Wenn der Regisseur regiert.

Eine Polemik

Einverstanden: es gibt kein Regietheater. Was es gibt ist: „ästhetische Autonomie“: die Inszenierung soll kein Kunstwerk darbieten sondern selbst ein Kunstwerk sein. – Ach Gottchen, heute muß jeder selber Kunst machen und zu Allem seinen intellektuellen oder künstlerischen Senf dazutun! – Als Zuschauer denk ich da oft: „Ist denen nicht klar, daß sich niemand für ihren Senf interessiert?“ – Regisseure, lasst es euch gesagt sein: Wir wollen Euren Senf nicht! Wir wollen ein Stück sehen und uns selber eine Meinung dazu bilden, welchen Bestand heute die Formen und Ideen dieses Stücks noch haben können! Wir akzeptieren Eure Bevormundung nicht mehr! Wir wollen selber entscheiden, was in die Soße kommt! Wir haben keinen Bock mehr darauf, wenn wir ins Theater gehen, Euch dabei zusehen zu müssen, wie Ihr Euch produziert und Euch ganz toll dabei findet! Wollt Ihr Künstler sein, gut, werdet es, macht Eure eigene Kunst, aber spuckt nicht in andere!

Doch Spaß bei Seite. Die Wissenschaft kennt den „context of discovery“ und den „context of justification“, Genesis und Geltung einer Idee. Bei der Entdeckung ist alles erlaubt, bei der Rechtfertigung gewinnt nur, wer ans Ziel kommt. – Wieso jemand für „Regietheater“ oder für „Werktreue“ motiviert ist, ist egal, es kommt darauf an, was eine Inszenierung „bringt“. – Also: Ob nun die „Alten“ (Stein, Peymann) bloß das Regietheater zu diskreditieren versuchen, weil sie davon „abgehängt“ worden sind oder ob das Regietheater bloß ein Balzverhalten narzistischer Regisseure ist, die ihre Einfallslosigkeit kaschieren wollen, die Aufmerksamkeit erregen wollen, die provozieren wollen, um zu zeigen, wie schön autonom und nonkonform sie sind, die gegen ihre bildungsbürgerlichen Eltern rebellieren wollen, weil sie in der Pubertät stecken geblieben sind, die zeigen wollen, wie toll kreativ oder desillusioniert sie sind oder wie toll sie alles besser wissen: die Motive sind völlig egal, die Unreife eines Motivs muß nicht unbedingt zu einer Unreife des von ihm Geschaffenen führen.
Die Fragen um die es geht sind: Was will jemand machen, ein Stück darbieten oder über dieses Stück reflektieren? Oder das Stück nur als Material für etwas ganz anderes benutzen? Ist ja im Prinzip alles sinnvoll. Aber wenn das Stück nicht „werktreu“ dargeboten wird, was tritt dann an die Stelle des „Originals“? Ist es wirklich ausgeschlossen, daß eine provinzielle Stadttheaterinszenierung von Faust1 Zuschauern ungleich mehr vermittelt, als eine aufwändige, metropolitische, furchtbar reflektierte und dekonstruierte Inszenierung, die dem Zuschauer zugleich auch das ganze Magisterstudium des Regisseurs überbrät? – „Ästhetische Autonomie“ muß sich immer die Frage stellen: Wozu? Kommt dabei ästhetisch wirklich mehr herum, als wenn man treudoof bloß den Text mit Leben erfüllt? Denn was man dem Erleben des Textgehaltes wegnimmt, ist vielleicht mehr, als der Inszenierung durch die Autonomie wieder hinzugefügt wird…

Um es frei nach J.P.Hebel zu sagen: Nur weil man mit allen möglichen Mitteln große Kunst schaffen kann, kann man es auch mit den Mitteln „ästhetischer Autonomie“, also nur deshalb, weil es prinzipiell möglich ist! Und die Frage ist: warum versucht man sich an einer Kunstform, mit der nur so schwer etwas Brauchbares zu leisten ist? – Das Zauberwort ist:  Selbstverwirklichung. Balzverhalten. Narzismus. Wichtigtuerei. Besserwisserei. Die Motive zu „ästhetischer Autonomie“ sind einfach ungeheuer stark und in unserer heutigen Kultur völlig entfesselt. Die Stärke narzistischer Motive verbiegt die Selbsteinschätzungsfähigkeit: Man will eben lieber sich selbst produzieren und schön kreativ rumspielen statt einem fremden Kunstwerk dienen. Deshalb wird das Treiben mit dem Begriff „ästhetische Autonomie“ rationalisiert, vor sich und vor andern. – Einem Teil der Zuschauerschaft kommt das entgegen: es ist einfacher, viele bunte Bilder zu sehen und einem Feuerwerk von Reizen exponiert zu werden, als sich in ein anspruchsvolles Stück zu vertiefen. Und wenn man mit dem 5 MinutenFaust auch noch Dekonstruktionsspektakel kostenlos dazu bekommt, na, wer wollte da „Nein“ sagen! Hinterher kennt man nicht nur den „Faust“ sondern man weiß auch, was man heute davon zu halten hat. – (Nein, ich widerspreche mir hier nicht! Ich bewerte hier nichts aus seinen Motiven sondern versuche mir nur die Frage zu beantworten, warum die Regisseure das Unergiebige vorziehen obwohl doch selbst der durchschnittlichste Mensch lernen kann, ein Stück auf brauchbarem Niveau zu inszenieren! Statt die Apfelsine zu schälen und aufzuessen, drücken sie einen Strohhalm hinein und saugen daran herum.)

Ich verstehe eins nicht: der Kreativität und Virtuosität in der „werktreuen“ Inszenierung eines klassischen Stücks sind doch keine Grenzen gesetzt! Da tut sich ein unendlicher künstlerischer Möglichkeitsraum auf! So soll z.B. Mephisto laut Goethes Regieanweisung den Helenaakt im Epilog kommentieren. Komisch, daß von all den selbstverwirklichungsfreudigen Regisseuren noch keiner auf die Idee gekommen ist, hier mal zu zeigen, was sie können! Hier einen Text zu schreiben, der dem Zweck entspricht: anknüpft in Inhalt und Form und mit wenigen Worten Zusammenhänge stiftet, Verständnis erleichtert, die Entfaltung des Erlebens fördert! Um so einen Text zu schreiben kann man gar nicht genug Witz, Sprachfertigkeit, Durchblick, Kreativität haben! Aber da hat sich von den „ästhetisch Autonomen“ offenbar noch keiner rangetraut! Einmal mehr kommt der Verdacht auf, daß es sich bei dieser „Autonomie“ in der Regel um eine Rationalisierung des eigenen Kneifens vor der Herausforderung handelt. Brecht lesen: „Einschüchterung durch Klassizität“!

(Ich hatte bisher alle Hände voll mit dem „Faust“ zu tun und schätze daher vielleicht die Möglichkeiten der Kunstform „Regietheater“ noch falsch ein. Ich bin gespannt, welche Antworten ich auf meine Vermutungen und Fragen im Laufe der Zeit bekomme und was ich hier vielleicht in einigen Jahren darüber schreiben werde…)
 

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