Laienspiel. Über den Pfingstmontags-„Tatort“, „Der hundertste Affe“

Um das gleich klarzustellen: Es liegt nicht an den Schauspielern. Es ist bei jedem von ihnen unübersehbar: sie können viel mehr. Es muß an den Produktionsbedingungen liegen, am finanziellen und zeitlichen Rahmen, den der öffentlich-rechtliche Rundfunk für Dreh und Drehbuch gewährt.

Was ist laienhaft an den Darbietungen der Schauspieler? Das Sprechen wirkt „geführt“, man merkt, daß die Schauspieler ihre Rolle situativ nicht verinnerlicht haben, es gibt keine „Schwingungsfähigkeit“. Die Schauspieler sprechen nicht so, wie sie fühlen, daß es gesprochen werden müßte, sondern wie sie denken, daß es gefühlt werden müßte. Und da das Denken nicht so reich und komplex ist, wie das Fühlen, wird nicht das ganze Ausdrucksspektrum des Sprechens genutzt sondern es gibt verarmte, vorhersagbare, ja, leicht nachäffbare Typisierungen der Sprechgestaltung. Dadurch entsteht eine eigenartige Monotonie, die noch nach dem Film unangenehm nachwirkt. – Allerdings: Wo das Schauspiel nicht überzeugt, ist meist das Drehbuch schuld: Die BKA-Mitarbeiterin sollte als gefühlsgestörter Charakter auffallen. Solche Charaktere überzeugend zu zeichnen ist nicht leicht. Wahrscheinlich ist es eine Vorgabe des Senders, ungewöhnliche Charaktere zu erfinden, um das Drehbuch „aufzupeppen“. Aber ich schätze, die Sender wollen nicht für die Arbeit bezahlen, die nötig ist, um einen solchen Charakter überzeugend zu schaffen. Ich vermute, daß der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk auf diese Weise Dilletantismus zum Prinzip erhoben hat. – Ist die Drehbuchvorlage nicht überzeugend, hilft auch das schnell als Masche durchschaubare abgehackte Sprechen der Schauspielerin nichts, um den Charakter zu retten, und um so weniger, wenn sie bei jeder dritten Wendung auch den Laiensprech beherrscht. – Ganz schlimm war der Laiensprech bei der Terroristin, die in jeder Beziehung wirkte wie Lieschen Müller, wenn sie auf der Laienbühne eine Terroristin spielen soll. Aber das kann man ihr nicht anlasten, im Gegenteil: Ihr engagiertes Spiel zeigt, was sie könnte. – Auch hier ist das Drehbuch schuld: die Konzeption der Rolle war weder psychologisch noch charakterlich überzeugend. Natürlich ist das auch schwer, so was überzeugend hinzukriegen, das hätte Spielfilmniveau. Aber genau das ist unprofessionell: Wenn man etwas nicht kann oder nicht die Mittel dazu hat, es gut hinzukriegen, es trotzdem zu machen. – Ein professioneller Autor schreibt nur solche Geschichten, in denen er auch alles, was darin vorkommen muß, überzeugend darstellen kann. Alles andere führt zu Groschenheftniveau. – Was wäre professionell gewesen? Der Autor hätte sich lange und eingehend mit dem Problem des Terrorismus beschäftigen müssen, mit der Psychologie der Terroristen, mit den verschiedenen Persönlichkeitsvarianten und -fascetten und mit der Psychologie in Situationen extremer Belastung. Für einen Tatort-Krimi wäre das völlig unangemessen gewesen. Professionell wäre: Zu wissen, in welchem Rahmen man was hinkriegen kann und was nicht. – Nun vermute ich, daß der Autor professionell ist. Warum macht er dann was Unprofessionelles? Keine Ahnung. Eine Erklärung ist niemals so wichtig wie eine Frage, Erklärungen gibt es viele. Aber möglicherweise stimmt eben meine Vermutung, daß der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk Dilletantismus zum Prinzip erhoben hat, zum herrschenden Paradigma, zum Denkstil. Das teuerste Fernsehen der Welt macht nur Billigproduktionen, davon aber jede Menge….

Ich blieb nur dran, weil ich wissen wollte, wie es ausgeht. Immerhin das spricht für das Drehbuch. Aber ich fand es mühsam, dem Spiel zu folgen. Ständig dachte ich: „Aha, das soll jetzt eine unter enormer Anspannung stehende Terroristin sein; aha, das soll jetzt ein lakonischer Chef sein; aha, das soll jetzt … sein!“ –  Das Geschehen trug nicht. – Allerdings: Auf die Professionalität von Sabine Postel und Oliver Mommsen ist immer Verlaß, das ist nicht bei allen Tatort-Kommisaren der Fall. – Und die wenigen Szenen mit Werner Wölbern und Manfred Zapatka hoben sich angenehm heraus aus dem Laienspiel, wie kurze Einschüsse heißen Wassers in ein kaltes Bad.

Das Drehbuch blieb auch im Bereich des Üblichen was die „Gesellschaftskritik“ anging: Was soll das, die Chemieindustrie so zu verdächtigen? So entstehen nur Pauschalurteile und Verschwörungstheorien. Alles Pauschale ist verkehrt, es irrt selbst da, wo es recht hat. AfD-Anhänger sehen sich durch diesen Tatort bestimmt bestätigt: Die Wirtschaft ist böse und die Politik deckt das. – Wenn solche Kritik dem Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk ein Anliegen ist – und das sollte es sein, dafür ist er da – muß er das anspruchsvoller machen. Es reicht nicht, anhand einer fingierten bösen Tat in einem Krimi die Botschaft zu vermitteln, daß die Chemieindustrie böse ist.

Inhaltlich das einzig Gute war der Anschnitt des Problems: wie ist es möglich, daß wir Bürger in den reichen Staaten ermessen, wieviel Tod und Leid unsere Lebensweise in anderen Ländern anrichtet? Könnten für Radikalität anfällige Menschen nicht auf die Idee kommen, das gehe nur, wenn man den Tod hierher hole? – Die Ironie ist freilich: Auf so eine Frage kann man nur kommen, wo es so einen Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk gibt wie den unseren. Über Afrika wurde z.B. jahrzehntelang so gut wie gar nicht berichtet. Und wenn, dann über ein deutsches Dampfschiff, das dort auf einem großen See seit Kaiser Wilhelms Zeiten im Dienst ist.

Es gibt keinen Grund, warum Buch, Schauspiel und Regie es nicht besser hinkriegen sollten. Die sind alle gut genug. Verantwortlich für das Groschenheftniveau ist die Sender- und Produktions-„Philosophie“ des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks. Und mitverantwortlich dafür sind die Zuschauer: Ich würde doch freiwillig nicht über Jahre regelmäßig ein Restaurant besuchen, in dem mir immer wieder billigste, schlecht zubereitete und angegammelte Speisen aufgetischt werden!

Ich kann die Künstler nur eindringlich aufrufen, gegen die Intentionen und Produktionsbedingungen des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks zu rebellieren! Wer sich schließlich zum Affen macht, sind sie…

Nachtrag:  Aus einer Zusammenstellung von Kritiken aus Tageszeitungen (aus: augsburger-allgemeine):

„Zu besichtigen ist in „Der hunderste Affe“ eine große Lage für die Polizei, die atmosphärisch überzeugend inszeniert ist. Zu sehen sind vortreffliche Schauspieler, die selbst in Nebenrollen engagiert agieren. Dazu zählt neben den genannten in besonderer Weise Friederike Becht als unversöhnliche Öko-Aktivistin.“ – „Reden wird man nach diesem „Tatort“ aber sicher auch über Friederike Becht, die Darstellerin der Öko-Terroristin Luise Christensen. Der 29-Jährigen „Tatort“-Debütantin, … gelingt die Darstellung einer jungen Frau, die sich aus Überzeugung und durch eigene Erlebnisse immer weiter radikalisiert…“

Diese Einschätzungen der schauspielerischen Leistungen widersprechen nicht der meinen: Ich lege nur mehr Wert auf das, was unter den Produktionbedingungen der Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks selbst von leistungsstarken Schauspielern einfach nicht geleistet werden kann.

Merkwürdig allerdings ist das Lob des zu besichtigenden Ergebnisses: Haben die noch nie eine Folge aus einer amerikanischen Serie im deutschen Fernsehen gesehen? Haben die sich nie gefragt, warum die Synchronsprecher selten so laienhaft sprechen, wie die Schauspieler in ARD- und ZDF-Produktionen? Entweder, die Zeitungsfritzen haben keine Ahnung oder sie reden den Öffentlich-Rechtlichen nach dem Munde – oder sie haben längst aufgegeben…