Prolog im Himmel

Inhalt:

(1) Die Situation

(2) Wer ist Mephisto?

(3) Die einzelnen Textstellen

  • „Es irrt der Mensch solang  er strebt“
  • „Zieh diesen Geist von seinem Urquell ab“
  • „Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange“
  • „Der Mensch kann allzu leicht erschlaffen“
  • „Als Teufel schaffen“

(4) Die Wette

(5) Anhang: Zur Mythologie des Teufels

 

(1) Die Situation

Der Chef schaut vorbei. Er läßt sich nur selten blicken, es interessiert ihn offenbar wenig, wie es seinen Leuten geht. Während seine Topmanager dennoch willig eine Lobeshymne auf seine Schöpfung anstimmen, steht einer abseits. Er gibt sich souverän, doch seine Gekränktheit bricht sich Bahn in Vorwürfen und Entwertungen. Er zahlt es dem Chef heim, indem er aufzählt, was alles mißlungen ist. Sinngemäß meint er ungefähr das:

  • Der Mensch würde nichts aus seinen Irrwegen lernen, es gebe keine Höherentwicklung der der Zivilisation.
  • Seine Vernunft nutze er zum Triebmißbrauch: Statt seine tierische Triebhaftigkeit in ihre Schranken zu weisen, entschränke er sie, indem er zu ihrer Befriedigung die Grenzen, die dem Tier durch Instinkt gesetzt sind, überwinde: Exzessivität, Haltlosigkeit, Sucht, Ausbeutung, Folter, sinnlose Grausamkeit, Überwachung, das alles gibt es im Tierreich so nicht.
  • Er sei wie eine Heuschrecke, die ständig zu fliegen versuche, aber ständig im Gras lande, weil sei nicht kapiere, daß sie keine Flügel habe: Das Wollen des Menschen sei auf  Ziele gerichtet, die er nicht erreichen könne, die er aber auch nicht aufgeben könne, weil die Furcht, nicht alles versucht zu haben und etwas zu verpassen, ihn immer wieder an den Erfahrungen seines Scheiterns zweifeln lasse und zu erneuten Flugversuchen anstachele.
  • Und daß er entbunden sei von dem vorprogrammierten Verhalten der Heuschrecke, die nur reflexhaft auf Reize reagieren könne, diese seine Freiheit, nutze der Mensch dann doch bloß dazu, sich von allen möglichen Reizen dazu verleiten zu lassen, seine Zeit mit Blödsinn zu vergeuden.

Faust wird vom Herrn als Gegenbeispiel zu Mephistos Mäkelei angeführt. – Was findet Gott an Faust anders, weniger „wunderlich“, als an den Menschen, die Mephisto vor Augen hat? Ist Faust schon reifer als die Menschen der Generationen vor ihm? – Gebraucht er seine Vernunft im Sinne einer Emanzipation von der tierischen Triebausstattung? – Benutzt er seine Instinktentbundenheit anders als für Ablenkungen und Ersatzbefriedigungen, anders als zu belanglosem Vergnügen und billigem Spaß? – In mindestens einem dieser Bereiche muß Faust Stärken haben, die ihn aus der Menge der „üblichen“ Menschen herausheben.

Mephisto ironisiert Gottes Wertschätzung sogleich: Er charakterisiert Faust als jemanden, der sich nicht zufrieden gibt, solange er nicht die höchste geistige und sinnliche Erfüllung erreicht hat, die uns Menschen vorstellbar ist. Dieses Bestreben nennt Mephisto „töricht“.

Gott will dem Teufel zeigen: Die Schöpfung ist nicht schlecht, weil sie leidvoll ist, sondern das Leid stachelt den Menschen an zu dem Bestreben, den richtigen Weg zu finden – und dieses Bestreben ist selbst dann noch sinnvoll, wenn es – wie bei Faust – sich pubertär übersteigert. – Und selbst wenn noch nicht alle Menschen schon zu einem faustischen Streben fähig sind: ein Mensch wie Faust zeigt, daß die Menschen dazu fähig werden können. – Und vielleicht ist die Zivilisationshöhe, die Menschen wie Faust hervorgebracht hat, noch lange nicht jene Höhe, die die Menschheit erreichen kann und einmal erreichen wird – aber die Menschheit ist mit dem bereits Erreichten schon weiter, als „am ersten Tag“.

(2) Wer ist Mephisto?

Offenbar nicht Luzifer selbst sondern nur einer seiner mitgefallenen Engel. Der Herr sagt, daß er „den Schalk“ nicht haßt, es gibt also offenbar weit ärgere „Geister die verneinen“, die der Herr nicht gerne sieht und denen es wohl auch im Traum nicht einfallen würde, sich im Himmel blicken zu lassen. – Ist Luzifer der Anstifter des Klassenkampfes im Himmel, der mit der Herrschaft Gottes Schluß machen will, so ist Mephisto der Sozialdemokrat unter den Klassenkämpfern, der Kompromißfähige. – Ob Mephisto gemäßigter und kompromißbereiter ist, der „Realo“ sozusagen, oder einfach bloß verstellungsfähiger und deshalb für einen Posten nah am Herrn geeignet, wissen wir nicht. – Wenn wir Mephisto später hören, scheint die strategische Verstellung das Wahrscheinlichere: „…drum besser wärs daß nichts entstünde…“.

Mephistos Wort,  er sei „ein Teil von jener Kraft die stets das Böse will und stets das Gute schafft“ wird oft dahingehend gedeutet, er gebe resigniert Gottes Verplanung des Bösen zu: daß die Rebellion gegen die Schöpfung nicht nur aussichtslos sei, sondern sogar noch ein Dienst an ihr. – Doch für wahrscheinlicher halte ich, daß Mephisto mit seinem Wort meint: „Das, was ihr das Böse nennt, ist in Wirklichkeit das Gute“. (So konkretisiert er z.B. wenige Verse später: „alles, was ihr Sünde, Zerstörung, kurz das Böse nennt“ (Hervorhebung von mir.)

Mephisto ist die Verkörperung von Charakterlosigkeit, die Verkörperung jener Instanz in uns, die gegen Geduld rebelliert: Gegen Aufschub von oder gar Verzicht auf Trieb- und Stolzbefriedigungen, gegen das Aushalten von Frustrationen, Kränkungen, Einschränkungen, und gegen das Auf-Sich-Nehmen und Durchhalten von Mühen und Anstrengungen.

Das Mittel der Rebellion ist das Lügen: Schönfärberei (die Deportation des alten Ehepaars nennt er „Kolonisieren“), Schmeichelei (bei den Phorkyaden zeigt er die Kompetenzen eines vollendeten Staubsaugervertreters), manipulative Lenkung der Aufmerksamkeit (Wald und Höhle), Unterschlagen von Information (Trüber Tag) und Vorspiegelung falscher Tatsachen (Kaiserhof). Es sind die Mittel, mit denen wir uns selber betrügen, um uns Spaß auf Kosten von Sinn zu erlauben. (Süchtige gehen daran zugrunde, wenn sie nicht lernen, sich zu durchschauen1.)

Der „Lügengeist“, wie Mephisto sich selbst nennt, ist selber so triebhaft, daß die Engel ihn am Schluß mit seiner Geilheit austricksen. – Und er liebt es, die Aggression über seinen Daseinsfrust an den Menschen auszulassen, in dem er ihnen alles Schöne zerschlägt. So treibt er genüßlich Prommifrau Helena mit Desillusionierungen über ihre Vergangenheit in eine Identitätskrise.

 

(3) Die einzelnen Textstellen:

„Es irrt der Mensch, solang er strebt“: „Versuch und Irrtum“ ist das Prinzip der Evolution. Verhalten, das keinen Erfolg hat, führt zur „Enttäuschung“, zur Wahrheit über eine irrige Annahme. Fehlschläge können wir zur Orientierung und Kurskorrektur nutzen. Das „funktioniert“ natürlich nur, solange wir „streben“, solange wir etwas erreichen wollen, solange unsere Tätigkeit nicht erlahmt, solange wir uns nicht aufs „Faulbett“ legen.

Faust, dessen Verachtung fürs Faulbett Gott vermutlich kennt, ist deshalb für Gott das geeignete Versuchskaninchen. – (Fausts Tatendrang wird allenfalls durch „Sorge“, erlahmen, durch Niedergeschlagenheit, Hoffnungslosigkeit, „Depression“ – deshalb wird Mephisto Faust zu den Elfen schleppen, die Faust die lähmenden Schuldgefühle wegen Margarete wegmachen sollen, und deshalb wird Faust als selbstbewußter Tatmensch gegen Ende seines Lebens die Sorge mit Ignoranz abwehren – nichtsahnend, daß jede Ignoranz ihren Preis hat…)
Wir können gespannt sein auf den Irrtum, den Faust, wenn er vom Urquell getrennt wird, wegen seiner Erschlaffung nicht bemerken und überwinden könnte, wenn Gott Mephistos nicht auf ihn angesetzt hätte…

„Zieh diesen Geist von seinem Urquell ab“: Mit „Urquell“ scheint hier etwas gemeint zu sein, das Orientierung und Motivation erleichtert, etwas, das uns hilft, Irrtümer und Kursabweichungen zu erkennen und auf dem rechten Weg zu bleiben. – Dem Wort „Urquell“ dürfen wir uns suggestiv überlassen: Fausts Gefühl seiner Verbundenheit mit den andern Menschen und mit der Natur soll gekappt werden, ja sogar seine Verbundenheit mit Gott: Er soll weder aus der Wertschätzung von Freunden, noch aus dem Glauben an Gott, Kraft, Trost, Anleitung, Antrieb und Inspiration schöpfen können. Und Gott behauptet: er hat den Menschen so gut ausgestattet, daß er fähig sei, auch ganz auf sich gestellt und ohne Smartphone nicht aufzugeben und nicht verloren zu gehen.

Einsam und ohne jede Unterstützung ganz auf sich gestellt zu sein: Das ist ein Gefühl, das radikale Vordenker, wie z.B. Friedrich Nietzsche, offenbar kennen, die zu denken und zu zweifeln wagen, was zu ihrer Zeit noch kaum jemand zu denken und zu zweifeln vermag: „Philosophie… ist das freiwillige Leben in Eis und Hochgebirge – das Aufsuchen alles Fremden und Fragwürdigen im Dasein, alles dessen, was durch die Moral bisher in Bann gethan war. Aus einer langen Erfahrung, welche eine solche Wanderung im Verbotenen gab, lernte ich die Ursachen, aus denen bisher moralisiert und idealisiert wurde sehr anders ansehen als es erwünscht sein mag“2.

Faust klagt: „Wer lehret mich? Was soll ich meiden? Soll ich gehorchen jenem Drang?“ Bei Nietzsche finden sich Worte, die frappierend diese Klage zu konkretisieren scheinen:

„Denn nun muß er in die Tiefe seines Daseins hinabtauchen mit einer Reihe von ungewöhnlichen Fragen auf der Lippe: Warum lebe ich? Welche Lektion soll ich vom Leben lernen? Wie bin ich so geworden wie ich bin? Und weshalb leide ich denn an diesem So-Sein? – Er quält sich und sieht, wie sich niemand so quält, wie vielmehr die Hände seiner Mitmenschen nach den phantastischen Vorgängen leidenschaftlich ausgestreckt sind, welche das politische Theater zeigt, oder wie sie selbst in hundert Masken, als Jünglinge, Männer, Greise, Väter, Bürger, Priester, Beamte, Kaufleute einherstolzieren, emsig auf ihre gemeinsame Komödie und gar nicht sich selbst bedacht“3.

In seinem Gedicht „Vereinsamt“ bringt Nietzsche dieses Lebensgefühl auf den Punkt:

Die Krähen schreien
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt
Bald wird es schneien,
Wohl dem, der jetzt noch Heimat hat.

Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts, ach wie lange schon,
Was bist du Narr
Vor Winters in die Welt geflohen?

Die Welt, ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt,
Wer das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends halt.

Nun stehst du bleich
Zur Winterwanderschaft verflucht
Dem Rauche gleich,
Der stets nach kälteren Himmeln sucht.

Flieg Vogel, schnarr
Dein Lied im Wüstenvogelton
Versteck du Narr
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

Die Krähen schreien
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt
Bald wird es schneien,
Weh dem, der keine Heimat hat!

Gott behauptet sowas wie: „Ja, das ist hart, aber ich habe den Menschen dafür gemacht, das ab zu können.“ Und der Teufel hält dagegen: „So alleine im Winter auf Platte? Ne, ohne Alkohol macht der das nicht lange!“

Unser Gehirn ist ein Säuge- und Rudeltiergehirn. Das ordnungsgemäße Funktionieren seines Stoffwechsels ist abhängig von den „Belohnungen“, die wir in Beziehungen mit andern Menschen erhalten: Erlebnisse von „Likes“, Liebe, Kuscheln, Sinn, Wertschätzung, Synergie. Bei Ablehnungserlebnissen, wie beim Mobbing, sind die gleichen Hirnareale aktiviert wie bei körperlichem Schmerz. – Wird anhaltende Erfolglosigkeit nicht aufgefangen durch gute Beziehungen, wie z.B. Partnerschaft, Freundeskreis, Familie, kann sie zu Depression führen oder zu den Folgen der Abwehr von Depression, wie z.B. Fanatismus. – Selbst für die, die es können, ist Alleinleben schwer – und für die, die es nicht können, gefährlich… –  (Eine geniale Geschichte darüber, wie fatal es ist, sich von „Likes“ beeinflussen zu lassen hat N. Gogol geschrieben: „Das Portrait“.)

Auf seinem Osterspaziergang hat Faust ein paar Stunden Urlaub von seinem einsamen Heroentum. Er identifiziert sich mit den Menschen,, die nicht vom Urquell abgezogen sind, die nicht außerhalb der Gemeinschaft stehen: „Zufrieden jauchzet groß und klein: Hier bin ich Mensch, hier darf ich´s sein“. – Doch kurz darauf fühlt er wieder die andere Seele in seiner Brust und beschwört die Geister, ihn zu entführen. Ein Ruf, den Mephisto vernimmt…. – Dennoch: Ein Erlebnis der Integration in die Gemeinschaft, in Form der Anerkennung seiner Rolle als Medizinmann des Stammes, hat ihm einen kurzen Urlaub von seinem Ungestüm ermöglicht: Zu Hause ist er erst einmal sehr friedvoll gestimmt, fühlt die Liebe zu den Menschen und zu Gott und „sehnt sich nach des Lebens Bächen, ach, nach des Lebens Quelle hin“…

Dem „Abziehen vom Urquell“ steht im Epilog das „Aufblicken zum Retterblick“ gegenüber: Ohne Verbindung zum Urquell gibt es eben doch bloß Verblendung und Verstrickung, aus denen ein Mensch sich nicht allein erlösen kann. Gott hat sich verschätzt, schließlich muß doch Mama kommen und alles wieder in Ordnung bringen.

Aber auch der Teufel hatte Unrecht: so ganz blöde ist Faust ihm nicht auf den Leim gegangen. Es fängt damit an, daß Faust sich ganz anders in seiner „Winterreise“ einrichtet, als Mephisto hätte voraussagen können: „Du hörest ja, von Freud ist nicht die Rede!“ – Wenn überhaupt, dann braucht Faust den Teufel bloß zu Forschungszwecken. – Auch hat Faust über seine Triebe nach Schönheit, Sinn und Stolz die andern Menschen nie so völlig vergessen, daß ihm „scheißegal“ war, was ihnen durch seine Umtriebigkeit widerfuhr: Faust ignorierte zwar seine selbstverständliche menschliche und moralische Verpflichtung gegenüber Margarete, aber als ihm klar wurde, was er damit angerichtet hatte, wollte er sie sofort retten. Und als das wegen dem Schatten seiner bösen Taten mißlingt, kann er nicht mehr einschlafen und muß von Elfen geheilt werden. – Bei der Katastrophe von Philemon und Baucis ist es nicht anders: Faust ist sich seines Anteils Schuld an der Katastrophe bewußt, und er leidet so darunter, daß er sich einen Ruck geben muß, um seine Schuldgefühle zu ignorieren und handlungsfähig zu bleiben („doch deine Macht o Sorge, schleichend groß, ich werde sie nicht anerkennen!“) – Mephistos Verführungsversuche dagegen fand Faust bloß lächerlich: sich als Autokrat von seinen Untertanen huldigen zu lassen oder sich Luxus- und Haremsfreuden zu ergeben. – Nein, Faust wollte seine teuflisch erweiterten Potentiale nutzen, um etwas zu schaffen, das der ganzen Menschheit zu Gute kommt. – Daß Fausts Gewissen trotz seiner beschränkten Getriebenheit im Grunde so unbestechlich war, konnte der Miesmacher Mephisto nicht glauben. Wie viele Pessimisten, die sich für desillusioniert halten, dachte auch er: je schlechter man von den Menschen denkt, desto realistischer schätzt man sie ein.

Doch wie dem auch sei: Wohin er auch kommt, Faust richtet überall Unheil an. Am Ende ist eine vierköpfige Familie tot, ebenso ein altes Ehepaar mit seinem Gast; bei seinem zweiten Sohn versagt Faust als Vater so gründlich, daß der Sohn die Wirren seiner Pubertät nicht überlebt; ein Staat ist bankrott und verheert, und seine gute Tat für die Menschheit will Faust mit Piraterie und Zwangsarbeit „durchziehen“. – Aus unserer Sicht hätte Gott das Experiment abbrechen müssen. Und die Art und Weise, wie der Teufel um die Seele geprellt wird, läßt vermuten, daß die Auswertung des Experiments von der Muttergottes vereitelt werden mußte. – Vielleicht hat die Muttergottes nach der Rettungsaktion gedacht: „Na, Gott kann was erleben, wenn ich nach Hause komme! Mit dem Teufel um das Wohl und Wehe wehrloser Geschöpfen zocken, geht’s noch!“ – Da hätte ich dann nicht in Gottes Haut stecken wollen…

„Ein guter Mensch“: Nicht alle Menschen sind sich in ihrem dunklen Drang des rechten Weges bewußt, nur die guten – und zu denen gehört offenbar Faust. – Vermutlich ist hier keine moralische Auszeichnung gemeint, sondern eine Kompetenz. Heute würden wir eher von „reifen“ und „unreifen“ Menschen sprechen statt von „guten“ und „schlechten“.

Was diese Kompetenz auszeichnet, müßte soetwas sein wie eigenständiges Denken und Wollen, das weder von Traditionen und Konventionen noch von Trieben unmittelbar bestimmt wird, sondern ein Reflexionsvermögen entwickelt hat, mit dem es Fragen stellen kann wie: „Was mach ich hier eigentlich gerade? Wie finde ich das, daß ich gerade so fühle, denke und will? Habe ich eine Mitbestimmungsmöglichkeit gehabt, so zu fühlen, zu denken und zu wollen? Wie will ich mich zu dem, was mir gerade von meiner Kultur und meiner Natur vorgegeben wird verhalten?“ – Daß Faust hier weiter ist, als andere Menschen, muß selbst der Teufel zugeben: „er ist sich seiner Tollheit halb bewußt“.

„Der Mensch kann allzuleicht erschlaffen“ – Erschlaffen bedeutet: Nachlassen in der Anstrengung – entweder in der Anstrengung etwas zu erreichen oder einer Kraft zu widerstehen, oder in der Anstrengung sich mit etwas auseinanderzusetzen. – Der Mensch soll einen dunklen Drang haben und dennoch allzuleicht erschlaffen? Wie paßt das zusammen? Er kann allzuleicht Nachlassen im Erkennen und Durchhalten des „rechten Weges“, und dem nachgeben, was ihn davon abdrängt. Das können die unterschiedlichsten „Dränge“ sein: nicht nur die Gier nach Sex, Macht und Geld, auch Stolz, Kränkung und Angst.

„Als Teufel schaffen“: Der Teufel steht im Dienste unserer Triebe, er versucht uns ständig dazu zu bringen, unseren Trieben den Vorzug vor der Vernunft zu geben. Unsere Bestrebungen nach Lustgewinn und Selbstwerterhöhung führen zu Verstrickungen, „Irrtümern“, die uns „in Trab halten“: die uns durch Mißerfolg und Leid anstacheln, die Welt, unser Handeln und uns selbst besser zu verstehen und zu organisieren, Ideen zu entwickeln, uns zu kultivieren, zu üben, zu schaffen usw. – So sorgt der „dunkle Drang“ mit den teilweise katastrophalen Turbulenzen, die er erzeugt, selber dafür, daß sich der rechte Weg vor uns abzeichnet…

„Erschlaffen“ hat nicht mit Mangel an Bestrebung zu tun, sondern mit Mangel an Bemühung,  einem Mangel an Reflexion und bewußter Steuerung des Bestrebens. Mephistos Irreführungen sollen durch ihre katastrophalen Folgen Fausts Bemühung anstacheln, nicht sein Bestreben. – Obwohl er Gottes Intentionen kennt, läßt sich Mephisto darauf ein, weil er glaubt, daß Gott sich in seinem Stolz überschätzt und seine Pläne nicht aufgehen: Wenn die Teufel bloß immer durchhalten in ihrer Bemühung, dann kippt das Gleichgewicht, das der Herr durch sie herzustellen versucht, vielleicht irgendwann doch mal…

 

(4) Die Wette

Die Frage, die der Wette zwischen Gott und Teufel zugrunde liegt, läßt sich so formulieren: Wie auf sich selbst gestellt darf ein reifer Mensch sein bezüglich einsamer Einschätzung seiner selbst, und einsamer Einschätzung dessen, was für sein Leben und das menschliche Leben überhaupt sinn- und wertvoll ist und ethisch in Ordnung? Ab welchem Ausmaß von Absonderung kommt es dazu, daß ein Aufsichselbstgestellter den Kontakt zur Realität verliert und dadurch so großes Unheil anrichtet, daß er dem Teufel anheimfällt?

Der Prolog verspricht uns das Drama eines Mannes, der ohne Smartphone und mit lügendem Navi zwischen Gären und Erschlaffen einen Weg finden muß, der nicht in der Hölle endet…

 

(5) Anhang: Zur Mythologie des Teufels

Die Mär vom gefallenen Engel scheint die Geschichte einer Gruppe von Menschen widerzuspiegeln, die ihren Zusammenhalt in einem Heiligen verkörpern, und dann wächst unter ihnen ein Quertreiber heran, ein hochbegabter Psychopath, der nicht einsieht, sich dem Heiligen beugen zu sollen; der sich durch jede Unterordnung gekränkt fühlt, der nicht gehorchen und sich nicht einschränken lassen will, und der deshalb versucht, seinen Leuten das Heilige madig zu machen.

In diesem Sinne ist Luzifer Sinnbild für eifersüchtigen, kranken Stolz, für Machtgier, für Mangel an Gemeinschaftssinn, für Eigensinnigkeit, und in Folge auch für Triebhaftigkeit, Mißgunst und Grausamkeit. Und weil er mit Frustration nicht klarkommt, sich nicht freuen kann und das Gute nicht zu schätzen weiß, sondern mißgünstig auf die Daseinsfreudigen blickt, deshalb fragt er sich „Warum ist überhaupt Etwas und nicht Nichts?“, und würde das Dasein am liebsten zum Totalsuizid anstiften oder vernichten.

Mythische Geschichten gibt es immer in vielen Varianten, so auch den Mythos vom gefallenen Engel. Der junge Goethe fabulierte sich seine eigene verschwurbelte Variante und präsentierte sie später in seiner Autobiographie als stolze Jugendsünde.

Eine der virtuosesten Variationen ist wohl die des französischen Schriftstellers Anatol France. Er dreht die Geschichte um: Jahwe sei ein Gott unter anderen, und zwar ein ebenso geist- und humorloser wie lob- und herrschsüchtiger Gott, der es geschafft habe, seinem Kreis von Engeln weis zu machen, er habe alles erschaffen. – Früher oder später habe es zum Krieg mit seinem geistvollen, daseinsfreudigen Gegenspieler kommen müssen,  mit Luzifer– einem Krieg, den Jahwe bloß deshalb gewonnen habe, weil er sich frühzeitig, als noch gar kein gewaltsamer Konflikt abzusehen war, die Macht über die Blitze gesichert habe.

Den Menschen, die später entstanden – und genauso wenig seine Schöpfung seien, wie alles andere – habe er dann die Verschwörungstheorie von Luzifer aufgetischt, als auf seinen Schöpfer eifersüchtigen Ex-Engel. – (In der Tat könnte der jüdisch-christlichen Religion vorgeworfen werden, den Hergang im Himmel nur aus der Sicht des Siegers darzustellen. Dabei wußte schon die antike Helena: „Es ist des Richters erste Pflicht, Beschuldigte zu hören.“ … )

Luzifer habe eine zweite Chance gegen Jahwe bekommen dank der menschlichen Kapitalisten, die mit ihm einen Deal gemacht hätten: Wenn er aufhöre, den Arbeitern revolutionäre Ideen einzuflüstern, finanzierten sie seine Revolution gegen Jahwe. – Als es soweit gewesen sei, und Luzifer nur noch auf den Knopf hätte drücken müssen, habe er eine Vision von den nachrevolutionären Himmeln gehabt: Er habe gesehen, daß seine Anhänger eine genauso dröge und drückende Herrschaft errichten würden, wie die Jahwes und sich im Grunde nicht viel ändern würde. Da habe Luzifer die Revolution dann lieber abgeblasen… (Anatole France, Aufruhr der Engel (1914), Aufbau Verlag 1986)

Wieder eine andere Variante bietet D. Seefeld in seiner Erzählung „Subversion im Himmel“: Die „Große Seligkeit“ im Himmel ist genervt, weil einige Seelen einfach nicht akzeptieren wollen, daß es noch eine Hölle gibt…

 

Anmerkungen

1 Näheres in meinem Artikel: Die Tücken der Sucht
2 Nietzsche, Friedrich, Ecce Homo, Krit. Gesamtausgabe VI.3 S.256
3 Nietzsche, Friedrich, Schopenhauer als Erzieher, Krit. Gesamtausgabe III.1 S.370