Straße 2: Die Eintrittskarte in Marthens Garten

Stellen wir uns Mephisto hier als die Personifikation einer Instanz in Faust selbst vor, geschieht in der Szene folgendes: Die bequemste Strategie, Margarete zu verführen, ist mit einem Meineid verbunden. Jede andere Strategie würde erst später zum Ziel führen. Es paßt nicht in Fausts Selbstbild, ein Lügner und Betrüger zu sein. Er möchte aber auch nicht länger auf das Liebeserlebnis mit Margarete warten.

Es ist dieser Konflikt, der ihm schlagartig bewußt macht, daß das, was er mit Margarete vorhat,  ebenfalls ein Betrug ist, und zwar ein weit weit schlimmerer: Er wird ihr ewige Liebe schwören, damit sie sich ihm hingibt. – „Eigentlich“ ist das Betrug. Uneigentlich aber vielleicht doch nicht? Faust versucht sich zunächst vor sich selbst herauszureden: Seine Empfindung für Margarete ist so überwältigend, daß nur das Wort „ewig“ annähernd zum Ausdruck bringen kann, wie mächtig sie ist. „Eigentlich“ bringt er Margarete doch bloß sein Gefühl ehrlich zum Ausdruck! – Doch schließlich muß Faust sich zugeben: Damit belügt er sich selbst, das, was er sagt, ist nicht in dem Sinne gemeint, wie es gesagt ist.

Zwei Seelen sind in seiner Brust: Die eine liebt Margarete und würde gerne immer mit ihr zusammensein, die andere weiß, daß er noch viel mehr erleben will und es einfach nicht stimmen würde, sich jetzt schon auf Margarete festzulegen. Faust hat das Gefühl: auf das Erlebnis mit Margarete verzichten geht nicht, aber zu verzichten auf sein Weitertreiben im Rauschen der Zeit  geht auch nicht. Er muß beides haben.

Wenn Faust ausruft:„Ich muß“: hat er hier keine Freiheit? – Doch. Wenn er genau wüßte, daß der Tod von Margarete und ihrer Familie mit naturgesetzlicher Zwangsläufigkeit eintreten wird, hätte er nicht gesagt: „Egal, ich mach es trotzdem, weil: ich muß einfach!“ Denn das würde nicht dazu passen, daß er später Margarete retten will. Faust muß also soetwas denken wie: „Ja, eigentlich bin ich ein ganz schönes Arschloch, wenn ich sowas mache; aber sowas passiert doch immer wieder, und für sie ist es doch auch ein tolles Erlebnis, und sie muß schon richtig viel Pech haben, wenn da was richtig Schlimmes draus erwächst!“

Das Verlangen will sein Ziel erreichen und verdreht uns den Kopf: Es biegt unsere Gedanken so zurecht, daß wir ihm „grünes Licht“ geben, über alle Einwände, Skrupel und Zweifel hinweg.

Bei großem Verlangen kriegen wir jene neuronalen Netzwerke1 nicht richtig hochgefahren, in denen die lebendigen Erinnerungen an die Einwände gespeichert sind.

„Lebendig“ sind Erinnerungen, wenn nicht nur das Wissen erinnert wird, sondern wenn auch die Gefühle wiedererlebt werden, wenn wir also nicht bloß erinnern, daß wir traurig waren, als Oma starb, sondern etwas von dieser Trauer wieder auflebt, wenn wir an Omas Tod denken. – Ohne zu fühlen, wissen wir bestenfalls um die Einwände (und das meist auch nur bruchstückhaft); wir wissen vielleicht sogar, für wie bedeutend wir sie eingestuft haben, wir können diese Bedeutung aber nicht fühlen. Deshalb fällt es leicht, das Werturteil in Frage zu stellen, das wir damals aus dem Gefühl heraus gefolgert haben. Eine Täuschung über das wirkliche Gewicht der Werte ist wahrscheinlich. Es ist wie: ein Foto von den Alpen betrachten statt in den Alpen zu stehen.

Vielleicht bemerkt Faust morgens beim Erwachen eine Beklommenheit, eine kurze Phase, in der er die Einwände gegen die Verführung Margaretes in ihrer ganzen Bedeutsamkeit erlebt, und vielleicht ist er öfter kurz davor, alles abzublasen. Aber mit zunehmender Wachheit verblaßt das alles, die Forderungen des Tages und des Begehrens drängen alles andere an den Rand. Ähnlich wie beim Verlangen wird auch im Tagesgeschäft die Erinnerung an die Einwände nicht lebendig genug. Doch je häufiger, je verläßlicher so eine morgendliche Beklommenheit auftritt, desto weniger kann sie weggeredet werden.

Und tatsächlich entscheidet sich Faust ja schließlich, den Prozeß zu unterbrechen und ins Gebirge zu fliehen. Wir sehen nicht wie er mit dem Konflikt ringt, wir sehen nur seine Entscheidung. – Wir können davon ausgehen, daß Faust das Gefühl, was es heißt, Margarete so schändlich zu betrügen, öfter in seiner ganzen Stärke erleben mußte, damit eine Entscheidung entstehen konnte, gegen die das Verlangen mit seinen bagatellisierenden und relativierenden Argumenten keine Chance mehr hatte. Wenigstens eine zeitlang nicht. Später, im Gebirge, schafft es der Teufel dann doch wieder, Faust umzustimmen.

 

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Anmerkungen

(1)

Neuronale Netzwerke: Mein Gebrauch dieses Begriffs gibt wieder, was ich von den Neurowissenschaften verstanden habe. Inwieweit die Neurowissenschaften diesen Gebrauch „korrekt“ finden und inwieweit er differenziert werden müßte, weiß ich nicht.

In der Suchttherapie ist das hier zugrundegelegte „Modell“ von neuronalen Netzwerken sehr hilfreich, weil es gut erklärt, was bei Rückfällen passiert, wenn Menschen gegen ihre Erfahrung, ihre Einsicht und ihren Vorsatz handeln und hinterher über sich selbst den Kopf schütteln – eine Erklärung, aus der auch hilfreiche Interventionen für die therapeutische Praxis abgeleitet werden können, so daß hier Denken und Handeln füreinander ein Korrektiv sind.
Weiterführende Informationen hier (Link auf meine Web-Site pro-psychotherapie).