Subversion im Himmel

Zu dem, was nach Goethes eigener Aussage uns Lesern am Faust „zu supplieren übrigbleibt“ gehört vielleicht auch, was Margarete leisten mußte, um die Voraussetzungen für Fausts Rettung zu schaffen. Daniel Seefeld macht dazu einen Vorschlag – bei dem die Rolle der Margarete allerdings ein Mann übernimmt…

(Der Text ist als PDF runterladbar hier.)

 

Daniel Seefeld

Subversion im Himmel

Ich war in Gott. Wogen überbordenden, unfaßbaren Glücks wechselten mit seliger Gestilltheit.

Nicht also, als ob mir irgend etwas gefehlt hätte. Doch in der Stille konnte ich etwas Störendes spüren, ganz schwach und vage. Die Große Seligkeit, in die ich gelöst war, riet mir, es nicht zu beachten, dann verlöre es sich ganz schnell, es seien noch Nachempfindungen aus dem Purguratorium. Doch es lag etwas in diesem Störgefühl, eine Ahnung, die etwas Wichtiges zu sagen zu haben schien, und ich hatte keine Ruhe, bevor ich nicht wusste, was es war.

Meine Unruhe muß der Großen Seligkeit unangenehm geworden sein, jedenfalls fühlte ich, dass sie sich aus mir ein wenig verflüchtigte. Dadurch wurde ich konzentrierter und konnte das Störende deutlicher spüren, und endlich konnte ich es identifizieren: Sie, die Frau, die ich liebte, war nicht da und sie würde nicht kommen!

Nicht, dass sie mir gefehlt hätte, ich sagte ja: es fehlte an nichts, an gar nichts. Aber es tat mir leid, so beklemmend leid, dass sie vom Himmel ausgeschlossen war, denn alle im Himmel wußten: da draußen, das war kein guter Ort.

 

2

Sicher, sie hatte schwere Fehler. Wo sie auftauchte entstand Störung, Unordnung und Unfriede und – wo sie länger blieb – Misslingen, Zerwürfnis und Schmerz. – Aber: ich liebte sie. Und ich wusste um ihre Verzweiflung (die sie sich selber nur in seltenen Momenten eingestand).

Sie war eine Frau, nach der Mann sich sehnt: Ihre Gesichtszüge waren wohlgeformt, edel und intelligent; ihr Haar dunkel und voll; ihre Gestalt reinstes Ebenmaß, nicht die geringste Übertreibung, nicht der geringste Mangel, nicht die geringste Unverhältnismäßigkeit. Kurz: alle weiblichen Schlüsselreize waren in idealer Weise ausgeprägt. – Sie war mir intellektuell weit überlegen: sie sprach drei Sprachen fließend, spielte konzertreif Klavier und war eine brilliante Mathematikerin.

Charakterlich zeigte sie jedoch sehr unangenehme Züge. So hatte sie z.B. eine Art, Menschen beiläufig zu entwerten, subtil aber total: Ich hatte einmal den Schlüssel zu einem Aktenschrank des Instituts verloren und mir ihren geborgt. Sie verlangte ihn zu einem völlig unsinnigen Zeitpunkt zurück. Sie gab an, Angst zu haben, dass ich ihren Schlüssel auch noch verlöre, obwohl sie vorher noch nie erlebt hatte, dass mir ein Schlüssel weggekommen war. Ich hatte in der Woche zuvor einige kleine Fehler gemacht, alle ziemlich unbedeutend doch im Institut nicht ganz unpeinlich. In diesem Kontext ließ ihre Forderung nun spüren, wie geneigt sie war, mich für einen totalen Verlierer zu halten: für einen der seine Schlüssel verliert, der die Gunst seines Chefs und vielleicht bald seine Stelle verliert, kurz: für einen Looser solchen Ausmaßes, dass man sich davor am Besten ganz schnell in Sicherheit bringt, indem man dafür sorgt, daß man nichts mehr mit ihm zu tun hat – so, wie man sein Geld von einer Bank holt, von der man gerade erfahren hat, dass sie jeden Augenblick in Konkurs gehen kann.

Ihr Auftreten war bei solchen Handlungsweisen so überzeugend, dass selbst der Selbstbewußteste bereit war, zu glauben, dass etwas mit ihm verkehrt sei müsse. – Aber selbst wem klar wurde, dass in ihren Abwertungen nur ihr eigenes Problem zum Ausdruck kam, dem blieb die Angst, ob sie mit jemandem, den sie so entwertete, länger zu tun haben wollte. Und ich glaube, in solchen Momenten war ihr das selber nicht klar. So war man stets in Ungewissheit, wie es mit der Freundschaft stand.

Unter diesen Bedingungen war sie schwer zu lieben, und alle Männer waren nach dem ersten Rausch, die Nummer Eins bei ihr zu sein, schnell ernüchtert, verunsichert und gekränkt, alle, bis auf mich. Ich war Einzelgänger genug, um mit einer Frau zusammen sein zu können, bei der ich nie wusste, ob sie noch mit mir zusammen war. Das war eines der Dinge, die sie an mir schätzte.

Sie war schon immer disziplinlos, ja haltlos gewesen, sprunghaft und ohne Fähigkeit zu Kontinuität. Trotz überdurchschnittlicher Begabung schaffte sie es nicht, beruflich erfolgreich zu sein: Sie flog von der Schule, angeblich wegen ihrer häufigen Fehlzeiten, ihres störenden Verhaltens im Unterricht, ihres notorischen Verweigerns der Hausaufgabenerledigung; in Wirklichkeit, weil nach der Entlassung des dritten Lehrers, der ein Verhältnis mit ihr hatte, ihr alle unterstellten, dass sie nichts anderes im Sinn habe, als männliche Lehrpersonen zu verführen und zu vernichten.

Da sie zu diesem Zeitpunkt schon volljährig war, verheimlichte sie ihren Eltern den Rausschmiß und ging ohne Abitur zur Universität. Da das sowieso nichts werden konnte, konnte sie sich selbst um so mehr Erlaubnis erteilen, ihre Unstetigkeit zu pflegen.

Sie lebte promiskuitiv und polytox. Aufgrund ihrer Begabung und sexuell gestifteter Beziehungen gelang ihr die Hochstapelei, sich ein Promotionsstipendium und eine Assistentenstelle zu ergattern. Sie versäumte indessen ihre Assistentenpflichten und wurde entlassen. Mit der Promotion kam sie nicht voran und gab das Vorhaben schließlich auf.

Als ihre Eltern ihr die weitere Unterstützung entzogen, verdingte sie sich einem „Eskortservice“. Sie schlug mir damit ins Gesicht, aber das schien sie nicht zu interessieren. Sie schien selbstverständlich davon auszugehen, dass ich „post-modern“ genug sein müsse, so etwas zu tolerieren.

Ich inspirierte und motivierte sie immer wieder zu gemeinsamen intellektuellen Projekten, aber jedes Mal kam die Zusammenarbeit über die Anfangsphase nicht hinaus. Sie wurde unzuverlässig, hielt Termine und Absprachen nicht ein und reagierte auf Nachfragen aggressiv.

Sie hatte schließlich außerhalb unserer Verbindung ein eigenes Leben, von dem ich nur vage wusste: Sie beging eine Art Heiratsschwindel: sie band reiche Männer an sich, ließ sich reich beschenken, und schickte sie dann zum Teufel. Mit dem so gewonnen Geld wirtschaftete sie verantwortungslos und risikoreich in der Immobilienbranche. Keines dieser Geschäfte schlug an. Nach einigen Jahren gab sie es auf und war ärmer als je zuvor.

Sie fing an, mit Drogen zu handeln und war bald selber Heroin abhängig. Auch da hielt ich noch zu ihr, in der Hoffnung, sie finde einen Weg zurück in die Selbstbestimmung. Aber sie gab nicht einmal vor, sich darum zu bemühen. Sie war schließlich nur noch für die Droge da.

Mit meinen Hilfen unterstützte ich schließlich nur noch ihre Sucht. Ich fühlte mich von ihr ausgenutzt, ja, sie zog mich hinter meinem Rücken immer wieder in ihre dreckigen Geschäfte hinein. Ich merkte schließlich, wie meine Leistungsfähigkeit und meine Gesundheit mehr und mehr Schaden nahmen. Ich stellte Bedingungen, doch sie hielt keins ihrer Versprechen. – Da wandte ich mich von ihr ab.

Sie quittierte das mit Bitterkeit und Sarkasmus, schimpfte mich Spießer, warf mir vor, nicht besser zu sein als alle anderen, Freundschaft nur geheuchelt zu haben um Sex von ihr zu bekommen und jetzt abzuhauen an dem Punkt, wo die Freundschaft sich bewähren müsse, damit entlarve ich mein wahres Gesicht. Was ich zu meiner Rechtfertigung anführte, ließ sie nicht gelten, weigerte sich, mit mir darüber zu diskutieren und behauptete, damit wolle ich bloß mein Gewissen rein waschen. Gleichzeitig machte sie sich aber über mich lustig: dass ich mir soviel habe bieten lassen, „wie ein Hund“, sagte sie.

Vermutlich hat sie sich nicht vorstellen können, dass ich nie aufgehört habe, sie zu lieben; dass es jedoch eine Verantwortung für das eigene Leben gibt, die es erfordern kann, sich von der Liebe seines Lebens zu trennen, sich das Herz auszureißen…

Später, nachdem sie ihre Drogensucht überwunden hatte, machte sie „Karriere“ an der Seite eines mehr als 20 Jahre älteren, skrupellosen mafiösen Baulöwen, dem die halbe Stadt gehörte. Er wurde erschossen, sie übernahm sein „Imperium“ und wirtschaftete es mit ihrer Gleichgültigkeit und Impulsivität in kurzer Zeit in den Bankrott. Dadurch verloren hunderte Menschen ihre Wohnung und der Stadt entstand ein Schaden in Milliardenhöhe. Auch dieser Bankrott wirkte wie eine große Entwertung: als ob sie den Menschen vor Augen führen wollte, wie nichtig Besitz und Reichtum seien, wie lächerlich Leute, die ihnen anhangen und wie unwichtig das Wohlergehen der Stadt und ihrer Bewohner.

Nach dem Bankrott verkaufte sie sich wieder als Edelnutte. Aufgrund ihrer Intelligenz und Schönheit wurde sie zur Mätresse hochrangiger Politiker und Wirtschaftsführer und sorgte für einige der spektakulärsten Skandale der Zeit. Aber selbst daraus konnte sie nichts machen, weil sie es nicht schaffte, Verbündete längere Zeit an sich zu binden, sondern durch ihr intrigantes Verhalten und ihre abwertenden Unterstellungen vergraulte.

Als sie 46 war, sah ich sie wieder. Sie lebte einsam und von der Wohlfahrt, sah völlig verlebt aus, dicklich und weich von zuviel Essen und zuwenig Bewegung, und mit einer vom Rauchen uneinladend vergilbten, vorgealterten Haut.

Ich hatte in unserer gemeinsamen Zeit mein Gespür für ihre liebenswerten Seiten stark ausgeprägt, auch wenn sie immer nur kurz aufflackerten und sie ihnen keinerlei Dauer zu geben vermochte: das auf die Wunder des Lebens neugierige Mädchen; die geistig freie, überdurchschnittliche Intellektuelle, die so viel vorhatte und ihrer Zeit so viele neue Impulse geben wollte; der irritierte und verzweifelte Mensch, der nicht wusste, was mit ihm eigentlich los war und von Zeit zu Zeit fassungslos und hilflos auf die Spur des Misslingens zurückblickte, die er hinter sich her zog.

In diesen seltenen und kurzen Momenten der Verzweiflung war sie dem Eingeständnis nahe, beeinträchtigt zu sein durch ihre wechselhafte, heftige Emotionalität und ihre Art, sich selbst und andere zu erleben. Nicht die flüchtigen Augenblicke der Verschmelzung in der Liebe, die uns immer wieder mit der Illusion spielen ließen, füreinander bestimmt zu sein, sondern meine Solidarität in den Momenten der Verzweiflung, meine wertfreie Art mit ihr über ihre selbstverschuldeten Missgeschicke zu reden, das war es, was sie an mir so schätzte und sie in den Jahren unseres Zusammenseins immer wieder an der Verbindung mit mir festhalten ließ.

Nicht, dass es erst unseres Gespräches bedurft hätte für ihren unseligen Entschluß, unser Gespräch beschleunigte lediglich eine Entwicklung: Wir redeten über ihr Leben, wie es gewesen war, sie erzählte von ihren Jugendvorstellungen, wie es hätte sein sollen, von ihren Begabungen, aus denen sie nichts gemacht hatte. Wir redeten darüber, dass es jetzt keine Ablenkungsmöglichkeiten mit Sex, Drogen und Geld mehr gebe, dass das eine ganz große Chance für ihr Leben sein könne. Doch es gelang ihr nicht, den Glauben zu gewinnen, einem anderen Leben noch gerecht werden zu können. Ihren abwegigen Lebensentscheidungen war sie nicht gewachsen. Sie tötete sich.

 

3

Das tat richtig weh, sie in der Hölle zu wissen, an dem Ort ohne Hoffnung, ohne Erbarmen, in einer gnadenlosen, ewigen Qual. Schon damals, als ich mich wegen ihrer Heroinsucht von ihr trennte, hatte es weh getan, daß sie zurückblieb auf der mißlungenen Seite des Daseins. Sie in der Hölle zu wissen war für mich unfassbar, ja steigerte sich bis zum Schock, als mir klar wurde, daß es für sie nie wieder etwas anderes geben würde als Qual – nie wieder!

Mein Schock erinnerte mich an einen Bekannten, einen Feuerwehrmann, der alkoholabhängig geworden war, weil er ein Bild nicht vergessen konnte: Nachdem er ein 6- und ein 8-jähriges Mädchen tot geborgen hatte, schnitt er den Vater der Kinder querschnittsgelähmt aus den Trümmern des Wagens, der Mann hatte das Händi noch in der Hand, mit dem er am Steuer an einer SMS geschrieben hatte.

Je beunruhigter ich wurde, desto mehr entfernte sich die Große Seligkeit aus mir. Ich konnte ihr das nicht verdenken. Meine wachsende Unseligkeit muß für sie wie ein Stachel im Fleisch gewesen sein, und daß ich mich weiter mit meiner Seelenunruhe beschäftigte, trotz ihrer Zurufe, ich möge doch um Himmels- und meiner Willen die Unruhe ignorieren und mich auf das Glück konzentrieren, dass konnte sie nur als verstockten, störrischen Sinn werten, als ein unreines Element, das unbegreiflicherweise dem Purguratorium widerstanden hatte und von dem man sich im Himmel nur distanzieren konnte.

Doch auf einmal spürte ich, dass ich nicht mehr alleine war. Aber anders als vorher von der Großen Seligkeit, wurde ich nun von einer Großen Unruhe erfüllt. „Was Dich beklemmt, kennen wir“, ließ sie mich spüren. Und sie unterrichtete mich über das merkwürdige Phänomen eines Widerspruchs im Himmel: Es gebe etwas, was kein Purguratorium, ohne sich selbst zu widersprechen, entfernen könne: die Liebe. Und die Liebe könne sich nun mal nicht mit Seelen in ewiger Qual abfinden. Die Große Seligkeit meine immer, der Himmel sei vollkommen, und deshalb sei mit denen etwas falsch, die es nicht schafften, von dem einzig verbliebenen Unseligen abzusehen. Aber vielleicht sei nicht mit den Beunruhigten im Himmel, sondern mit dem Himmel selbst etwas noch nicht Ordnung: daß er es nicht vermöge, alle Seelen zu sich zu holen, und deshalb noch Widersprüche entstehen müßten zwischen der Fähigkeit des Liebens und der Abwesenheit von Liebenswerten.

„Aber kann man nicht verwirken, liebenswert zu sein – Hitler: ist das nicht ein unwiderlegbares Beispiel eines unliebenswerten Menschen durch und durch? – Und gibt es nicht auch Menschen, die aufbegehren gegen Gott und Gott ablehnen?“

„Jeder ist liebenswert, wenn er auf die Welt kommt. Und wer im Laufe seines Lebens dieses Liebenswerte verwirkt, oder wer gar die Liebe, wer Gott ablehnt, hat keine Hölle verdient, sondern eine Kur.“

Die große Unruhe belehrte mich über die Purguratoriumsmechanik: Das Problem sei, dass die Seelen im Leben bestimmte Voraussetzungen erworben haben müssten, um im Purguratorium bestehen zu können: Die Seele müsse sich wie ein Segel aufspannen, um von den Kräften des Purguratoriums getragen und bearbeitet werden zu können. Vielen Seelen gelinge das aber nicht, sie hätten sich im Leben so stark verspannt, dass sie sich einfach nicht genügend entfalten könnten, sie blieben zu stromlinienförmig, um genügend Kontakt zu den wirkenden Kräften zu bekommen, und würden aus dem Purguratorium hinausfallen, wie ein Fallschirmspringer, dessen Fallschirm sich nicht öffnet.

Keine Seele überstehe das Leben ganz ohne Verspannungen. Alle Menschen seien mehr oder weniger ungeschickt. Daher sähen die Seelenbewegungen der Lebenden für die Toten meist so linkisch aus, so unbeholfen, grotesk übertrieben und wenig zielführend, so, wie die Körperbewegungen eines Menschen, der zum ersten Mal eine Sense schwinge.

Den meisten verschaffe das Leben genügend Gelegenheit, die Seelengeschicklichkeit so zu üben, daß sie im Purguratorium bestehen könnten. Doch viele Menschen hätten zu viel Belastung oder zu wenig Chancen, um so viel Seelengeschicklichkeit zu entwickeln, wie für das Purguratorium nötig. Und niemand könne sich aussuchen, welche Belastungen und welche Chancen er im Leben bekomme. Der Spielraum für Schuld sei mikroskopisch klein. An jeglichem Schaden sei der Anteil der Schuld winzig, der Anteil des Schicksals unermeßlich. Und wieviel Schaden ein Mensch in seinem Leben anrichte, hänge nie zusammen mit dem Maß seiner Schuld. Das Böse sei mehr tragisch als böse.

Beim Höllensturz handle es sich also nicht um Strafe sondern um Kausalität. Es brauche für Himmel, Fegefeuer und Hölle nicht mal einen Gott. Aber wenn es Gott gebe, dann sei denkbar, dass Gott noch nicht vollkommen sei, weil er noch nicht vermöge, ein Purguratorium einzurichten, das mit allen Ausmaßen von Seelenverspannung fertig werde. Vielleicht sei die Hölle aber auch die ultimative Prüfung Gottes: ob wir es uns an unserer Seligkeit genügen lassen, solange andere ewige Qual litten.

„In jedem Fall ist die Hölle ein furchtbarer Unfall des Seins, eine katastrophale Unrichtigkeit, die nicht sein darf, aus der man alle Betroffenen retten muß, alle: wenn nur eine Seele, nur eine einzige Seele nicht gefunden und erlöst wird, bleibt die ganze Seligkeit eine Lüge.“

Die Seelenretter sich hatten sich zusammenschlossen und organisierten die „Heimholung“: das Aufspüren und Befreien von verlorenen Seelen. Die Hölle war kein Ort, den man hätte erstürmen können wie die Bastille, sondern jeder Verlorene war selbst seine Hölle, und es galt, ihn zu finden. Jeder Seelenretter versuchte, der Großen Seligkeit Informationen zu entlocken über Menschen, die nicht im Himmel angekommen waren. Alle Verlorenen wurden registriert und es war nur eine Frage der Zeit, bis die Große Seligkeit alle Namen preisgegeben hatte, denn sie konnte nicht lügen. Und diese Liste wurde Mensch für Mensch abgearbeitet. So konnte auf Dauer kein Verlorener verloren gehen.

Doch die Heimholung war nicht einfach. Sie bedeutete, den Himmel wieder als Sterblicher verlassen zu müssen und selber das Risiko einzugehen, in die Hölle verloren zu gehen, denn man durfte unterwegs nicht den Kräften erliegen, mit denen man es zu tun bekam. Natürlich stand ein gescheiterter Höllensucher ganz oben auf der Liste der zu Rettenden, so dass man wenigstens den schwachen Trost hatte, nicht lange der Qual ausgesetzt zu sein.

Nach der Befreiung mußte man mit den Befreiten zusammen ins Purguratorium, man mußte sie festhalten und ihnen helfen, sich wenigstens so minimal zu entfalten, dass ein erster kleiner Punkt von den Massagekräften erfasst werden und ein Anfang gemacht werden konnte. Das war anstrengend und schmerzhaft, denn man war selbst den Massagekräften ausgesetzt, und diese Vorstufe dauerte meist länger als das ganze eigentliche Purguratorium. (Dabei währt ja – wie die Menschen früher wußten – bereits ein „normaler“ Purguratoriumsaufenthalt schon viele Millionen Erdenjahre.)

Und auf all das konnte man nicht vorbereitet werden, denn jeder Weg zu einem Verdammten war völlig anders, wartete mit gänzlich neuen Gefahren, Mühen und Schmerzen auf, so dass jeder Höllensucher jedes Mal wieder Anfänger war. Es gab lediglich umfangreiche Eignungstests, ob man sich im Leben genügend jener Eigenschaften erworben hatte, die nötig waren, um so eine Befreiungsaktion leisten zu können. (Es konnten nicht alle, die bereit waren, der Liebe zu folgen, auch ausgesandt werden. So, wie eine Massage Muskeln entspannt aber nicht bildet, konnte auch das Purguratorium nur reinigen, was schon da war, aber es entwickelte nichts und fügte nichts hinzu, und was man im Leben nicht erworben hatte, erwarb man nimmermehr. Denn im Himmel hatte man nichts nötig, da gab es keinen Handlungsbedarf, da brauchte man keine Geschicklichkeit, nur Gelöstheit.)

So sehr die Liebe mich auch erkühnte: es gab auch eine Stimme in mir, die bedauerte, für tauglich befunden worden zu sein. Sie maulte: „Na Klasse, da hat man sich das ganze Leben um Vervollkommnung bemüht, und was hat man jetzt davon: jetzt darf man die Bösen aus der Hölle holen unter Einsatz der eigenen Seligkeit, und wenn mans nicht tut, wirds auch nichts mit der Seligkeit, weil die Liebe einem mit ihren ständigen Vorhaltungen alles verleidet. Und für die ganze Unternehmung, mit der man alles Erreichte aufs Spiel setzt, winkt kein anderer Lohn als das, was man auch kriegen würde, wenn man sich anstrengte, vernünftig zu sein und sich zusammen-zureißen, um die törichten Störimpulse der Liebe zu ignorieren!“

„Wir suchen ja nach Möglichkeiten, das Verfahren zu erleichtern, z.B mit einer Art Rettungsleine, die verhindert daß die Heimholer selber in die Hölle geraten. Wir arbeiten dran – leider bisher erfolglos.“

„Für Menschen die man liebt, tut man viel. Aber ist es vorstellbar, unter diesen Bedingungen eine Bereitschaft zu entwickeln, auch ausgemachte Stinkstiefel, unverbesserliche Fieslinge und wahre Teufel, ja, sogar einen Hitler aus der Hölle zu retten?“, fragte ich.

„Mancher kann sich auch nicht vorstellen, je einen Klimmzug zu schaffen, doch den Muskeln ist es egal, was das Gehirn sich vorstellen kann, sie wachsen einfach, wenn man sie übt.“

„Aber warum sollte man für solche Leute üben?“

„Die Frage stellt sich für Dich nicht. Du möchtest Deine Liebste retten. Mehr mußt Du erstmal nicht wollen. Bist Du bereit?“

 

4

Ich war nackt. Es war kalt. Schmutziger Nebel stieg vom Boden auf, so dicht, daß ich meine Füße nicht sehen konnte. Auf Halshöhe verlor er sich: Ich blickte in eine endlose öde Ebene in schwachem, schmutzig-gelblichem Licht, das überall gleich verteilt schien. Gestank lag in der Luft, widerlich und durchdringend wie Verwesung.

Ich stand völlig verloren da. Ich wusste nicht, in welche Richtung ich mich wenden sollte, jede konnte die Falsche sein. Doch ich merkte schnell, daß ich nicht viel Auswahl hatte: ich stand auf einem schmalen Grad, rechts und links von mir war abschüssiges Gelände, auf dem ich mich sofort im Nebel verlor.

Nachdem ich dem Grad eine Zeit gefolgt war, bemerkte ich eine Abzweigung. Ich kam mir vor, wie eine Ratte im Labyrinth: welche Entscheidung ich auch traf, es konnte die falsche sein. Ich entschied mich, auf meinem Weg zu bleiben, auch als ich weitere Abzweigungen bemerkte.

Doch dann trat mein Fuß plötzlich auch vor mir ins Abschüssige. Ich musste umkehren und einen anderen Weg ausprobieren. Doch auch der nächste Weg endete in Abschüssigkeit und so auch alle weiteren Wege. Ich mußte mich schließlich entscheiden, ganz in den Nebel einzutauchen.

Ich versuchte es an mehreren Stellen, und da das Gelände überall gleich steil abfiel, kraxelte ich schließlich nach unten. Plötzlich spürte ich eine Kante, von der ich mich nur umständlich auf eine weitere Stufe hinablassen konnte, die ebenfalls wieder an einer Kante endete. Ich kletterte den Hang wieder hinauf, um einen leichteren Weg hinab zu suchen, doch machte ich überall die gleiche Erfahrung: Alle Abhänge schienen an gestuften Abbrüchen zu enden. Wenn ich nicht auf den Graten hin- und her wandern wollte, hatte ich keine andere Wahl, als zu klettern.

Nach einer anstrengenden Kletterei gelangte ich an eine Stufe, von der ich mich zu keiner weiteren hinablassen konnte. Ich versuchte es weiter seitlich, aber so weit ich auch kam, ich fand keine Stelle, an der ich weiter abwärts steigen konnte.

Ich spuckte, und hörte, wie die Spucke auf Grund platschte. Es wäre also möglich, hinunter zu springen. Doch wenn ich das täte: würde ich mich wieder nach oben ziehen können, falls eine der folgenden Stufen zum Springen zu hoch wäre? Doch wenn ich jetzt wieder noch oben steigen würde, hätte ich viel Kraft verausgabt, ohne etwas gewonnen zu haben, und es gab keine Garantie, daß ich an der nächsten Stelle mehr Erfolg haben würde.

Ich bekam Angst, die falsche Entscheidung zu treffen, und geriet in ein lähmendes Hin- und Her, das mich noch mehr ängstigte: von der Entscheidungslosigkeit festgebannt, zu erfrieren!

Diese Entscheidungsangst war mir zur Genüge aus meinem Leben bekannt und ich zweifelte an der Validität der Eignungstests für die Höllensuche: War so ein ängstlicher Mensch wie ich der Richtige für ein solches Unternehmen?

Während ich noch zweifelte, schien etwas in mir den Entscheidungsprozeß fortgeführt zu haben, denn mir erschien auf einmal das Rationalste und Verantwortbarste, wieder hinaufzusteigen, um nicht zu riskieren, irgendwann mal weder hinunter noch hinauf zu können.

Aber ich war niedergeschmettert: die ganze Verausgabung für den anstrengenden Weg war umsonst gewesen, ich würde wieder am Anfang stehen und mußte befürchten, nicht genügend Energie zu haben, das Ziel zu erreichen, von dem ich nicht mal wusste, wo es lag.

Als ich mich umwandte, bemerkte ich: die letzte Stufe, die ich heruntergeklettert war, mußte sich verändert haben! Ich konnte den Absatz gerade noch mit meinen Händen erreichen. Ich versuchte, mich mit den Armen hochzuziehen, aber ich schaffte es nicht, ich hatte zuwenig Kraft.

Ich dachte: „Gut, da nimmt mir einer die Entscheidung ab“, und schickte mich an, den Weg nach unten fortzusetzen. Aber ich hatte Verdacht geschöpft und spuckte zur Sicherheit noch einmal. Und tatsächlich: Ich hörte kein Platschen mehr!

Wütend schrie ich: „Wer macht diese Scheiße denn hier!“ Dann überkam mich eine lähmende Schuld: Weil ich im Leben immer zu faul gewesen war, meine Armmuskeln zu trainieren, konnte ich jetzt nicht mehr hoch klettern und drohte zu scheitern!

Doch dann kam mir der Gedanke, daß dass man in einer ständig sich verändernden Landschaft nur einen sehr relativen Einfluß darauf hat, ob man sein Ziel erreicht, egal wie kräftig die Muskeln sind.

Plötzlich kam Bewegung in den Nebel: es entstanden widerliche bräunliche Schlieren, die sich im Kreise zu drehen begannen. Es bildete sich ein riesiger Strudel, mehrere hundert Meter im Durchmesser. Der Nebel wurde offenbar abgesaugt. Ich sah, dass ich mich in einem gewaltigen Schlund befand, dessen Wände in unregelmäßigen schwarzen Quadern steil abfielen. Der Nebel sank tiefer und tiefer. Da das Licht überall gleich verteilt zu sein schien, erblickte ich schließlich einen unabsehbaren Abgrund.

Panik überkam mich: Du darfst nicht die Aufmerksamkeit sinken lassen, ein Aussetzer, und du bist verloren, Korrektur gibt es nicht, es geht unerbittlich um Leben und Tod – das war es, was mir im Leben immer Höhenangst gemacht hatte. – Und jetzt stand ich hier, und kam nicht mehr weg!

Plötzlich drängte sich mir die Vorstellung, wie es sich anfühlen würde, die Kontrolle verloren zu haben, so lebhaft auf, daß ich mehrere Male das Gefühl hatte, bereits wirklich zu fallen. Die Panik, die mich dabei jedes Mal überkam, ließ mich dann wirklich fast das Gleichgewicht verlieren und löste eine noch stärkere Panik aus.

Diese eskalierenden Attacken zermürbten mich. Es kam soweit, daß sich die Vorstellung, endlich aufzugeben, überwältigend attraktiv anfühlte. Das verstärkte die Angst noch weiter, weil ich nicht wusste, wie lange ich dieser Versuchung widerstehen konnte.

Da ergriff in mir eine Instanz das Wort, die es leid war: „Was soll dieses Rumgehampel! Die Sache ist doch ganz klar: Es gibt keine Kraft, die mich hier runter kriegt, ich muß mich einfach nur auf das Stehen und die Füße konzentrieren!“

Ich begann, meine Aufmerk-samkeit auf meinen Körper zu richten, mich zu entspannen, den Boden unter den Füßen und die Wand im Rücken zu spüren.

Doch immer wieder schoß Panik ein. Das raubte mir den Mut. Ich dachte: irgendwann wird die Panik mich überwältigen.

Doch ich dachte auch: Wenn es so kommt, dann wird es so sein, aber jetzt, jetzt ist es noch nicht so, und solange es noch nicht so ist, tue, was du kannst.

So schaffte ich es, mich von der eisigen Wand im Rücken zu lösen. Ich stand wieder frei, die Augen starr geradeaus gerichtet, und trat bedächtig von einem Fuß auf den anderen. Ich konzentrierte mich nur auf diese Bewegung. Mir wurde klar, daß ich nur eine Chance hatte: zu warten, bis sich wieder irgend etwas ändern würde.

Doch nun begann etwas Neues: Der Gestank schien aus dem Schlund zu stammen. Der Nebel hatte ihn offenbar gedämpft, denn jetzt steigerte sich seine Ekelhaftigkeit ins Bösartige: so konnte nur ein tödliches Gift stinken!

In mir brach neue Panik aus, ich wollte fliehen, aber die Stufe war noch immer zu hoch! Jeder Atemzug erfüllte mich mit so schneidendem Ekel, daß ich nicht glauben konnte, das lange zu überleben.

Ich gab mich verloren und begann zu weinen, weil meine Unternehmung so schnell gescheitert war und ich soviel verspielt hatte und jetzt vermutlich für Äonen in die Hölle kam, bevor meine Leute mich rausholen konnten!

Plötzlich durchzuckte mich ein so vernichtender Schreck, daß Kälte, Gestank und Höhenangst dagegen völlig verblaßten: Was war, wenn ich einem Betrug aufgesessen war? Wenn die Rebellen im Himmel gar nicht die Guten waren, sondern die raffiniertesten Agenten des Bösen?

Mir fiel auf, dass sie mit mir über alles Mögliche gesprochen, aber dabei offenbar, wie Vertreter für Finanzprodukte, ein Thema völlig ausgespart hatten! Wenn alle Verdammten erlöst würden: würde das nicht ermöglichen, was die Weisen seit Urzeiten als die schlimmste aller Sünden brandmarkten: Sündigen im Vertrauen darauf, dass es eine Barmherzigkeit gibt, die niemanden in ewiger Verworfenheit lassen würde? War das nicht ein Freibrief für die schlimmsten und grässlichsten Verbrechen, für die grenzenloseste Bösartigkeit?

Mir ging in überwältigender Klarheit auf, dass das nicht sein konnte, sondern dass die Liebe die Guten im Leben schützen müsse vor Verbrechern, die mit einer finalen Barmherzigkeit rechnen. Dante hatte recht: um der Gerechtigkeit willen muß es eine ewige Verdammnis geben!

Ich konnte nicht anders denken, als dass ich Opfer eines Betrugs geworden war, gegen die Große Seligkeit gefrevelt und sie mir damit ein für allemal verwirkt hatte! Ich starrte geradewegs in den Abgrund der Hölle, der ewigen Verworfenheit, der ewigen Qual! Meine Existenz war verspielt: sinnlose Qual in absoluter Verlassenheit als Endzustand einer ewigen Existenz. – Angst, so giftig, wie ich sie noch nie erlebt hatte, überflutete mich. Ich hätte nie gedacht, daß wir zu solcher Angst fähig sind, aber noch mehr wunderte ich mich, daß Herz und Seele das aushielten. Ich war so erstaunt, daß die Angst für einen Augenblick an Macht einbüßte, aber nur für einen Augenblick, dann wurde mir wieder völlig gewiß, daß ich auf ewig verdammt war, und das raubte mir fast den Verstand. Meine Beine gaben nach und ich fiel.

Aber da ich mich instinktiv fest an die Wand gepreßt hatte, fiel ich nur auf meinen Po. Ich merkte, daß ich aus Leibeskräften schrie. Schrei und Schmerz unterbrachen die Angst und gaben mir eine Chance zur Besinnung: Ja, es war mög-lich, daß ich dem abgefeimtesten Schwindel aufgesessen war, aber ich machte mir klar, daß auch viel dafür sprach, daß die Seelenretter keine Schwindler waren. Ich machte mir ferner klar: die Kapitulation war die Handlungsmöglichkeit, die mir in keinem Fall verloren gehen konnte, verloren gehen konnten mir nur alle anderen Möglichkeiten. Wenn die Hölle mich wollte und bekam, dann keinen Augenblick früher als nötig. Solange noch ein Rest Wärme und Kraft in mir war, wollte ich mich ihr entgegenstemmen.

Nach einiger Zeit stand ich wieder frei, ohne mich an die eisige Wand anzulehnen, und konzentrierte mich nur auf das Setzen meiner Füße beim Treten auf der Stelle.

Der Nebel begann allmählich, den Schlund wieder einzuhüllen und den Gestank zu dämpfen, es schien dadurch auch ein wenig wärmer zu werden. Endlich konnte ich feststellen, daß die Wand niedriger geworden war. Jubelnd kletterte ich hinauf.

Ich machte mir keine Gedanken mehr, wohin ich gehen sollte, es kam offenbar nur darauf an, einfach in Bewegung zu bleiben. Die Höllenangst war abgeebt, aber die Angst vor der nächsten Gift-Flut lag mir wie ein Stein im Magen.

Ich zwang meine Aufmerksamkeit, an die Gründe zur Hoffnung zu denken. Nach einiger Zeit merkte ich indessen, wie mir allmählich die Kräfte schwanden und es zu Ende ging. Die Angst wurde wieder mächtiger und lähmender. Aber ich hatte mich einmal entschieden, nicht aufzugeben, und wenn ich mir auch vor Angst jede einzelne Bewegung mit Befehlen abringen musste!

Da sah ich plötzlich in der Ferne einen hellen Lichtstrahl den Nebel durchdringen! Ich jubelte, doch mir wurde klar, daß kein Grund zum Jubeln bestand: zwischen mir und dem Licht konnte sich jederzeit eine unüberwindliche Wand oder ein unüberwindlicher Abgrund schieben. Tatsächlich verlor ich das Licht bald aus den Augen und ich mußte mir wieder einhämmern, die Kraft, die noch in mir war, zu nutzen, egal ob es zu was führte oder nicht.

Als ich den Lichtstrahl wiedersah, war er größer geworden, und als ich ihn das zweite Mal wieder sah, noch größer, doch war ich jetzt so entkräftet, daß ich zusammenbrach und im Lichtkegel liegen blieb.

Mehrmals raffte ich mich auf, brach aber nach wenigen Metern wieder zusammen. Ich war zu erschöpft für die Angst, mir wurde bloß noch übel und ich erbrach mich. – Ich dachte: „Das war´s jetzt“. 

Aber plötzlich spürte ich, daß mir aus dem Licht Kraft zuwuchs. Ich krabbelte ihm ein Stück entgegen. Immer wieder blieb ich liegen, konnte mich aber jedes Mal wieder aufraffen und kam der Lichtquelle immer näher. Bald konnte ich mich wieder aufrichten und weitergehen. Doch verlor ich das Licht erneut.

So setzte sich der Kampf fort, bis das Licht plötzlich ganz hell vor mir auftauchte: ich sah, dass ich mich in einer riesigen Halle befand und erblickte die Umrisse des Ausgangs in greifbarer Nähe! Vom Licht ge-stärkt rannte ich darauf zu, es versuchte sich zwar noch etwas dazwischen zu schieben, doch ich übersprang es und trat ins Freie.

 

5

Wieder stand ich auf einer unabsehbaren Ebene. Es gab auch hier nur diffuses Licht, doch es war strahlend hell und voll nährender Wärme. Der Gestank war verschwunden.

Ich sank auf die Knie und weinte vor Dankbarkeit. Mein Verdacht gegen die Himmelsrebellen kam mir jetzt ziemlich kleingläubig vor, ich schämte mich dafür. Ich erholte mich schnell, und bald fühlte ich mich so stark und wohl, wie ich mich mein Lebtag nicht gefühlt hatte.

Der Boden, auf dem ich lag, war weißlich und steinartig. In einiger Entfernung entdeckte ich etwas, das mich an einen Brunnen erinnerte. Ich ging darauf zu, und sah, daß es tatsächlich ein eingefaßtes Loch war. Da bemerkte ich, wie sich vorsichtig eine Hand herausschob und auf dem Rand Halt suchte, und dann eine zweite. Es waren Hände, die Klavierspielen konnten. Ich half ihr hinaus.

„Du?“ fragte sie. – „Wer sonst“, erwiderte ich.

Wir griffen unsere Hände und fühlten uns mit dieser Berührung verbundener als bei allen Höhepunkten der Leidenschaft, die wir miteinander erlebt hatten.

„Für jemanden, der gerade der Hölle entronnen ist, ist sie ja ziemlich gefasst!“, kam mir plötzlich in den Sinn. Sie lachte:

„Soll ich Freudensprünge machen, damit du dich geschmeichelt fühlst? Nein, im Ernst, ich bin nicht erst gerade der Hölle entronnen. Ich bin schon lange unterwegs. Die Hölle liegt um dich wie eine Zwangsjacke und diese Jacke ist wie deine eigene Haut, daran zu reißen macht alles noch schlimmer und bringt gar nichts. Doch dann kam ein Augenblick, wo ich merkte, daß ich mich häuten konnte, und ich riß mir die Hölle herunter und stand plötzlich frei von der Höllenqual in einer trostlosen, leblosen Landschaft. Doch die Hölle wollte mich wieder einhüllen und war wie eine Wolke hinter mir her. Ich lief um mein Seelenheil. Nichts, was mir in dieser Landschaft an Hindernissen begegnete, war so schlimm wie die Höllenqual, so daß mich kein Hindernis abschrecken konnte. Im Leben hätte ich so einen Parcours keine 100 m durchgehalten, das kann ich dir versichern! Dann sah ich plötzlich einen Lichtstrahl senkrecht auf den Boden fallen und als ich ihn erreichte, sah ich, daß er durch ein Loch in der Decke drang und eine Leiter hinaufführte. Und als ich dich sah, wusste ich, daß ich gerettet bin. Schau!“ Sie wies auf die Stelle hinter sich, wo eben noch der „Brunnen“ war. Er hatte sich geschlossen. „Da kommt keine Hölle mehr durch.“ – Doch da schien sie zum ersten Mal zu begreifen, daß sie wirklich gerettet war, sie sank auf die Knie und weinte. Ich schloß sie in meine Arme.

„Das Schlimmste“, begann sie nach einer Weile, „schlimmer als die eigentlich Qual, war die absolute Hoffnungslosigkeit: die Gewißheit, daß es ewig sein würde, daß nie etwas anderes kommen würde, verstehst Du? Es war völlig gewiß, es war nicht möglich, irgend etwas zu denken, das auch nur der winzigsten Hoffnung Raum geschaffen hätte.

Schlimmer als die Qual selbst war auch das Bewußtsein, sie selber verschuldet zu haben. Immer wieder erlebte ich die Situationen meines Lebens, in denen ich die falschen Entscheidungen getroffen hatte, und ich mußte mir eingestehen, daß ich allein verantwortlich war dafür, eine einzige und einmalige Chance vertan zu haben, die einzige, einmalige, winzige Chance, die wir haben, vor der Unendlichkeit. Ich konnte mir es nicht anders vorstellen, als das alle Wesen des Daseins nur Spott, Häme und Hohn auf mich spucken wür-den. Schuld und Scham wurden so übermächtig, dass ich ständig das Gefühl hatte, daran zugrunde gehen zu müssen. Aber man geht dort nicht zugrunde, man hat keine Hoffnung, zugrunde zu gehen, das ist ja gerade Teil der Qual. Und schließlich: die absolute Verlassenheit. Im Folterkeller hat man wenigstens noch die Schergen. Doch hier war ich ganz allein – auf ewig völlig allein in diesen Kreisen der Qual.“

„Die mit der Qual verbundenen Qualen habe ich verstanden, aber was war die eigentliche Qual?“

„Du würdest es nicht verstehen. Im Leben ist eine solche Qual nicht vorstellbar. Das Schlimmste und Widerwärtigste, das du dir vorstellen kannst, ist gegen diese Qual nur wie das Kitzeln eines Fliegenbeins gegen lebendig die Haut abgezogen zu bekommen. Und das Allerschlimmste war: die Qual änderte sich ständig! Es gab ständig einen neuen, vorher nie gekannten Schmerz, es gab nicht die geringste Möglichkeit der Gewöhnung oder Erwartung. Man konnte nie wissen, wie lange eine Qual dauerte und wie sich die nächste anfühlen würde. Und so sehr man sich auch auf eine böse Überraschung einstellte: das Eintretende übertraf an Bösartigkeit noch das Schlimmste, was man sich vorstellen konnte.“

Erneut brach sie in Tränen aus. Sie weinte lange. Als sie sich beruhigt hatte, fragte sie: „Womit habe ich verdient, daß Du mich rettest?“

„Tja, ich weiß auch nicht, ich konnte es einfach nicht aushalten, dich in der Hölle zu wissen und überhaupt um die Hölle zu wissen, ich glaube das hat mit Verdienst gar nichts zu tun. So wie es jetzt ist, das ist doch völlig bekloppt: ein paar Erdenjahre entscheiden über die Unendlichkeit. Das kann es doch nicht sein, das ist doch völlig unausgegoren! Wie bei einem Flugzeug, das bei bestimmten Bedienungsfehlern gleich abstürzt, ohne irgendeine Möglichkeit der Gegensteuerung. Ich habe diese Unvollkommenheit einfach nicht hinnehmen wollen. Ich glaube, das ist alles.“

Es war, während wir redeten, immer heller und heißer geworden. Jetzt wurde es allmählich unerträglich und wir spürten, daß das Licht uns umbringen würde. Bei dem Gedanken, wieder in die Nebelhalle gehen zu müssen, versagten mir die Knie, rein instinktiv erinnerte sich mein ganzer Organismus an das dort erlebte. Sie half mir auf:

„Glaub mir, das Licht hier wird immer höllischer, es wird uns umbringen und du weißt was das heißt! Aber dort im Nebel haben wir eine Chance!“

„Es ist nicht klar, wieviel darin von uns und wieviel vom Zufall abhängt. Vielleicht werden wir es nicht schaffen, dann war alles umsonst“, erwiderte ich verzweifelt.

„Nein, nicht umsonst. Denn jetzt weiß ich, daß es nicht ewig sein wird, nicht unabänderlich, verstehst Du, nicht ewig!!!“

„Aber selbst wenn wir das schaffen, das war erst der Anfang, dann kommt das Purguratorium!“

„Ich weiß“, sagte sie fast ein wenig schnippisch lächelnd, „ich bin bereits informiert. Aber ich bin ja nicht mehr allein. Du mußt Dich nur genügend anstrengen, mich fest zu halten!“

„Und warum sollte ich das tun? Warum tue ich das eigentlich alles für dich?“ Mir kam die ganze Sache plötzlich albern vor.

„Du hast es doch eben gesagt: als Teil eines sich selbst vervollkommnenden Organismus macht man das nun mal so“, antwortete sie und grinste.