„Blochin“ – oder: die Möchte-Gern-Qualität des ZDF

Die eine Hand braucht dringend punktgenau eine Reinigung und – o Zufall – eine andere beschmutzt sich gerade noch rechtzeitig, damit sie sich gegenseitig waschen können. Ein Drehbuch, das auf solche Zufälle angewiesen ist, hat Schwächen. – Abgesehen davon entsteht Monotonie: Der nächste Polizist, der Dreck am Stecken hat. Informativ ist das nicht mehr. Die Serie krankt an unnötigen Nebenhandlungen, heraus kommt ein düsteres Tingel-Tangel. – Der einzige Informationsgewinn ist wenig informativ: Daß es in Deutschland Seilschaften und Begünstigungen gibt, wer hätte das gedacht! Dafür also muß man stundenlang ZDF gucken.

Serien dieser Art müssen sich mit „The Wire“ messen. Was für ein Unterschied! Die Autoren von „The Wire“ vermochten es, das Leben von Subkulturen darzustellen sowie die Paradoxien der Effektivierung von Organisation und strukturelle Paradoxien der Politik. Und trotz hohen Informationsgehalts gab es genug davon, wovon deutsche Fernsehzuschauer offfenbar nie genug kriegen können: Beziehungskrisen, verbotene Lieben, Trennungen und Umgangsrechtsstreitigkeiten.

Dennoch sind die teilweise heftigen Kritiken an „Blochin“ nicht ganz fair (z.B.: auf spiegel.de/kultur). In der Serie zeigen sich viele gute Ansätze. Die Widersprüche zwischen Potential und Produkt werden von den Kritiken, die ich gelesen habe, weder kenntlich gemacht noch erwecken sie Fragen.

Der Film zeigt einen Mann, der versucht, sich aus den Verstrickungen seiner trauma-überschatteten frühen Lebensgeschichte zu befreien und sich dabei noch viel mehr verstrickt. Der Film vermittelt „Anmutungen“ von dem Leid und der Tragik traumatisierter Menschen mitten unter uns in unserer westlich-wohligen Welt.

Wie traumatische Erlebnisse in der Kindheit seelische „Strukturen“ zerschlagen und die Heranwachsenden ins Chaos steuern, hat der Autor gut begriffen und vermittelt. Und er zeigt: Selbst jemand, der, wie Blochin, eine „hinreichend gute Mutter“ gehabt haben muß (wie Winnicott, einer der Pioniere der Kinderpsychotherapie das nannte), der also über einen Kompaß verfügt, der ihm den Kurs ins Licht weist und der das Zeug hat, in den Welten der Finsternis zu überleben, selbst sojemand wird von ihren Schlieren immer wieder zurückgezogen.

Gute Ansätze zeigt der Film auch bezüglich des Themas chronische Krankheit und Partnerschaft. Aber leider erstickte der Film die Entwicklung dieser Thematik zu Unterhaltungszwecken in seinen unnötigen Nebenhandlungen.

Die Macher könnens doch! Warum machen sie es nicht? Das ist die Frage, die die Kritik stellen müßte, statt einfach nur das Mißlingen zu bemeckern. – Hier meine Vermutung: Der Öffentlich-Rechtliche-Rundfunk ist schuld. Die Ansätze der Entwicklung einer Fernsehspielkunst wurden schon vor langer Zeit wegen Quotenangst abgewürgt. – Möglicherweise haben die Autoren die „Schere im Kopf“ verinnerlicht und wissen, was die „Zensur im Namen der Demokratie“ nicht passieren würde. Möglicherweise kriegen sie aber auch einfach zu wenig Geld, um etwas qualitativ hochwertiges wie „The Wire“ zu machen. – Durch den Zusammenhang von Rundfunk und Filmförderung kann man nur vermuten, wie sich das auch auf den deutschen Film ausgewirkt hat: Wo Bedenkenträger regieren, gedeihen nur Kleinohrhasen. Alles, was lauschiger ist, muß sich die Ohren stutzen oder das Weite suchen… –

Das Beste war die Filmmusik von Lorenz Dangel. Es ist seine Musik, die wesentlich auf die Spur des Gehalts der Serie führt. – Vermutlich hat jedoch niemand Dangel, den Profi, gefragt, als man sich entschied, zwei herausgehobene Rückblende-Szenen des Films mit klassischer Musik zu unterlegen. So entstand ein Dilletantismus: Zum Untermischen in ein Dessert nimmt man keinen Jahrhundertrotwein!