Euphorions Wandlung, eine Art Fantasy-Geschichte

von Daniel Seefeld (der Text ist herunterladbar hier)

(Diese Geschichte ist eine weitläufige Interpretation der Euphorion-Figur im Sinne der goethischen „Parallelgeschichten„. – Eine direktere Interpretation finden Sie hier: Helenaakt, kommentierende Inhaltsangabe.)

Ich bin Arbeiter in den Fohrkoppssümpfen. Fohrkopps – das „o“ ist offen, wie in „Forke“ – Fohrkopps, das ist unser Grundnahrungsmittel, eine nahrhafte aber recht fade schmeckende Wurzel, die nur in sumpfiger Erde gedeiht.

Ursprünglich war unser Landstrich ein idyllisches sanftes Hügelland mit Seen in den Niederungen. Die Hügel trugen Obstbäume, zwischen denen Rinder weideten. Doch nach und nach hatten auf Geheiß der Händler Generationen von Bauern die Hügel abtragen und damit die Seen auffüllen müssen, um weitere Anbauflächen für Fohrkopps zu schaffen. So entstand diese sumpfige Ebene, die sich von Horizont zu Horizont hinzieht. Es gibt keine Hügel, außer denen, auf denen die Schlösser der Händler stehen, und keine Seen, außer in den Schloßparks, die für uns unzugänglich sind und durch hohe Mauern den Blicken entzogen. Im Süden der Ebene ist der Horizont verstellt durch den Urwald. Kaum jemand wagt sich da hinein. Dort gibt es Schwertechsen, flinke Reptilien, die an jeder Klaue eine schwertartige Kralle besitzen. Oder Mumpfkrappse: mannsgroße hirnlose Riesenweichtiere, die wie ein Gummi aus getarnten Erdhöhlen hervorschnellen, ihr Opfer blitzschnell mit schleimigen Lappen umwickeln und sofort verdauen.

Man hat versucht, Wald zu roden, zwar ist der Boden zu trocken und zu felsig, um Fohrkopps anzubauen, aber man wollte das Holz verkaufen. Doch kaum waren die Bäume weg, schoß der Seuchzergerich ins Kraut: ein gegen alles immunes Unkraut, dessen Samen sich sofort über die Anbauflächen ausbreitete, schnell wucherte und den Fohrkoppswurzeln die Nahrung entzog. Die Ernte eines Jahres wurde weitflächig vernichtet. Glücklicherweise ist das Unkraut im Sumpf leicht zu entfernen. Im Waldboden dagegen, wurzelt es so tief, dort ist ihm nicht beizukommen, nur die Bäume halten es klein und erschweren seine Vermehrung. Hastig wurde die gerodete Stelle wieder aufgeforstet, und seitdem rührt man den Wald nicht mehr an.

Fast alle Einwohner der Ebene sind Fohrkoppsbauer. Nur im Umkreis der Schlösser gibt es noch ein paar Beamte, Bewaffnete und Bediente. Wie die meisten, arbeite ich für einen Hungerlohn auf den Feldern, die alle den Händlern gehören. Tagaus- tagein, teilweise über 14 Stunden, stehen wir barfuß im Dreck und beseitigen Dreppelweben, das sind pflanzenfressende Wurzelgeflechte, die den ganzen Sumpf netzartig durchziehen und sich von Fohrkopps ernähren. Das Wurzelziehen ist ein öder, langweiliger Job, bei dem man zwar alt werden kann, bei dem man aber auch blöd wird. Der Lohn reicht gerade, um die Hütten, die Kleidung und den Hausrat in Stand zu halten. Zu essen gibt es fast nur Fohrkopps. Viehhaltung ist verboten, denn dafür müßte ein Stück Sumpf trockengelegt werden, auf dem dann kein Fohrkopps mehr wachsen kann. Unsere Gegend hat Glück, sich so nahe am Urwald zu befinden. Da verirrt sich manchmal ein Urwaldtier in den Sumpf, das wir heimlich jagen und schlachten. Eigentlich müssten wir es den Händlern abgeben, denn sie betrachten alles, was auf ihre Felder gerät, als ihr Eigentum, denn es sind ja ihre Felder. Aber es ist ein Fest, einmal Fleisch zu essen zu bekommen.

Es gibt viele Kinder hier, denn Verhütung und Abtreibung sind verboten und werden streng bestraft. Die Händler fürchten, daß Arbeitskraft zu wertvoll wird, wenn es weniger Arbeiter gibt, und die Arbeiter zu mächtig. Außerdem brauchen sie die überzähligen Jungen für ihre Kriege, mit denen sie weitere Fohrkopps-Anbauflächen erobern wollen. Die überzähligen Mädchen werden als Dienstboten in die Städte vermietet und bringen den Händlern zusätzliche Profite. – Die Kinder müssen mithelfen beim Reinigen und Konservieren der Fohrkoppswurzeln. Da die Händler sich für zivilisiert halten, brauchen die Kinder aber nur 6 Stunden am Tag zu arbeiten. Den Erwachsenen ist das ganz recht, denn sie haben kaum Zeit für ihre Kinder. Und außer den traditionellen Heimlichkeiten sind sie duckmäuserisch und trauen sich nicht, den Weisungen der Händler und ihrer Büttel etwas entgegenzusetzen. – Mein Vater war ein besonderer Schleimer. Er arbeitete mehr als gefordert und verriet uns, wenn wir Heimlichkeiten hatten. – Meine Mutter machte einen ständig frustrierten Eindruck, vermutlich, weil sie wenig von ihrem Mann hatte, der entweder arbeitete oder erschöpft war oder schimpfte. So wird sie sich als junge Frau ihr Ehe- und Familienleben nicht vorgestellt haben.

2

Das Schlimmste ist die Öde, der Stumpfsinn, die Langeweile. Ich war kaum 13, da kam mir unser Leben vor, wie vergeudet, sinnlos, und keiner Mühe wert. Ein Jahr später hielt ich die Aussicht, das ganze Leben so geduckt, ausgebeutet und einförmig zu verbringen, nicht mehr aus. Die Furcht vor dem Urwald verblasste vor seinen Verheißungen: Was war schon eine Schwertechse gegen die Schätze der sagenhaften Goldenen Höhle? Und was ein Mumpfkrapps gegen die Heilsteine aus dem Schwarzen See, von denen es hieß, daß sie in der Hand, die sie vom Boden des Sees holte, alle Krankheiten heilen, alle Schmerzen tilgen und den Körper jugendlich bis ins hohe Alter halten konnten? Allerdings hieß es auch, der See sei so tief, daß man ein halbes Leben lang tauchen üben müsse, um seinen Grund zu erreichen.

Mit meinen Eltern brauchte ich über meinen Abscheu vor der Öde erst gar nicht zu reden. Sie hätten das nur als „Flausen“ abgetan und mich aufgefordert, „auf den Boden der Tatsachen“ zurückzukommen. – „Der Boden der Tatsachen“: daß ich nicht lache! Das ist bei uns ein Sumpf! – Auch die andern Erwachsenen hatten kein Ohr für das, was mich bewegte: Immer wurde mir aufgezählt, wer schon alles im Urwald umgekommen sei und wie armselig, angstvoll und hungrig die waren, die es schafften, dort länger zu überleben; wie sie ständig wie Flüchtlinge vor den Raubtieren auf der Hut sein mussten und sich fast nur von wilden Beeren, Gräsern und Wurzeln ernähren konnten; wie furchtbar die Winter seien und wie viele nach einiger Zeit als Krüppel zurückgekommen und ihres Lebens nicht mehr froh geworden waren – zumal sie sich auf Jahrzehnte verschuldet hatten, weil die Händler den Arbeitsausfall vom Lohn abzogen und eine hohe Geldstrafe auferlegten. Denn in den Urwald zu gehen, ist verboten. Seine Gefahren erscheinen den Händlern nicht abschreckend genug. Sie fürchten, zu viele könnten ihr Glück im Urwald suchen und nicht zurückkehren. Deshalb verbreiten sie die Behauptung, die, die im Wald lebten, seien Hexer, denn ohne Zauberkräfte sei es nicht möglich, auch nur einen Tag und eine Nacht im Wald zu überleben. Und die Hexer seien böse, denn ein guter Mensch müsse nicht in den Urwald flüchten. In der Tat: der Hunger treibt die Hexer oft aus dem Wald, um Fohrkopps von den Feldern zu stehlen. Deshalb darf man sie auch straflos totschlagen. Unter uns Arbeitern gilt das jedoch als Verbrechen, denn die Hexer sind welche von uns, die das harte Leben auf einem Urwaldflecken der Knechtung durch die Händler vorziehen.

Die Hexer leben nur im Randbereich des Waldes, wo es noch nicht so viele, und kaum unbekannte Gefahren gibt. Tiefer im Wald können nur die Heiler überleben, die Meister des Waldes. Sie gelten als heilige Eremiten, die es schon länger gebe als die Fohrkoppsfelder. Sie kennen weit mehr Gefahren des Waldes als alle anderen, und wissen mit ihnen fertig zu werden. Sie kennen auch weit mehr Kräuter, Früchte und Wurzeln, und es heißt, sie würden heilige Orte kennen, an denen es keine Gefahr gebe. Einige Heiler sind berühmt, weil sie öfter aus dem Urwald kommen und viele Kranke heilen, manche nur Arbeiter, manche nur Händler, manche machen keinen Unterschied. – Auf ihren Wanderungen durch unsere Ebene suchen die Heiler sich unter unseren Kindern 5 bis 7 jährige Jungen und Mädchen als Schüler und Nachfolger. Die Händler dulden das und die meisten Eltern freuen sich, wenn eines ihrer Kinder erwählt wird, denn die Heiler gelten als heilig.

Außer in den Wald hätte ich natürlich auch in die Städte gehen können. Aber es hieß, Männer würden dort wie Sklaven in dunklen Hallen voll ohrenbetäubenden Getöses und staubiger Luft für einen Hungerlohn Maschinen bedienen, eine Arbeit, noch eintöniger als Dreppelweben ziehen. Und man lebe zu Dutzenden zusammengepfercht in engen, feuchten, finsteren Mietskasernen, der Blick eingekerkert in Mauern, die ein endloses Gewirr von Höfen und Straßen bildeten, so daß man vom Himmel immer nur einen Fleck oder einen Streifen sehen könne. – In der Tat waren fast alle jungen Männer, die es versucht hatten, zurückgekommen, und von denen, die nicht zurückgekommen waren, wurde gesagt, sie seien tot oder säßen im Kerker.

3

Mit 14 riß ich das erste Mal aus. Ich wollte lieber die Nahrung einer Schwertechse sein, als Händlersklave. Doch ich wurde von einem Hexer zurückgebracht. Seitdem glaubte auch ich, daß Hexer böse seien. – Ich riß öfter aus, auch wenn ich dafür jedes Mal ein paar Tage in den Karzer gesperrt wurde, ein finsteres Loch, in dem einen die Dunkelheit und die Langeweile fast umbrachten. – Meine Fluchtversuche in den Wald beendete ich nach dem ersten Mal immer selber, die Angst um mein Leben trieb mich hinaus. Doch nach einiger Zeit auch wieder hinein! Nach wenigen Monaten war die Angst vor dem Dschungel verblasst, die Angst, mein Leben zu verpassen aber wieder bis zur Unerträglichkeit gesteigert. – Mit 16 wurde ich vernünftiger und versuchte, mich mit einem Leben in den Sümpfen abzufinden. Doch mehr und mehr begann mich ein anderes Unbehagen zu quälen:

Die einseitige Ernährung hat Auswirkungen auf unser Wachstum. Frauen bekommen dadurch Tendenzen zu kurzen Beinen, breiten Becken und hängenden Brüsten, Männer zu schmalen Schultern und dicken Bäuchen mit langen Armen und runden Gesichtern. Wie anders sehen die Töchter und Söhne der Händler aus! Die Mädchen gazellenschlank mit langen Beinen, hübschen kleinen Pos und festen kleinen Brüsten, die Jungs hochgewachsen, breitschultrig und mit markanten Gesichtern. Hat man einmal eine jener Händlerprinzessinnen gesehen, ist es schwer, sich in eines unserer Mädchen zu verlieben. Zumal die schöneren unserer Schönen meist versuchen, nach oben zu heiraten: mindestens einen Bedienten, aber besser noch einen Beamten oder gar einen Händlersohn. Doch gilt das unter uns als Verrat. – Tja, unsere Mädchen ließen mich fast alle kalt. Und die, die mich nicht kalt ließen, waren Gegenstand der bittersten Konkurrenzkämpfe unter uns Jungs, und dafür hatte ich leider nicht die beste Ausstattung. Ich war zäh und hartnäckig, aber weder schnell noch stark, noch einer jener Neunmalklugen, die eine Chance hatten, nicht als Fohrkoppsbauern zu versauern.

Mein Entschluß, wieder in den Urwald zu gehen, und diesmal richtig, hing natürlich mit einem Mädchen zusammen: mit Marva. Marva war einfach Klasse! Sie war herzensgut und sah total geil aus, trotz aller Merkmale der Fohrkoppsesser. Denn diese Merkmale waren bei ihr nur schwach ausgeprägt und wurden nicht nur durch ihr Wesen geadelt – wie ja oft etwas Unschönes, wie z.B. eine zu große Nase, bei Manchen schön erscheint, weil sie ihm Charakter geben – nein, bei Marva war alles auch viel proportionierter als bei den anderen unserer Mädchen, so daß Marva selbst gegenüber den Prinzesschen in manchen Aspekten vorteilhafter wirkte, z.B. wegen des weiblicheren Schoßes und den üppigeren Brüsten. Und ihre Schönheit wirkte um so liebenswürdiger, weil sie von klein an davon ausgegangen war, nicht hübscher zu werden als die andern Mädchen und andere Lebensziele entwickelt hatte, als das, schön zu sein. – Doch dann wurde sie auf einmal immer schöner, und wir Kerls fingen an, immer heftiger um sie zu konkurrieren. Das mochte sie gar nicht, ja sie fand es abstoßend. Aber – wer könnte es ihr verdenken – heimlich auch faszinierend.

Ich sagte ja schon: ich hatte nicht die besten Voraussetzungen zum Balzen. Es gab Stärkere, Tüchtigere, Flinkere und Klügere als ich. Dennoch war ich unter Marvas Favoriten. Das lag daran, daß ich entschiedener war, manche sagten auch: unverschämter. Während andere z.B. noch überlegten, ob sie wirklich angreifen sollten, griff ich schon an. Ich riskierte einfach, hinterher als jemand dazustehen, der nicht angemessen reagiert hatte. Auch nutzte ich fiese Tricks, aber instinktiv sehr wählerisch und gemessen.

So trat ich z.B. nie jemanden zwischen die Beine, das hätte einfach bloß als feige gegolten, als unredlich und heimtückisch. Und bei weniger absoluten Tabus überschritt ich nur ein wenig die Grenze, nur so viel, daß meine Zurückhaltung beim Zuweitgehen zeigte, daß ich unsere Tabus im Prinzip respektierte. So war unter den Jugendlichen die klammheimliche Bewunderung meines Mutes, so gewagt mit Tabus umzugehen, größer, als die zur Schau gestellte Empörung. – Keine Ahnung, woher ich die Begabung habe, instinktiv genau zu wissen, wie weit man zu weit gehen darf.

Jedenfalls galt ich dadurch als jemand mit Schneid und eigenem Kopf, und ich hatte schon so manchen Stärkeren und Flinkeren aufs Kreuz gelegt. – Außerdem kam meinem Ruf zu statten, daß ich mehrmals in den Urwald abgehauen und dafür mit Karzer bestraft worden war. Ich rechnete mir also Chancen aus bei Marva. – Aber obwohl sie nie unfreundlich war, schien sie immer angewiderter von unserem Gerangel und ging schließlich einfach weg. Sie ließ sich von den Händlern als Dienerin anheuern in den großen Städten, und es war klar, daß wir sie nie wieder sehen würden, es sei denn als Besuch. – Wenn sie wenigsten ihre Chance genutzt hätte, einen ihrer vielen Verehrer unter den Händlersöhnen zu erwählen! Gnädiger wäre gewesen, Verräterin zu werden, dann hätte sie nicht so vielen Kerls das Herz gebrochen. Und mir auch nicht.

Nach Marva hielt mich nichts mehr in Sümpfen. Es schien mir nicht viel verloren, sollte ich im Urwald umkommen, aber alles gewonnen, sollte ich dort mein Glück machen. – Die Gefahren im Wald sind groß und unberechenbar. Auf den Feldern geschieht einem erwachsenen Mann vielleicht alle 10 Jahre mal ein nennenswerter Unfall. Im Urwald kann jeden Tag etwas geschehen, das mit so einem Unfall vergleichbar ist, und jedes fünfte Geschehnis ist tödlich. Und diese Rechnung gilt nur für erfahrene, fähige Urwaldgeher, wie die Hexer, die Gefahren rechtzeitig erkennen und sich dagegen zu wehren wissen. Aber selbst für die ist das Überleben Glücksspiel. Die Mumpfkrappse z.B.: Zwar gibt es glücklicherweise von denen nur wenige. Im Innern des Urwaldes trifft man nur etwa einmal pro Woche auf einen, und nur etwa jeder zweite hat gerade Hunger. Ungeübte können von 10 Mumpfkrappsen vielleicht zwei rechtzeitig erkennen, Hexer fünf, und selbst Heiler nicht immer alle.

Ich hatte das Interesse am Wald nie verloren und wo immer ein Hexer in die Sümpfe gekommen war, hatte ich mit ihm gesprochen. So bildete ich mir ein, etwas besser als die anderen den Gefahren gewachsen zu sein, und vielleicht keine 5 aber 3-4 Mumpfkrappse von zehnen zu erkennen. Und mit jedem einmal erkannten würde meine Fähigkeit wachsen, auch andere zu erkennen… Auch Schwertechsen sind selten, auch Nachtvulper, auch Schnappschweinrudel und die gefürchteten Tschirpelschwärme, kleine fleischfressende Singvögel, bei denen es selbst für das gefährlichste Wesen kein Entrinnen gibt. Dazu kommen die Fleischfressenden Pflanzen: die Schlinghaspeln, die Saugrosen, die Ätzgrätzen, allesamt heimtückische Gewächse, die zwischen Gebüsch oder im Astwerk von Bäumen auf Beute warten, auf Geruch oder Vibration ansprechen und absolut tödlich sind. Jede einzelne dieser Gefahren ist selten. Aber zusammen genommen machen sie den Wald zu einer unberechenbaren, lebensgefährlichen Angelegenheit – zumal es sich hier nur um die bekannteren Gefahren handelt, die es auch in den Randbereichen des Waldes gibt. Je tiefer man in den Wald geht, desto häufiger werden sie und desto mehr weitere lauern, die unbekannt sind, weil noch nie jemand sie überlebt hat…

Trotz allem stand mein Entschluß fest. Und so übernachtete ich eines Sommers am Rand des Urwaldes, um mit der ersten Tageshelle hinein zu wandern.

4

Es wurde ein herrlicher Sommertag. Im Wald war es angenehm feucht und kühl, und es duftete nach üppigem Leben. Das alles milderte die Angst. – Die Hexer trauten sich nur eine halbe Tagesreise weit in den Wald, um bei Anbruch der Nacht wieder am äußeren Rand sein zu können. Als Randbereich galt also ein halber Tagesmarsch. Die ersten Stunden war ich daher relativ wohlgemut, obwohl ich mehrmals beim Anblick ungewöhnlicher Farben und Formen oder bei ungewöhnlichen Geräuschen zusammenzuckte. Doch meine Schreckhaftigkeit beruhigte mich, denn ich wußte von einem alten Hexer, daß man ohne sie ganz schnell verloren war. Schreckhaftigkeit ist Voraussetzung dafür, im Urwald zu überleben. Nur Ängstliche dürfen es wagen, sich weit in den Wald zu trauen.

Nach dem Mittag war ich schon weiter in den Wald vorgedrungen, als die meisten Hexer. Da wurde mir richtig mulmig. Ich war mehrmals drauf und dran, umzukehren. Aber ich hatte mich offenbar all die Jahre genügend mit meinem Dasein in den Sümpfen beschäftigt. Sobald ich innehielt, ging mir wieder die ganze Trostlosigkeit unseres Lebens auf, und ich sah Marva vor mir, und ein Los ohne eine Gefährtin, die so viel zu bieten hatte, schien mir unannehmbar.

Als die Dämmerung hereinbrach, suchte ich mir einen jener Bäume, die ihre Gäste über Nacht nicht verspeisen, und kletterte in sein Gezweig. Nicht zu hoch, um nicht zur Beute von Nachtvulpern zu werden, nicht zu niedrig, um keine Wimmelarlen anzulocken, gierige nachtaktive Nager, die unter der Erde ihre Nester haben. Ich band mich an einem Ast fest. Hier oben war ich sicher. Wenigstens war noch nie berichtet worden, daß jemand im mittleren Gezweig eines gastfreundlichen Baumes des Nachts zur Beute geworden wäre. Ausgeschlossen war das natürlich nicht, zumal eine Tagesreise weit im Wald. Und wer weiß, womit ich rechnen mußte, wenn ich noch weiter in den Wald vordrang.

Genau darüber hatte ich nun, bis zum Einschlafen, Zeit nachzusinnen: auf was ich mich da einlassen wollte. Ich hatte eigentlich gedacht, mehr als genug darüber nachgedacht zu haben. Doch hier, tief im Wald, kamen mir meine früheren Gedanken vor wie Spielerei, ich hatte gar nicht ermessen könnten, was das heißt, aus Schritt und Tritt mit Bedrohung rechnen zu müssen. – Doch zunächst spürte ich ein gewisses Triumphgefühl: Ich war schon tiefer im Wald, als viele Hexer es je gewesen, und es war auszuschließen, daß je ein Bauer sich so tief in den Wald getraut hatte!

Ich war aber auch beklommen und enttäuscht: Ich war keiner einzigen Gefahr begegnet! Ich hatte gedacht, wenigstens einem Mumpfkrapps ein Schnippchen geschlagen zu haben oder einer Schwertechse auf einen Baum entkommen zu sein, oder wenigstens eine Saugrose erkannt zu haben oder jenes Buschwerk, in dem Ätzgrätzen lauerten. Aber nichts da! Ich hatte einfach bloß Glück gehabt und hatte nichts dazugelernt. Dabei wäre es so wichtig gewesen, hier, im leichteren Teil des Waldes, Erfahrungen gemacht zu haben, z.B. aus sicherer Entfernung die Tarnung eines erkannten Mumpfkrappses genau zu studieren. Mit jedem Schritt tiefer in den Wald wurden die Gefahren für Anfänger wie mich so unberechenbar, der Tod so wahrscheinlich, daß es selbstmörderisch wäre, hier weiter zu gehen. Und eine selbstmörderische Haltung gilt bei uns nicht als verwegen sondern als feige: Selbstmörder kuschen vor den Anforderungen des Lebens. – Als Anfänger einfach blödsinnig immer tiefer in den Wald reinzulaufen um den Unbilden des Bauernlebens zu entfliehen: damit hätte ich bei meinen Leuten bloß als Verlierer gegolten, wie ein Krieger, der beim Anblick des Feindes die Flucht ergreift.

Doch so erbärmlich wie die Hexer wollte ich auch nicht leben: Es ist doch sehr fraglich, ob die wirklich freier waren! Ständig auf der Hut vor Gefahren, ständig auf der Suche nach Eßbarem, nur selten mal ohne vom Hunger getrieben zu sein. – Es war zum Verzweifeln: keine Möglichkeit war überzeugend! Bauer sein: Nein! Hungerkünstler: Nein! Selbstmörder: Nein! Daher schien mir das Beste, mich erstmal den Hexern anzuschließen. Mit mehr Erfahrung wäre es weit weniger selbstmörderisch, tiefer in den Wald einzudringen. Je länger ich meine Möglichkeiten erwog, desto stärker leuchtete mir das ein. So entschloß ich mich, am andern Morgen eine halbe Tagesreise zurück zu kehren und bei den Hexern das Leben im Wald zu lernen. Dieser Gedanke war enttäuschend aber doch stimmig. Das beruhigte mich und ich schlief ein.

5

Am nächsten Morgen trank ich den Tau aus den Blüten, er schmeckte bittersüß, durch das Aroma das er von den Blüten angenommen hatte. Das stärkte und ermutigte mich, ich wäre am liebsten weiter in den Wald gegangen, rief mir aber die Gedanken des gestrigen Abends zurück und sagte mir: Sei kein Narr, tiefer im Wald ist Überleben für jemanden wie dich reines Glücksspiel! – Also wandte ich mich schweren Herzens wieder der Richtung zu, aus der ich gekommen war.

Meine Spuren waren bereits zugewuchert, und da tief unten im Wald nur ein dämmeriges Streulicht herrschte, konnte ich die Richtung nur erahnen. Nach ein paar Stunden Wegs stand ich plötzlich an einem felsigen Steilhang und blickte weit über den Wald hinweg. So steil der Hang auch abfiel, war er doch kinderleicht herunter zu kraxeln: die Felsen war so gestuft und von armdicken freiliegenden Wurzeln niedriger Bäume durchzogen, daß man Leitern und Treppen im Überfluß hatte. Beim Abstieg verlor ich dennoch einmal den Tritt, aber ohne großen Schreck, denn ich konnte nicht weit rutschen. Doch fiel ich in eine Felsspalte und stauchte mir schockartig schmerzhaft den Fuß, obwohl die Spalte nicht sehr tief war, vielleicht knapp zwei Meter.

Als ich meinen Fuß untersuchte, wollte ich es zuerst nicht wahrhaben: er war gebrochen. Ich schrie, weniger vor Schmerz als vor fassungsloser Wut: Meine Wanderung war gelaufen. Ich mußte zurück in die Sümpfe. Ich würde zwar eine gute Heilbehandlung bekommen, aber wahrscheinlich viele Jahre ohne Lohn arbeiten müssen, zur Strafe für meine Flucht, meine Arbeitsversäumnisse und um mir die Heilbehandlung zu verdienen. Außerdem würde ich in einen Sumpf weit weg vom Urwald verbracht werden, mit der Auflage, mich täglich bei einem Beamten zu melden. Eine Flucht war unter solchen Bedingungen so gut wie unmöglich.

Die Wut ließ mir zunächst gar keine Möglichkeit zur Sorge. Erst nach den ersten, nicht sehr bemühten Versuchen, aus der Spalte zu klettern, hielt ich inne und machte mir Gedanken über meine Situation hier und jetzt. Es wurde mir bewußt, wie besorgniserregend sie war: Mit diesem Fuß wäre es kaum möglich, vor Einbruch der Nacht wieder aus dem Urwald heraus zu sein, und es wäre mühsam und gefährlich – aber noch gefährlicher wäre es, die Nacht auf dem Boden verbringen zu müssen, denn nur mit einem Bein war es mir nicht möglich, die Bäume zu erklimmen. Je weniger Zeit ich verlor, desto besser.

Ich suchte nach der günstigsten Stelle und nahm all meine Kraft zusammen, um aus der Spalte zu klimmen. – Aber es mißlang wieder. – Ebenso der nächste Versuch. – So schwer hatte ich mir das nicht vorgestellt! Ich sah jetzt, daß die Ränder alle sehr bröckelig und darunter glatt und abschüssig waren. Hätte ich den Fuß zur Verfügung gehabt, wäre ich längst frei gewesen. – Erst fand ich die Schwierigkeit bloß lästig. Die Spalte war nicht tief, und es konnte kein großes Problem sein, heraus zu klettern. Doch als Versuch auf Versuch scheiterte, und ich immer mehr Erfahrung mit den abgeschrägten Randflächen machte, schien es, daß ich nur mit zwei Händen und einem Fuß hier nicht herauskäme. Mein Herz schlug panisch wild, ich bäumte mich mit aller Kraft auf und sprang und klammerte, obwohl meine Hände bereits wund waren – doch alles vergeblich. – Ich muß gestehen: ich begann zu heulen und zu schreien, vor Schmerz, vor Wut, vor Empörung: ich fühlte mich ungerecht behandelt vom Schicksal.

Als ich mich beruhigte, kam ich zu dem Schluß, daß es nicht wahr sein konnte, daß ich hier nicht rauskam, daß ich wahrscheinlich noch nicht alles probiert hatte. Ich versuchte es weiter, immer wieder – doch ohne Erfolg. – So sehr ich mich auch dagegen aufbäumte, schließlich war es Gewißheit: alleine kam ich hier nicht mehr raus. Ich war mehr wütend als traurig und schlug mit den Faustkanten auf die Felswände ein, bis ich vor Schmerz davon abließ.

Meine Lage war aussichtslos: ich war fast eine halbe Tagesreise über den Randbereich des Waldes hinaus, selbst im Randbereich wäre es äußerst unwahrscheinlich gewesen, daß einer der seltenen Hexer innerhalb von drei Tagen in Rufweite käme. Hier, weit tiefer im Urwald, bestand nicht die geringste Hoffnung. Als Hoffnung blieb nur: in der Nacht von einem Vulper gefressen zu werden, das wär ein schneller Tod.

Im Urwald nicht den Heldentod im Kampf mit einem Untier zu sterben, sondern mit gebrochenem Fuß in einer unter normalen Umständen kinderleicht überwindbaren Felsspalte zu verschmachten: das war ja wohl der aller blödeste und schmachvollste Ausgang einer Flucht aus der Abhängigkeit der Händler! Ich malte mir aus, wie vielleicht irgendwann ein Hexer meine sterblichen Überreste finden und meine Sachen ins Dorf bringen und das ganze Dorf davon erfahren würde.

Dann durchzuckte es mich siedendheiß: irgendwann würde auch Marva von meinem Mißgeschick erfahren! Vor ihr als ausgemachter Pechvogel dastehen! Als Verlierer! Das ging gar nicht! Die Wut flammte erneut auf, plötzlich schöpfte ich neue Hoffnung und dachte: verflixt nochmal, das kann doch gar nicht sein, daß ich hier nicht rauskomme! Erneut arbeitete ich mich an den Felswänden ab, immer wieder, immer verbissener und verbohrter, ja, um so heftiger, je mehr mir klar wurde, daß es zwecklos war.

Als ich erschöpft auf den Boden sank, konnte ich nur noch weinen.
Nach und nach kam mir alles in den Sinn, von dem ich mich jetzt für immer verabschieden mußte! Merkwürdigerweise war das zunächst unsere Kaffeekanne! Wenn sie morgens auf dem Feuer schmauchte, und alles nach Kaffee zu duften begann und Oma, Mutter und die Geschwister sich nach und nach am Frühstückstisch versammelten! Das war trotz aller Öde des Lebens in den Fohrkoppsfeldern immer eine Freude gewesen! Auch viele andere kleine Freuden kamen mir jetzt in den Sinn und ich wunderte mich, wie schwer es war, sich davon zu verabschieden. – Das zerbrochene Spielzeug auf meinem Schrank, das ich immer noch gerne ansah, weil es mich an unbeschwerte Stunden der Kindheit erinnerte und ihm in seiner Unbeholfenheit ihr Zauber noch anhaftete – und gerade weil es zerbrochen war, war ich mit ihm verbunden, wie mit einem Stück abgelegter Haut. – Dann: Das kleine Wasserbecken in der Kuhle des Findlings in unserem Garten! Wie die Sonne darin spielte! Und seine Kälte im Herbst, wenn man die heißen Finger hineintunkte! – Auch die komisch-ernste Miene, mit der der alte Truppeltock immer grüßte, der einsiedlerisch unter uns lebte und als geistig etwas minderbemittelt galt – merkwürdigerweise war auch sein Gruß immer eine kleine Freude! – Selbst mein Vater schien mir auf einmal viele liebenswerte Züge zu haben, von denen es schwer war, sich zu verabschieden.

Da wurde mir plötzlich bewußt, was es für ihn, für Mutter, für Oma und die Geschwister bedeuten würde, wenn ich nicht mehr da wär! Das brach mir fast das Herz! – Das alles tat so überraschend weh, wie ich es noch nie erlebt hatte. Ich staunte: ich hatte gedacht, mich von all dem längst verabschiedet zu haben, als ich die Entscheidung erwogen hatte, in den Wald zu gehen und vielleicht nie wieder zurück zu kehren. Doch jetzt fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Egal an welchem Ort der Welt: solange ich am Leben wäre, würde das Spielzeug immer noch liegen, die Kanne immer noch schmauchen, die Lieben sich immer noch am Frühstückstisch versammeln – aber bald würde das alles unwiederbringlich weg sein, für immer. Nie wieder! – Nie wieder auch die stimmungsvollen Momente: die Art, wie die Morgensonne im Spätherbst auf den von Raureif verzauberten Feldern gleißt – der berückende Nachtduft des Frühlings – die mondhellen warmen Sommernächte… – Und mir fiel plötzlich auf, daß all diese Stimmungen Verheißungen einer wundervollen Zukunft enthalten hatten: Hoffnungen, all dies einmal zusammen mit einer Gefährtin zu erleben, so schön wie Marva, und in einer freieren Zeit… – Ich begriff auf einmal das ganze Ausmaß des ungelebten Lebens, und die Vorstellung, daß es ungelebt bleiben würde, machte mich fassungslos. Ich schluchzte immer herzzerreißender.

Nach einiger Zeit hatte ich mich soweit beruhigte, daß ich fähig wurde für den nächsten Schock: Schlagartig wurde mir wirklich klar, was das bedeutet: zu sterben! Ich würde selbst mich selbst verlieren! Und das war ich selber schuld! Ich erkannte plötzlich das ganze Ausmaß der Verantwortung für mein Leben! Ich war gerade mal 19! Ich hatte ein ganzes Menschenleben – mein Eigenes! – kaputt gemacht! – Alles, was ich noch hätte erleben und werden können, alles was ich noch an Gutem und Sinnvollen hätte leisten können: das alles hatte ich den andern und mir selbst genommen! Ich fühlte mich wie jemand, der einen Schatz anvertraut bekommt, um damit einem bedrängten Volk zu helfen, und dann ausbüchst und ihn in ein paar Tagen mit Huren durchbringt. Was hatte ich gemacht! – Auch jetzt, obwohl mir das Schuldgefühl fast den Atem benahm, staunte ich: Gestern abend hatte ich gedacht, daß ich wüßte, was es bedeute zu sterben. Wie wünschte ich mir jetzt den Schleier zurück, der mich noch vor einigen Stunden geschützt hatte vor dem Blick ins Gesicht des Todes mit seiner Offenbarung des Wissens um den Zug, den man nicht zurückmachen kann, um die erbarmungslose absolute Unkorrigierbarkeit – um das Nichts und die Schuld.

Sonne, Erschöpfung und Durst verflüchtigten die Gedanken zu einer würgenden Beklommenheit. Ich blickte nur noch auf das endlos langsame Kriechen des Schattens an der Wand, ich konnte nur noch daran denken, wie erleichternd es sein würde, wenn der Schatten mich endlich erreicht hätte. Doch als er mich erreichte, wurden die Gedanken wieder klarer und so unerträglich, daß ich glaubte, daran zu sterben. Aber ich starb nicht daran, die Kälte der Nacht, der Schlafentzug, die Schmerzen und der Durst machten bald alle Klarheit unmöglich.

Am nächsten Tag brannte die Sonne wieder auf mich herab. – Weniger, weil ich damit irgendeine Hoffnung verband, als aus Erleichterung und weil ich nichts unversucht lassen wollte, rief ich immer wieder mal um Hilfe. Am Ende des Tages war ich heiser.

Am nächsten Tag brachte auch das Rufen keine Erleichtung mehr, nur noch Mühsal. Doch setzte ich es fort, so hoffnungslos es auch war, es war das einzige, was ich tun konnte, und ich wollte nichts unterlassen. Als ich nicht mehr rufen konnte, kam ich auf die Idee, die Steine, die in der Spalte lagen, rauszuwerfen: unmittelbar hinter der Spalte fiel der Hang steil ab, und selbst ein kleiner Stein löste in dem Geröll immer eine kleine Lawine aus. Damit es nicht für Zufall gehalten werden konnte, versuchte ich das möglichst regelmäßig zu tun, und zählte bis zum nächsten Wurf pro Finger bis 20. Die Konzentration darauf erleichterte mir die Qual. Mir war klar, daß ich das Fünkchen Rettungschance, das damit verbunden war, nur benutzte, um diese erleichternde, aber eigentlich unsinnige Handlungsweise zu rechtfertigen, ohne die Möglichkeit einer Rechtfertigung wär es einfach nur albern gewesen und ich hätte es bald gelassen.

Als am dritten Tag sich irgendetwas über den Rand der Spalte beugte, wußte ich weder, ob es gut war oder böse, Wirklichkeit oder Wahn. Aber es gab mir schluckweise zu trinken, das Wasser war kühl. Nie wieder habe ich eine solche Labsal erlebt! Vor Erleichterung fiel ich in Ohnmacht. – Es war ein alter zerlumpter Mann, der mich rettete. Er hatte nicht viel Kraft und es war mühsam genug, mit vereinten Mitteln mich aus der Spalte zu bringen. – Er verstand sich auf Heilkünste und versorgte meinen Fuß. Mehrere Tage verbrachte ich im Delirium auf einem Lager in seiner Höhle, bis ich wieder bei klarem Verstand war.

6

Wie ich erfuhr, war meine Rettung gar nicht so unwahrscheinlich gewesen, obwohl ich in die falsche Richtung gegangen und nur noch tiefer in den Wald geraten war. Der sich kilometerweit erstreckende Felshang war Heimstatt mehrerer Waldbewohner, weil das Gelände hier, im Gegensatz zum Urwald, relativ überschaubar und weit weniger gefahrvoll war. Die Bewohner durchstreiften das ganze Areal regelmäßig auf der Suche nach Nahrung, und die Felsspalte war eine bekannte natürliche Falle für kleinere Tiere.

Ich hatte viel zu fragen und erfuhr vieles über den Urwald, was die Bauern nicht wußten. So gab es z.B. gar keinen Unterschied zwischen Hexern und Heilern! Es gab nur unterschiedlich wald- und heilkundige Waldleute. – Und der Alte erzählte mir von Gefahren, von denen wir noch nie gehört hatten:

„Du denkst, du bekommst einen würdigen Feind, ein Schnappschwein oder eine Schwertechse, ja, mit denen kann man Kraft, List und Geschicklichkeit messen. Aber weit häufiger kriegst du es mit ebenso miesen wie tückischen Lebensformen zu tun, Lebensformen, die du nicht als Gefahr erkennst, ausgestattet mit Finten und Kräften, auf die du nicht vorbereitet bist, und die völlig anders sind, als alles, was du dir vorstellen kannst. Die Mämmermaden z.B.: Mit Fäden, so fein, daß kaum ein Auge sie erkennt, aber reißfest und so klebrig, daß man sich das Fleisch ausreißt, wenn man sie entfernen will, damit lauern sie ihrer Beute auf, weben das Opfer ein, hängen es in einem Baum auf, injizieren ihm mit ihren Stacheln eine vorverdaute pflanzliche Nährflüssigkeit, so daß es nicht stirbt, und legen ihre Eier hinein. Ihre Brut braucht Blut und Fleisch. Sie saugen dir nur so viel Blut ab, wie dich nicht umbringt und fressen nur soviel von deinem Fleisch, wie nachwächst. – Es wurden Waldleute aus solchen Kokons befreit, die mehr als 20 Jahre als vermißt gegolten hatten. Sie lebten noch, aber keiner von ihnen kam wieder zu Verstand.

Aber so schlimm muß es gar nicht kommen, um schlimmer zu sein, als deine schlimmsten Befürchtungen: Es gibt Wunden, die nicht heilen, und Parasiten, die du nicht mehr los wirst. Ich selbst leide an so einem. Als Kind trat ich mir einen Parpeldorn in den Fuß. Parpeldorne kriegst du nicht mehr raus. Sie wandern und wuchern in dir und du hast nur die Möglichkeit, deine Muskeln so stark zu machen, daß du ihr Wandern und Wuchern unterdrücken kannst. Aber immer wenn sie sich bewegen, spüre ich starke Schmerzen, und immer wenn sie zu wuchern versuchen, wird mir so kotzübel, daß ich glaube, ich kotze mir die Gedärme aus dem Leib, und immer bin ich ganz erschöpft von der Muskelanspannung, um sie klein zu halten. Deshalb konnte ich kein großer Meister des Waldes werden, jemand, der alle je erkannten Gefahren und Heilmittel und ihre Wirkmechanismen kennt. Ich weiß nur – und bilde mir manchmal ein, daß ich das besser kann, als manche großen Meister – ich weiß nur, wie man neue, noch unbekannte Gefahren erkennt.

Es ist sehr schade, daß der Dorn mich so beeinträchtigt! – Doch das geht noch. Andere kriegen einen Zortz, einen der gemeinsten Parasiten. Der Zortz wird ihr Hirn okkupieren, doch das spüren sie nicht, und schließlich verhalten sie sich, wie der Zortz es will, und denken nur noch so, wie der Zortz es braucht – aber sie glauben, was sie tun und denken, ist genau das, was sie selber tun und denken wollen.

Der Wald wird dich nicht unbedingt umbringen, obwohl er viele umbringt, aber du wirst kaum ohne eine Verletzung hinauskommen, die dich für den Rest deines Lebens zeichnet oder beeinträchtigt. Natürlich kann man damit leben lernen. Aber ich wünsche es niemandem. Es ist ein sinnloses Leiden. Du wirst nicht einmal unbedingt weiser dadurch. Weisheit kannst du überall lernen, dafür ist kein Abenteuer notwendig, nur Aufmerksamkeit. Oder um es mal so auszudrücken: die Weisheit, die du durch die Gefahren des Urwalds erlangst, ist unnötig. Alles im Leben ist erreichbar ohne sie. Wir brauchen sie nicht. Sie ist ihren Preis nicht wert.“

So sprach der Alte. Er hatte nichts dagegen, daß ich bei ihm blieb. Er schien sich sogar darüber zu freuen. Ich glaube aber, daß ihm diese Freude gleichgültig war, weil er sie nicht brauchte. Er hatte seine Aufgabe: weite, monatelange Expeditionen in den Wald zu unternehmen, um Opfer von Mämmermaden zu befreien. Solche Wanderungen waren für ihn sehr zehrend, danach brauchte er Monate, bis er sich ganz wiederhergestellt hatte. – Ich dachte, ich könnte ihm helfen, aber ich fürchte, daß ich ihm mehr Last als Hilfe war, weil er ständig meine Sicherheit im Auge behalten mußte. Doch im Laufe der Jahre lernte ich fast alles, was er wußte und konnte.

In den Tiefen des Waldes trafen wir Heiler, die noch viel tiefer im Wald lebten. Einige behaupteten, die Goldene Höhle und den Schwarzen See gebe es nicht, andere behaupteten, es gebe sie, aber sie hätten noch niemanden getroffen, der wüßte wo. Und wieder andere behaupteten, sie wüßten wo, hätten aber keine Lust, den Weg zu beschreiben, weil es sowieso egal sei.

Als der Alte gestorben war, schleppte ich ihn in die Krone eines Baumes, denn er wollte, daß die Nachtvulpern seinen Leichnam fräßen. – Dann kehrte ich zu seiner Höhle in den Felsen zurück. Ich fühlte mich nicht berufen, seine Tätigkeit fortzusetzen, zumal ich mich längst nicht so gut wie er darauf verstand, unbekannte Gefahren zu erkennen. – Ich blieb den Sommer über noch in den Felsen. Im Herbst machte ich mich auf den Heimweg zurück in die Fohrkoppssümpfe.

7

Ich machte mich darauf gefaßt, für Jahre ohne Lohn arbeiten zu müssen. Doch in der Zwischen-zeit waren die Händler milder geworden und hatten ein neues Gesetz erlassen: Alle Hexer, die mindestens einen Winter im Wald verbracht hatten wurden nicht bestraft. – Das Beste an diesem Gesetz war für mich, daß ich bei meiner Familie bleiben konnte. Die Geldstrafe war mir gleichgültig. Abgesehen davon, daß ich mir mit meinen Heilkünsten ein wenig dazuverdienen konnte, war mir jetzt etwas anderes wichtig: daran mitzuwirken, daß Händler und Bauern sich versöhnen. Nur wenige Bauern hatten bisher ernsthaft darüber nachgedacht. Solche Bauern galten als weltfremde Spinner. Dennoch wurden ihre Gedanken und Ideen nicht vergessen, und immer wieder gab es jemanden, der ihnen etwas hinzufügte.

Solange ihre Eltern noch lebten, sah ich Marva ab und zu. Alle paar Jahre kam sie mit ihrem Mann und ihren vier Kindern. Bis zuletzt war ihre Gestalt trotz der Geburten jugendlich. – Sie hatte gut geheiratet: Sie wohnten in einem großen Haus an einem der weitesten und schönsten Plätze der Stadt. – Ihr Mann hatte oft beruflich mit den Händlern zu tun. Seine Berufsbezeichnung sagte mir gar nichts, und obwohl man mir mehrmals erklärte, um was es ging, habe ich es nie verstanden. – Als Marva mich das erste Mal wiedersah, stürmte sie auf mich zu und umarmte mich, es war ihr egal, wie blöd ihr Mann guckte. Sie hatte gehört, daß ich als verschollen gegolten hatte, und nun umarmte sie mich so fest, als wolle sie sich davon überzeugen, daß meine Rückkehr mehr als ein Gerücht sei. Ich dankte ihr und wandte mich schnell ab, denn Tränen schossen mir in die Augen und widerstreitende Gefühle zerrissen mich. Nie wieder wurde mein Gleichmut so auf die Probe gestellt.

Geheiratet habe ich nicht. Obwohl der Alte ein guter Heiler war, humple ich immer noch. Für die wenigen Frauen, die mich interessiert hätten, war so jemand keine gute Partie. – Den jungen Leuten, die in den Urwald wollen, erzähle ich alles, was ich weiß. Ich werde deshalb immer wieder mit Lohnentzug bestraft, es heißt, ich verdürbe die Jugend. – Die jungen Leute können nicht verstehen, daß ich zurückgekehrt bin. Sie schätzen mein Wissen und meine Erfahrung, aber halten mich für einen behäbigen, feigen Onkel. – Sie haben Recht. – Doch warum sollte man Mut aufbringen für etwas, auf das es nicht ankommt?

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