Inhalt

Deutende Inhaltsangabe  [Wege und Irrwege der Interpretation]

In seinem „Faust“ bringt Goethe das Tragische und das unfreiwillig Komische des Menschen gleichermaßen auf den Punkt.

Das Drama wurde mehr als hundert Jahre überhöht, mystifiziert und mißverstanden. Seitdem diese Blase geplatzt ist, wird es unterschätzt (vor allem der 2. Teil).

Das Drama ist schockierend und desillusionierend, aber auch rauschhaft, kabarettistisch und verspielt. Es ist eines der virtuosesten und  gehaltvollsten Sprachkunstwerke der Weltliteratur, aber auch eines der verrücktesten:

  • Desillusioniert glaubt Faust, daß der Mensch seine Würde nur im Freitod wahren kann. Doch als er das Gift an seine Lippen setzt, überwältigen ihn Erinnerungen, die die Frühlingsgefühle seiner Jugend wiederbeleben. – [Der Konflikt zwischen Würde und Wirklichkeit]
  • Der Teufel erscheint, doch Faust verachtet ihn. Aus dem Pakt wird nichts. Aber Faust sieht plötzlich eine Chance, mit Hilfe des Teufels zu beweisen, daß das menschliche Leben wegen des Widerspruchs zwischen Würde und Wirklichkeit nur scheitern kann. Faust wettet, daß der Teufel es nicht schafft, Faust durch schöne Augenblicke dazu zu bestechen, sein Streben nach Würde aufzugeben. –  [Fausts Experimentalanordnung]  –  [Die Wette mit dem Teufel: Macht sich Faust zum Testpiloten Gottes?]
  • Faust ist dem Konflikt nicht gewachsen, er haut einfach ab und läßt Margarete sitzen – obwohl er weiß, daß sie öffentlicher Häme ausgesetzt sein wird, falls sie schwanger ist. – [Wald und Höhle]
  • Margarate ist schwanger. Aus panischer Angst vor einem Shitstorm („Häckerling streuen wir ihr vor die Tür!“) bringt sie ihr Kind nach der Geburt um. Dafür wird sie hingerichtet.  –  [Urlaubsparadies und Todeszelle]
  • Dann verliert Faust sich so hoffnungslos in eine virtuelle Realität von dem Top-Model Helena, dass Mephisto Rat suchen muß bei einer vom Fachidioten Wagner geschaffenen künstlichen Intelligenz. Sie ist hermaphroditisch und ein lebendes Wikipedia, lebensfähig aber nur im Reagenzglas. Das nervt sie total: sie will da unbedingt raus.  –  [Inhaltsangabe 2. Akt]
  • Doch zunächst schleppt sie den komatösen Faust auf eine mega Party mit, wo Faust eine Chance hat, sein virtuelles Top-Model in echt zu treffen: in der griechischen Walpurgisnacht. Mephisto, der ausländerfeindlich ist, sträubt sich, bis die Intelligenz ihm Sextourismus in Aussicht stellt.
  • Auf der Party zerschlägt die Intelligenz auf Rat eines uralten gestaltwandlerischen Meergeists ihr Reagenzglas, und löst sich ins Meer auf, um noch mal ganz von vorne mit dem Entstehen anzufangen.
  • Faust kriegt seine Chance, Helena anzumachen, und hat – dank Mephistos Inszenierungskünsten – damit auch Erfolg.  –  [Inhaltsangabe 3. Akt]   
  • Den hochbegabten Sohn, der dieser Verbindung entspringt (Euphorion), benutzen die Eltern um ihr persönliches „Arkadien“ zu inszenieren: ihren Traum von der heilen Familie.
  • Euphorion ist genervt, weil alle ihn so toll finden. Um dieser übergestülpten Rolle zu entkommen, will er ein Mädchen vergewaltigen, schafft es aber nicht. Dann will er in einen Heiligen Krieg ziehen, verunglückt aber aus Leichtsinn schon beim Aufbruch tödlich. – Nach seinem Tod zeigt sich, dass die Ehe ohne den Sohn keinen Bestand hat.  –  [Euphorion] 
  • Die Welt stürzt wegen des Zusammenbruchs von Fausts New-Economy zunehmend ins Chaos. Faust mischt bei dem daraus entstehenden Krieg eifrig mit, um als Kriegsgewinnler seine nächste Vision realisieren zu können: er will die Menschheit mit einem Landgewinnungsprojekt beglücken.  –  [Inhaltsangabe 4. Akt] 
  • Als Faust der Brandgeruch in die Nase steigt, kriegt er Schuldgefühle. Es gelingt ihm, eine Depression abzuwehren, indem er sich erneut in eine Fantasiewelt versteigt: in die Vision von seinem neuen Land. Das macht ihn blind für das, was wirklich vor sich geht: während er von freiem Volk auf freiem Grunde träumt, haben Kirche und Kaiser das neue Land längst für ihre Zwecke verplant.  –  [Faustische Verblendung – Goethes Formel für grandioses Scheitern]
  • Doch die Muttergottes macht den Zockern einen Strich durch die Rechnung: Sie schickt Jünglingsengel los, die mit einer Kombination aus Messdiener-Ernst und Stricherbuben-Verruchtheit den Teufel so aufgeilen, daß er die Seele kurz aus den Augen läßt – wusch, is‘ se weg.

Nachdem Goethe auf diese Weise Testosteron gesteuerte Lebensformen als Verlierer auf der ganzen Linie entlarvt hat, schließt er mit den Worten: „Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan“.  –  [Epilog: So modern wie verkannt? Das „Ewig-Weibliche“ als Goethes Formel für soziale Intelligenz]

Die Gesamtaufführungsdauer des Stückes beträgt bis zu 20 Stunden. Erst durch das Fernsehen wissen wir, was Goethes Faust wirklich ist: Eine Serie! Viele Folgen in zwei Staffeln…

Link zu Quellenangaben und Literaturnachweisen

Weiterlesen:
Der nächste Abschnitt auf dem Faust-Pfad:  Wette und Weltschmerz, zur Aktualität von Goethes Faust

Die Abkürzung:
Zusammenfassung der Interpretationen in einer Kurzgeschichte (mythologiefrei, ohne Gott und Teufel):
„Schief gewickelt – Faust erzählt straffälligen Jugendlichen von seinen Untaten und Irrtümern“  (Lesezeit 14 Minuten)

 

Weitere Empfehlungen:

(1) „Der kleine Gott der Welt bleibt stets vom gleichen Schlag und ist so wunderlich als wie am ersten Tag“ , das behauptet Mephisto. – „Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage“, spottet er später, und man könnte meinen, er habe dabei ARD und ZDF im Sinn gehabt. – Also habe ich an ARD und ZDF beispielhaft untersucht, was an Mephistos abschätziger Behauptung über uns Menschen dran ist: Gedanken zum Öffentlich-Rechtlichen-Rundfunk

(2) Zu verschiedenen Aspekten des Dramas gibt es „Parallelgeschichten“ im Sinne Goethes: Geschichten, in denen ein Gleiches in verschiedenen Erscheinungsweisen zum Vorschein kommt und dadurch erkennbarer wird. – Zu den „Parallelgeschichten“ unserer NetzSchriftenInitiative geht es hier. – Zu einem Überblick über alle Geschichten unserer Autoren geht es hier.

Zur historisch-kritischen Textausgabe geht es hier

 

 

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