Briefe aus der Zukunft

Eine Rhapsodie

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(1) Die Vorgeschichte

Paul arbeitete an der größten Maschine die je gebaut wurde, einem Teilchenbeschleuniger, kilometerweit durch den Berg getunnelt, um Phänomene zu erzeugen, von denen Auskunft erwartet wird, über das, was die Welt im Innersten zusammenhält. – Paul war 34. Seit 9 Jahren lebte er mit Lena zusammen, einer Juristin. Dank der Eltern hatten sie sich einen verlassenen, abgelegenen Hof an einem kleinen See als Wohnstatt herrichten können.

Sie waren so glücklich: Nachts liebten sie sich unter den Sternen, morgens frühstückten sie mit Blick auf die Berge. Vom Büro trennte sie eine halbe Stunde Gang durch den Wald und eine halbe Stunde Lesen in der Bahn.

Seit 4 Jahren war Lotte da. Lena und Paul konnten sich viel Zeit für ihre Tochter nehmen, sie verdienten gut, sie brauchten nicht viel zu arbeiten. – Lotte und ihr Papa hatten soviel Spaß miteinander, daß Lena fast eifersüchtig wurde.

Paul hatte als Student gerne gefeiert und Zugang zu einer Szene gefunden, der Jugend und Schönheit zum Rausch nicht reicht. Deshalb hilft sie mit Kokain und Alkohol nach. Paul hatte zwar weniger gefeiert als die meisten, aber für sein Hirn mehr als genug: Es hatte den Kick aus Koks, Alk und Sex als etwas äußerst Wünschenswertes festgeschrieben, so wünschenswert, daß es ab und zu erlebt werden müsse. – Doch als Lena in Pauls Leben getreten war, brauchte sein Hirn diesen Kick nicht mehr, und Paul hatte ihn schon fast vergessen.

Aber als Lena immer schwangerer wurde, da hatte ihm der Kick plötzlich wieder gefehlt. – „Ein oder zweimal noch!“, hatte er sich gesagt, „wenn Lotte da ist, hör ich wieder auf!“ – Zustatten kam ihm, daß Lena ihm zugestanden hatte: „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.“
Lena gehörte zu den Frauen, die trotz Jugend und Training nach der ersten Schwangerschaft nicht mehr so aussehen, wie davor. Für Paul war das kein Problem, Lena war einfach eine erotische Frau, ob mit oder ohne Makel. Doch sein Hirn nörgelte: früher wär aber mehr Kick gewesen. Paul wußte instinktiv, daß er bald damit Frieden schließen konnte. Doch genau das führte zum Unheil: „Ein oder zwei Mal noch, Mann, ich bin noch so jung, es muß doch wirklich nicht sein, daß ich jetzt schon wie ein Heiliger lebe! Ein oder zwei Mal noch, dann werd ich brav, versprochen!“ Indem er sich selber dieses Versprechen abnahm, erlaubte er sich den Kick aus der Studentenzeit weitere Male.

Die Forschungsmaschine befand sich nicht in Pauls Universitätsstädtchen. So mußte Paul alle zwei Monate für eine Woche weg, manchmal auch ein paar Tage länger. Dieses „Manchmal“ nutzte er für das, von dem Lena verlangte, daß sie es nicht zu wissen kriege.

So reiste Paul eines Dienstags vorgeblich zum Dienst, tatsächlich jedoch zur Party. Mittwochs kam er 6 Uhr früh zurück in seine Unterkunft, Abends um zehn würde seine Schicht beginnen. Er hatte es perfekt geplant: Er würde 12 bis 14 Stunden schlafen und dann in der Dienstnacht toppfitt sein. Paul hatte das schon mehrmals so gemacht, naja, wirklich toppfitt war er nie gewesen, aber er hatte sich nur unwesentlich beeinträchtigt gefühlt.

Paul hatte keinen Führerschein, über „Restalkohol“ hatte er sich nie Gedanken machen müssen, er hatte geglaubt: hat man den Rausch ausgeschlafen, ist der Alkohol raus. Und auch daran hatte er nicht gedacht: Wenn man als Student Saufen übt, wird man zum geübten Trinker, und die können nicht nur viel Alkohol vertragen (zumal, wenn sie dazu Kokain nehmen) sondern selbst wenn sie jahrelang kaum was getrunken haben, kann es denen mal noch passieren, daß sie  weit mehr trinken als gewohnt und beabsichtig, und zwar ohne daß sie es registrieren.

Als Paul sich Schlafen legte, hatte er 3,1 Promille, als er die Maschine beaufsichtigte, waren es noch 1,4, soviel, als hätte er eine Flasche Wein getrunken. Etwas überrascht war er schon, daß er sich nicht so fit fühlte, wie sonst. Aber woher sollte er wissen, daß er weit weniger fit war, als er glaubte?

Die üblichen Routinehandlungen kriegte er noch gut hin. Doch als sich plötzlich etwas Ungewöhnliches ergab, das schneller Reaktion bedurfte, da passierte es: Um gegenzusteuern, mußten Regler außer Griffweite betätigt werden. Paul war ein wenig zu fahrig, stolperte und fiel. Er hätte es trotzdem noch schaffen können, wenn jetzt nicht zur Alkoholisierung Hast, Angst und Schuld hinzugekommen wären, zuviel Beeinträchtigung für die Bewältigung des komplexen Vorgangs. Paul verlor die Kontrolle und an seinem Arbeitsplatz ereignete sich eine Explosion.

 

(2) Die Briefe

 

Liebe Lena,

ich bin schockiert, weil Ihr mich für tot halten müßt! Aber ich bin nicht tot! Der Unfall hat zu einem Sprung in der Zeit geführt, ich befinde mich im Jahre 4378! (Nach der neuen Zeitrechnung ist es das Jahr 1207.) Ich habe große Hoffnung bald zu Dir zurückkehren zu können! Ich kann mir einfach nicht vorstellen, daß wir beide leben, aber für immer getrennt sein sollen!

Ich weiß nicht, wie der Unfall passiert ist, ich habe eine zweitägige Erinnerungslücke. Als ich aufwachte, befand ich mich in einem Luxushotel, von dem gesagt wurde, es sei ein Krankenhaus. Das Haus lag direkt am Meer. – Mir fehlte der rechte Fuß, das war natürlich auch ein Schock, Schmerzen hatte ich aber keine, und jetzt läßt mich die raffinierte Prothetik das Fehlen des Fußes fast vergessen. – Ich lebe in einer großzügigen Villa am Strand und habe ein Büro im nahegelegenen Forschungsinstitut.

Es ist so idyllisch hier! Hinter dem Strand gibt es ausgedehnte paradiesische Gärten mit süd-lichen Früchten und dahinter nur noch Urwald. – Ich habe solche Sehnsucht nach Euch! – Ich habe mir einen Platz in den Dünen gesucht, einen Lieblingsplatz, wo ich in jeder freien Minute an Euch denke! – Es wird kühl, ich werde den Abend im Haus beschließen…

 

Liebe Lena,

ich bin wieder da! – Die Möglichkeit eines Zeitsprungs hätte man trotz aller wissenschaftlichen Fortschritte selbst im Jahre 4378 für unmöglich gehalten. Doch dann tauchte ich mit einigen Trümmern antiquierter Geräte plötzlich wie aus dem Nichts auf. (Die Experimentalmaschine ist eine andere, aber sie nutzen immer noch den gleichen Tunnel und die gleichen Räume.)
Es gibt in der historischen Datenbank eine Erwähnung des Unfalls. Daraus geht hervor, daß ihr glaubt, alles Fehlende sei verdampft, also auch ich (bis auf den Fuß). Auf die Idee eines Zeitsprungs scheint niemand auch nur im Traum gekommen zu sein. – Nein, Lena, ich bin nicht verdampft! Ich sitze hier am Strand, umtost von der Symphonie der Brandung, und denke nur an Dich und Lotte!

Obwohl die Physiker der Zukunft mir unendlich viel voraus haben, wurde ich kollegial aufgenommen. Ich bin hier der mit Abstand versierteste Experte für prähistorische Physik! (Ach, könntest Du mein Schmunzeln jetzt sehen!) Die Kollegen erhoffen sich für die Erforschung des Zeitsprungs viel von meinem Wissen über die damalige Anlage. – Aber wer am meisten hofft bin ich: Wenn wir Erfolg haben, springe ich sofort zu meinen beiden Mädchen zurück! Wie Ihr mir fehlt! (Jetzt könntest Du ein Tränchen sehen…) – Bis morgen Ihr Lieben!

 

Liebe Lena,

ich sitze wieder in den Dünen, auf „unserem“ Platz! – Solange ich hoffen kann Euch wiederzusehen, darf ich mich mit Euch verbunden fühlen und kann all das Wundersame, das mir hier begegnet, beim Schreiben mit Euch teilen!

Die Welt der Zukunft ist wunderbar! – Nach vielen Kriegen und Wirren gelang es der Menschheit im Jahre 3171, sich auf einen Neuanfang zu einigen. Die wichtigste Lehre aus der Geschichte war: die Zahl der Geburten radikal zu reduzieren, damit nicht mehr um Raum und Ressourcen konkurriert werden muß, sondern für jeden mehr als genug da ist – für jeden!

Jetzt leben nur noch 20 Millionen Menschen auf der Erde. Warum sollten wir auch mehr sein?Nur wenige Eiferer haben ein Interesse daran, mehr als zwei Kinder zu bekommen. Immer wieder gibt es das mal, daß sich eine Sekte in eine abgelegene Gegend zurückzieht und Kinderreichtum propagiert. Aber ihre Nachfahren sind meist aus den Wäldern wieder herausgekommen.

Fast alle Menschen leben in den warmen Gefilden: in Villen am Meer oder am See! Zwischen den Siedlungen gibt es einen halben Tagesmarsch weit menschenleeren Strand! – Im überwiegenden Teil unseres Planeten ist die Natur sich selbst überlassen. Nur sehr wenige leben dort, außer Forschern nur Sonderlinge und Sektierer. Und die Monumentenwärter: Die meisten Städte wurden von Robotern abgebaut und der Schutt entsorgt, aber einige Städte werden erhalten, sowohl als Mahnmal wie als Kuriosum. New-York und Tokio z.B. können noch in ihrer ganzen Ausdehnung besichtigt werden. – Den Menschen heute scheint es völlig absurd, daß Menschen einmal freiwillig so gelebt haben sollen! Sie stellen sich das als die Hölle vor! Sie fragen sich, ob die überlieferten Quellen nicht lügen und es sich nicht in Wirklichkeit um riesige Sklavenlager gehandelt haben muß. – Du, Lena, das fragen die sich wirklich! Die können einfach nicht fassen, wie wir leben!

Es ist üppig warm, ich lasse mich vom Abendrot hypnotisieren und von der Brandung berauschen – es wäre das Paradies, wenn ihr hier wäret! – Ich muß nun den Besucherraum verlassen und in mein Zukunftsgefängnis zurück… – Es gibt viel zu tun, ich werde erst in einigen Wochen wieder hier sein, am Tunnel durch die Zeit zu Euch…

 

Liebe Lena,

ich bin zurück! Es sind Wochen vergangen, ich habe viel erlebt und gelernt! – Du bist sicher gespannt, wie die Menschen sich hier vertragen. – Sie haben hier die Methode der „kooperativen Entscheidungsfindung“: Alle von einer Entscheidung Betroffenen sind dabei vertreten, und wenn Du in der Runde sitzt, mußt Du von jedem anderen in der Runde darstellen, wie Du seine Interessen und Befürchtungen verstanden hast und wie Du verstanden hast, warum er seine Ansprüche für berechtigt hält. Die Diskussion über die Sache ist stets verknüpft mit der Diskussion über die Interessen.

Doch es treten nur selten große Konflikte auf. Wie auch? Die schwere und stupide Arbeit wird von Robotern erledigt. Die Bauern lernen zwar noch, alles mit der Hand zu machen, ja, sie können sogar noch die Sense schwingen! Aber selber zupacken brauchen sie nur, wo sie es möchten. – Auch von jedem anderen Handwerk gibt es noch Meister, denn die Menschen wollen ohne Roboter nicht hilflos sein. – Fast alle Menschen sind bestens versorgt mit Bildung, Boden und Behausung.

Geld gibt es im Alltag nicht. Es würde niemandem einfallen, mehr Milch oder Mehl vom Bauern zu holen, als er braucht, es hätte auch keinen Sinn, er könnte es ja niemandem verkaufen! – Das gilt auch für die Alltagstechnik: Was will man mit mehreren Fernsehern, Laptops oder Küchenmaschinen? Falls doch jemand sich zu oft einen neuen Laptop holt, fällt das auf, und es wird gefragt, weshalb er soviele brauche, ob er vielleicht zu sorglos damit umgeht und sie z.B. im Regen stehen läßt.

Größere Technik wird kollektiv genutzt. Autos gibt es kaum noch, nur einige Gelände- und Lastwagen. Kleinere Strecken werden mit Pferd, Kamel oder Rad zurückgelegt, größere mit Zug oder Flugzeug. Jede Siedlung verfügt über einen kollektiven Flugpark und fast jeder kann fliegen! Auch hier würde jeder, der auffällig oft die Flugzeuge nutzt, angesprochen und – falls er sein Verhalten nicht ändert – zur Kasse gebeten.

Nur für solche Sonderwünsche gibt es noch Geld. Dafür bekommt jeder eine Art „bedingungsloses Grundeinkommen“, nicht viel, in unserer Kaufkraft etwa 200 Euro im Monat. Aber in der Regel braucht man eben auch jahrelang nichts kaufen, so daß das Geld gespart werden kann für ein Klavier, Vergnügungstechnik, Antiquitätenmöbel oder Kunstwerke.
Natürlich gibt es einige, die reicher sind als andere. Das sind meist hochbegabte Künstler, Sportler oder Wissenschaftler, die besonders herausgehobene und bedeutende Leistungen vollbringen.

Aber es gibt auch besonders Fleißige, z.B. Schneider, die Kleiderkunst nach Entwürfen von Künstlern maßschneidern. Die Menschen sind sich ja gleichgeblieben, sie haben immer noch ihr gutes altes Rudeltiergehirn mit seinem Bestreben, um Status zu konkurrieren. Und so werten manche, die keine besondere Begabung haben, ihren Status auf, indem sie fleißig sind, um ihre Villa zum Schloß zu erweitern oder ein eigenes Spaßflugzeug zu besitzen.

Finanzwirtschaft gibt hier es nicht. Soetwas wie eine Privatindustrie, an der man sich mit Investitionen beteiligen kann, gibt es nur noch auf den Gebieten der Vergnügungstechnik. Es käme den Menschen hier pervers vor, wenn jemand privat am Bedarf der Allgemeinheit verdienen würde.

Einige Konflikte gibt es natürlich auch hier. So sahen es z.B. die Einwohner einer großen Insel nicht mehr ein, sich an den weltweiten Kollektivprojekten zu beteiligen. Sie wollten lieber mehr Freizeit und mehr Sportflugzeuge. – Ein solches Ausscheren wird toleriert. Doch nach vielen Gesprächen kamen die Inselbewohner zu dem Ergebnis, daß der Gewinn in keinen Verhältnis stehen würde zu dem Verlust an Selbstachtung, der verbunden gewesen wäre mit einem Verlassen der Weltgemeinschaft wegen kleinkarierter Vorteile.

Das nächste Mal schreibe ich Dir von dem Faszinierensten, das es hier gibt! Jetzt ist es zu heiß, die Wellen locken – schade bloß, daß ich das alles nicht mit Euch zusammen erleben kann!

 

Liebe Lena,

ich sitze wieder an „unserem“ Platz und tunnle durch die Zeit zu Dir! – Die Menschen haben Monumente geschaffen, die erlebbar machen, über welche Vermögen von Geist und Kraft die Menschheit verfügt, wenn sie zusammenhält. – Einige habe ich bereits besucht: Die Kugel, den steinernen Turm, die Halle, das Feld.

Die Kugel besteht aus zwei Halbkugeln von einem Kilometer Durchmesser. Die eine ist 500 m hoch, innen eine symetrische Anordnung verschieden großer Säle in unvorhersehbaren Kombinationen, die andere ist daneben 500 Meter tief in den Boden gegraben, mit Wegen bis zum Grund.

Der steinerne Turm ist 900 Meter hoch! Seine steinernen Gewölbe bilden riesige Hallen, die von Brücken durchquert werden. – Das Strebewerk, das den Schub der Gewölbe aufnimmt, reicht weit in die Landschaft hinein. Mit den steinernen Bögen, durch die seine hohen Mauern sich gegenseitig stabilisieren, wirkt es wie ein steinernes Netz: ein unglaubhaftes Spiel mit der Schwerkraft!

Beide, Kugel und Turm, sind „sakrale“ Monumente. „Sakral“ hat hier nichts mit Glaube zu tun, die Zeit der Religionen ist vorbei. „Sakral“ bedeutet hier: bestimmt für die Besinnung auf unser Dasein. – Für sakrale Monumente gelten besondere Regeln: Ihre Baustoffe müssen natürlich sein und dürfen nicht mit Hilfe von Robotern gewonnen werden. Bei Transport und Bau dürfen nur einfache Maschinen benutzt werden: Lastwagen, Bagger und Kran, was anderes ist nicht erlaubt. Das ist wichtig, denn alle Monumente, vom Steineklopfen bis zum Schlußstein, hätten von Robotern erbaut werden können. Aber wären es dann Monumente der Menschheit?

Viele Generationen von Freiwilligen haben daran mitgewirkt. Einige haben ihr ganzes Leben an den Baustellen, Steinbrüchen oder Ziegelöfen verbracht. Andere kamen nur einmal in ihrem Leben für eine paar Wochen oder Monate, wieder andere jedes Jahr ein paar Wochen oder Monate. – Erfahrene Meister achteten darauf, daß niemand sich überanstrengte. Kein Gelenk sollte zu Schaden kommen. – Jeden Abend gab es ein Fest, ein Konzert, einen Vortrag oder Gespräche mit Wissenschaftlern und Weisen. Es gab Zeiten, da war das Bauen wegen der Feiern und der Musik so begehrt, daß Wartelisten geführt werden mußten. Doch immer wieder geriet es auch aus dem Takt, so daß über Jahre mehr gefeiert und gefaulenzt als gebaut wurde. – Alle die mitgeholfen haben, durften sich „verewigen“ mit einer selbst geschaffenen Skulptur, deren Größe je nach der Dauer der Mitarbeit von Daumen- bis Säulengröße reicht, aufgestellt in ausgedehnten Skulpturenparks rund um die Monumente. Im größten Park stehen über 100 000 Skulpturen.

Die nicht-sakralen Monumente sind gänzlich von Roboter erbaut worden, der stählerne Turm z.B.: er ist 12 Kilometer hoch, auf einer drei Quadratkilometern großen Grundfläche! – Er ist erbaut aus dem Stahl abgebauter Städte und spektakulär gestaltet, mit faszinierenden Klüften und Vorsprüngen. – Der Turm ist voll verglast und ein einziger großer Raum, unregelmäßig durchzogen mit verglasten Zwischenwänden und -böden. – Aufzüge gibt es nicht, in keinem Monument übrigens. – Behindertenfeindlich ist das nicht, weil Exosklette hier so selbstverständlich sind, wie bei uns Rollstühle. – Es gibt im Turm über 200 Cafes, 24 Hotels mit Bädern und Wellness-Oasen, sowie Rutschen, die von 1200 Höhe Metern mehr als zwei Kilometer weit in die Landschaft hinein führen.

Aber so großartig die Erlebnisse der Monumente auch sind: sie haben alle einen Stich, solange ich von Euch getrennt bin! Ich werde jetzt hier noch in der Abendstimmung an Euch denken, bis mich die Kühle ins Haus treibt!

 

Liebe Lena,

ich war wieder auf Reisen und habe erneut viel gelernt! Ich werde mich auf Pilgerschaft begeben, auf Pilgerschaft zu den Monumenten des Leids. – Seitdem die Menschen ihr Dasein genießen können, gilt ihnen die Beschäftigung mit dem Leid in der Geschichte als eine Pflicht der Solidarität gegenüber denen, die die Grausamkeit ihrer Artgenossen oder die Härte des Schicksals zu spüren bekamen. Die Monumente des Leids sollen den Besuchern das Gefühl vermitteln, denen, die gelitten haben, im Geiste beizustehen, und sie nachträglich für das Durchgestandene anzuerkennen.

Doch die Beschäftigung mit dem Leid gilt auch als wichtige Erkenntnisquelle: als Desillusionierung über das Leben. Die Desillusionierung soll verhindern, daß je wieder Illusionen entstehen, die Menschen grausam, herzlos, gleichgültig und unsolidarisch gegen andere Menschen machen: Es fällt uns schwer, uns vorzustellen, daß uns das Gleiche passieren kann, was anderen passiert. Und es fällt uns schwer, das Ausmaß der Unverdientheit des Guten wie des Schlechten zu begreifen, die Sinnlosigkeit des Zufalls. Wenn wir in besseren Verhältnissen leben als andere, neigen wir dazu, zu glauben, daß es schon irgendeinen Sinn hat, daß ausgerechnet wir vom Schicksal begünstigt sind, oder daß wir oder unser Stand oder Land, es in irgendeiner Weise verdient haben. Und falls jemand eine Mitschuld an seinem Schicksal trägt, verkennen wir die Unverhältnismäßigkeit zwischen Schuld und Schicksal. – Und es fällt uns schwer, uns in die existentielle Not Leidender einzufühlen, zu fühlen, was Leid und Not bedeuten, also, nicht nur, wie schmerzhaft sie sind, sondern vor allem, wie unerträglich der damit verbundene Verlust von Potential und Lebenssinn ist.

Diese Illusionen ermöglichen Kriege, Unrecht und Grausamkeit, und tun den Leidenden noch im Nachhinein Unrecht.

So entstanden die Monumente des Leids. Man muß sich auf ihren Besuch lange vorbereiten. Denn sie sind wortlos. Dort gibt es nichts zu lesen oder zu hören, nur zu schauen. – Die Vorbereitungen bestehen in Lektüre über unsere Geschichte, über die Grausamkeiten früherer Krankheiten und Naturkatastrophen, ja sogar über die Grausamkeiten des Schicksals einzelner Menschen. – Ich wurde zum Besuch zugelassen, da ich den Zeiten des Leids näherstehe. Sie gehen davon aus, daß wir im Jahre 2020 uns mit den Katastrophen vor und neben uns beschäftigen: mit dem Holocaust, mit den unfaßbar grausamen Kriegen in Afrika um die Rohstoffe für unsere Alltagselektronik, und mit den Zehntausenden von Fluchttoten auf den Meeren, deren Rettung unterbunden wird, um nicht noch mehr Menschen zur Flucht zu bewegen.

Es gibt 24 Monumente des Leids. Sie befinden sich tief in den Urwäldern.

Obwohl sie zu den sakralen Monumenten zählen, ist bei ihnen an Stoff und Technik alles erlaubt. Verboten ist dagegen alles Spektakuläre, es würde von Solidarität und Desillusionierung ablenken. Das Spektakuläre ist Sache der anderen Monumente.

Die Monumente des Leids sind riesig, sie haben eine Ausdehnung von 24 mal 24 Kilometern, doch es heißt, sie hätten keine Ähnlichkeit mit Städten, sondern es seien architektonische Skulpturen. – Es dürfen nur maximal 480 Menschen gleichzeitig das Monument durchwandern, und sie müssen das alleine tun, nicht Paar- oder Gruppenweise.

Die Hotels der Pilger sind schlicht aber nicht unkomfortabel. Möglicherweise mutet Dir das merkwürdig an: Komfort da, wo es darum geht, das Leid zu ermessen? Aber es geht eben darum: es zu ermessen, nicht, davon etwas zu erleiden. Jedes analoge Moment des Leidens soll abwesend sein, um die Erlebnisfähigkeit nicht zu beeinträchtigen. – Es gibt auch kein realistisches Abbild menschlichen Leids, keine Kriegsbilder, keine Folterwerkzeuge, keine Modelle von Lagern und Kerkern oder sonst etwas. Die Monumente sollen kein Gemälde sondern eine Symphonie des Leids sein, das Leid soll allein durch Architektur erahnbar werden.

Übrigens wird die Nahrung für die Pilger rund um die Monumente angebaut. Es gilt als kollektive Aufgabe, daß immer genügend Bauern und Helfer dort sind. Es gab noch nie Engpässe. Falls es mal nicht genügend Freiwillige gibt, wird diskutiert, wer geht, und alle Menschen haben eine große Bereitschaft, falls nötig, dort Dienst zu tun.

Doch das Eigentümlichste besteht darin: Niemand redet über seinen Besuch, ja: es wird nicht einmal darüber geredet, daß man dorthin fährt oder dort war, und es wird auch nicht danach gefragt. (Danach zu fragen wäre so unschicklich, wie früher unter Gläubigen die Frage: „Hast du heute schon gebetet?“ Was mußte das irgendjemanden interessieren außer Gott, als es ihn noch gab?) – Die Besuche der Monumente des Leids werden immer mit Reisen zu den anderen Monumenten kombiniert, wird man gefragt, wohin man reist, muß man nie lügen.

Natürlich besteht wegen der Geheimniskrämerei die Gefahr von Neugier und Tourismus. Aber es wird auch gesagt, daß die Monumente ja nicht spektakulär seien und ihr Besuch deshalb bestimmt langweilig und anstrengend. Jeder, mit dem ich darüber redete, sagte, er selber würde wohl nicht hinfahren, doch der große Aufwand, der für die Monumente betrieben worden sei, sei nicht schade, denn es wäre wichtig, daß es soetwas gebe, und selbstverständlich würde man selber dort auch eine Zeit lang Dienst tun, falls es mal Engpässe gebe.

PS.: Eigentlich ist es Unsinn, weiter zu schreiben. Vor einigen Stunden brachten die Kollegen mir neue Forschungsergebnisse: Es gibt keinen Weg zurück zu Dir, Lena! Ich konnte mich davon überzeugen, daß Zeitsprünge nur in einer Richtung möglich sind: in die Zukunft. Aber selbst wenn das nicht stimmt: um etwas anderes herauszufinden, bräuchten wir eine Physik, von der wir noch viele Generationen entfernt sind. Nicht mal Lotte würde einen meiner Briefe noch erhalten…

Doch das Schlimmste ist: Dieser Schock hat meine Erinnerung geweckt: Ich weiß jetzt, was passiert ist! Und ich weiß, daß Du es auch weißt: die Spuren von Alkohol und Kokain im Blut des abgerissenen Fußes!

Lena!, mit keinem Wort kann ich Dir die Aufrichtigkeit meiner Reue bekunden, meine Zerknirschtheit, den Schock über meinen Fehler, meine Dummheit, meine Gedankenlosigkeit! – Glaub mir, die Schuld brennt wie Feuer, ich kann es nicht fassen, wie ich so verantwortungslos handeln konnte! – Aber noch schlimmer ist: Wie kann ich sicher sein, daß Du jetzt nicht zweifelst an meiner Liebe? Ich habe bloß ein paar Windungen meines Männergehirns mal ein wenig zugestehen wollen! Nur das, sonst nichts! – Ich weiß nicht, wie Du es auffasst! Ich weiß nicht, wieviel es vom gemeinsam Erlebten und damit von Deinem Leben kaputtmacht. – Und Lotte nehme ich den Vater! – Ich muß davon ausgehen, daß ich jetzt für Dich der Blender bin, der immer nur so getan hat, als ob, aber in Wirklichkeit Dich mit Kokain, Alkohol und Sex hinterging – der Deine und Lottes Liebe verrät wegen unreifer Späße – ein charakterlich primitiver verantwortungsloser Selbstsüchtiger, gefühllos und unfähig, zu ermessen, was Liebe und Vaterschaft wert sind …

Ich bekomme keine Chance, irgendetwas von dem wieder gut zu machen, was ich kaputt gemacht habe vom Leben der beiden Menschen, die mir das Liebste und Wichtigste sind auf der Welt!

Mir wird plötzlich so kalt – es ist beunruhigend still geworden, es stimmt etwas nicht – es tosen keine Brecher mehr ans Land, der Ozean zieht sich zurück – es ist plötzlich so einsam um mich, wo sind die Wellenreiter, die Kinder mit ihren Drachen – – ein Tsunami! – – ich kann nicht aufstehen – ich bin gelähmt! – das hier ist jetzt Tatsache, nicht Traum, nein, Tatsache! – das war´s, das war mein Leben! – hätte ich doch wenigstens eine Chance, wenigstens hier, in dieser schönen neuen Welt, etwas von meiner Schuld wieder gut zu machen! – in der Weite sehe ich die Welle wachsen – sie wird schnell größer, sehr schnell, ein Berg, ein gewaltiger Berg rast auf mich zu

(3) Die Zeitungsnotiz

„Wie erst jetzt bekannt wurde, ereignete sich letzte Woche ein Unfall in einem Segment des Teilchenbeschleunigers. Der diensthabende 34-jährige Physiker erlag gestern im Krankenhaus seinen Verletzungen. Es gelang nicht, ihn aus dem Koma zu erwecken, er konnte über den Unfallhergang keine Auskunft mehr geben“.