Die optimale Kombination

Dieser kleine Sketch beleuchtet Implikationen der Philosophie des Strebens: daß der Mensch, so wie er ist, nicht gut genug sei.

(Der Text ist als PDF runterladbar hier.)

Daniel Seefeld

Die optimale Kombination

Unser Produkt „Genetische Optimierung für Mädchen“ hielt nicht, was es versprochen hatte, wir hatten Reklamationen in Millionenhöhe. – Den Vorwurf, das Produkt nicht gut genug durchdacht zu haben, hatte ich entkräften und Konsequenzen für meine Abteilung gerade noch abbiegen können. Die Vorgaben waren schuld, nicht wir.

Dabei hatte alles so gut angefangen! Wir sind das innovativste Biotechnologie Unternehmen der Welt. Einen Namen haben wir uns gemacht mit der Optimierung der gängigen Körperwuchsmodulationen. Die optimalen Proportionen von Beckenbreite, Oberschenkellänge, Taillenumfang usw. gab es ja längst an jeder Ecke zu kaufen. Wir hatten als erste ein Verfahren entwickelt, der Gestaltung des Nachwuchses eine persönliche Note aufzuprägen, z.B. die Beindicke stufenlos zwischen gazellenschlank und athletisch zu wählen und die Nasenform zwischen main-stream und charakteristisch. Aber ganz groß raus gekommen waren wir mit der Möglichkeit, auch Geistesgaben und Charakteranlagen genetisch zu optimieren. So hatten wir schließlich die erste optimale Kombination für Mädchen in unserer Produktpalette, das Modell „HelenaMozart“, für Töchter, schöner als Supermodells und genialer als Mozarts. Damit hatten wir unsere Konkurrenz, die bis dahin Marktführer mit ihrem Modell „Schneewittchen“ gewesen war, weit abgeschlagen.

Was hatte nicht funktioniert? Meiner aufwändigen Fehleranalyse ist es zu verdanken, daß wir jetzt klar sehen, daß der Ansatz falsch war:
Die Mädchen waren zu liebenswürdig. Schon als Kind lösten sie durch Anmut und Aufgewecktheit Gefühle aus, sie zu beschenken. In der Pubertät reiften sie schnell zu hochattraktiven jungen Frauen heran, die sich durch das wertschätzende Interesse, das sie an allen nahmen, aber auch durch Zurückhaltung, Verbindlichkeit und Taktgefühl überall Sympathien erwarben. Alle wollten mit ihnen zu tun haben. Bei Männern lösten sie überwältigende Impulse aus, ihnen zu Füßen zu fallen, alles für sie herbeizuschaffen, barfuß übers Gebirge zu gehen, ja, ihre Seele an sie zu verkaufen. Die Mädchen brauchten dazu bloß ihren optimierten natürlichen Verhaltensbereitschaften freien Lauf zu lassen. So bekamen sie auch ohne genial sein zu müssen, von Erwachsenen und Gleichaltrigen alles, was für ein wunderbares Leben nötig ist. Sie entwickelten sich zu völlig normalen liebenswürdigen Frauen. Alle heirateten überdurchschnittlich erfolgreiche Gatten. Alle lebten trotz Heirat sexuell höchst freizügig, denn ihre Gatten hatten wegen des beruflichen Erfolgs zu wenig Zeit und die jungen Frauen konnten mit einem Augenaufschlag die attraktivsten Männer verrückt machen. – Man hat uns vorgeworfen, das Design des von uns verwendeten Charaktergenoms sei unausgereift. Das ist nicht der Fall. Unser MutterTeresaModul funktioniert nachweislich absolut zuverlässig und fehlerfrei. Wir konnten durch meine Fehleranalyse nachweisen, daß die Gatten schuld waren: Aus Verlustangst sahen sie über alles hinweg. Diese Toleranz signalisierte den Frauen, daß ihre sexuelle Freizügigkeit für ihre Gatten wohl nicht so schlimm sein könne, denn was Schlimmes toleriert man ja nicht. Das Verhalten der Frauen war völlig logisch: Um dem Nachwuchs optimale Bedingungen zu garantieren, wählten sie die erfolgreichsten Männer als Väter. Die Nebenfolge der sexuellen Vernachlässigung versuchten sie zu kompensieren, indem sie instinktiv und unschuldig ausprobierten, was denn passieren würde, wenn sie ihre verbleibenden sexuellen Bedürfnisse mit andern Männern stillten. Und als nichts passierte, setzten sie dieses Verhalten einfach fort. In den wenigen Fällen, in denen die Gatten die Seitensprünge ihrer Gattinnen nicht tolerierten, zeigte sich die hohe Bereitschaft der jungen Frauen zu ehelicher Treue, denn sie liebten ihre Gatten und wollten ihnen nicht weh tun.
Unser Fazit war: Schon als Kleinkindern wurde den Mädchen aufgrund ihres Wesens und ihrer Erscheinung alles an Stillung geschenkt, was möglich war. Sie waren von Anfang an völlig glücklich und zufrieden. Es bildete sich in den Mädchen kein Ziel aus, für das Genialität Sinn gehabt hätte. Trotz Mozart-Modul wurden sie einfach nicht genial, es entwickelten sich keine Mozartinen. Aber auch keine Pseudo-Mozartinen! Dieser Umstand ist noch nicht im Geringsten gewürdigt worden! Unsere Mädchen waren so holdselig und liebenswürdig, daß die Eltern es nicht übers Herz brachten, sie zu drillen. Und sie für etwas zu faszinieren, vermochten sie nicht. Denn die Eltern waren ja selber an nichts der Sache wegen, an Allem nur des Erfolges wegen interessiert gewesen.
Nur bei einem einzigen Mädchen verlief die Entwicklung anders, sie ist jetzt eine der bedeutensten Menschen der Welt, aber wir dürfen aus Diskretionsgründen ihren Namen nicht verraten: Ihre Eltern starben bei einem Autounfall. Sie kam in ein Heim. Dort wurde sie gerade wegen ihres holden Wesens von den andern Kindern angefeindet, denn man fand es gemein, daß sie so eine privilegierte Kindheit gehabt hatte und jetzt auch noch alles an Aufmerksamkeit und Gebebereitschaft auf sich zog, ohne sich dafür anstrengen zu müssen, ja, sogar ohne ihr vorwerfen zu können, es darauf anzulegen, sondern einfach, weil sie so war, wie sie war. Das Mädchen geriet in eine Außenseiterposition. Die soziale Frustration führte dazu, daß sie in nicht-sozialen Aktivitäten Sinn und Befriedigung suchte. Die dabei entzündete Faszination an der Sache, für die sie nun berühmt ist, aktivierte nach und nach das ganze Ausmaß ihrer Begabung.
Wir können keine funktionierenden KonzeptKind-Produkte anbieten, die nur auf Genmodulation basieren. Komplexe KonzeptKind-Produkte funktionieren nur, wenn sie im Rahmen eines Multifaktorenpackets angeboten werden, das verbürgt, daß die genoptimierten Kinder auch entsprechend gehalten werden. Wie spricht der Dichter:

„Es ist nunmal so: Das Hirn wächst von selbst nicht so schön wie der Po.“

Wenn die Module ihr Potential nicht entfalten, sind die Eltern schuld. Das ist jedoch eine Botschaft, die sich – laut unserer Marketing-Abteilung – zur Zeit nicht verkaufen läßt.

Aber mal ganz unter uns: Für was braucht man auch ein Mozart-Modul?

 

 

Anmerkung des Herausgebers:  Eigenartig sind die Parallelen dieser Satire zu der düstersten unserer Geschichten: Die Findelkinder

Schreibe einen Kommentar