Filmkritik

Übersicht:

Der Marsianer – oder: Warum Hollywood nicht weltraumtauglich ist

Blochin – oder: Die Möchte-Gern-Qualität des ZDF

Oh Boy

Sukorov: Faust

Tukur-Tatort „Im Schmerz geboren“

Der ZDF-Krimiabend, wie lächerlich will sich das ZDF machen? 

Rommel-Bommel, Histo-Trash in der ARD 

Laienspiel. Über den Tatort „Der hundertste Affe“

Betrug am Kunden: „Schokolade für den Chef“

Professioneller Dilletantismus bei ARD und ZDF: Die Serie „Das Verschwinden“ als Symptom

 

Der Marsianer – oder: warum Hollywood nicht weltraumtauglich ist

„Der Marsianer“ ist kein Film sondern eine Verfilmung. Sie hält sich eng an die Vorlage, sie bildet den Roman im Medium des Films ab, in weniger als 3 Stunden. Das Ergebnis: Eine Überfrachtung mit Information. Es ist, als spiele man eine Klaviersonate dreimal so schnell. –

Die Informationsphilosophie der Verfilmung ließ es nicht zu, daß es Zeit zur Entfaltung gab. Alles wurde bloß angerissen und das teilweise schlecht. Sowohl die grandiosen Bilder als auch die grandiosen schauspielerischen Leistungen wurden zur Kulisse treudoofen Nacherzählens. – Warum generieren die so ein tolles Raumschiff und so tolle Landschaften und zeigen sie dann immer nur sekundenlang? Theaterprofi Goethe gibt die Antwort: „Versuche nur, sie zu verwirren, sie zu befriedigen ist schwer“. Hollywood hat Angst vor seinen Zuschauern. Ein tolles Raumschiff länger als ein paar Sekunden ins Bild zu setzen könnte ja die Abgestumpften langweilen! Und da sie offenbar den Markt der Abgestumpften erobern wollen, setzen sie auf Reizüberflutung – und stumpfen damit alle ab… Da ist es dann auch egal, ob man dem Roman gerecht wird…

Die Veranschaulichung des „astronautischen Denkens“, wie ich es nennen möchte, die den Roman so lesenswert macht, leistet seine Verfilmung nicht. „Astronautisches Denken“, das habe ich durch den Roman gelernt, heißt: Verzweiflung zu bewältigen durch Planhierachien des Handelns: Jemand hat keine Ahnung, wie er das Wasserproblem lösen kann, er muß davon ausgehen, daß er in einer Woche verdurstet ist, aber das kümmert ihn erstmal nicht weiter, denn wenn er das Energieproblem nicht löst, ist er in ein paar Stunden erfroren. – Astronautisches Denken heißt auch: nicht aufzugeben, bevor man nicht alles Verfügbare auf all seine Möglichkeiten untersucht hat. Der Roman ist ein Plädoyer für die Kunst zweckentfremdenden Denkens und eine Absage an Bedenkenträgerei und an die Scheindesillusioniertheit der „Das-Bringt-Doch-Nichts“-Besserwisser. – Natürlich kam das auch in der Verfilmung „irgendwie“ vor. Aber: Es kam nicht zur Geltung, es gab keine eindrucksvolle, inspirierende und ermutigende Veranschaulichung davon. Ich hatte gehofft, diesen Film meinen Suchtpatienten empfehlen zu können. Das kann ich nicht. …

Welcher Unterschied zu Tarkowskys „Solaris“! Tarkowsky wollte keinen Roman verfilmen sondern einen Film machen. Er ließ sich von einem Buch inspirieren, aber er verfilmte es nicht.

Warum wehren sich die Künstler nicht gegen die Kaufleute? Ich hätte Ridley Scott mehr astronautisches Denken gewünscht!

Das Geld für die Kinokarte sollte besser in den Kauf des Buches investiert werden.

 

„Blochin“ – oder: die Möchte-Gern-Qualität des ZDF

Das ZDF versucht sich in Qualität – und heraus kommt mal wieder nur Schein. – Immerhin: Es gibt diesmal kaum Dilletantismen wie in der üblichen Dutzendware. – Den schwerwiegensten Dilletantismus bietet das Buch: Die eine Hand braucht dringend punktgenau eine Reinigung und – o Zufall – die andere beschmutzt sich gerade noch rechtzeitig um sie zu waschen. Einen Plot, der auf solche Zufälle angewiesen ist, nenne ich dilletantisch. – Abgesehen davon entsteht Monotonie: Der nächste Polizist, der Dreck am Stecken hat. Informativ ist das nicht mehr. Die Serie krankt an unnötigen Nebenhandlungen, heraus kommt ein düsteres Tingel-Tangel. – Der einzige Informationsgewinn ist wenig informativ: Daß es in Deutschland Seilschaften und Begünstigungen gibt, wer hätte das gedacht! Dafür also muß man stundenlang ZDF gucken.

Serien dieser Art müssen sich mit „The Wire“ messen. Was für ein Unterschied! Die Autoren von „The Wire“ vermochten es, das Leben von Subkulturen darzustellen sowie die Paradoxien der Effektivierung von Organisation und strukturelle Paradoxien der Politik. Und trotz hohen Informationsgehalts gab es genug davon, wovon deutsche Fernsehzuschauer offfenbar nie genug kriegen können: Beziehungskrisen, verbotene Lieben, Trennungen und Umgangsrechtsstreitigkeiten.

Dennoch sind die teilweise heftigen Kritiken an „Blochin“ nicht ganz fair (z.B.: auf spiegel.de/kultur). In der Serie zeigen sich viele gute Ansätze. Die Widersprüche zwischen Potential und Produkt werden von den Kritiken, die ich gelesen habe, weder kenntlich gemacht noch erwecken sie Fragen. – Der Film zeigt einen Mann, der versucht, sich aus den Verstrickungen seiner trauma-überschatteten frühen Lebensgeschichte zu befreien und sich dabei noch viel mehr verstrickt. Der Film vermittelt „Anmutungen“ von dem Leid und der Tragik traumatisierter Menschen mitten unter uns in unserer westlich-wohligen Welt. Ob „instinktiv“, qua „Antizipationsfähigkeit“, wie Goethe es nannte, oder durch Recherche: wie traumatische Erlebnisse in der Kindheit seelische „Strukturen“ zerschlagen und die Heranwachsenden ins Chaos steuern, hat der Autor gut begriffen und vermittelt. Und der Film zeigt: Selbst jemand, der, wie Blochin, eine „hinreichend gute Mutter“ gehabt haben muß (wie Winnicott, einer der Pioniere der Kinderpsychotherapie das nannte), der also über einen Kompaß verfügt, der ihm den Kurs ins Licht weist und der das Zeug hat, in den Welten der Finsternis zu überleben, selbst sojemand wird von ihren Schlieren immer wieder zurückgezogen.

Gute Ansätze zeigt der Film auch bezüglich des Themas chronische Krankheit und Beziehung. Aber leider erstickte der Film die Entwicklung dieser Thematik zu Unterhaltungszwecken in seinen unnötigen Nebenhandlungen.

Die Autoren könnens doch! Warum machen sie es nicht? Das ist die Frage, die die Kritik stellen müßte, statt einfach nur das Mißlingen zu bemeckern. – Hier meine Vermutung: Der Öffentlich-Rechtliche-Rundfunk ist schuld. Verdiente Parteigenossen wurden seit Anbeginn auf Intendantenpositionen gehieft, die Gremien als demokratische Kontrolle waren offenbar auf Versagen angelegt. Die Ansätze der Entwicklung einer Fernsehspielkunst wurden zerschlagen durch die Anweisung, Konsalikromane zu verfilmen. – Möglicherweise haben die Autoren die „Schere im Kopf“ verinnerlicht. Möglicherweise wissen sie, was die „Zensur im Namen der Demokratie“ nicht passieren würde. Möglicherweise kriegen sie aber auch einfach zu wenig Geld, um etwas qualitativ hochwertiges wie „The Wire“ zu machen. – Durch den Zusammenhang von Rundfunk und Filmförderung kann man nur vermuten, wie sich das auch auf den deutschen Film ausgewirkt hat: Wo Bedenkenträger regieren, gedeihen nur Kleinohrhasen. Alles, was lauschiger ist, muß sich die Ohren stutzen oder das Weite suchen… –

Das Beste war die Filmmusik von Lorenz Dangel. Es ist seine Musik, die wesentlich auf die Spur des Gehalts der Serie führt. – Vermutlich hat jedoch niemand Dangel, den Profi, gefragt, als man sich entschied, zwei herausgehobene Rückblende-Szenen des Films mit klassischer Musik zu unterlegen. So entstand ein weiterer Dilletantismus: Zum Untermischen in ein Dessert nimmt man keinen Jahrhundertrotwein!

PS: Die Schwächen des Buchs sind auch schlecht für die Schauspieler. Es ist wie in der Musik: Ein gutes Klavierkonzert muß den Solisten die Möglichkeit geben, zu zeigen, was sie können, ohne daß man die Absicht merkt und ohne dadurch an Gehalt und Stringenz zu verlieren. „Blochin“ wirkt wie ein verquastes Klavierkonzert, in dem der Solist dauernd zu tun hat und sich abarbeitet, aber ohne das je soetwas wie „Bravour“ entstehen kann. (Ein Gegenmodell ist der Film „Winterreise“, für Bierbichler, der wie ein hohles Konzertstück wirkt, nur darauf angelegt, daß der Solist es virtuos klingeln läßt…)

 

Oh Boy

Der Film „Oh boy“, das Erstlingswerk von Ole Gerster, ist ein Film über einen intelligent beobachtenden jungen Mann, der wegen seiner jugendlichen Unerfahrenheit noch irritiert ist von seiner Beobachterentfremdung  und keinen Faden für sein Leben findet, nicht mal den des Beobachters. (Ich möchte ihn immerzu beruhigen: „Doch es geht, auch wenn es dir noch nicht so scheint, es geht, du wirst schon sehen – und gerade daß es dir noch nicht so scheint, ist ein gutes Zeichen, ein sehr gutes! Glaub mir, du wirst schon sehen!“) Der Film zeigt, was an unserer Welt, wie sie gerade ist, an den Eltern, den Erwachsenen und Gleichaltrigen, was es daran schwer machen kann, den Faden des eigenen Lebens zu finden. – Im Gegensatz zu seinem Protagonisten hat der Film seinen Faden gefunden und wickelt daran auf völlig unprätentiöse und ungezwungene Weise einen erstaunlichen Themenreichtum ab: von Übergewichtigkeit in der Pubertät über die Vaterlose Gesellschaft, über Co-Abhängigkeit bis hin zur Traumatisierung der Kriegskindergeneration. Und alles ist nicht nur intellektuell verstanden sondern Gerster hat mit starker Empathie Bedeutungsdimensionen erfaßt, die über Allgemeinplätze und Klischees hinausgehen und er vermag, das klar und prägnant zum Ausdruck zu bringen. Er fingiert beispielhafte Situationen, in denen szenisch oder narrativ etwas von früherer Not und deren späten Narben zum Ausdruck kommt und nachvollziehbar wird – im Gegensatz zu dem schmunzelnden Scheinverständnis mit dem wir – Beispiel: Übergewicht in der Pubertät – darüber oft hinweggehen.

Der Film hat eine große Dichte, aber auf eine so milde und ungewollte Weise und mit solcher Leichtigkeit, das man das beim Schauen gar nicht bemerkt. Trotz seiner Komplexität ist der Film nie intellektuell verquast oder unverständlich. Er ist ein gutes Beispiel dafür, daß sich Attraktivität, Verständlichkeit und Gehalt nicht ausschließen müssen. – Hier sagt jemand etwas, weil er etwas zu sagen hat, nicht weil er etwas zu sagen haben will. Nur so kann sich die Stringenz und Absichtslosigkeit ergeben, die dem wahren Kunstwerk eignet.

(By the way: Der Film entlarvt die Beteuerungen des Öffentlich-Rechtlichen-Rundfunks, er müßte so trivial sein, weil sonst keiner zuschauen würde, als das, was es ist: Funktionärsbeschränktheit.)

Abgesehen vom Anfang des Films, in der mir ein paar Beschaulichkeiten zu gewollt erschienen (aber das kann an mir liegen) habe ich nur eines zu meckern: Der Film ist nicht frei von der Unsitte, klassische Musik als Filmmusik zu nutzen. Das spricht aber nicht gegen Gerster. Heute gilt es noch als professionell. Erst die Musik- und Filmgeschichte wird erweisen, daß das dilletantisch ist. Nur solche Käuze wie ich sehen zur Zeit, was es wirklich ist: Ahnungslosigkeit, Faulheit, Knausrigkeit und Effekthascherei auf Obertertianiveau. – Aber bei Gerster lasse ich dennoch mildernde Umstände gelten: Dieses Choralvorspiel von Bach – eines der schönsten Musikstücke der Musikgeschichte – fasst Aussage und Stimmung des Films gut zusammen: Melancholie ohne die Zustimmung zum Leben zu verlieren. – Und es ist eine Reminiszenz an Tarkowski: der nutze das gleiche Stück, ebenfalls klanglich verfremdet, in „Solaris“ – und hier wie da ist es verknüpft mit einer Generationenproblematik. Gerade die zwanglose Integration dieser Problematik gibt dem Film Gersters eine zusätzliche Dimension. Dabei findet Gerster – möglicherweise völlig unintendiert – eine Entsprechung von Inhalt und Form: das Generationenthema kommt allein schon durch das Zusammenspiel junger und erfahrener Schauspielvirtuosen zum Ausdruck.

Gerster hat einen Film gemacht, der an die Zukunft der deutschen Filmkunst wieder glauben läßt.

PS: Und was hat das jetzt mit Goethes Faust zu tun? – Alles Schauspiel hat mit einer Seite über ein Schauspiel zu tun! – Abgesehen davon ist der Bezug aktuell und frappierend. – Goethe löst im Epilog zu seinem „Faust“ das Problem des Individualismus in das Problem der Sozialisation auf, das Problem der Generationenabfolge. Es gibt da die „Seligen Knaben“, denen ein Weiser die Welt zeigt. Und was die Knaben da sehen, finden sie nicht sehr attraktiv:

„Das ist mächtig anzuschauen,
doch zu düster ist der Ort,
schüttelt uns mit Schreck und Grauen,
Edler, Guter, laß uns fort!“

150 Jahre später dichtet H.M. Enzensberger unter dem Titel „Geburtsanzeige“:

Wenn nicht das Bündel, das da jault und greint
die Grube überhäuft, den Groll vertreibt.
Was wir ihm zugerichtet kalt zerrauft
mit unerhörter Hand die schiere Zeit vertreibt,
ist es verraten und verkauft.