtlich ältesten Programme von Wirbeltiergehirnen, ein Verhalten zu wiederholen, das mit Erfolg einhergeht –  („operantes Lernen“) So lassen sich auch Tiere abergläubisch machen: Bei einer regelmäßigen Futtergabe beginnen Tauben, eine ihrer Bewegungen, die zufällig öfter mit der Futtergabe zusammenfiel, zu wiederholen. Nach einiger Zeit wird die eine Taube ständig den Hals recken, die andere ständig mit dem Flügel schlagen…

Mit dem Hexeneinmaleins kann die Hexe sich einbilden, sie könnte die Wirkung in die Droge hexen – ohne selbstkritisch einzugestehen: Sie selber hat gar keine Macht, die Macht sitzt allein in der Droge, und die hat sie auch nicht selbst entdeckt, sondern der Teufel hat sie ihr gegeben.

 

(4) Studierzimmer und Hexenküche

Faust läßt sich auf geächtete, verfehmte Mittel ein. – Das zeigt das Ausmaß seiner Verzweiflung, seines Grolls aufs Dasein. Er denkt soetwas wie: „So war das nicht abgemacht, daß ich mich mein Leben lang bemühe und trotzdem bloß mit Belanglosigkeiten abgespeist werde! Wenn ich redlich nicht zu meinem Recht komme, muß es eben anders gehen!“

Faust ist wie jemand, der mit Doping oder Drogen etwas erreichen will, was ihm ohne nicht möglich ist. Die guten Gründe für die Ächtung dieser Mittel werden von Faust ignoriert, die Auseinandersetzung über die Ächtung der Magie wird genauso verweigert wie über die Frage, ob es wirklich sinnvoll ist, sich der Magie zu ergeben, oder ob es gegen den Daseinsfrust nicht was Besseres gibt. Faust war vermutlich intuitiv klar: „Wenn ich mich darüber mit jemandem auseinandersetze, könnte das ja dazu führen, daß ich mich nicht der Magie ergebe!“

Darin liegt eine Verwandtschaft von Studierzimmer und Hexenküche: „Das weiß ich besser, da brauche ich gar nicht erst mit jemandem zu diskutieren, da kann sich sowieso kein anderer ein Urteil drüber erlauben!“

 

(5) Die Heimlichkeiten der Untertanen

Die Gehilfen der Hexe, die Laborarbeiter, sind „Affen“. Affen sind Sinnbild für Menschen die weit unterhalb ihrer Möglichkeiten geblieben sind, weil sie keine Chance hatten, sich zu entwickeln. Eine der Meerkatzen bringt es auf den Punkt: „wär ich bei Geld, wär ich bei Sinnen“.

Während sie auf die Rückkehr der Hexe warten, entspinnt sich zwischen Mephisto und den Affen ein ironisches Spiel, das die „Klassenunterschiede“ zum Gegenstand hat: Die „Arbeiter“ verlieren ihre Motivation zur Arbeit, sobald ihr Boss nicht hinschaut („Pfoten wärmen“). – Sie erkennen in ihren ausbeuterischen Bossen Diebe, dürfen das aber nicht laut sagen. – Sie trauen den Herrschenden auch nicht zu, verantwortlich mit der Welt umzugehen. Sie sehen sie mit der Welt und dem Leben ihrer Untertanen spielen, wie Kinder mit einer Glaskugel. Die Glaskugel kann nur abwarten, was passiert, sie hat keinen Einfluß auf die Hände, die sie halten.

Als die Hexe zurückkommt, ist die Suppe angebrannt, die Affen werden gezüchtigt. – Diese kleine Sequenz ist ein Bild für die Paradoxie von Macht durch Verfügung über Zwangsmittel: Trägheit und Fehler sollen durch Disziplin vermieden und die Disziplin mit Zwangsmitteln durchgesetzt werden – diese Mittel führen aber genau zum Gegenteil: die Belegschaft hat „keinen Bock“, bummelt und pfuscht wo sie kann, und der Druck führt nur zu noch mehr Fehlern.

So eine Situation entsteht, wenn die „Herren“ die „Knechte“ ausschließlich als Instrument ihres Willens verstehen, die Knechte also „instrumentalisieren“ wie Dinge. („Sich als Knecht verdingen“ hieß es früher mal.) Arbeitsprobleme sollen allein durch Belohnung und Bestrafung vermieden oder gelöst werden, statt zu fragen, wie Mitarbeiter besser motiviert und wie Fehler durch sinnreiche Einrichtung unwahrscheinlicher gemacht werden können.

Die Folge: Einbußen an Produktivität, weil die Mitarbeiter nur das tun, was nötig ist, damit sie ihren Lohn bekommen und nicht rausfliegen („zeig nie, was du alles kannst“ ist eine alte Arbeiterweisheit). Und in diesem Rahmen halten sie sich möglichst schadlos: Sie holen auf Kosten ihrer Herrschaft für sich heraus, was sie herauszuholen vermögen. Und je ungerechter und schlechter sie behandelt werden, desto mehr werden sie es den Bossen heimzahlen durch Bummelei, Dienst nach Vorschrift, oder andere Mitteln nicht nachweisbarer Sabotage („passive Aggression“): Die Krone hat einen Knacks, die Diener überreichen sie dem König zur Reparatur, aber dabei zerbrechen sie sie aus Versehen.

Passive Aggression und Mangel an Kooperationsbereitschaft sind den Arbeitern der Hexe derart in Fleisch und Blut übergegangen, daß bereits die Alltagsverständigung dadurch verzerrt wird: Wie lange ist die Hexe aus dem Haus? „Solang wir uns die Pfoten wärmen“. – Mephisto ist über Kommunikationspathologien wie diese entzückt, weil er weiß, daß das Böse nur gedeihen kann, wenn die Menschen zu wenig miteinander reden. (Weil er die Macht des Wortes kennt, machte Mephisto sich im Studierzimmer über Faust lustig: „einer der das Wort so sehr verachtet“. Faust hatte zuvor bei der Bibelübersetzung „logos“ lieber mit „Tat“ als mit „Wort“ übersetzt.)

Eine „ungelernte“ Arbeiterin, die über 20 Jahre in verschiedenen Produktionen gearbeitet hat, kann mehr Intuition für Verfahrensabläufe haben, als mancher Ingenieur. Wenn der sich dann denkt: „Was brauch ich Rat, von einem alten Weibe“, dann ist das nicht nur schlecht für die Bilanz, sondern die Mitarbeiter sind frustriert, weil sie ihre Erfahrung nicht einbringen können und ihre Lebenszeit für Unsinn aufwenden müssen. Sie werden der Führungsebene den Stinkefinger zeigen – unter vorgehaltener Hand…

Die Affen in der Hexenküche sind alles andere als äffisch. Sie sagen: „Wir reden und sehen, wir hören und reimen … und wenn es uns glückt und wenn es sich schickt, sind es Gedanken“. Sie wollen sich „ihren Reim“ auf die Vorgänge machen, auf das Spiel ihrer ahnungslosen „Herrn“ mit der Weltkugel, aber sie sind sich bewußt, wie wenig sie „mitreden“ können, wie vorsichtig sie mit ihrem Urteil sein müssen. – Mepisto lobt sie dafür als: „aufrichtige Poeten“.

(Die Affen sind hier weiter als die AfD und die ihr nahestehenden Bürgerbewegungen, die immer gleich besserwisserisch überzeugt sind von dem, was ihnen ihre kurzsichtige Empörung eingibt.)

Die Affen mahnen an, daß jede Entscheidung im Spiel mit der Weltkugel eine Art Operation in einem riesigen Experiment ist. Und wenn die, die entscheiden, nicht mit denen reden, die von den Entscheidungen betroffen sind, geht jede Menge hochrelevanter Information verloren, wie bei einer Experimentalanordnung, die unzureichend mit Sensoren ausgestattet ist und nur ein Bruchteil dessen, was geschieht, aufzeichnet. – Die Affen beklagen sinngemäß einen Mangel an Transparenz und öffentlicher Diskussion: Sie bleiben mit dem, was sie hören und sehen und wie sie darüber denken, unter sich. Deshalb wissen sie nicht, was sie von den Vorstellungen, die sie sich machen, halten sollen: sie müssen davon ausgehen, daß es reine Glückssache ist, ob sie die Sachverhalte richtig erkennen oder nicht.

(Sicher: Im Gegensatz zum Experiment hat die Politik nicht bei jeder Entscheidung alle Zeit der Welt, um ihre „Versuchsanordnungen“ mit Sensoren auszustatten und deren Informationen auszuwerten. In Gemeinwesen kommt es daher darauf an, das Rückmelden der Betroffenen immer besser zu institutionalisieren. Da ist unsere Demokratie schon einen großen Schritt weiter, als der Absolutismus. – Doch solange es noch sowenig Austausch gibt zwischen Bürgern und Politik, könnte eine Lösung für dieses Problem in der eigeninitiativen Gründung von Bürgerräten liegen…)

Das Verhältnis Affen-Hexe bildet das Verhältnis Mephisto-Faust ab: Mephisto ist passiv aggressiv: Er sagt nicht, was er weiß, er läßt sich bitten, er erklärt seine Unzuständigkeit, so daß Faust später (am Kaiserhof) schimpft: „Da haben wir den alten Leierton! Bei dir gerät man stets ins Ungewisse. Der Vater bist du aller Hindernisse, für jedes Mittel willst du neuen Lohn!“ – Auch hier ist eine eigenartige Verkennung: Es müßte Faust doch klar sein, daß der Teufel nicht für ihn engagiert ist, Faust sagt doch selbst: „Der Teufel ist ein Egoist“.

Am Schluß des Dramas will Faust Arbeiter „herbeipressen“, feiert sich selbst als „ein Geist für tausend Hände“, befiehlt, einen Graben zu schaufeln – und kriegt nicht mit, daß sie ihm sein Grab schaufeln…

Wir haben in der Hexenküche vier Hierarchieebenen: Faust ist als Auftraggeber der oberste Boss, Mephisto ist der Konzernchef, die Hexe eine Fabrikdirektorin, die Affen die Arbeiter.

 

(6) Das Sinnbild

Faust ist sauer: Er will Anti-Aging, doch statt Wellness und Arjuveda schleppt Mephisto ihn in ein Labor. Faust will Bio und kriegt Chemie. Mephisto grinst: Bio geht auch, aber nicht so schnell und bequem. Da nimmt Faust dann doch lieber Chemie. – Die „Hexenküche“ ist ein Sinnbild dafür, wie schnell wir bereit sind, für das, was wir erreichen wollen, unseren Einsichten zuwiderzuhandeln, unseren Werten und Grenzen. – Statt Bio Chemie, statt Vernunft Esoterik, kurz wird noch der Mund verzogen, doch schon verrät man seine eigenen Werte.

Die Szene „Hexenküche“ ist auch Sinnbild für die Irrationalität, die entsteht, wenn Menschen sich abschotten, weil sie glauben, über das, was sie wollen und denken, können die andern sich eh kein Urteil erlauben, da braucht man gar nicht erst mit ihnen reden…

Eine moderne Hexenküche ist z.B. die Massentierhaltung: Keine Bilder sollen davon in die Öffentlichkeit gelangen. Die Konsumenten wollen auch keine Tiere quälen und auch kein minderwertiges, mit Schadstoffen angereichertes Fleisch. Aber weil es so schön billig ist, machen alle mit…

Moderne Hexenküchen sind auch die Labore der Gentechnologie und der künstlichen Intelligenz, deren Ziele zu wenig der öffentlichen Willensbildung unterliegen. – Die Medien, deren Aufgabe es wäre, die Bürger für mehr öffentliche Willensbildung zu interessieren, sind dazu nicht in der Lage, weil sie, um auf dem Aufmerksamkeitsmarkt konkurrieren zu können, über das reden müssen, über das alle reden. Was nicht sowieso schon in aller Munde ist, hat es schwer, auf dem Aufmerksamkeitsmarkt einen Stand zu finden. – Und so können die Hexenküchen weiter ungestört vor sich hin sudeln. – (So schnell gelangt man von der Hexenküche zum Rundfunk, über den Mephisto spottet: „Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage„…)

Weiterlesen:
(1) Das galaktische Bewußtsein – eine „Parallelgeschichte“ zur Hexenküche
(2) Überblick über das Drama, deutende Inhaltsangabe

Nachsatz zur Interpretation

Aus der „Hexenküche“ Züge der französischen Revolution heraus zu lesen, hat nichts mit Interpretation zu tun. Und was für einen Wert hätte Literatur, die einfach bloß Wirkliches chiffriert? Das wäre nicht Poesie, sondern bloß Rätselspaß, wie ihn jede Zeitung liefert.

Selbst wenn sich solche Zeitbezüge entdecken lassen, waren sie für Goethe nur Mittel um eine „Formel“ zu schaffen, die auf etwas Zeitloses verweist. Man vergißt solche Bezüge am Besten, um frei zu sein für das Erlebnis eines Bildes, einer beispielhaften „Anschauung“, hier: des Zusammenspiels von Versponnenheit, Beschränktheit, Duckmäuserei und Machtmißbrauch, das über all da, wo Menschen zu wenig miteinander reden, in dem einen oder anderen Maße entsteht.