Zur Homunkulus-Thematik

Dieser kleine Sketch beleuchtet Implikationen der Philosophie des Strebens: daß der Mensch, so wie er ist, nicht gut genug sei. (Lesezeit: 6 Minuten)

 

Daniel Seefeld

Die optimale Kombination

Unser Produkt „Genetische Optimierung für Mädchen“ hielt nicht, was es versprochen hatte, wir hatten Reklamationen in Millionenhöhe. – Den Vorwurf, das Produkt nicht gut genug durchdacht zu haben, hatte ich entkräften und Konsequenzen für meine Abteilung gerade noch abbiegen können. Die Vorgaben waren schuld, nicht wir.

Dabei hatte alles so gut angefangen! Wir sind das innovativste Biotechnologie Unternehmen der Welt! Wir hatten als erste ein Verfahren entwickelt, auch Geistesgaben und Charakteranlagen genetisch zu optimieren. So hatten wir schließlich die erste optimale Kombination für Mädchen in unserer Produktpalette, das Modell „HelenaMozart“, für Töchter, schöner als Supermodells und genialer als Mozarts. Damit hatten wir unsere Konkurrenz, die bis dahin Marktführer mit ihrem Modell „Schneewittchen“ gewesen war, weit abgeschlagen.

Was hatte nicht funktioniert? Meiner Fehleranalyse ist es zu verdanken, daß wir jetzt klar sehen, daß der Ansatz falsch war:

Die Mädchen waren zu liebenswürdig. Schon als Kind lösten sie durch ihre Anmut Gefühle aus, sie zu beschenken. In der Pubertät reiften sie schnell zu hochattraktiven jungen Frauen heran, die sich überall Sympathien erwarben: Sie nahmen an allen Menschen ein warmes, wertschätzendes Interesse und waren musterhaft bezüglich Zurückhaltung, Verbindlichkeit und Taktgefühl. Und das wirkte um so authentischer, als die Mädchen dafür keine Mühe aufwenden, sondern bloß ihren optimierten angeborenen Verhaltensbereitschaften freien Lauf zu lassen brauchten.

Alle Leute wollten mit ihnen zu tun haben. Bei Männern lösten sie überwältigende Impulse aus, ihnen zu Füßen zu fallen, alles für sie herbeizuschaffen, barfuß übers Gebirge zu gehen, ja, ihre Seele an sie zu verkaufen. – Und natürlich heirateten alle unsere Produktträgerinnen die attraktivsten und erfolgreichsten Männer. – Sie lebten allerdings trotz Heirat sexuell freizügig, denn ihre Gatten hatten wegen des beruflichen Engagements zu wenig Zeit, und die jungen Frauen konnten mit einem Augenaufschlag die attraktivsten Männer verrückt machen. – Man hat uns vorgeworfen, das Design des von uns verwendeten Charaktergenoms sei unausgereift. Das ist nicht der Fall. Unser Mutter-Teresa-Modul funktioniert nachweislich absolut zuverlässig und fehlerfrei. Wir konnten durch meine Fehleranalyse nachweisen, daß die Gatten schuld waren: Aus Verlustangst sahen sie über alles hinweg. Diese Toleranz signalisierte den Frauen, daß ihre sexuelle Freizügigkeit für ihre Gatten wohl nicht so schlimm sein könne, denn was Schlimmes toleriert man ja nicht.

Das Verhalten der Frauen war völlig logisch: Um dem Nachwuchs optimale Bedingungen zu garantieren, wählten sie die erfolgreichsten Männer als Väter. Die Nebenfolge der sexuellen Vernachlässigung versuchten sie zu kompensieren, indem sie ausprobierten, was denn passieren würde, wenn sie ihre verbleibenden sexuellen Bedürfnisse mit andern Männern stillten. Und als niemand sich beschwerte, setzten sie dieses Verhalten einfach fort. – In den wenigen Fällen, in denen die Gatten die Seitensprünge ihrer Gattinnen nicht tolerierten, zeigte sich die hohe Bereitschaft der jungen Frauen zu ehelicher Treue, denn sie liebten ihre Gatten und wollten ihnen nicht weh tun. Sie mußten bloß eindeutig wissen, was den Gatten wichtig war und was nicht.

Unser Fazit: Schon als Kleinkindern wurde den Mädchen aufgrund ihrer Niedlichkeit und Anmut alles an Stillung und Anerkennung geschenkt, was möglich war. Sie waren von Anfang an völlig glücklich und zufrieden. Sie hatten wenig Bedarf an Erlebnissen von Erfolg und Faszination, wie sie mit Tätigkeiten des Erforschens oder Erfindens verbunden sind. Es bildeten sich in den Mädchen keine Bestrebungen aus, für die Genialität Sinn gehabt hätte. Trotz Mozart-Modul wurden sie einfach nicht genial, es entwickelten sich keine Mozartinen.

Doch ein Umstand ist bisher noch nicht im Geringsten gewürdigt worden! Unsere Mädchen waren so holdselig und liebenswürdig, daß die Eltern es nicht übers Herz brachten, sie zu drillen! Das wäre für meisten Eltern der einzige mögliche Weg gewesen, die Genialität ihrer optimierten Kinder zu aktivieren. – Natürlich hätten die Eltern das auch durch Faszination schaffen können, theoretisch. Praktisch hat sich gezeigt, daß das noch in keinem einzigen Fall vorgekommen ist. Unsere Untersuchungen dazu ergaben: Die Eltern waren selber von nichts fasziniert! Es gab keine einzige Sache, an der sie allein der Sache wegen interessiert waren, sie waren an Allem nur des Erfolges wegen interessiert.

Doch bei einem einzigen Mädchen verlief die Entwicklung anders, sie gehört jetzt zu den bedeutensten Menschen der Welt. (Aus Diskretionsgründen nennen wir keinen Namen.) Ihre Eltern starben bei einem Autounfall. Sie kam in ein Heim. Dort wurde sie von den Kindern gerade wegen ihres holden Wesens angefeindet, denn die andern Kinder fanden es gemein, daß unsere Produktträgerin nach einer so privilegierten Kindheit jetzt auch noch alles an Aufmerksamkeit und Gebebereitschaft auf sich zog, ohne sich dafür anstrengen zu müssen, ja, sogar ohne ihr vorwerfen zu können, es darauf anzulegen, sondern einfach, weil sie so war, wie sie war. – Das Mädchen geriet in eine Außenseiterposition. Die soziale Frustration glich sie aus, indem sie ohne zu ahnen, wohin das führen könnte, in einsamen Aktivitäten Sinn und Befriedigung suchte: in Erforschen und Erfinden. Die dabei entzündete Faszination an der Sache, für die sie nun berühmt ist, aktivierte nach und nach das ganze Ausmaß ihrer Begabung.

Wir können keine funktionierenden KonzeptKind-Produkte anbieten, die nur auf Genmodulation basieren. Komplexe KonzeptKind-Produkte funktionieren nur, wenn sie im Rahmen eines Multifaktorenpackets angeboten werden, das verbürgt, daß die genoptimierten Kinder auch entsprechend gehalten werden. Wie spricht der Dichter:

„Es ist nunmal so: Das Hirn wächst von selbst nicht so schön wie der Po.“

Wenn die Module ihr Potential nicht entfalten, sind die Eltern schuld. Das  jedoch ist eine Botschaft, die sich – laut unserer Marketing-Abteilung – zur Zeit nicht verkaufen läßt.

Aber mal ganz unter uns: Für was braucht man auch ein Mozart-Modul?

 

Anmerkung des Herausgebers:  Eigenartig sind die Parallelen dieser Satire zu der düstersten unserer Geschichten: Die Findelkinder

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