Die Revolte

Am nächsten Abend war es regnerisch und kühl. Wir trafen den Psychiater im Gespräch mit Gästen am Kamin. Tagesgespräch waren die Finanzmissstände der Welt gewesen, von denen es neue Schlagzeilen gab. Der Psychiater hatte eine auffallend zurückhaltende Haltung:

„Ich habe ja keine Ahnung von diesen Sachen. Aber ich frage mich: Ist es wirklich die Gier? Oder sind es die Umstände? – Die Bänker: die wollen vielleicht auch nur einen guten Job machen für das von aller Welt ihnen anvertraute Vermögen. Und da ist immer die Frage: wie weit darf man zu weit gehen, bei der Übertretung von Vorschriften? – Und die Reichen? Was soll man sonst mit dem Geld machen, als die Möglichkeiten seiner Vermehrung nutzen? – Es ist vielleicht gar keiner gierig. Es will bloß niemand seine Möglichkeiten ungenutzt lassen. Möglichkeiten nicht zu nutzen gilt als närrisch und wer will schon ein Narr sein? – Blöd ist bloß: Immer mehr Kaufkraft geht den Märkten verloren, weil sie privat gehortet wird. Und das könnte so weitergehen, bis selbst in den reichsten Ländern Arme verhungern, weil sie nicht mal mehr Kaufkraft für das Nötigste haben. Es ist kaum zu glauben, daß irgend ein Reicher bereit ist, diesen Preis für die Nutzung seiner finanziellen Möglichkeiten zu zahlen. Die Frage ist wahrscheinlich nur: was ist in der Maschinerie so verkeilt, daß keiner sie stoppen kann?“

Es entspann sich eine Diskussion über die Rolle menschlicher und struktureller Schwächen für die Entstehung gesellschaftlicher Probleme. Als das Gespräch sich im Kreise zu drehen begann, wurden immer mehr Stimmen laut, die Diskussion zu beenden und stattdessen den alten Mann um eine Geschichte zu bitten. Nach einer Pause, als Holz nachgelegt war, das Feuer wieder munter knisterte und alle wohlversorgt waren mit anregenden Getränken, begann der Psychiater:

„Es ist jetzt mehr als 15 Jahre her, da saß ich an einem Sommernachmittag nach getaner Arbeit gemütlich in einem Kreuzberger Straßencafe und beobachtete die bunte Vielfalt der Lebensformen, die an mir vorbeiflanierten. Plötzlich bat ein Mann darum, sich an meinen Tisch setzen zu dürfen. Ich fand das wunderlich, weil noch andere Tische frei waren. Aber der Mann sah interessant aus, daher lud ich ihn ein, Platz zu nehmen. Er begann die Unterhaltung mit einem für eine gemütliche Plauderei ziemlich unpassenden Thema: Er meinte, viele Deutsche, die mitbekommen hätten, wie ihre jüdischen Nachbarn abgeführt wurden, hätten nicht angemessen mit Erschrecken und Empörung darauf regieren können, weil es völlig jenseits jedes Vorstellungsvermögens gelegen habe, daß es in einer zivilisierten Nation möglich sei, brave und bewährte Nachbarn und Mitbürger bloß wegen ihrer Abstammung geradewegs in eine Fabrik zum Ermorden von Menschen zu deportieren. – Ich fragte ihn, worauf er hinaus wolle und er antwortete, er wolle an einem Beispiel veranschaulichen, wie nah das aller Fernliegendste sein könne, im Bösen wie im Guten.

„Wie im Guten?“, fragte ich, „haben Sie dafür auch ein Beispiel?“

„Nicht nur ein Beispiel, sondern ein wirkliches Gutes.“

„Sie sind aber doch hoffentlich kein Vermögensberater?“ Die Vorstellung, daß einer dieser Leute auf die Idee käme, mit dem Holocaust eine Verkaufsmasche zu stricken, widerte mich an.

Er lachte: „Nein, wo denken Sie hin! Vermutlich bin ich nicht der Geschickteste, mein Anliegen einzuführen. Also: es gibt etwas für Sie so ganz und gar Unglaubhaftes, daß es keinen Sinn hat, sich länger mit Worten darüber aufzuhalten. Ich würde es Ihnen gerne zeigen! Darf ich?“

„Es kommt ganz darauf an, was. Ich habe keinen Bedarf an Sensationen, ich bin kein Kirmesgänger.“

„Ich versichere Ihnen: es geht um etwas, das Sie interessieren wird. Geben Sie mir eine Chance!“
Um endlich meine Ruhe zu haben, willigte ich ein.

„Ich freu mich über Ihre Entscheidung“, sagte er mit einem aufgesetzten Lächeln, das die billigste Verkaufsmasche erwarten und mich meine Entscheidung sofort bereuen ließ. Doch dann kam tatsächlich etwas gänzlich Unerwartetes: Wir saßen plötzlich im Dachgarten des Cafe Wittgenstein und blickten über die Stadt. Zuerst dachte ich, ich träume, was soll man auch sonst denken in so einer Situation? Dann erschrak ich: handelte es sich um eine Halluzination? Bei starken Vergiftungszuständen fängt das Gehirn an, im wachen Zustand zu träumen, und kann Traum und Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden.

„Was geht hier vor!“ schrie ich ungehalten.

„Ich habe uns gebeamt. Ich möchte Ihnen Techniken vorstellen, die noch für unmöglich gehalten werden.“

„Und warum ausgerechnet mir? Ich bin kein Physiker und mit meinem Fahrrad völlig zufrieden!“
„Ihre Frage ist genau die richtige: warum ausgerechnet Ihnen! Doch gestatten Sie, daß ich Sie zunächst zu etwas einlade!“

Nachdem ich durch einen vorzüglichen Latte Macciato etwas versöhnlicher gestimmt war, fuhr er fort: „Ich will Ihnen demonstrieren, daß unsere Organisation über Technologien verfügt, die in der Öffentlichkeit noch als Märchen gelten. Um Ihre Frage zu beantworten, müsste ich Ihnen noch mehr von unseren Technologien zeigen. Dafür müssten Sie mit in unser Labor kommen.“

„Wozu sollte ich irgendwelchen Leuten, die über irgendwelche märchenhaften Technologien verfügen, in irgendein Labor folgen? Ich sagte Ihnen ja schon, ich interessiere mich nicht für Technik. Und deshalb lässt mich auch die Frage kalt, warum Sie ausgerechnet mir diese Technik präsentieren wollen. Als Psychiater ist mein Leben reich genug an Herausforderung, Sinn und Rätseln. Ich brauche keine Technikmärchen. Wir können gerne hier noch ein wenig plaudern aber dann bitte ich Sie, mir das Taxi zurück zu meinem Fahrrad zu bezahlen, gebeamt werden will ich nicht, wer weiß, ob das überhaupt gesund ist! Radfahren ist jedenfalls gesünder!“

„Gerne! Aber gestatten Sie mir, mich ab und zu noch einmal zu Ihnen zu setzen?“

„Warum nicht. Solange Sie mich nicht langweilen.“

 

2

Beim nächsten Treffen brachte er das Gespräch auf Intelligenztests und auf das Problem, die geistigen Vermögen des Menschen zu vermessen. Solche Tests sind sinnvoll, um differential-diagnostisch zu untersuchen, ob Probleme von Kindern mit einer falschen Beschulung zusammenhängen. Das interessierte mich von Berufs wegen schon mehr.

„Es gibt Fähigkeiten“, dozierte er, „die sich jeder Vermessung zu widersetzen scheinen. Die meisten denken hier nur an Kreativität. Aber es gibt noch weitere: z.B. die Fähigkeit, über den Tellerrand hinaus zu denken. Viele können sich nicht vorstellen, was an dem für sie Selbstverständlichen alles fragwürdig sein könnte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts z.B.: Da plante die Wissenschaft eine Expedition in die Wüste Gobi. Sie wollten fossile Reste der Vorfahren des modernen Menschen finden. Dabei hatte Darwin an 5 Fingern ausgerechnet, daß der moderne Mensch nur in Afrika entstanden sein konnte. In Afrika! Das wollte den Wissenschaftlern nicht in den Kopf. „Die Vorfahren der Weißen sollen alles Nigger gewesen sein?“ Solche Vorstellungen geisterten in ihnen herum, ohne daß sie sich ihrer ganz bewußt wurden. Alle Intelligenz und Gelehrtheit dieser Leute reichte nicht hin, die primitivsten Vorurteile zu zerstreuen. – Solche Hochleister sind wie ein Porsche im Tunnel, während andere zwar Fußgänger sind, sich dafür aber frei im Gebirge bewegen können. – Sehen Sie und wir haben eine Technologie entwickelt, die Sie sich nicht träumen lassen. Mit ihr können wir alle Parameter des Geistigen vermessen, alle! Wir können mit einer Genauigkeit von über 99,6 Prozent angeben: zu welchen geistigen Operationen ist ein Mensch in der Lage und zu welchen nicht, und: welche Entwicklungsfähigkeit ist bei ihm erwartbar!“

„Schön. Aber wozu? Die Tests, die wir bereits haben, genügen uns für unsere Zwecke völlig!“

„Nun, besondere Aufgaben erfordern eine besondere Auswahl von Eignungen.“

„An welche Aufgaben denken Sie?“

„Z.B. an Aufgaben für Führungskräfte aus Politik und Wirtschaft.“

„Wollen Sie Eignungstests für Politiker einführen?“

„Ja, wir wollen Politik machen.“

„Und was wollen Sie dann von mir? Ich bin ein ziemlich unpolitischer Mensch.“

„Nun, wir haben Sie getestet.“

„Was haben Sie? Mich getestet? Wie denn? Ohne meine Einwilligung?“ Wieder wurde ich ärgerlich.

„Naja, ich gebe zu, wir sind nicht ganz brav. Aber sind Sie denn gar nicht neugierig auf das Ergebnis?“

„Nicht sehr. Wieso sollte mich das interessieren? Ich komme gut zurecht mit allem. Ich weiß, daß ich nicht der Intelligenteste bin, aber ich bin intelligent genug für die Lebensaufgabe, die mich interessiert und die ich mir erwählt habe. Was muß ich wissen, welche genaue Ausprägung aller möglichen geistigen Fähigkeiten bei mir zu messen wär?“

„Sie müssen es nicht wissen. Aber wir müssen es wissen.“

„Sie? – Was haben Sie mit mir zu schaffen?“

„Sie sind wirklich nicht sehr intelligent. Sonst hätten Sie längst erkannt, daß ich ein headhunter bin.“

„Ein headhunter? Aber was wollen Sie mit einem so beschränkten Kopf wie dem meinen? Und im Ernst: Ich glaube kaum, daß es in der Politik eine Aufgabe gibt, mit der Sie mich ködern können. Ich bin ein ziemlich unpolitischer Mensch. Als Radfahrer interessiert mich lediglich Tempo 30. Das ist alles.“

„Es ist eine sehr unwahrscheinliche Aufgabe, die ich für Sie habe, und es stimmt übrigens
nicht, daß Sie beschränkt sind. Sie sind langsam, ja, sie sind kein Porsche – aber nicht beschränkt! Sondern im Gegensatz zum Porsche sehr geländegängig.“

„Wissen Sie, das ist mir völlig egal, ob ich beschränkt bin oder nicht. Ich habe es geschafft, mir das Leben so einzurichten, daß ich ihm gewachsen bin, darauf allein kommt es an. Wäre ich nicht Psychiater, wäre ich vielleicht Orthopädieschuhmacher und wäre nicht weniger zufrieden, selbst wenn ich ein wenig beschränkter wäre – obwohl, wie Sie sicher selber richtig erkannt haben, gibt es so manchen Orthopädieschuhmacher, der weitaus weniger beschränkt ist, als so mancher Psychiater. – Sie sehen, daß ich mich gegen jede Art Vermessung des Menschlichen wehre. Wir brauchen keine Helden. Traurig eine Kultur, in der man nicht dumm und beschränkt sein darf! Dort herrschen Leistungsdruck, Eigendünkel und Verdienstillusion: ein riesiges Missverständnis des Menschlichen.“

„Sie bestätigen mit Ihren Ausführungen nur unsere Wahl. – Aber bevor ich Ihnen verrate, welche Aufgabe wir Ihnen antragen, würde ich Sie gerne noch einmal zu einem kleinen Ausflug einladen. Wenn Sie wollen, auch ohne beamen!“

Wir fuhren zum Flugplatz. Dort wartete ein Flugzeug mit verglastem Rumpf. Um kein Aufsehen zu erregen, startete die Maschine „normal“, doch als wir hoch in der Luft waren, schalteten sich die Triebwerke ab und wir schwebten geräuschlos herum, ich durfte mir aussuchen, wo, und in wenigen Sekunden schwebten wir über dem Tibesti-Gebirge, saßen gemütlich an dem Tisch im Glasrumpf, genossen das Panorama und tranken den besten Kaffee, den ich je getrunken hatte. Ich vermutete, daß der Mann einer geheimen internationalen Forschungseinrichtung angehörte, und sagte ihm, daß ich mir denken könne, wie viele gute Gründe es dafür gebe, einen derartigen technischen Fortschritt geheim zu halten.

„Nun, ich glaube, allmählich kann ich Sie über alles aufklären. Sie kennen vielleicht den Vers aus dem größten Gedicht ihres Volkes: „Dich störe nichts, wie es auch weiter klinge, schon längst gewohnt der wunderbarsten Dinge“. Nehmen Sie das als Vorzeichen für alles, was Sie nun erleben!“

Die Erde unter mir wurde immer kleiner, wir flogen geradewegs ins Weltall! Nach kurzer Zeit sah ich uns auf einen Planeten zusteuern. Bald erkannte ich, daß er künstlich war, eine gigantische Raumstation planetaren Ausmaßes.

„Sie können es sich ja sicher schon denken“ sagte er und öffnete den Reißverschluß seiner Jacke. Darunter kam so etwas wie ein Aquarium zum Vorschein, ja, der Mann war ein wandelndes Aquarium! Und in diesem Aquarium schwamm ein Gewächs, das an eine Koralle erinnerte.

„Voila, das bin ich“, lachte er und zeigte mit dem Finger auf das Gebilde, durch das ein Zittern lief. „Dieses Zittern ist bei uns so etwas wie in Ihrer Kultur eine Verbeugung. Wir sind eine sehr sehr alte Lebensform. Uns gab es bereits, lange bevor Ihr Universum existierte. Doch das ist erstmal nicht wichtig, das hat alles noch Zeit.“

 

3

Sie können sich denken, daß ich wieder erwog, es könne sich nur um einen Traum oder eine Halluzination handeln. Er bemerkte meine Verunsicherung:

„Was lässt Sie so stark an Ihrem Realitätssinn zweifeln? Schon vor 200 Jahren hat einer Ihrer bedeutensten und besonnensten Philosophen darauf gewettet, daß es viele intelligente Lebensformen im Universum gibt. Er hat deshalb den Geltungsbereich seiner Philosophie gleich für alle vernünftigen Wesen postuliert. – Nun, er hätte die Wette nur halb gewonnen. Viele gibt es nicht. Unsere Spezies hat bereits dreihundertvier Universen überlebt. Wir haben in jedem dieser Universen etwa 20 Prozent absuchen können aber insgesamt nur 427 andere intelligente Lebensformen gefunden. Sie können in Ihrem Universum also mit sieben bis zehn intelligenten Lebensformen rechnen. Zwar finden Sie in jedem Universum Leben wie Sand am Meer. Aber nur unter sehr speziellen Bedingungen, die kaum ein Planet erfüllt, kann sich ein so hochkomplexer Organismus entwickeln, wie es für Intelligenz nötig ist. Intelligenz ist daher ungeheuer wertvoll. Deshalb finden wir, lohnt es sich, sich um jüngere Intelligenzen zu kümmern, wie ein großer Bruder.“

Die verschiedenen Spezies, die sich aus dem Zerfall der vorhergehenden Universen in unseres gerettet hatten, waren über unser ganzes Universum verteilt, um es nach Intelligenz abzusuchen. Meist lebten verschiedene intelligente Lebensformen zusammen auf einem Planetoiden. Der nächste Planetoid war 120000 Lichtjahre entfernt, mit den täglichen Nachrichten trafen Antworten und Entgegnungen auf Fragen und Bemerkungen ein, die 240000 Jahre vorher abgesendet worden waren! Sie hatten gelernt, in ganz anderen Kategorien als denen des Individuums zu denken. Jedes Individuum verstand sich als ein winziges Sandkorn in dem riesigen Mosaik einer viele Jahrtausende überspannenden Aufgabenstellung, wie z.B. der Erforschung der Erde. Die Koralle erklärte mir stolz das Prinzip, das ihrer „transindividuellen Kompetenz“, wie sie es nannten, zugrunde lag:

„Den Grundstein unserer zivilisatorischen Reife schuf eine Gruppe freier Individuen. Sie bauten die erste künstliche Welt außerhalb unseres Mutterelementes. Sie wollten den unreifen Umtriebigkeiten unserer damaligen Zivilisation entfliehen, die immer wieder zu Chaos und Not führten. Diese Gründergeneration wußte, daß sie selber von der neuen Welt nichts haben würde, außer zusätzlichen Kosten, Sorgen und Mühen. Sie hatten aber eine Operation kultiviert, die zur Grundlage unserer Entwicklung wurde: die Identifikation. Das ist eine spezielle Übung der Fantasie. Mit ihr gelingt es, sich so lebendig in die Situation unbekannter Individuen hineinzuversetzen, daß man sich mit ihnen freuen und mit ihnen leiden kann. Das ermöglicht uns, an einer Aufgabe, die sich erst in ferner Zukunft vollendet, so engagiert zu arbeiten, als würden wir ihre Vollendung noch selbst erleben. –
Auffälligstes Zeichen einer entwickelten Identifikationsfähigkeit ist: daß es nicht mehr die geringste Rolle spielt, welche Gene ein Kind hat, ob eigene, verwandte oder fremde. Je unvorstellbarer das für eine Zivilisation ist, desto unreifer ist sie. – In Ihrer Welt war es früher der größte Horror eines Mannes, ein Kuckuckskind untergeschoben zu bekommen. Aber wo ist das Problem? Es gibt keines! Selbst die genetische Entwicklung Ihrer Spezies ist durch dieses naturalistische Mißverständnis aufgehalten worden, ganz zu schweigen von der geistigen. – Auch in Ihrer Zivilisation werden sich irgendwann die Fürsorgeinstinkte von dem biologisch verankerten Reiz-Reaktionsmechanismus des „Kindchenschemas“ emanzipieren und Sie werden das gleiche Gefühl von Liebe und Fürsorglichkeit für jedes bedürftige Heranwachsende irgendeiner intelligenten Spezies empfinden. –
Allerdings käme es im Fall einer speziesübergreifenden Brutpfle-ge zu Schwierigkeiten. Ich z.B. schwimme in einer etwa 7° warmen Flüssigkeit. Ich könnte den für Babys Ihrer Spezies erforderlichen Körperkontakt nur mit einer speziell ausgerüsteten Verpuppung leisten, die die Brutpflegebedingungen Ihrer Spezies simuliert. Ohne Wissenschaft und Technik liefe da gar nichts. – Eines unserer traurigsten Volkslieder handelt von diesem Problem – das ist jetzt viele Universen her: Einer unserer Scanner hatte eine Signatur als nicht-natürlich identifiziert. Die Quelle der Signatur war viele tausend Lichtjahre entfernt. Als wir sie erreichten, fanden wir nur noch im Raum herumschwebende Überreste einer Zivilisation. Wir haben nie rekonstruieren können, was genau mit ihr geschehen war. Aber es war noch ein Behälter in Takt, von dem das Signal ausging. In ihm entdeckten wir in Kälteschlafkammern lebende Wesen. Wir erkannten, daß es sich um „Babys“ handeln musste. Das System drohte abzustürzen, bevor wir herausgefunden hatten, wie wir es stabilisieren konnten. Wir mußten sie aufwecken, ohne Schrift und Sprache dieser Zivilisation entziffert und ihnen Hinweise auf die Erfordernisse der Pflege entnommen zu haben. Obwohl diese Lebewesen auf uns eklig wirkten – etwa so wie auf Sie ein riesiger praller Gliederfüßler – vermittelte sich uns die Lust, ja die Gier der Kleinen nach Leben und Wachstum. Unsere Identifizierungsfähigkeit überwand die biologischen Grenzen spielend. Wir nahmen uns ihrer an, wie unserer eigenen Nachkommen, mit größter Liebe und Vorsicht. Aber sie starben alle. – Nun …“ – Seine Mimik geriet ins Stocken, er war gerührt.

 

4

Die Beherrschung von Atomkraft oder Genetik: das waren für sie die Sündenfälle einer intelligenten Lebensform, die den Zeitpunkt markierten, an dem es galt, die Kontaktaufnahme mit „kleinen Geschwistern“ vorzubereiten – ungefähr so, wie man ein Kind nicht unbeaufsichtigt mit Streichhölzern spielen lässt.

70 Jahre hatten die unmittelbaren Vorbereitungen zur Kontaktaufnahme gedauert und nun war ich dazu ausersehen, der erste Mensch zu sein, dem sie sich zu erkennen gaben.

„Womit habe ich das verdient?“

„Mit Ihrem ungewöhnlichen Intelligenzprofil. – Nicht, daß Sie in irgendeiner Dimension von Intelligenz überragend wären. Auf jeder sind Sie nur ein „kleiner Fisch“. Aber die Kombination Ihrer Stärken ist sehr selten und ausgesprochen günstig. Ich werde es Ihnen zeigen.“

Wir waren mittlerweile auf dem Planetoiden angekommen. Es war dort ein irdisches Refugium für mich errichtet worden. In einem gläsernen Vorraum musste ich zunächst ein Begrüßungsdefilee abschreiten. Ich kam mir vor, wie im Zoo: Hinter einer riesigen Glaswand waren Aquarien und Terrarien abgeteilt, die den verschiedenen hier beheimateten Lebensformen einen Kontakt zu meinem Terrarium ermöglichten. Es war nicht leicht, die Bewohner von der jeweiligen pflanzlichen und tierischen Umwelt ihres Habitats zu unterscheiden. Schließlich erkannte ich sie daran, daß sie sich an die Scheibe drängelten, mit irgendwelchen Artefakten behangen oder beklemmt waren und eine jede durch Bewegungen zu erkennen gab, daß sie mich grüßte: die „Korallen“ zitterten, die „Schlangen“ schwänzelten, die „Spinnen“ fuchtelten usw. – Das waren also die gesammelten Intelligenzen aus was weiß ich wie vielen Universen! – Ich nickte Ihnen zu und fragte mich, wie ich ihnen wohl erscheinen würde, vielleicht als greifarmiger Großwurm der auf den beiden Ausläufern seines Gabelschwanzes herumstelzt?

Etwa 20 „Menschen“, bepuppte Aquarien auf zwei Beinen, begrüßten mich mit Handschlag, sie waren die leitenden Politiker und Forscher des Planetoiden. Sie rückten schließlich mit der Sprache raus: Ich sollte die Welt retten. Naja, vielleicht nicht retten, aber verbessern, die globalen, sich gegenseitig stabilisierenden Mißstände sollte ich beseitigen. Genau genommen nicht ich selbst. Ich sollte nur der Leiter einer Forschungs-, Planungs- und Vollzugsorganisation werden. Trotz ihrer Identifikationskunst wollten sie einen Menschen für diese Aufgabe, der gewissermaßen als „Muttersprachler“ eine für Außerirdische unerreichbare Expertenschaft für die menschliche Spezies hat, für unsere Art zu denken und zu erleben, für unsere Bedürfnisse, Wünsche und Ängste. – Ich lehnte das Ansinnen barsch ab:

„Wieso gerade ich? Ich habe noch nie Lust gehabt, den Chef-Macker für irgendetwas zu spielen!“

„Gerade so jemanden suchen wir ja! – Sehen Sie: Viele Menschen brauchen es unbedingt, ein Alpha zu sein. Sie möchten so gerne was führen! Das Führen ist ihnen wichtiger als das Gelingen. Das ist ihnen natürlich nicht bewusst. – Bedenken Sie: Die Fähigkeit, sich an die Führung zu boxen und dort zu behaupten, ist von völlig anderer Art, als die Fähigkeiten, die erfordert sind, um der Leitung der Unternehmung gerecht zu werden! Es bleibt ziemlich zufällig, ob ein Führer, dem es ums Führen geht, andere Eignungen mit in sein Amt bringt, als die, sich die Führungsposition verschafft zu haben. – Die Eignungsfrage interessiert solche Alphas aber nicht. Es drängt sie triebhaft zum Führen, vielleicht auch zum Entdecken, aber nicht zum Überprüfen! Überprüfen ist mühsam und ernüchternd. Es ist oft nicht mit Belohnung verbunden sondern mit Bestrafung: Man verliert wertvolle Hoffnungen, wichtige Sicherheiten, lieb gewonnene Meinungen. Statt ihre Ideen zu überprüfen, erzeugen die Alphas Zuversicht und Vertrauen. Das bewerkstelligen sie mit ihrer Leistungsfähigkeit, ihrem Temperament und ihrem Charisma. Und je mehr Erfolg sie damit haben, desto charismatischer werden sie sich selbst. Aber charismatische Menschen haben keinen privilegierten Zugang zur Wahrheit: Temperament und Leistungsfähigkeit sind keine Erkenntnisvermögen. – Es fällt Ihrer Spezies schwer, sich vorzustellen: Schneid und Elan garantieren nicht dafür, daß ein Schritt nicht ein Schritt in den Abgrund ist. Für unzählige Individuen sind die Alphas verhängnisvoll, für die Gattung zwar nicht toll, aber zum Überleben gut genug. Solange wenigstens, wie es keine Atom- und Biotechnologie gibt, da wird’s dann gefährlich mit den Alphas. – Es ist Unsinn, das zu bewerten, so sind Alphas nun mal, wenn ihnen keiner zeigt, wie es besser geht. Wo kein Bewußtsein ist, wirkt bloß noch Biologie. – Aus all diesen Gründen ist die Leitung des Welt-Reorganisationsbüros eine Aufgabe, die jemanden braucht, der sie nicht braucht!“

Ich machte noch einmal unmißverständlich klar, daß ich mich einer solchen Aufgabe nicht gewachsen fühlte. Außerdem hatte ich nicht das geringste Interesse daran. Ich hatte Patienten und ging völlig in meinen ärztlichen Pflichten auf.

Als die Koralle mir mein Intelligenzprofil zeigte, fühlte ich mich bestätigt, allerdings auch leicht gekränkt: Ich war wirklich nur durchschnittlich intelligent und wegen meiner Aufmerksamkeitsdefizitstörung lag meine Leistungsfähigkeit sogar unter dem Durchschnitt! Das hatte ich im Examen ja auch zu spüren bekommen: Ich hatte drei Anläufe gebraucht und mich so anstrengen müssen, daß ich danach in eine Erschöpfungsdepression gefallen war. Und so jemanden wollten die mit der Leitung der Welt betrauen!

„Sie schauen auf das Falsche! Sie sollen kein intellektueller Hochleistungssportler werden! – Und schauen Sie sich die Hochleister doch mal an: Die besten eines Uni-Jahrgangs gehen in die Finanzwirtschaft um neue Tricks zu ersinnen, wie noch mehr aus der Wirtschaft rausgesaugt werden kann. Ist das intelligent, den Reichtum der Welt in den Händen von immer weniger Menschen kumulieren zu lassen, um den Preis, daß die Welt um sie herum immer ärmer, verbitterter, häßlicher und aggressiver wird? Wären diese Uni-Absolventen intelligent in einem zivilisatorisch hochstehenden Sinne: sie hätten längst mit der Reorganisation der Welt begonnen. – Intelligenz, wie Ihre Kultur sie versteht, besteht nur in der Fähigkeit, die Fäden auf dem Teller schneller zu verknüpfen. Aber damit ist nicht im geringsten die Fähigkeit gegeben, sie auch über den Tellerrand hinaus zu spannen! Bei der Aufgabe, die wir Ihnen übertragen wollen, kommt es nicht auf die überdrehte Bauernschläue von Hochleistern an, sondern auf geistige Freiheit“.

„Geistige Freiheit?“

„Ja. Geistig frei ist jemand, der bereit ist, seinen Gefühlen von Richtigkeit und Stimmigkeit nicht zu folgen, sondern sie in Frage zu stellen. Wir nennen das „Die vier Abstinenzen“:
Die Gewißheitsabstinenz verzichtet darauf, Gewißheitserlebnisse mit Wahrheit gleichzusetzen. Den meisten Menschen fällt es schwer, sich vorzustellen, daß es sich mit einer Sache auch ganz anders verhalten könnte, als ihnen gewiß ist. Sie erleben Gewißheit so zwingend wie Ekel. Aber selbst Ekel hat nicht immer recht. Sonst müßten Menschen die Braten essen pervers sein, weil für Vegetarier das Verspeisen von Kadaver zum Ekeligsten gehört, was sie sich vorstellen können.
Die Berufungsabstinenz distanziert sich von Berufungsgefühlen. Berufungsgefühle sind wichtig, aber sie geben nur Tendenzen vor. Leicht täuschen sich Menschen darüber, was wirklich erfordert ist, um ihren Potentialen gerecht zu werden. Man muß nicht unbedingt Präsident, Nobelpreisträger oder Virtuose werden, es reicht oft schon, Bürgermeister zu sein oder Abteilungsleiter, Physiklehrer oder Amateur. Es ist Unsinn, für die Erfüllung einer vermeintlichen Berufung zu viel aufs Spiel zu setzen, z.B. seine Familie zu vernachlässigen oder eine Unternehmung zu gefährden. Viele Unternehmungen, vom Königreich bis zum Familienbetrieb, sind gescheitert, weil jemand sich zu lange berufen fühlte. –
Die Identitätsabstinenz, die Abstinenz von den Vorstellungen, wer man am liebsten wäre, ermöglicht die Unabhängigkeit von der Angst, „uncool“ zu wirken, der Angst, was die Leute sagen. – Es ist einer der mächtigsten Instinkte Ihrer Spezies, sich gegen den Ausschluß aus der Gemeinschaft zu schützen. Deshalb fällt es Menschen schwer, etwas zu denken, von dem sie denken: „Was würden die andern denken, wenn sie wüßten, daß ich so denke?“ Und sie fragen sich auch selber: „Was bin ich eigentlich für einer, wenn ich so etwas denke?“ Sie fürchten um das Bild, das sie von sich vermitteln oder um die Rolle, die sie spielen wollen. Sie würden einen Gedanken verwerfen, allein aus dem Grund, weil er nicht zu ihrer Brille passt. – Als Psychiater und ungewöhnlich freier Geist mögen Sie darüber lächeln. In Wirklichkeit ist dieses Konformitätsstreben ein Überlebensvorteil. Vor 40000 Jahren hätten Sie es mit ihrer geistigen Freiheit ungeheuer schwer gehabt, nicht geächtet zu werden. Und damals hatte ein Geächteter kaum eine Überlebenschance – zumal kein so schmächtiger wie Sie. – Außerdem ist die Scheu vor Nonkonformität eine Stärke, eine spezielle Ausprägung von Beziehungsfähigkeit: die Fähigkeit, mit den Beziehungen zu anderen so viel anfangen zu können, daß man dafür die eigene Entfaltung einschränkt. So freie Geister wie Sie entstehen meist aus Kindern, die wenig Grund hatten, die Beziehung zu ihren Eltern zu schätzen. –
Die Fähigkeit, Gefühlsregungen zu widerstehen, die Reaktionsabstinenz, kennen viele Kulturen nur als moralische Kategorie. Aber sie ist eine Voraussetzung für Erkenntnis: Gefühle betäuben das Erkenntnisvermögen: Der Ärgerliche hat es schwer, den Standpunkt desjenigen einzunehmen, über den er sich ärgert, ja, oft erscheint es ihm geradezu widersinnig: als solle er auch noch Rücksicht auf den nehmen, der keine Rücksicht auf ihn genommen hat! Würden daraus nicht die tragischsten Verkennungen entstehen, könnte man es so lustig finden wie die Wut eines Autofahrers, der sich bei jeder Behinderung bis zur Weißglut aufspult, auch da, wo er leicht erkennen könnte, daß es sich um ein ganz normales Verkehrsgeschehen handelt. –
Zu diesen vier Abstinenzen kann man sich nicht einfach entscheiden. Man muß sie üben! Sie erfordern die Fähigkeit, die Gewißheiten, Berufungsgefühle, Identitätsvorstellungen und Gefühlsregungen, die das Verhalten leiten, zu Bewußtsein zu bringen. Nie wird es jemanden geben, der auch nur eine der vier Abstinenzen vollkommen beherrscht. Man kann sich nur dazu entscheiden, sich in ihnen immer weiter zu vervollkommnen.“

„Ihre Abstinenzen sind die größten Motivationskiller. Ohne daß Menschen sich berufen fühlen, an sich glauben und etwas Bestimmtes darstellen wollen, kommen viele Kulturleistungen nicht zu Stande. Was sie antreibt, mag völlig illusionär und unsinnig sein, aber: es treibt sie eben an!“

„Nun, auch das ist ein kulturelles Defizit. Bei uns hängt keine Kulturleistung von Berufungs- und Identitätsgefühlen ab. Wir reden darüber, was unzufrieden macht oder Sorge bereitet oder wünschenswert wäre, entwickeln ein Konzept, wie dem Ungenügen abzuhelfen wäre und wer dabei am besten welche Aufgaben übernimmt. Das ersetzt bei uns weitgehend die illusionsbildende Triebhaftigkeit. –
Doch gestatten Sie mir, Ihnen an zwei Beispielen zu demonstrieren, wie wenig mit Hochleistungsfähigkeit ohne Freiheit erst getan ist! – Sehen Sie hier: Dieser Chef eines der wichtigsten Multinationalen Konzerne ist im Begriff, eine falsche Personalentscheidung zu treffen. Es geht um seinen Nachfolger. Der geeignetste Kandidat ist ein Mann, der durch seine unkonventionellen Gedanken und seine außergewöhnlichen Partnerinnen aufgefallen ist. Nun, der Konzernchef nutzt gerade seine Überzeugungsgabe, um dem Entscheidungsgremium diesen Kandidaten auszureden. Er legt dar, daß jemand, der ungewöhnliche Ideen vertrete und jederzeit durch die Geschichten seiner Frauen Aufmerksamkeit errege, ein Risiko für die Konzernführung sei. So jemand könne die erforderliche Stetigkeit und Berechenbarkeit nicht hinreichend gewährleisten. Das glaubt der Chef auch wirklich. Tatsächlich entstand seine Überzeugung jedoch aus ganz anderen Motiven: Der Kandidat hat viel von dem, was er selber gerne hätte. Und nun gibt es eine unbewußte Instanz in ihm: die ausgleichende Gerechtigkeit. Und die gibt ihm ein: „Es kann nicht sein, daß einer alles hat: Kreativität, außergewöhnliche Frauen und Macht. Das ist ungerecht. Wenn man so ein Mann ist wie der, hat man genug, da kann man auch mal auf was verzichten.“ – Dieser Gedanke wird dazu führen, daß ein beschränkter Kopf neuer Konzernleiter wird und wichtige innovative Möglichkeiten der globalen Wirtschaftsentwicklung verschlafen werden. –
Und hier, ein international renommierter Jurist, der Verträge für millionenschwere Deals entwirft und in seiner Freizeit 4-stimmige Fugen auf dem Klavier improvisiert. Er ist viel intelligenter als Sie. Aber Argumente, die nicht von ihm selber stammen, kann er nicht gelten lassen, weil er nicht selbst darauf gekommen ist. „Es kann nicht sein, daß jemandem, den ich nicht als überlegen anerkenne, etwas besseres einfällt, als mir!“ Ein Unwille dieser Art geht in ihm vor, ohne daß ihm das je so explizit zu Bewusstsein gekommen wäre, daß er dazu Stellung nehmen konnte. – Kraft seines Renommes schafft er es, Argumenten die Anerkennung zu entziehen, einfach in dem er nicht darauf eingeht. Sollte ein Argument trotz seiner Geringschätzung doch einmal Beachtung finden, trachtet er danach, das Argument als unvollständig oder unausgereift erscheinen zu lassen, als noch nicht viel wert ohne die Ergänzung, die er dann hinzufügt. Natürlich sind solche Ergänzungen wenig sinnvoll, führen zu einer Verkennung der Tragweite des Arguments, machen es nahezu bedeutungslos und laufen bloß darauf hinaus, alles wieder so zu sehen, wie vorher. Aber aufgrund seiner Hochbegabung sind seine Ausführungen jedoch so bestechend, daß alle sie überzeugend finden. Seine ganze Intelligenz und Bildung bietet er dafür auf, sich in seinem Umkreis gefangen zu halten. Das nennt man Beschränktheit. Seine Strategie spult er rein instinktiv ab, ohne wirklich zu wissen, was er da tut. Er bemerkt allenfalls ein vages Gefühl von Unredlichkeit, so vage, daß er leugnen kann, daß es ein Gefühl von Unredlichkeit ist. Zwar denkt er manchmal: „Vielleicht solltest du diesem Gefühl doch mehr Aufmerksamkeit widmen!“ Doch sagt er sich, daß man zu nichts kommt, wenn man sich an jedem vagen Unbehagen aufhält. – Als Leiter des Reorganisationsbüros würde er fruchtbare Denkansätze verwerfen und damit wichtige Fortschritte um Jahre oder Jahrzehnte verzögern. –
Das Reorganisationsbüro braucht einen Leiter, der es nicht nötig hat, daß betreffs der wichtigen Fragen Ihrer Welt etwas Bestimmtes herauskommt, einen, der auch solche Ideen schätzen kann, die ihm persönlich völlig gegen den Strich gehen, mit denen er bei den Menschen, bei denen er was gelten will, als uncool gilt, oder die ihn nicht als einen der originellsten Köpfe des Zeitalters erstrahlen lassen. Und wir können niemanden brauchen, der seine eigenen Ideen ganz toll findet, so toll, daß er sich die spitzfindigsten Konstruktionen ausdenkt, um sie vor der Widerlegung durch die Forschung zu schützen.“

„Offenbar trauen Sie mir soviel Freiheit zu. Sehr schmeichelhaft. Aber ich muß Ihnen gestehen: ich traue sie mir nicht zu!“

„Nun, ehrlich gesagt, haben auch Sie noch eine etwas zu starke Tendenz, etwas Besonderes sein zu wollen. Aber im Unterschied zum Juristen sind Sie deutlich besser darin, diese Tendenz zu bemerken und zu zerstreuen. Im entscheidenden Augenblick sagen Sie sich: „Mist, wenn der auch so tolle Ideen hat, dann bin ich nicht so außergewöhnlich, wie ich gerne wäre. Aber was ist eigentlich daran schlimm?““

„Ach, und der Jurist kann das Ihrer Meinung nach nicht?“

„Doch, prinzipiell schon. Ich muß Sie sogar leider wieder ein bisschen kränken: er wäre aufgrund seines leistungsfähigeren Hirns dazu sogar prinzipiell besser in der Lage. Aber ihm ist diese Operation weit weniger geläufig als Ihnen. Sie haben da einen jahrzehntelangen Trainingsvorsprung. In die entscheidensten Kämpfe schickt man nur Meister, keine Anfänger, selbst wenn die Anfänger ein besseres Zeug zum Meister hätten.“

„Wenn ich Ihrer Meinung nach noch zu sehr etwas Besonderes sein will: warum holen Sie sich dann nicht einen, der nichts Besonderes sein will?“

„Nun, in Ihrer Zivilisation ist es noch so: Die meisten, die nichts Besonderes sein wollen, neigen dazu, konventionell und konform zu denken. – Sehen Sie hier, ein sehr ungewöhnlicher Mann, ganz weit vorne auf unserer Liste, Platz 71, ein schottischer Metzger. Er will nicht im Geringsten etwas Besonderes sein. Er engagiert sich in seiner Freizeit im Fußballverein als Trainer für die Jugend. Er hat dabei vor allem die problematischeren Jugendlichen im Blick. Er unterstützt sie auf eine so beiläufige Art und Weise, daß es nur einem guten Beobachter auffallen würde. Und er ist dabei so geschickt, daß schon mancher dieser Jugendlichen nicht in die Delinquenz abgeglitten ist. – Sie hätten das nicht bei allen hingekriegt! – Aber der Mann denkt zu konventionell! Es gab in seinem Leben zuwenig Anlaß und Grund, Konventionen in Frage zu stellen. Er hat auch keine Vorstellung davon, was man alles hinterfragen kann und in wieviele Anschauungsweisen und Überzeugungen er einfach hineingewachsen ist, ohne je selber darüber nachzudenken. Wäre er Leiter des Reorganisationsbüros, er würde unkonventionelle Fragestellungen instinktiv als so abwegig erleben, daß er nicht bereit wäre, sie zur Diskussion zu zu lassen. –
Wissen Sie, ohne eine hochentwickelte Kultur kommt geistige Freiheit nur zufällig und selten zustande. In „freier Wildbahn“ entsteht meist nur ein Vorläufer von geistiger Freiheit: die kritische Beobachtungsgabe. Meist entsteht sie durch Fehlschläge der Integration in Erwachsenenwelt oder peer group. Das hat dann übrigens leicht – wie bei Ihnen – das kompensatorische Bedürfnis zur Folge, etwas Besonderes sein zu wollen. Aber kritische Beobachtungsgabe allein macht noch nicht frei. Im Gegenteil, sie neigt dazu, die Beobachterillusion zu verschärfen!“

„Beobachterillusion? Was ist denn das?“

„Nun, die meisten Menschen, die etwas beobachten, was sie eklig, beschränkt, schwach oder lächerlich finden, denken so etwas wie: „Es kann nicht sein, daß ich so bin, wenn ich es so Scheiße finde, so zu sein.“ Es wird ihnen aber nicht bewußt, daß sie so denken. Deshalb können sie diesen Gedanken nicht in Frage stellen. Um diese Illusion zu zerstreuen, ist es erforderlich, die Ansätze und Entsprechungen von dem, was man an anderen beobachtet, in sich selbst zu erkennen. Und das vermittelt in ihrer Zivilisation nicht die Kultur, sondern nur eine Reihe förderlicher Zufälle in den Lebensbedingungen eines Heranwachsenden. –
Bei Ihnen war der Onkel Franz so ein förderlicher Zufall. Sie erinnern sich: Wenn der Onkel beim Anblick eines wütenden Autofahrers oder einer betulichen Dame schmunzelte, dann schmunzelte er über sich selbst: In dem, was er sah, erkannte er, wovon auch in ihm etwas angelegt war, „bloß anders gewachsen“, wie er sich ausdrückte. – Er war Lastwagenfahrer. Er hat Sie in Ihren Schulferien oft auf dem Bock mitgenommen. Sie haben viel Zeit mit ihm verbracht, aber ihn nie respektlos über jemanden reden hören.“

„Das stimmt. – Aber woher wissen Sie das alles?“

„Nun, wir haben jeden Menschen der in Frage kommenden Generation von Geburt an beobachtet – d.h. nicht wir selbst, unsere Roboter.“

„Jeden – wirklich jeden? Wie geht das denn?“

„Technisch ist das für uns keine Schwierigkeit. Es gibt unzählige Möglichkeiten, Roboter zu tarnen, z.B. als Hausspinnen, und wir hatten Jahrtausende Zeit uns vorzubereiten!“

„Big brother is watching you“ maulte ich. Er grinste.

„Wir haben dann die Menschen, bei denen die Maschinen positive Auffälligkeiten feststellen konnten noch einmal „handverlesen“. Wir sind etwa 10 000 Mitarbeiter, jeder von uns wurde Experte für einen der ersten 10 000 Kandidaten. Ich bin der Experte für Sie.“

„Ich unter den obersten 10 000? Das scheint mir völlig abwegig!“

„Ihr Gefühl täuscht Sie nicht. Absolut gesehen sind Sie der 188 587 625-zigste. – Die Reorganisation Ihres Planeten haben wir mit 15 bis 20 Jahren veranschlagt. Von denen, die aus Gründen des Alters oder der Gesundheit keine 20 Jahre mehr zur Verfügung stehen würden, gibt es niemanden, dessen größere Freiheit und Weisheit so ins Gewicht fallen würde, daß es die Nachteile eines Leitungswechsels überwöge. Aber wir haben Ihnen aus den fast 200 Millionen Weiseren ein paar Ratgeber ausgesucht.
Übrigens hat Ihre Eignung auch mit Ihrem Beruf zu tun. Von Natur aus wären Sie in der Tat eine ziemlich trübe Tasse – Sie entschuldigen, wenn ich das so unumwunden sage. – Doch durch Ihre Berufswahl haben Sie aus Ihren speziellen Stärken so richtig was gemacht. Sie haben soziale Kompetenz trainiert und Reaktionsabstinenz…“

„Viele meiner Kollegen auch“, warf ich ein.

„Das ist richtig. Aber dazu kommt bei Ihnen, daß Sie schon als kleines Kind einsam waren und viel auf sich selbst angewiesen. Das hat zu einer verstärkten Autonomieentwicklung geführt. – Sie sind deshalb noch lange kein besserer Therapeut, da muß ich Sie wieder enttäuschen, viele Ihrer Kollegen sind besser als Sie. Aber Sie haben weniger Angst, als wunderlich oder ein bisschen verrückt zu gelten. Zwar neigen auch Sie dazu, sich nur schwer von Ihren Überzeugungen verabschieden zu können. Aber das hindert Sie nie daran, selbst Ihre Lieblingsüberzeugungen in Frage zu stellen. Sie merken das sehr schnell, wenn Sie an einer Überzeugung festhalten, und fragen sich: „Was wäre denn eigentlich daran so schlimm, wenn es sich nicht so verhielte?“

„Also, ich kann mir nicht vorstellen, wieso ich geistig freier sein sollte als manche meiner Kollegen, die intelligenter und leistungsfähiger sind als ich und garantiert nichts besonderes sein wollen. Ich kann mir eher vorstellen, daß Sie sich trotz all Ihrer übermenschlichen Messtechnik irren, als daß ich der Erste bin.“

„Ich kann Ihnen sagen, daß ein Irrtum unsererseits so unwahrscheinlich ist, daß es nicht sinnvoll wäre, an unserem Ergebnis zu zweifeln. Das kann ich Ihnen, wenn Sie möchten, auch im Einzelnen belegen. Z.B. an Ihrem Testosteronwert. Ich habe mir die Aufzeichnungen angesehen und fand es bemerkenswert, wie Sie in der Jugend Schach gespielt haben.“

„Schach? Ich war nie besonders gut in Schach!“

„Darum geht es nicht. Sondern – Sie erinnern sich – Sie hatten es schwer einen Schachpartner zu finden. Die meisten wollten mit Schachuhr spielen, Ihnen war die Schachuhr zuwider. Ihnen ging es im Spiel darum, daß interessante Konstellationen entstehen. Ihren Mitschülern ging es mehr um den Wettkampf: wer ist der schnellste Kopf. Ob ein Spiel interessant war, war den meisten Ihrer Kameraden völlig egal, sie interessierte nur, ob sie gewannen. Lieber ein gewonnenes Spiel als ein interessantes. Und das hat maßgeblich mit dem Testosteron zu tun. Sie sind eine Niedrig-Testosteron-Variante. Deshalb haben Sie auch trotz Trainings so mikrige Muskeln. Niedrig-Testosteron-Varianten haben es leichter mit den Vier Abstinenzen. Natürlich hängt das nicht nur vom Testosteron ab. Aber hätten Sie mehr Testosteron, hätten die günstigen Zufälle nicht hingereicht, Ihren hohen Freiheitswert hervorzubringen. Mit sowenig Testosteron im Blut wie bei Ihnen, ist es keine große Leistung, geistig so frei zu sein.“

„Aber im Vergleich zu hoch intelligenten Menschen bin ich doch geistig regelrecht schwerfällig! Sie können mir doch nicht erzählen, daß eine schnelle Auffassungsgabe nicht derart von Vorteil ist, daß sie einige meiner angeblichen Stärken aufwiegt!“

„Bei Ihrer Aufgabe schon. Hochintelligente Menschen finden gedanklich sehr schnell die Möglichkeiten, wie es sich mit einer Sache verhalten könnte. Das nennt man abstraktes Denken. Ihnen fällt es schwer, abstraktes Denken zu verstehen. Sie müssen immer nachfragen, was das konkret heißt. Aber Sie haben es im Nachfragen zu einer Kunstfertigkeit gebracht. Durch ihre Fragen zeigt sich oft: Möglichkeiten sind noch lange keine Wirklichkeiten. Konkret verhält es sich oft anders, als die Schlüsse des abstrakten Denkens nahelegen. – Ihre Fragekunst haben Sie Ihren Schwierigkeiten im Studium zu verdanken: Ihre Not machte Sie erfinderisch: Sie lernten, ihr Unverständnis zu analysieren. Schließlich konnten Sie genau angeben, was Ihnen zum Verständnis eines Gedankens fehlte und gezielt danach fragen. Sie erinnern sich, wie Sie Ihre Lehrer damit wütend machten! Durch Ihre Fragen fiel denen auf, was an den Lehrmeinungen alles fragwürdig war und was sie selber alles nicht gefragt und nicht verstanden hatten.- Für die Moderatorfunktion, die Sie als Leiter haben, ist Ihre Langsamkeit optimal.“

„Tut mir leid, alle Ihre Ausführungen überzeugen mich nicht. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, wieso ausgerechnet ich die günstigste Konstellation von Fähigkeiten haben sollte!“

„Sie haben mit Ihrer Skepsis nicht ganz Unrecht: daß wir jemanden wie Sie für diese Aufgabe auswählen müssen, ist eigentlich absurd. Die meisten Menschen wären im Prinzip geeigneter dazu. Wir hätten auch lieber einen Leistungsstärkeren mit Ihren Freiheiten gehabt, aber es gibt gerade keinen, daher brauchen wir Sie. Die Menschheit ist selbst schuld, daß wir auf Leute wie Sie zurückgreifen müssen. Wäre Ihre Zivilisation kultivierter, hätten wir mehr Auswahl.“

„Was finden Sie eigentlich immer an unserer Zivilisation so unkultiviert?“ allmählich wurde ich ärgerlich.

„Nun, nehmen Sie z.B. einmal die Hoffnung auf die Kraft der Märkte. Motivation glaubt Ihre Zivilisation nur aus Eigennutz erzeugen zu können. Das ist eines ihrer größten Armutszeugnisse. Zivilisationen mit fortgeschrittener Identifikationskultur brauchen das nicht. Trägheit, Gleichgültigkeit und Verantwortungslosigkeit sind dort genauso schwer möglich wie Betrug und Korruption. Durch die von klein auf trainierte Identifikationsfantasie stände bei solchem Fehlverhalten jedem lebendig vor Augen, was für einen Schaden oder Mangel er an anderer Stelle dadurch anrichten und wie sich das für die Betroffenen anfühlen würde. –
Die Menschheit hat über den technischen Fortschritt vergessen, die Potentiale zu entwickeln, die im Menschen selbst liegen. Wir haben einige Lebensformen gefunden, die eine weitaus höher stehende Zivilisation als die Ihre entwickelt haben, ohne je eine Dampfmaschine zu bauen. – Allerdings: wir haben diese Lebensformen retten müssen, als ihr Gestirn immer heißer wurde und ihren Planeten zu versengen begann. Wenn wir sie nicht rechtzeitig gefunden hätten, wären sie ohne Spuren zu hinterlassen mit ihrer Sonne gestorben.“

„Na sehen Sie!“, entfuhr es mir. Wir lachten.

„Doch noch einmal zurück zu Ihnen. Ihre Eignung zum Leiter des Reorganisationsbüros beruht auf einem paradoxen Effekt: Die Defizite, mit denen Sie zurecht kommen mußten, haben zu überdurchschnittlichen Trainingseffekten geführt. Sie hatten genügend von den richtigen Begabungen und Voraussetzungen, um aus Ihren Einschränkungen Freiheiten zu gewinnen – auch wenn das leider Ihre Händikäps kaum aufwiegt. – Bei vielen, die im Prinzip eine größere geistige Freiheit erreichen könnten als sie, gab es keine Lebensbedingungen, die das sinnvoll oder notwendig gemacht hätten. Die hatten es einfach leichter. Jemand, der weder Klettern muß noch mag, wird’s nicht können, egal wie begabt er ist.

Daß Sie Spitzenkandidat sind, ist allein der Rückständigkeit Ihrer Zivilisation geschuldet, in der bei der persönlichen Entwicklung soviel vom Zufall abhängig bleibt. Sie hatten von allen mindestens hinreichend Begabten zufälligerweise gerade die richtige Kombination von Erschwernissen und Erleichterungen, Entwicklungsreizen und Förderung, um das entscheidende Potentialprofil zu erreichen. Daher sind Sie gleichzeitig im Grunde eine trübe Tasse und der geeignetste Kandidat für die Leitung des Weltreorganisationsbüros, und das eine ist nicht Ihre Schuld, das andere nicht Ihr Verdienst, beides ist einfach so gewachsen durch Anlage und Umwelt.“

„Merkwürdig, Sie geben mir eine der wichtigsten Aufgaben der Welt und demontieren mich eigentlich ständig. Ich muß gestehen, daß mich das sogar fast ein wenig kränkt!“

„Wollen Sie mir wirklich weiß machen, Sie seien so leicht kränkbar, daß Sie nicht geeignet sind für unsere Aufgabe?“ grinste er, „so leicht kommen Sie mir nicht davon!“

„Wieso? Wenn ich nicht Ihr Traumkandidat bin, wenn ich meine Eignung nicht zielstrebiger Bemühung sondern Zufällen verdanke und wenn Sie bei all dem noch von mir hören, daß ich nicht die geringste Lust an diesem Job verspüre und auch selber nicht an meine Eignung glaube: warum blasen Sie dann nicht alles ab?“

„Weil wir sehr erfahren sind und sehr genau wissen, was wir tun. Alles spricht dafür, das Projekt jetzt, in dieser historischen Situation, mit Ihnen zu machen. Sie sind gut genug. Nachteiliger wäre, weiter zu warten. Gut, wenn Sie so wollen: Sie sind das kleinere Übel.“

„Danke, sehr motivierend für einen Job, den man sich weder zutraut noch will.“

„Nun, Sie müssen es ja nicht machen. Sie haben die Wahl. Sie müssen sich entscheiden, ob Sie mehr Ihrer Einschätzung oder unserem Können vertrauen, ein halbes Menschenalter gegen die Erfahrung aus dreihundert Universen, aber gut, es ist Ihre Entscheidung. Doch wenn Sie zu dem Schluß kommen, uns zu vertrauen, dann sollte es keine Rolle spielen, auf was Sie persönlich Lust haben.“

„Gut, Sie haben gewonnen.“

 

5 Intermezzo

Nachdem das geklärt war, brannte ich darauf, mehr von ihren Erkenntnissen über uns Menschen, über die anderen intelligenten Lebensformen und überhaupt von ihrer Erkenntnis des Daseins zu erfahren. Doch meine Gastgeber hielten sich mit Antworten zurück:

„Wir würden uns zu sehr in den Gang ihrer Geschichte einmischen. Zudem überschätzen Sie die Bedeutung der Antworten. So überlegen unser Wissen auch ist: es nicht von einer anderen Art. Selbst unser Wissen über das Ende der Zeit und ihre Transformation in ein neues Raum-Zeit-Universum ist kategoriell nicht verschieden von der Erkenntnis von Ebbe und Flut. – Gut, die finale Raumzeittransformationsmechanik, mit der wir die Zusammenbrüche der Universen überstehen, ist weit komplexer als Ihre Physik. Aber es ist und bleibt technisches Wissen. – Die Bedeutung der Naturwissenschaften wird von Ihrer Spezies auch in anderen Bereichen überschätzt. Wozu müssen Sie z.B. wissen, ob es den freien Willen gibt oder nicht? Alles, was Sie brauchen, sagt Ihnen Ihr Mitgefühl. Egal als was für ein Teufel sich ein Mensch erweist: Fühlen Sie sich wirklich gut, wenn Sie zusehen, wie er sich bei der Hinrichtung in Todesnot quält? Oder wenn er unter menschenunwürdigen Haftbedingungen sein Leben fristen muß? Egal was für ein Konzept von Entscheidungsfreiheit Sie haben: Ihr Mitgefühl sagt Ihnen, daß man keinen Menschen quälen darf, egal, was er verbrochen hat! – Was das Leben nach dem Tod angeht, wissen wir auch nicht mehr als Sie. Tot ist tot, für jede Lebensform. Genau wie Sie denken wir, daß die Seele leiblich ist. Wenn es die Seele auch ohne den Leib gäbe, wozu bräuchte sie dann einen Leib?“

„Sicher. Aber es ist schon ganz schön hart, das zu akzeptieren! Es ist so merkwürdig unvorstellbar, daß man plötzlich einfach weg sein soll, völlig weg. Es scheint, als ob es aus strukturellen Gründen dem Ich nicht möglich wäre, sein Wegsein denken zu können.“

„Ihre Zivilisation ist zu Ich-Versessen. Die Konsequenz daraus, daß das Ich erlischt, kann nur sein: es kommt auf das Ich nicht in dem Maße an, wie es glaubt. Zivilisationen mit hoher Identifikationskultur tun sich mit dem Tod leichter: Wir haben lebendige Fantasien davon, wie sich die nach uns Kommenden mit den Möglichkeiten fühlen werden, die wir ihnen hinterlassen.“

„Aber das ist bei uns doch nicht anders!“

„Doch, in Ihrer Zivilisation bleibt die Identifikation in der Familie: Sie stellen sich höchstens vor, was die Enkel von dem haben, was man für sie zusammengerafft hat. Aber das führt nur zu neuen Ängsten: „Was ist, wenn die andern ihnen das wegnehmen?“ Mehr oder weniger bewußt will man das eigene Erbgut gegenüber dem fremden begünstigen und fürchtet die Feindseligkeit, die aus dieser Asozialität entstehen könnte. Die Vorstellung, das im Leben erwirtschaftete in eine gemeinnützige Stiftung zu übertragen oder gar: weniger zu erwirtschaften um mehr Zeit für die Entwicklung der Kultur zu haben, gehen Ihrer Intuition gegen den Strich.“

„Moment mal, was Sie fordern, würde zu einem riesigen Geschwisterneid führen! Denken Sie doch mal, wie es wäre, wenn Pappa für die eigenen Kinder nicht mehr Geld und Zeit aufbringt, als für fremde! Kein Kind wird das gut finden und jedes an der Liebe der Eltern zweifeln!“

„Das ist richtig, aber es ist nur ein Problem unterentwickelter Zivilisationen. In voll entwickelten Zivilisationen ist jeder Mann der Vater, jede Frau die Mutter aller Kinder, da gleicht sich das aus. In der globalen Kulturfamilie gibt es nicht mehr Geschwisterneid als in der privaten Kleinfamilie. Aber ich kann nachvollziehen, daß das Wanken des genozentrischen Weltbildes Sie genauso Schwindeln macht, wie den mittelalterlichen Menschen der Sturz des geozentrischen. Ein neues Lernniveau zu erreichen braucht einfach Zeit. Sie können nicht einfach von heute auf morgen die „sozialistische Persönlichkeit“ fordern. So etwas kann nur zu Terror führen. Selbst wenn die Menschheit heute beginnen würde, die Identifikation systematisch zu üben, würde es noch mehr als 10 Generationen dauern, bevor ein so hohes Niveau von Identifikationskunst erreicht ist, daß man Staat und Gesellschaft grundlegend verändern könnte.“

„Na, das sind ja ermutigende Aussichten! – Doch sagen Sie, wie ist das eigentlich: Wenn in je-dem Universum ein paar Lebensformen es schaffen, den Tod ihres Mutteruniversums zu überstehen, müßte es doch irgendwann einmal ein Universum geben, in dem es von intelligenten Lebensformen nur so wimmelt, in dem sich die Lebensformen um einen Platz an irgendeiner Sonne streiten!“

„Auch Wissenschaften, die mehr als 300 Universen überlebt haben, können über die ferne Zu-kunft nur spekulieren. Vermutlich wird es gar nicht so weit kommen. Bedenken Sie: wenn Billiarden und Aberbilliarden künstlicher Planetoiden das Universum bevölkern, wird das eine völlig andere Situation sein. Unsere Ideen gehen dahin: es wird keine „natürliche“ universale Transformation mehr geben, es wird nur noch „Knallen“, wenn wir das wollen und nur unter kontrollierten Bedingungen. Das heißt, es werden irgendwann einmal keine neuen Universen mehr „wild“ entstehen. Das Universum der Universen wird zum Kulturuniversum, wie Steppe zum Kulturland, die kosmischen Kräfte des Werdens und Vergehens werden gezähmt wie ein wildes Tier, kanalisiert wie ein reißender Fluß.“

„Wird das nicht ziemlich langweilig?“

„Ja, wie alle utopischen Entwürfe.“ Er grinste wieder.

 

6 Finale

„Ihre Zivilisation hat ein Problem: Sie kann schlecht verzichten! Selbst für Menschen, denen es gut geht, fühlt sich Verzicht oft so unzumutbar an, daß sie glauben, ruhig etwas Unrechtes oder Schädliches tun zu dürfen, um nicht verzichten zu müssen. Anstatt die Bestände ihres Lebens auf ungenutzte Möglichkeiten zu sichten, werden sie aggressiv gegen Menschen oder Umwelt, um sich neue Bestände einzuverleiben. – Die Menschheit ist noch auf der Kulturstufe, daß sie zwanghaft jeden Schatz heben muß, egal was dadurch angerichtet wird. Eine hochstehende Zivilisation kann die versunkenen Schätze im See lassen. Auf euren entgeisterten Hinweis: „Aber da ist doch ein Schatz drin!“ würde sie achselzuckend sagen: „Na und?“ – Ihre Zivilisation hat noch nicht gelernt, die Frage zu stellen: „Auf was muß ich verzichten, wenn ich nicht verzichte!“ – Ihre Kultur ist zu einer Techniker-Kultur geworden. Aber was ist schon die Frage: „Wie kann ich das schaffen?“ gegen die Frage: „Wozu?“ Was hilft es, immer besser Probleme lösen zu können, wenn man immer weniger erkennt, was sich überhaupt lohnt, zum Problem zu machen? –
Es wird bei der Reorganisation der Welt darum gehen, daß die Akteure erkennen, worauf sie verzichten können, ohne daß das Wesentliche ihrer berechtigten Ziele gefährdet ist. Jetzt ist ihr Blick ist auf die Perspektive fixiert, aus der sie ihr Ziel sehen, sie erkennen nicht, daß das gleiche Ziel aus einer anderen Perspektive eine völlig andere Gestalt annehmen kann. –
Nehmen Sie folgendes Beispiel: Da möchte jemand an einem Sommerabend auf seinem Balkon grillen. Nun weiß er, er belästigt damit die Nachbarn. Eigentlich könnte er auch ganz gut ohne Grill den Abend genießen. Doch er denkt: „Wer wäre ich eigentlich und was bliebe von meinem Leben übrig, wenn ich immer Rücksicht nähme!“ Er glaubt, durch eine gewisse Rücksichtslosigkeit erreicht er seine Ziele besser. Durch Verzicht sieht er Stolz, Autonomie und Lebensqualität gefährdet. Ein gutes Verhältnis zu den Nachbarn macht auf eine ganz andere Weise stolz und autonom und verbessert die Lebensqualität. Doch das sieht er nicht. –
Akteure mit Unwillen zu Verzicht sind wie jemand, der glaubt: Wasser ätzt, und er schlägt einen Steg über einen seichten Fluß, statt einfach hindurch zu waten. – Allerdings: Um auf Möglichkeiten zu verzichten, muß man genau wissen, wozu. Beschränkte Menschen sind alternativlos, die wissen das nicht.“

Ausgestattet mit dieser Unterweisung gründete ich als erstes ein Forschungsinstitut, um ein umfassendes Konzept der Reorganisation der Welt zu erarbeiten. Die Ideen dazu waren nicht neu, sie gruppierten sich um die Prinzipien der Entprivatisierung von Gemeingut und der Dezentralisierung. Das noch ungelöste Problem war nur: die geordnete Überführung des jetzigen Zustands der Welt in einen neuen.

Unser Institut erwarb sich ein großes Renomme, ähnlich dem Club of Rome. Noch wußte außer mir niemand, wer dahintersteckte. Ich hatte vorgegeben, das Institut im Auftrag einer Gruppe philantropischer Superreicher gegründet zu haben. Als unsere Forschungen weit genug waren, klärte ich zunächst meine Mitarbeiter auf, und dann veranstalteten wir unter Ausschluß der Öffentlichkeit eine Konferenz für die führenden Politiker und Wirtschaftsführer der Welt. Wir informierten sie darüber, wie es sich wirklich mit unserem Institut und seinen Intentionen verhielt. Sie empörten sich natürlich und verbaten sich eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Erde. Es bedurfte vieler Vorträge und langer Diskussionen, bis sie begriffen, daß die Maßnahmen für alle Interessengruppen langfristig weit mehr Vorteile als Nachteile bewirken würden. Es ging ja nicht um die Zerschlagung von Regierungen und Multinationalen Konzernen sondern nur um eine globale Regulierung. Zusammen mit den Politkern offenbarten wir uns der Welt und gaben bekannt, daß das Weltreorganisationsbüro für einen Zeitraum von bis zu 20 Jahren die Regierung der Welt übernehmen würde, aber nur als Meta-Regierung, so daß alle bestehenden Regierungen erhalten bleiben könnten, sofern ihr Handeln mit dem vorgegebenen Rahmen vereinbar sei.

Es gelang uns, das Vertrauen der Menschheit in unsere prinzipiell demokratischen Absichten zu gewinnen, weil wir die öffentliche Meinungsbildung stärkten: Wir schafften einen Fond, der bedingungslos die Gründung von Zeitungen und Fernsehsendern ermöglichte. Viele dieser Neugründungen erledigten sich dann von selbst, weil sie sich selber disqualifizierten durch die unfreiwillige Komik, die mit grober Unsachlichkeit einhergeht, wie z.B. bei Hasspredigten.

Dennoch blieben Vorbehalte gegen unsere „Einmischung“. Sie führten zur Bildung einer provisorischen „Welt-Gegenregierung“. Sie war demokratisch gewählt und forderte, das Büro sollte unter die Kontrolle demokratisch gewählter Vertreter gestellt werden. Das wurde von uns und den Außerirdischen abgelehnt. Wir konnten der Menschheit glaubhaft machen, daß die Demokratie unserer Zivilisation für die geforderte Aufgabe nicht reif genug sei, daß die mächtigen Interessengruppen nur die Wahl zwischen verschiedenen Führungscliquen ließen, daß also mehr die Interessen privilegierter Gruppen als die Interessen der Menschheit repräsentiert würden und daß damit eine Reorganisation nach rein sachlichen Kriterien unmöglich würde. Wir machten allerdings klar: Wenn wir die demokratischen Institutionen partiell und vorübergehend außer Kraft setzten, dann nur deshalb, weil es der sicherste Ausweg aus den Sachzwängen sei, in die die wild gewucherte Konkurrenz unter den Staaten und Konzernen die Menschheit hoffnungslos verheddert habe. Jede andere Prozedur wäre mit den Risiken von Rückschlägen, Kriegen und chaotischen Zwischenstadien verbunden. Nicht zuletzt ging es ja „nur“ um die Schaffung von Rahmenbedingungen, die gewährleisten konnten, daß bei möglichst großer unternehmerischer Freiheit die Entfaltungschancen und Existenzbedingungen keines einzigen Menschen ernsthaft verletzt werden konnten. Und einen solchen Satz von Bedingungen, der auch global „funktionierte“, galt es erstmal zu finden, das war keine Frage von Willensbildung sondern von Wissenschaft. Und da hatten wir durch die neutrale Instanz der Außerirdischen und durch deren Methoden der Personalauswahl die denkbar unabhängigste und qualifizierteste Forschungseinrichtung geschaffen

Zunächst ging es darum, die Kriege auf der Welt zu beenden. Dabei halfen uns die Außerirdischen mit Armeen von harmlosen aber unverwundbaren Robotern. Sie trennten die Kampfhähne und entwanden ihnen sanft ihre Waffen. Innerhalb weniger Monate war die Welt befriedet und satt. Dann begannen wir mit der Reorganisation. Wir schufen zuerst ein bedingungsloses Grundeinkommen für jeden Erdenbürger. Dessen Realisierung war nur eine Frage dezentraler, möglichst autarkiefördernder Organisation. Länder, Regionen, Dörfer und Haushalte wurden so ausgestattet, daß sie das für die Grundversorgung Nötige so weit wie möglich selbst produzierten. So war z.B. in Fachkreisen längst bekannt gewesen, daß Solarthermie eine Form der Energieproduktion ist, mit der ohne großen Aufwand energieautarke Häuser möglich sind. Aber das kam erst jetzt, durch die unabhängige Bestandsaufnahme des Reorganisationsbüros, ans Licht der Öffentlichkeit. Denn wie die Vogelmama den fettesten Wurm in den lautesten Schreihals stopft, hatten Politik und Medien alle Aufmerksamkeit und Förderung denen angedeihen lassen, die am weitesten die Schnäbel auf-gerissen hatten: den Konzernen und Großindustrien. Um ein Haus durch Sonnenenergie ganzjährig üppig mit Wärme zu versorgen, ist technisch nicht viel mehr erfordert, als schwarzes Blech auf dem Dach und ein Wassertank im Keller. Die Solarthermie war daher eine Sache mittelständischer Betriebe gewesen und deshalb – im Gegensatz zur Photovoltaik – in den Medien so gut wie nicht vor gekommen. Zudem waren den großen Multinationalen Energiekonzernen energieautarke Häuser ohnehin ein Graus, genauso wie den Saatgutkonzernen die landwirtschaftliche Autarkie von Regionen. Nichts ist schlimmer für Wirtschaftsakteure, als Selbstversorger: Die kaufen nichts! – Daher war es nur logisch gewesen, daß die Entwicklung dezentraler, autarker Wirtschafts- und Organisationsformen nicht gefördert worden war.

Die dezentrale Reorganisation schloß ein, daß kein kostenloser Zugriff von Wirtschaftsakteuren auf Gemeingut erlaubt war. Festgeschrieben wurde z.B. daß ein Staat den Boden unter den Füßen seiner Bürger nicht mehr an multinationale Investoren verkaufen oder verpachten durfte und daß kein Konzern ein Patent auf Saatgut bekommen konnte, das er nicht selbst gezüchtet, sondern nur als erster genetisch analysiert hatte. – Eine riesige Empörung ging um die Welt, daß soetwas überhaupt legal möglich gewesen war: Menschen das Land, das sie seit Jahrtausenden kultiviert hatten, weg zu nehmen und sie als Arbeiter für Hungerlöhne darauf zu verdingen, gänzlich dem Profitstreben eines Konzerns ausgeliefert! Und Bauern den Banken auszuliefern, weil man ihnen Lizenzgebühren für ein Saatgut abknöpfte, das ihre Vorfahren in vielen Generationen durch gekonnte Züchtung für ihre Gegend optimiert hatten.

Innerhalb der Grenzen unserer neuen Grundordnung konnte frei gewirtschaftet werden. Da gewährleistet werden konnte, daß alle sich überall an die Regeln zu halten hatten, konnte niemand Wettbewerbsvorteile damit erzielen, daß er in bestimmten Regionen der Welt politische Bedingungen unterstützte oder herbeiführte, die ihm gestatteten, auf Kosten von Menschen und Gemeingut irgendetwas billiger zu produzieren.

Merkwürdigerweise machten wir uns durch solche Maßnahmen gar nicht mal so große Feinde, wie wir angenommen hatten. Die Konzerne murrten zwar, sahen aber ein, daß die alte Weltordnung wie ein abstruses, ohne Plan errichtetes Gebäude war, und hatten sich schnell an die neuen Bedingungen gewöhnt. – Die Wirtschaft begann durch unsere Maßnahmen in überraschendem Ausmaß zu florieren, weil die Kaufkraft nicht mehr Bevölkerung und Produktion entzogen wurde. Und das Wachstum geschah wegen der global geltenden Arbeitsund Umweltschutzauflagen nicht auf Kosten von Gesundheit und Natur. Ja, diese Auflagen wurden selbst zum einem Wachstumsfaktor, weil sie viele alte und neue Technologien erforderten, über die nun jede Fabrik verfügen mußte.

Es wurde keinem Land eine Regierungsform aufgezwungen, nur einzuhaltende Standarts: kein Verkauf der Bodenschätze ohne Beteiligung des ganzen Volkes an den Erlösen, keine Ausbeutung, keine politischen Gefangenen, keine Folter und keine Todesstrafe. Dadurch erledigten sich viele Regierungen von selbst, denn sie konnten sich ohne diese Mittel nicht halten.

Nicht mal die Reichtümer der Superreichen sollten angetastet werden. Durch die Reorganisation wurden so viele Ressourcen entbunden, daß man auf die Mittel der Superreichen verzichten konnte. – Doch da zeigte sich, daß die Superreichen sogar freiwillig ihre absurden Reichtümer auf ein sinnvolles Maß reduzieren und sich damit einbringen wollten.

Was schließlich zum Scheitern der globalen Reorganisation führte, war: die Straßenverkehrs-ordnung! Dieses Themas nahmen wir uns natürlich erst an, als es der Welt schon besser ging. Es war schon lange vor der Reorganisation bekannt gewesen, daß Tempo 30 die Zahl der innerstädtischen Verkehrstoten um 90 % senken wüde. Außerdem führte es zu einer erheblichen Steigerung der Lebensqualität durch Verringerung von Lärm und Dreck. Es wäre nicht einmal zu einer Verlängerung der Wegezeiten gekommen, weil dieses Tempo eine andere Verkehrsorganisation und Straßennutzung ermöglicht, die den Effekt der Verlangsamung ausgleicht. Alles, worauf die Autofahrer verzichten mußten, waren die Gefühle, die sich einstellen, wenn man ab und zu beschleunigen und überholen kann, statt in einem gleichförmigen Fluß mit zu fließen: das Gefühl, schneller vorwärts zu kommen und das Gefühl, besser zu sein als andere. Aus diesen Gründen glaubten wir, daß bei einer hinreichenden Aufklärung der Bürger eine demokratische Entscheidung entweder sowieso für Tempo 30 gestimmt hätte oder aus ethischen Gründen nicht einer irrationalen Mehrheit überlassen werden durfte.

Durch unseren Versuch, Tempo 30 einzuführen, witterten die alten Seilschaften, die hinter der Gegenregierung standen, ihre Chance, die Mehrheit der Bevölkerung gegen uns aufzuwiegeln. Als wir den immer heftiger werdenden Widerstand bemerkten, lenkten wir ein, um die Zustimmung zur Reorganisation nicht zu gefährden. Doch es war zu spät: Es wurde uns unterstellt, das nur zum Schein zu tun, bis sich die Wogen geglättet hätten, und es dann schließlich doch durchzusetzen. Es hieß, sie hätten es ja schon immer gewusst, daß wir undemokratisch und diktatorisch seien. Es wurde uns vorgeworfen, überall die Freiheit der Menschen mit Füßen zu treten und die Menschheit in Zwangskorsette zu verschnüren. Ob Wirtschaft oder Mobilität: Die Tüchtigen würden bestraft, weil sie nicht so dürften, wie sie könnten. – Die „Strafe“ bestand freilich nur darin, daß man sich im Straßenverkehr nur noch rational verhalten durfte und es niemandem mehr möglich war, auf Kosten von Umwelt, Gerechtigkeit und Gesundheit Profitsteigerungen oder Finanzgewinne zu erzielen.

Als wir baten, zu konkretisieren, welche Chancen für welche Bürger durch welche Regulierungen zerstört würden, wurde uns vorgeworfen, das wüssten wir ganz genau, wir würden uns bloß dumm stellen. – Mit fantastischen Andeutungen, was den Bürgern möglich sei, wenn man sie bloß von den Regulierungen befreie, gelang es den Führern, die Bürger gleichzeitig in Goldgräberstimmung und in Zorn zu versetzen. Überall gingen die Menschen auf die Straße um gegen die Diktatur der Gleichmacherei, gegen die Ideologie der Regulierung, gegen Tempo 30, gegen die Fesselung der Menschennatur zu protestieren. Das Absurde dabei war, daß es auch unter den neuen Gesetzen möglich war, reich und sehr reich zu werden und es war mehr Menschen möglich als früher. Die Chancen, die unsere Kontrahenten beschworen, waren nur die Chancen von Konzernen, Banken und Superreichen. Über die damit verbundenen Risiken wurde nicht gesprochen. Die Vorschläge wären darauf hinaus gelaufen, den alten Eliten wieder Möglichkeiten einzuräumen, wirtschaftlich immer mehr Menschen und Regionen von sich abhängig zu machen. Das hätte langfristig wieder zu dem Dilemma geführt, wirtschaftliche Zusammenbrüche zu riskieren, entweder weil man die Wirt-schaft gewähren ließ, oder weil man sie nicht gewähren ließ. Und beides wäre wieder unvermeidlich verbunden gewesen mit zunehmender kollektiver Verarmung und Versklavung.

Doch unsere Opponenten bestritten dies. Sie konstruierten Zusammenhänge, die es nahe legten, daß allein ihre Konzeption einer neuen Weltordnung den Notwendigkeiten der Versorgung und des Zusammenlebens sowie den Freiheitsbedürfnissen aller Menschen auf Dauer gerecht würde. Sie schürten die Angst, daß unser Modell weltfremd sei und der menschlichen Natur nicht gemäß und daher sofort zu Chaos und Not führen müsse, sobald die Menschen sich von den Außerirdischen abgenabelt hätten. Ihr Hauptargument lief eigentlich nur darauf hinaus: Es könne gar nicht sein, daß es allen so gut gehen könne, wie wir postulierten. Dafür sei die Welt zu arm und der Mensch zu schlecht. Es müßten Strukturen geschaffen werden, die die Menschen zu mehr Fleiß bei weniger Lohn anspornten. – Sie warfen uns vor, den Menschen das Blaue vom Himmel zu versprechen. Sie argumentierten, daß die Außerirdischen nichts vom irdischen Leben verstehen würden und man daher auf ihre Berechnungen und Modelle für eine Neuordnung der Welt nicht zurückgreifen könne.

Auf Diskussionen ihrer Behauptungen, auf konkrete Untersuchungen und Vergleiche ließen sie sich nicht ein. Es gab blumige Philosophien von einer „Offenheit zu umfassender Freiheit“, der die menschliche Natur bedürfe, um eine blühende Kultur zu entfalten – aber gemeint waren die wirtschaftlichen Freiheiten der alt-privilegierten Wirtschaftsakteure: die Möglichkeiten der Steigerung von Produktivität und Profit durch entfesselte Konkurrenz auf Kosten von Natur und Allgemeinheit.

Andere Philosophien postulierten den hohen Wert von „existentiellem Wachstum des Menschen an Wettstreit und Wagnis“, aber gemeint waren die Wetten der Finanzspekulation durch immer verschlagenere Finanzprodukte, die sich dann doch als Schein-Wagnis entpuppen, weil die Spekulanten wissen, daß Papa Staat sie mit dem Familienvermögen rettet, wenn sie sich mal wieder verzockt haben.

Es gelang uns lange Zeit, mit Reportagen, öffentlichen Expertenanhörungen und Fernsehdiskussionen die Wogen immer wieder zu glätten und die Mitbürger zur Vernunft zu bringen. Doch je länger die alten Eliten alles in Frage stellten, desto skeptischer wurden die Menschen gegen das Weltreorganisationsbüro. Dennoch hätten die alten Eliten keine Chance gehabt, wenn nicht die Sache mit den Sandalen gewesen wäre. Und das kam so:

Unter den Spitzenkandidaten der Gegenregierung hatte sich eine Frau hervorgetan, deren außerordentliche Verdienste um die Gesellschaft außer Frage standen: die Ökonomin Prof. Kerstin Gressfelt. Sie hatte maßgeblichen Anteil an der Demokratisierung der Europabürokratie gehabt. Ihr Charisma resultierte aus ihrer Intelligenz und Leistungsfähigkeit: An ihr wurde bewundert, wie sie politisches Engagement, Forschertätigkeit und Mutterschaft miteinander zu vereinbaren verstanden hatte. Ihr Mann, ein Medizinprofessor, hatte sich mit populären Büchern über Rückenschmerz einen Namen gemacht. Auch ihre älteste Tochter, Djamilja Gressfelt-Müller, war als Cellistin in Bildungsbürgerkreisen nicht unbekannt.

Frau Gressfelt wusste zu nutzen, daß meine Person gegen die ihre stark abfiel. Allerdings war sie nicht so respektlos und entstellend wie die Medien, die die Frage stellten, wieso die Außerirdischen ausgerechnet jemanden wie mich für eine solche Aufgabe ausgewählt hatten, einen, wie sie sagten, der nur Pillen an Irre verteilen könne. – Meine Durchschnittlichkeit wurde vorgeführt: Ich war nicht besonders tüchtig, hatte keine einzige Veröffentlichung vorzuweisen, hatte nicht einmal eine eigene Praxis, sondern arbeitete als angestellter Arzt in einer Polyklinik. – Wenn ich wenigstens der einzige Psychiater eines kleinen Landkreises gewesen wäre, mit all der Verantwortung für die psychiatrische Versorgung des Kreises und einer daraus resultierenden 60 Stunden Woche! – Wenn ich wenigstens als Hobby Fallschirmspringen oder sonst etwas Spektakuläres vorzuweisen gehabt hätte! – Und meine Partnerin war nicht besonders attraktiv und keine Professorin, sondern eine leicht mollige Erzieherin und das nicht mal in Leitungsfunktion. Und unser Sohn studierte nicht etwa, sondern machte eine Lehre zum Mechatroniker! – Wir waren völlig durchschnittliche Kleinbürger und wir hatten uns nie maßgebend für etwas eingesetzt. Unser ehrenamtliches Engagement in der Telefonseelsorge hätte nur gezählt, wenn wir eine Telefonseelsorge gegründet oder geleitet hätten. Aber wir arbeiteten ja nur mit. Das wurde als „Hobby“ dargestellt. Das beste, was über uns gesagt werden konnte, war, daß wir grundsolide Leute waren, was anderes hatten wir nicht vorzuweisen.

Frau Gressfelt forderte mich immer öfter in Fernsehdiskussionen, denn sie hatte schnell heraus-gefunden, daß es mir schwer fiel, in der Öffentlichkeit zu reden. Gegen die nicht nur begabtere sondern auch ungleich geübtere Berufspolitikerin wirkte ich nahezu hilflos. Sie betonte immer wieder vehement, daß eine Reorganisation mit Verordnungen von oben zum Scheitern verurteilt sei. Ich gab zu bedenken, daß sich die Verordnungen nur darauf bezögen, die Freiheit der Privilegierten so einzuschränken, daß sie die Nicht-Privilegierten nicht immer unfreier machten.

„Ja aber trotzdem“, konterte sie, „ohne Demokratie kann eine Reorganisation der Welt niemals gelingen!“

Auf meine Nachfragen, was genau denn misslingen könne und welche demokratischen Kontrollen und Verfahren sie konkret für unabdingbar hielt, reagierte sie aggressiv: Sie warf mir vor, wie-der alles mit Spitzfindigkeiten zerreden und in Frage stellen zu wollen, was jedem in einem demokratischen Land sozialisierten Bürger intuitiv klar sei. Ich wollte ihre Behauptung widerlegen und erwiderte, mir sei das nicht klar, obwohl ich in einer Demokratie aufgewachsen sei. Das war natürlich ein riesen Fehler, denn jetzt konterte sie: Eine größere geistige Bankrotterklärung gebe es ja wohl nicht.

Doch auch diese Schlappe hätte allein noch nicht zum Scheitern geführt. Die Vorgeschichte des Scheiterns liegt in meiner Herkunft: Ich bin auf dem Lande aufgewachsen und in Kindheit und Jugend den größten Teil des Jahres barfuß gelaufen. Später, in den Städten, verlor sich der dadurch entstandene Trainingseffekt nicht, weil ich bei jedem Wetter Rad fuhr. Kurz: die Temperaturregulation meiner Füße war nicht an das Raumklima beheizter Gebäude angepaßt: Ich litt dort immer an heißen Füßen! Folglich trug ich Sandalen, selbst zu sandalen-untypischen Wetterlagen und Jahreszeiten. Und da Psychiater sparsam sind, weil sie so schlecht bezahlt werden, trug ich ausgelatschte Sandalen. Auch im Fernsehstudio. Das war wohl den Fernsehleuten aufgefallen, vor allem an jenem regnerischen – aber eigentlich nicht wirklich kalten – Spätherbsttag. Und so blendete eine Kamera meine Sandalen ein: Ich saß dort, wie es sich gebührte, in einem guten Anzug, aber barfuß in aus-gelatschte Sandalen – Mitte November!
Diese Bilder gingen um die Welt.

Frau Gressfelt benahm sich in dieser Sache ausgesprochen ritterlich: Sie empörte sich über die Albernheit der Medien und nahm meine Füße und deren Beschuhung ausdrücklich in Schutz. Allerdings verstand sie es, an genau den richtigen Stellen gekonnt so zu tun, als müsse sie mit aller Macht ein Grinsen unterdrücken. Die Öffentlichkeit tobte: „So ein Würstchen“, „ein Hänfling“, „ein Hemd“, „und so jemand soll die Welt zügeln“, „ein Witz“, „entweder haben die Außerirdischen keine Ahnung von Menschen oder sie wollen uns verarschen!“ So und anders begannen die Menschen in den reichen Ländern von mir zu reden. Sie konnten es nicht verwinden, daß sie einer Regierung folgen sollten, der jemand wie ich vorstand, jemand, der genauso unscheinbar war, wie sie selbst, aber dazu noch so ein Sandalenheini! Sie verkannten gänzlich, daß ich kein politischer Führer war sondern Leiter einer Forschungseinrichtung und daß es nicht darum ging, Inhalte durchzusetzen sondern Rahmenbedingungen zu schaffen.

Die Menschen konnten meine Führungsrolle nur so erleben, wie sie es eben konnten: Einer führt, die anderen folgen, und folgen wollen sie nur jemandem, an dessen Überlegenheit sie glauben. Jemandem folgen zu müssen, der so ist, wie sie selber, erleben sie als Kränkung. Ein charismatischer Mensch dagegen löst in ihnen angenehme Fantasien aus: sie halten ihn für überdurchschnittlich leistungsfähig, klug, frei und weitsehend. Das vermittelt ihnen nicht nur Zutrauen und Hoffnung, sondern auch angenehme Fantasien über sich selbst: Ihn zu unterstützen gibt ihnen das Gefühl: von einem überlegenen Menschen als Gefolgschafter anerkannt und für würdig befunden zu werden. – Meine Person löste keine angenehmen Fantasien in ihnen aus, weder über mich, noch über sie. Ihnen schien es, als ob ich mich anheischig mache, die Aufgabe eines Weltgestalters zu übernehmen, und das galt ihnen bei jemandem wie mir als grenzenlos arrogante Anmaßung. Es gelang uns nicht, diese Macht der Fantasien zu zerstreuen und ihnen den Blick darauf zu ermöglichen, wie es sich wirklich verhielt.

Wir stellten daher meine Leitungsrolle zur Disposition und ließen uns auf die Frage ein, wie es ohne mich weiter gehen könne. Doch selbst die von der „Gegenregierung“ beauftragten wissenschaftlichen Institute kamen zu dem Befund: Ich war unersetzlich. Sie befanden, daß unter meiner Leitung genau die richtigen Fragen gestellt und Lösungen gefunden worden waren, die mit den herkömmlichen politischen und ökonomischen Denkstilen nicht gefunden worden wären. Darüberhinaus sei ich am besten eingearbeitet, habe den größten Überblick und das Team sei optimal auf mich eingespielt. Es gebe noch zu viele Probleme, Detailprobleme zwar, doch von deren funktionsfähiger Lösung hinge ab, ob die Reorganisation sich auf Dauer als tragfähig erweisen würde. Jeder Leitungswechsel würde das Ergebnis gefährden, ja würde sogar das Risiko heraufbeschwören, daß die Welt ins Chaos stürze.

Ich erschrak: Ich hatte völlig vergessen, an meiner Unentbehrlichkeit zu arbeiten! Obwohl ich in der Schulung der Außerirdischen gelernt hatte, daß es zu den wichtigsten Grundlagen professioneller Führung gehört, eine Unternehmung so zu entwickeln, daß die besonderen Fähigkeiten des Leiters durch Organisation, Bildung und Kultur möglichst bald möglichst entbehrlich werden! – Hatte ich mich zu sehr im Gefühl meiner Wichtigkeit geaalt? – Ich erstickte fast vor Scham: Wie hatte ich das Zutrauen der Außerirdischen enttäuscht! Was für einen Offenbarungseid mußte ich leisten! Ich hatte mir zu sehr darin gefallen, die Nummer 1 zu sein, die ich nur deshalb geworden war, weil man mir zugetraut hatte, mir nicht darin zu gefallen! – Ich hatte es vermasselt. Weil ich offenbar auf etwas nicht verzichten konnte! Und das war mir nicht mal bewusst geworden! Es war meine Schuld, daß sich jetzt die Alternative herauskristallisierte: entweder die Reorganisation weiter mit mir zu betreiben oder die Welt in den Zustand vor der Reorganisation zu versetzen.

Die Außerirdischen hatten für diesen Fall eine „Resettaste“ eingerichtet: Mit Hilfe ihrer Myriaden von Robotern konnten sie innerhalb weniger Tage alle Veränderungen rückbauen. Und durch Manipulationen des Erdmagnetfeldes konnten sie unsere Erinnerungen an die letzten 11 Jahre selektiv auslöschen und die Reorganisation gewissermaßen aus unserer Erinnerung retuschieren. Die Menschheit wurde darüber aufgeklärt, daß sich dann vielleicht für Jahrhunderte kein Reorganisationsfenster mehr auftun würde. Doch diese Nachricht ermutigte die Menschen eher, die Resettaste zu drücken, weil sie dachten: kann also nichts schaden, aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Die Menschheit wollte einfach ihren Helden. Ein Forschungsinstitut geleitet von einem Sandalenheini: das konnten sie sich nicht als geeignet für eine Reorganisation der Welt vorstellen.

Ein Umstand hätte die Reorganisation beinahe noch gerettet: die Urlaubsfotos. Die Außerirdschen verweigerten uns zwar ihre Technik, aber sie hatten eingewilligt, uns in unserem Sonnensystem spazieren zu fliegen und auf Mond und Mars Urlaubsstationen einzurichten. Mit ihrer Technologie hatten sie alles dafür nötige in ein paar Wochen aufbauen können, und innerhalb weniger Jahre hatte jeder Mensch schon einmal auf Mond oder Mars geurlaubt.  -Nach dem Ergebnis der Abstimmung räumten die Außerirdischen uns noch eine Bedenkfrist von mehreren Wochen ein. Jetzt wurde den Menschen plötzlich klar: Die Resettaste zu drücken bedeutete auch: alle Urlaubsfotos würden gelöscht! Die Menschen mußten wählen: Entweder Angst vor Tempo 30 oder Verlust der Urlaubsfotos. Die Stimmung kippte bedenklich zu unseren Gunsten. Es kam zu einer zweiten Abstimmung. Ihr gingen in allen Medien große Campagnen gegen Tempo 30 voraus. Es hieß: „Tempo 30 wird kommen, nach der Wahl werden wieder alle Versprechen gebrochen!“ – Für eine charismatische Persönlichkeit hätten die Menschen diese Kröte vielleicht geschluckt. Aber die Vorstellung, daß so ein Sandalenheini wie ich den Autofahrern vorschreibt, wie sie zu fahren haben, war unannehmbar. Das siegte schließlich über die Urlaubsfotos.

Manchmal holt mich die Koralle noch mal zu einer Spritztour ab zu den Aleuten oder auf die Kerguelen, oder wir sitzen in einem Cafe, plaudern, beobachten wie wir die andern beobachten und schmunzeln – über uns, über die unfreiwillige Komik postanimalischer Lebensformen…“

Nach einer kleinen Pause stöhnte die ältere Dame: „Puh, diese Geschichte war ja anstrengend!“

„Ich frage mich, ob es eine Geschichte war“, ließ sich der Ingenieur verlauten. „Teilweise war mir, als hörte ich einem Vortrag zu. Ich hätte mir etwas mehr Handlung und Spannung gewünscht, da passierte ja gar nicht viel! Dabei wäre es ein Stoff für einen Roman!“

„Da muß ich Ihnen recht geben“, erwiderte der Psychiater, „aber sehen Sie, was hätte es Ihnen denn genützt, wenn ich das Ganze mit all seinen romanhaften Komplikationen und Hintergründen erzählt hätte? – Nehmen Sie Frau Greßfelt z.B.: Sie war als Jugendliche oft hin- und hergerissen zwischen Schmerz und Wut, weil sie etwas ungünstig figuriert und auch nicht die Hübscheste war, dabei aber unbändige Vitalität besaß. Sie war nahezu besessen gewesen von Phantasien, ihre Nebenbuhlerinnen reihenweise zu erwürgen. Nicht zu vergiften, zu erwürgen! – Natürlich bekam sie auch nicht den Mann, den sie sich immer erträumt hatte, sondern nur einen riesigen untersetzten Musterknaben, den sie heimlich „Nilpferd“ nannte. – Wer beschreibt ihre Jahre der Desillusionierung, in denen ihr langsam klar wurde, daß all ihre Jugendträume von großer romantischer Liebe nie wahr werden würden! Wer beschreibt ihre Fassungslosigkeit und ihren Schmerz, als sie sich um das, was ihr immer am Wichtigsten erschienen war, vom Leben betrogen fühlte! – Ich kann das nicht, ich bin kein Künstler. Und ein Romanautor will ich nicht sein. – Obwohl es natürlich genug romanhafte Verwicklungen gab: Ich war nie ein besonders attraktiver Mann, wie Sie sich unschwer vorstellen können. Doch als ich Leiter des Reorganisationsbüros war – na ja, Sie wissen ja, Frauen finden Männer in Führungspositionen oft attraktiver, als sie rein körperlich sind. Da gab es also schon ein paar Wissenschaftlerinnen, die sich mehr als nur aus beruflichen Gründen für mich interessierten. Das war für mich eine äußerst verführerische Situation, denn ich hatte noch nie erlebt, so viele Chancen bei attraktiven Frauen zu haben. Ich muß gestehen, daß ich mir nicht alle Chancen entgehen ließ. Sie können sich sicher vorstellen, zu welchen Komplikationen das führte!: Enttäuschung, Eifersucht und Stutenbeißerein. – Ich verdanke es nur den exzellenten Auswahlkriterien der Außerirdischen, daß meine Mitarbeiterinnen genug menschliche Reife besaßen. Keine der von mei-nen Fehltritten Betroffenen, wollte, daß wegen des Menschlich-Allzumenschlichen etwas scheiterte. – Und was würde es bringen, wenn ich zu all diesen Irrungen und Wirrungen noch schildern würde, wer wann wie seine Zigarette hält, oder sich zum wiederholten Male darüber ärgert, daß er seine Autoschlüssel immer verlegt? Nein, mit all dem wollte ich Sie verschonen.“

„Verschonen?“ fragte meine Frau und drohte lächelnd mit dem Zeigefinger, „Sie wollten uns damit verschonen, daß Ihnen die Rettung der Welt schiefgegangen ist, wegen ein paar hübschen Wissenschaftlerinnen. Denen wollten Sie unentbehrlich bleiben!“

Der Psychiater lachte: „Da muß ich Ihnen völlig recht geben!“

„Wenn man Sie so reden hört“, meldete sich die ältere Dame zu Wort, „könnte man meinen, das, was Sie erzählt haben, hätte sich wirklich zugetragen. Mir wird ganz schwindelig, wenn ich daran denke, daß das denkbar ist!“

„Nein“, brummte der alte Lehrer, „wenn sich das wirklich zugetragen hätte, dürfte er es nicht erzählen!“

„Das sehe ich anders“, meinte ich, „die Geschichte ist so unwahrscheinlich, daß so oder so keiner sie ihm abnehmen würde, also dürfte er sie auch erzählen, wenn sie wahr wäre.“

Der Mathematikprofessor grinste: „Ihre Unglaubwürdigkeit ist die Bedingung der Möglichkeit ihrer Wahrheit.“

„Bitte was?“ fragte meine Frau.

„Kant!“ quäkte der Lehrer.

„Richtig“, sagte der Psychiater, „Kant ist der Philosoph, der so stark an die Außeriridischen glaubte, daß ich vermutete, ich sei vielleicht nicht der erste Mensch gewesen, dem sie sich zu erkennen gegeben haben. Vielleicht haben sie immer schon außergewöhnliche Menschen kontaktiert. Aber das wollten sie mir natürlich nicht verraten. – Ich vermute, daß solche Kontakte illegal waren, daß jedoch einige ihrer Philosophen und Wissenschaftler ihre Neugier nicht im Zaum halten konnten, und das strenge Gebot der Nicht-Einmischung heimlich unterlaufen haben. Aber das würden sie uns natürlich genausowenig zugeben, wie ein Bäcker seine Hygienefehler.“

„Also ist es doch vielleicht nicht nur eine Geschichte!“, stöhnte die ältere Dame.

„Was mich an Ihrer Geschichte am meisten stört, ist, daß Sie darin behaupten, die Demokratie müßte außer Kraft gesetzt werden, damit sich in der Welt etwas bessert. Ich erschrecke bei einem solchen Gedanken!“ sagte eine sehr resolut wirkende mitfünzigjährige Unternehmerin, die mit Stiefeln und Pferdeschwanz vergeblich versuchte, noch jugendlich zu wirken

„Ich auch“, antwortete der Psychiater. „Ich mußte das tun, um meiner Pointe willen. Aber mir ist überhaupt nicht wohl dabei. Ich habe mich deshalb extra noch mal belesen bei Autoren, denen man nicht vorwerfen kann, die Demokratie nicht zu schätzen und leichtfertig zu kritisieren. – Ich habe ein Buch mit, warten Sie, ich lese Ihnen ein paar Zeilen vor!“ – Er kramte ein abgegriffenes blaues Heftchen aus seiner Tasche: „Jürgen Habermas schreibt 1973 in „Legitimationsprobleme des Spätkapitalismus“ auf Seite 170: „Demokratie hat nicht länger das Ziel der Rationalisierung von Herrschaft durch Beteiligung der Bürger an diskursiven Willenbildungsprozessen, sie soll vielmehr Kompromisse zwischen herrschenden Eliten ermöglichen“. Die Wähler, schreibt er, könnten nur noch „unter konkurrierenden Eliten wählen“, Demokratie werde zur „Methode der Auswahl von Führern und Führungsgarnituren“.

Hier stand plötzlich der Mathematikprofesser auf und bat, ein Gedicht vortragen zu dürfen. Wir lachten schon aus Erwartung. Er räusperte sich und begann:

Die Ballade von den Vorzügen der Mißstände

Es wächst der Menschen Wut und Grimm.
Drum, mit nem neuen Manometer
Mißt man, wie wirklich schlimm
Ist auf der Welt schon das Gezeter.

Da kommt ein schwarzes Loch daher,
Mit nem großen Appetit,
Sieht unsere Erde, geifert sehr,
Und spricht: „Ho, ho, die fress ich mit!“

Es braucht für unsern Erdenball
Nur nen winzigen Schluck.
Schon sin wa weg – ganz ohne Knall
Und kein Stern spürt nen Ruck.

Doch dem armen schwarzen Loch,
Dem grimmt von uns der Magen:
„So kleen se is, ich fühl es doch,
Ich kann se nich vertragen!

Mir wird so fies,
Und so speiübel,
Ganz elend mies,
Ich brauch nen Kübel!“

Mit nem großen mächtgen „Schwapps“
Kotzt es uns wieder aus
Und stöhnt danach: „Ich brauch nen Schnapps
Auf diesen Höllenschmaus!“

Als wir von diesem riesen Schreck
Wieder ganz genesen,
Und das schwarze Loch weit weg,
Als wär es nie gewesen,

Da zeigt sich uns sein höherer Sinn.
Der macht die Politker froh:
Sie weisen auf die Übel hin
Und sprechen uns also:

„Wie man auch schrie,
Daß man viel Wut mißt,
Weiß man doch nie,
Wozu es gut ist!“

„Den Frauen hätten Sie ruhig gefallen dürfen“, schmunzelte der Ingenieur, nachdem der Professor sich wieder hingesetzt hatte, „Ihr Fehler war, Ihr Versprechen gebrochen zu haben: Sie hatten versprochen, die Wirtschaft zu regulieren, Sie wollten Rahmenbedingungen ändern, dafür wurde Ihnen gestattet, die Demokratie außer Kraft zu setzen – aber dann haben Sie die Straßenverkehrsordnung geändert! Das war ein Kategorienfehler!“

„Tja, auch das muß ich zugeben. Aber wissen Sie: als Arzt fällt es mir ungeheuer schwer, zu akzeptieren, daß aus rein irrationalen Motiven allein in Berlin jedes Jahr 40 Menschen getötet werden, die bei Tempo 30 noch leben könnten. Es soll keiner sagen, unserer Gesellschaft würde keine Menschenopfer mehr kennen! – Aber Sie haben natürlich Recht: das war Pfusch, ich habe die Kompetenzen, die uns von den Regierungen und Völkern der Welt zugebilligt wurden, mißbraucht!“

„Ihre Geschichte ist genau genommen undemokratisch, frauenfeindlich und rassistisch“, murrte die Unternehmerin.

Der Psychiater stutzte: „Wie kommen Sie darauf?“

„Sie erzählten, daß einer der Spitzenkandidaten für eine Konzernführung mehrere Frauen hatte. Und Sie redeten immer von „der Koralle“. Damit reduzieren Sie eine Gruppe von intelligenten Lebewesen auf körperliche Merkmale und vergleichen Sie mit niedrigen Lebensformen!“

„Man kann aber auch überall Dreck sehen!“ empörte sich meine Frau.

„Nun“, sagte der Psychiater nachdenklich, „wenn der Dreck giftig ist, ist das nicht schlecht.“

„Kann aber schnell zur Hexenjagd führen!“ mahnte der Professor.

„Ich will da jetzt auch kein Faß aufmachen, erwiderte die Unternehmerin, „ich wollte es bloß gesagt haben!“

 

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