Dorn-Inszenierung

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Faust wird als komischer Kauz dargeboten, der niemandem gefährlich werden, über den man nur lachen, den man nur bedauern kann. Die Folgekosten: auch Textpassagen wie „was kann die Welt mir schon gewähren“ verlieren viel von ihrer Expression. Auch viele andere Einzelheiten nimmt man einem solchen Faust nicht mehr ab („aus dieser Sonne quillen meine Leiden…“ –  „Kannst du mich schmeichelnd je belügen…“). Und das Existentialistische „am End auch ich zerscheitern“ geht völlig verloren: man sieht einen unfreiwillig komisch leidenden Kauz. Die unfreiwillige Komik des „alten“ Faust überschattet selbst die „Liebeslieder“ des verjüngten, wie z.B. Fausts Entrücktheit in Margaretes Zimmer.

Überhaupt scheint das Grundprinzip der Inszenierung zu sein, Hässlichkeit, Alter, Unförmigkeit und Lächerlichkeit zu exponieren. Es wirkt platt, die Gottesmutter abstoßend zu gestalten. Es ist keine Kunst und sehr einseitig, auf diese Weise den Katholizismus zu kritisieren. So kommt man dem nicht bei! Im Gegenteil: „Man fühlt die Absicht und man ist verstimmt!“

Im Verlauf zeigt sich das Problem der Streichfassungen ähnlich wie bei Gründgens: die Szene in Auerbachs Keller ist unverhältnismäßig lang, gemessen an den Studierzimmerszenen. Man kann sie aber auch schlecht noch weiter kürzen, wenn sie nicht verstümmelt wirken soll. – Diese Mißproportionaliät setzt den Streichfassungen eigentlich enge Grenzen. Doch die Regisseure fürchten wohl, daß das Publikum zu wenig Zeit hat… Andererseits gibt es z.B. in der Hexenküche unnötige Längen. Das ist lehrreich. – Das die Szene „Straße“ weggelassen wurde, ist unverzeihlich. Es ist eine der wichtigsten Szenen: hier wird dem Unbewussten auf die Finger geschaut: man sieht, wie Faust seinen Betrug an Margarete vor sich selbst kaschieren will.

Margaretes erstes großes Solo mit Kästchen hat zu viele Verlegenheitslösungen um Zeit zu sparen.

Einiges ist unüberzeugend, z.B. Mephistos Wut, als er über den Verbleib des Kästchens Bericht erstattet. Es ist dabei auch sprachlich schwer verständlich, jedoch auch hier voll süffisanter Einzelheiten virtuoser Schauspielkunst.

Überhaupt ist die Textverständlichkeit stellenweise mangelhaft. Ich verstehe nicht, wieso Regisseure immer wieder virtuose Sprachgestaltung so überdehnen, daß man sich anstrengen muß, die Worte zu verstehen. Das ist auch nicht virtuos, weil es einem der konstituierenden Parameter nicht gerecht wird. – Jede Anstrengung beim akustischen Verständnis geht auf Kosten der Erlebnisfähigkeit!

Aber trotz allem wird man des Schauens nicht satt. So sehr man die Maschen auch durchschaut: sie sind verdammt gut gemacht und im Einzelnen einfalls- und erlebnisreich dabei aber immer sinnig und stimmig, im Dienste des Stücks.

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