„Werd ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch, du bist so schön!“ – Die Wette mit dem Teufel: Macht sich Faust zum Testpiloten Gottes?

Inhalt:

(1) Der Inhalt der Wette (Lesezeit 7 Minuten)
— (1.1) Zusammenfassung des Dialogs Fausts mit dem Teufel
— (1.2.) Eckpunkte für die Deutung
— (1.3) Deutungsmöglichkeit: Faust als Testpilot Gottes
— (1.4) Überprüfung der Deutung: Faust als der erste Existentialist?

(2) Mißverständnisse bezüglich des Augenblicks (Lesezeit 2 Minuten)

(3) Was hat Faust zu verlieren, wenn er die Wette verliert? Entmytologisierung der Begriffe:
—„Ewige Verdammnis“, „Seelenverlust“, „Sich dem Teufel übergeben“ (Lesezeit 3 Minuten)

(4) Diskussion anderer Deutungen (Lesezeit 5 Minuten). Darin:
— Kritik an Boyle (4.3),  Jaeger (4.4.), Eibl (4.5)

(1) Der Inhalt der Wette

Die Wett-Formel:
„Werd ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen, so sei es gleich um mich getan. …  Kannst du mich mit Genuß betrügen, das sei für mich der letzte Tag. – Werd ich zum Augenblicke sagen, verweile doch, du bist so schön, dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehen. … Wie ich beharre, bin ich Knecht, ob dein, was frag ich, oder wessen.“

(1.1) Der Dialog zwischen Faust und Mephisto könnte so umschrieben werden:

Faust: Ich wette, ich bin nicht bestechlich durch schöne Augenblicke.

Mephisto: Das will ich schriftlich.

Faust: Du kapierst es nicht. Ich kann dir das gerne schriftlich geben, aber für mich ist das lächerlich. Mir geht es hier nicht um einen Deal, mir geht es ums Ganze! Wenn ich es nicht schaffe, meine Würde zu wahren und mich meinem Selbstbild gemäß zu verhalten, kann mir sowieso alles egal sein. – Aber das können Teufel nicht verstehen, dazu sind sie zu beschränkt, ihr könnt bloß in Kategorien von Lust oder Frust denken. – Ich brauche dich nur, um zu beweisen, daß reife Menschen selbst bei den diabolischsten Versuchungen ihre Würde dem Glück vorziehen, weil es ihnen um Glück nicht geht. Es geht ihnen darum, herauszufinden, was wir Menschen vom Dasein zu halten haben!

Mephisto: Vergiß es! Das habe ich in vielen tausend Jahren nicht geschafft, herauszufinden, was vom Dasein zu halten ist. Wenn selbst ich an dieser Frage noch kaue, habt ihr Menschen da nicht die geringste Chance.

Faust: Das wollen wir doch mal sehen! Ich will das ultimative menschliche Leben erleben, wie es unter normalen Umständen keinem Menschen möglich ist! Ich will alles erleben, was Menschen überhaupt erleben können!“

Mephisto: Träum weiter, dafür bräuchtest du mehrere Leben und mehrere Persönlichkeiten.

Faust: Mist, ich fürchte, da hast du recht. Aber egal: ob ich nun beweisen kann oder nicht, daß das menschliche Leben selbst mit dem Erleben aller Schätze des Menschengeists nur scheitern kann, und ob ich dabei dem Unendlichen näher komme oder nicht, Hauptsache ist: Ich werde zeigen, daß hochgesinnte Menschen sich von keinem Glück der Welt davon abhalten lassen, Antworten auf die Fragen zu finden, was vom Dasein zu halten ist und was die Würde unter den Bedingungen des menschlichen Daseins erfordert!“

 

(1.2) Eckpunkte für die Deutung

1.2.1 Was Faust zur Wette bewegt:

Faust stellt sich ein würdevolles Leben für Menschen so vor: schaffend Götterleben genießen in Sphären reiner Tätigkeit. Das tatsächliche Leben ist ihm peinigend eng, eine Trauerhöhle, in die uns das Lock- und Gaukelwerk unserer Triebbefriedigungen bannt.

Der Menschenwürde gemäß zu leben bedeutet für Faust: hoch zu streben. Hohes Streben ist ein Streben, dem es willkommen wäre, wenn es gar keine Sinnen-, Liebes- und Selbstwertgenüsse gäbe (Speise, Liebe, Ehre), weil sie nur zu Untätigkeit und Trug verführen. (Faust sagt Mephisto etwas wie: „Für mich könnte es eine gute Gabe sein, gar keinen Genuß zu bekommen“ (s. „Der Konflikt zwischen Würde und Wirklichkeit„)

1.2.2 Die Absichten die Faust mit der Wette verbindet:

Offenbar verbindet Faust mit der Wette ursprünglich zwei weitere Intentionen: Er will erreichen, ein abschließendes Urteil fällen zu können, was vom Leben zu halten ist (nämlich daß es nur scheitern kann), und er will dem Unendlichen näher kommen, als je ein anderer Mensch.

Beide Intentionen relativiert Mephisto: Selbst der Teufel weiß nicht, was vom Dasein zu halten ist, und ein einziges Leben reicht nicht aus, um der Menschheit Krone zu erringen. – Trotz dieser Enttäuschung sagt Faust nicht: „so haben wir nicht gewettet!“. Die Wette hat nach wie vor für ihn Sinn. Welchen?

Kernaussage der Wette scheint zu sein: „Es wird dir nicht gelingen, mich zu betrügen“.

Vor der Wette hatte Faust eine andere Betrugsquelle entlarvt: einen Anklang froher Zeit, der ihm vorgaukelte, das Leben sei lebenswert, und der Faust durch diesen Betrug in die „Trauerhöhle“ bannte, die das Leben nach Fausts Auffassung ist.

Also scheint Faust etwas zu wetten, was im weitesten Sinne mit den Worten umschrieben werden kann: „Kannst du mir vorgaukeln, daß das Leben keine Trauerhöhle ist, kannst du mir vorgaukeln, daß es irgendetwas gibt, das mich mit dem Leben versöhnt, so daß ich nicht weiter strebe, dann hast du gewonnen!“

Die Frage bleibt, wonach Faust strebt. Faust ist desillusionierungsbereit genug, um sich vorstellen zu können, daß der Teufel recht hat, und mit dem ganzen Wettprojekt nichts gewonnen ist bezüglich größerer Nähe zum Unendlichen. Faust baut darauf nicht mehr.

Was bleibt dann noch als Ziel des „hohen Strebens“, das uns Menschen ausmachen und der Teufel nicht verstehen können soll?

 

(1.3) Eine Deutungsmöglichkeit der Wette

Meine Antwort: Faust strebt danach, eine würdevolle Alternative zum Tod zu finden. Er hat offenbar noch keine Ahnung, worin diese Alternative bestehen könnte. Wissen oder Besitz anhäufen ist es nicht, Familie gründen ist es nicht, Ruhm erlangen oder sonstwie das Selbstwerterleben verbessern auch nicht. Die Freuden des Weins und der Liebe erst recht nicht.

Was schwebt Faust wohl vor (was schwebte Goethe vor), als er zu Beginn des zweiten Teils zum „höchsten Dasein immerfort“ streben will?

Es sieht so aus, als ob Faust nur weiß, welchen Kräften er widerstreben will: Allem, was ihn mit Genuß dazu bestechen könnte, sich zur Ruhe zu setzen bezüglich des Beantwortens seiner Fragen zum Leben. Faust scheint ersteinmal nur eines zu wissen: Wenn es eine würdevolle Alternative zur Selbsttötung geben kann, dann kann sie nur gefunden werden, wenn wir dem Zug der animalischen Triebausstattung konsequent widerstreben.

Die Wette verloren hat Faust, wenn er sich vorstellen kann, daß irgendetwas es wert wäre, dem Streben nach Würde sowie der Beantwortung der Frage, was wir vom Leben zu halten haben, den ersten Rang streitig zu machen1.

Es ist keine Sportwette, wie: „Ich werde diese Strecke unter 60 Sekunden laufen!“, sondern eine Sachwette im Sinne Kants: Kant sieht im Wetten ein Maß für die Stärke, in der eine Überzeugung überzeugt. Als Beispiel dafür bot er gleich selber eine Wette an: „So möchte ich wohl alles das Meinige darauf verwetten, daß es wenigstens in irgendeinem von den Planeten, die wir sehen, Einwohner gebe“ 2. – Es geht also nicht um die Stärke von Fausts persönlicher Selbstbeherrschung sondern um die Macht menschlicher Würde: Faust spricht nicht nur von sich selber sondern von „eines Menschen Geist in seinem hohen Streben“. (Zur Frage, ob es Faust nur um sich oder um die Menschen allgemein geht unten in Pkt. 5.3 mehr.)

Faust wettet: „Ich kann selbst der teuflischsten Bestechung widerstehen, weil das menschliche Gefühl für Würde so stark ist, daß wir uns von keiner noch so starken Lust auf Dauer davon abhalten lassen müssen, das Richtige zu tun, nämlich an der Beantwortung der Frage zu arbeiten, was die Würde erfordert!“

Faust meint das sehr ernst: „Das Streben meiner ganzen Kraft ist gerade das was ich verspreche!“ – Er will sich selber den stärksten Kräften aussetzen, um – als Testpilot Gottes – zu erweisen, daß die menschliche Würde unbestechlich ist.

Die Wette ist allerdings auch eine vom Unbewußten raffiniert konstruierte Kompromißbildung: Faust lehnt das Streben nach Glücksgütern ab, doch hat sich durch die Wette ein Arrangement geschaffen, in dem er hemmungslos nach Glücksgütern aller Art streben darf – rein aus Forschungszwecken natürlich, um zu beweisen, dass keines der Glücksgüter es wert ist, sich damit aufzuhalten!

(1.4) Überprüfung der Deutung

Am Ende des Osterspaziergangs beschwört Faust die Geister der Dämmerung: „O steigt hernieder aus dem goldenen Duft und führt mich fort zu neuem bunten Leben!“

Täuscht Faust sich bei der Wette vielleicht doch über sich selbst? Will er vielleicht doch bloß neues buntes Leben? Ist das „Höchste Dasein“ zu dem er strebt, vielleicht doch ein „Schöner Augenblick“, den zu verewigen sich lohnen würde? Tatsächlich stammelt er ja später bei der Liebesvereinigung mit der schönsten Frau aller Zeiten: „Nun schaut der Blick nicht vorwärts, nicht zurück, die Gegenwart allein ist unser Glück. … Dasein ist Pflicht und wärs ein Augenblick“. – Und hinterher verschanzt er sich mit dieser Frau in Arkadien und will offenbar da nicht mehr weg. (Verse 9380 ff).

Oder will Faust beweisen: Die menschliche Würde ist unersättlich, egal, wie nahe wir mit Hilfe des Teufels dem Unendlichen kommen, es ist für unsere Würde nie nah genug?

Oder ist Faust in einen existentiellen Trotz geraten, den er mit der Wette demonstrieren will, um das Unendliche abzustrafen: „Egal, und wenn das Unendliche mir jetzt doch noch anbieten würde, mit ihm zu verschmelzen: jetzt will ich nicht mehr, ich würde dem Unendlichen die kalte Schulter zeigen und sagen: „Du kannst mich mal“ und das weitermachen, was ich als Mensch machen kann!“

Ich sehe nicht, wie sich Goethes Text sinnvoll auf eine Möglichkeit festlegen ließe. Der Sache nach wäre allerdings sowieso das Wahrscheinlichste, daß ein Mensch in Fausts seelischer Situation selber nicht genau weiß, was er eigentlich will.

Das Sinnvollste scheint mir, anzunehmen, daß Faust nur eines genau weiß: Er will sich von keiner Macht der Natur dazu bestechen zu lassen, seine Autonomie aufzugeben.

Doch gilt es, zur Überprüfung der Deutung die Entwicklung der Wette noch mal nachzuzeichnen:

Faust hat vergeblich versucht, aus der Enge und Öde seines Lebens auszubrechen. Dabei mußte er erfahren, daß er dem Leben, das er gerne hätte (mit dem Erdgeist zusammen das Kleid der Gottheit weben) nicht gewachsen ist. Er ist von sich selbst enttäuscht und fühlt sich durch die Schöpfung gekränkt. Er fragt sich, was ihm diese Kränkung für Rechte verleiht.

Die Abenddämmerung auf dem Osterspaziergang weckt erneut seine Sehnsucht, und er bittet die Geister, ihn zu neuem bunten Leben zu führen.

Als er in sein Labor zurückkommt, merkt er, daß da in ihm etwas Beunruhigendes rumort. Er versucht es zu ignorieren, das klappt aber nicht. Also erforscht er es, gibt ihm Aufmerksamkeit, macht es in sich groß. Und siehe da: Es ist der Teufel in ihm, die Verbindung von Trieb und Wut, die er entfesselt hat, die er befreit hat aus den letzten Resten des Korsetts von verinnerlichten Werten und Verboten. (Zusätzlich angestachelt wurde er dazu von dem Bild, das sich ihm auf dem Spaziergang bot: die Leute, die aus den engen bedrückenden Mauern der Stadt in die Frühlingslandschaft drängen.)

Die Wut, daß das Leben ihm die Erfüllung seiner Sehnsüchte versagt und er das ohnmächtig hinnehmen muß, hat dazu geführt, daß seine Autonomie Ernst gemacht hat mit dem Infragestellen aller Werte. Und das hat den Teufel entfesselt, den Trieb.

Nun merkt Faust: „Ne, also das stimmt auch irgendwie nicht“. Er muß sich mit dem Teufel, mit der neuen Freiheit, auseinandersetzen.

Faust ist der erste Existentialist. Er muß sich den Fragen stellen: „Wenn alles sinnlos ist: Wieso sich nicht einfach umbringen? Oder sich hemmungslos Trieb und Wut überlassen?“

Mir scheint mit Goethes Intentionen die Deutung vereinbar, daß Faust sich diese Fragen so beantwortet:

„Sich einfach den Trieben überlassen? Das bedeutet, sich komplett von der Natur fremdbestimmen zu lassen und sklavisch zu tun, wozu sie mich treibt. Ne, das geht mir voll gegen den Strich, unerfüllte Sehnsucht hin oder her! – Mich umbringen? Der Tod läuft nicht weg. Der Tod ist die Option, die uns immer bleibt, die wir immer noch wählen können, es wäre närrisch, sie zu früh zu wählen, ohne hinreichend erforscht zu haben, ob es die beste ist und ob wirklich nichts dagegen spricht. Und selbst wenn ich das ganze Leben zur Beantwortung dieser Fragen brauche und am Ende diese Fragen immer noch unbeantwortet sind, habe ich vom Todsein nichts verpaßt, nicht das geringste. Verpassen kann man immer bloß das Leben. – Außerdem habe ich jetzt ein neues Spielzeug: den Teufel. Wär ja schön blöd, nicht erst noch auszuprobieren, was man damit alles machen kann! Also was spricht dagegen, erst einmal die Trotzmacht meines Geistes3 zu spüren und die Kraft meiner Würde, indem ich dem Unendlichen zeige, daß es mich am Arsch lecken kann, und indem ich dem Teufel zeige, wie bescheuert er ist und wie er gegen meine Würde nichts vermag!“

Die Sehnsucht nach einem neuen bunten Leben: klingt das nach der hemmungslosen Triebhaftigkeit, die ausleben zu wollen Faust immer unterstellt wird? (S.u. Pkt. 5.4: Faust glaube, daß jeder Augenblick „so schrecklich defizitär“ sei, daß er sofort „verflucht“ werden müsse.)

Der Taumel von Begierde zu Genuß, den Faust später feststellt, scheint etwas anderes zu sein, als das neue bunte Leben, nach dem Faust sich gesehnt hat. Daher halte ich es für eine akzeptable Deutungsmöglichkeit, daß Faust mit der Wette etwas anderes verbindet, als beweisen zu wollen, daß nichts gut genug ist, um seine Sehnsucht zu stillen. Sondern daß er mit der Wette beweisen will, daß die Würde des Menschen unbestechlich ist.

Daß die Experimentalanordnung, die er sich dafür ausdenkt, fragwürdig ist, steht auf einem anderen Blatt.

(2) Mißverständnisse bezüglich des Augenblicks

Die Wette bedeutet nicht, daß Faust nicht genießen darf. Er darf sich bloß nicht durch den Genuß bestechen lassen, sein Bemühen um eine Antwort auf die Fragen, was er vom Dasein zu halten habe und was die Würde erfordert, zu Gunsten des Genusses zu vernachlässigen. Er spricht nicht davon, daß er sich nie auf ein Faulbett legen darf, er spricht nur davon, daß er sich nicht beruhigt darauf legen darf.

Er hätte die Wette nicht verloren, wenn er sagen würde: Ach, laß uns noch ein wenig hier auf der Terrasse verweilen, es ist gerade so schön“. Sondern Faust wettet, daß er nie sagen wird: „Das ist so schön, da verliert mein Streben nach einer Antwort auf die Frage, was wir vom Leben zu halten haben, völlig an Bedeutung! Und ich gebe diese Frage gerne auf, wenn dieser schöne Augenblick nie aufhört!“

Um die Wette zu verlieren würde es sogar schon reichen, bloß zu denken: „Das ist so schön, ich finde es mindestens genauso wertvoll, wie meine Fragen ans Leben, und wäre gerne bereit, für das Schöne einen Kompromiß zu machen und der Beantwortung meiner Fragen weniger Raum einzuräumen, als ich einmal für notwendig erachtet habe.“

Oder meint Faust doch: jegliches Verweilen sei ihm verboten, nicht nur Verweilen auf Kosten des Strebens? Wir können die Wette allgemeiner fassen: Läßt er sich durch Genuß vom Tun des Richtigen abhalten, hat er verloren – nicht dem Buchstaben sondern dem Sinn nach: Verloren hat er, versäumt er zuviel durch das Verweilen, weil er sich länger aufhält, als für die Erholung erforderlich und für sein „Projekt“ verantwortbar.

Was heißt überhaupt rastlos? Wieviel Lebensrhythmus, wieviel Wechsel von Anspannung und Entspannung, Anstrengung und Erholung darf sein? Faust darf nicht rasten in dem Sinne: daß er nirgendwo länger verweilt, als unbedingt nötig zum Erholen oder zum Kosten von Genüssen. So verweilt er ja in der Szene „Wald und Höhle“ zum Genuß im Gebirge, das ist also erlaubt. Er muß sogar so lange verweilen, wie ein Genuß braucht, um seine ganze bestechende Macht zu entfalten! Er darf sich dann aber nicht länger damit aufhalten und Forschungsszeit vergeuden.

 

(3) Was hat Faust zu verlieren, wenn er die Wette verliert?

Welchen Sinn können wir heute mit den religiösen Vorstellungen von Seelenverlust und ewiger Verdammnis verbinden?

Die ewige Verdammnis ist der ultimative Shit-Storm. Das bedeutet: Aus der Menschengemeinschaft ausgeschlossen und allein zurückgelassen zu werden, endgültig, für immer, als letztes Wort. Den Verdammten wird abgesprochen, ein Mensch zu sein, der bei anderen Wertschätzung, Mitgefühl und Hilfsbereitschaft auslöst. Stattdessen lösen Verdammte  nur Gefühle von Abscheu, Verachtung, Empörung und Ablehnung aus, und zwar in alle Ewigkeit. „In alle Ewigkeit“ bedeutet: Es ist grundsätzlich völlig indiskutabel, auch bloß darüber nachzudenken, ob Ausgeschlossenen je wieder die Chance von Begnadigung und Vergebung eingeräumt werden könnte. Sondern alle Seligen werden für immer ausschließlich und entschieden mit Abscheu auf jeden Gedanken an einen Verdammten reagieren. – „Aus dem Leben Gottes entfernt werden“ heißt es bei Augustinus, und bei Calvin: „von aller Gemeinschaft mit Gott abgeschnitten zu sein“4.

(Der jüdisch-serbische Schriftsteller Alexander Tisma versucht ein solches Gefühl von Verdammtheit zu beschreiben in seinem Roman „Kapo“: Ein Jude kollaboriert im KZ aus Todesangst mit den SS-Schergen und hilft mit beim Massenmord, nutzt  seine Machtstellung aber auch aus, um weibliche Gefangene sexuell zu mißbrauchen. – Nach dem Krieg kann er sich an nichts mehr freuen, fürchtet ständig, auf der Straße wiedererkannt und unter dem Abscheu der Leute abgeführt zu werden. Durch den Gedanken „Wenn die wüßten, was ich gemacht habe“ erlebt er sich nicht mehr den andern Menschen zugehörig sondern wie in einer Art Zwischenwelt, als Häftling in einem Lager nur für ihn selber… )

Seelenverlust ist ein Sinnbild für das Gefühl, sich selbst untreu geworden zu sein, auf die eigenen Gefühle von Stimmigkeit und Unstimmigkeit nicht gehört und dadurch gegen das eigene Selbstbild und die eigenen Werte grundlegend verstoßen zu haben. Das bedeutet: Statt selbstbestimmt gewesen zu sein, wurden  überwiegend Entscheidungen getroffen, zu denen man selber nicht stehen kann: gierige oder feige Entscheidungen.

Seelenverlust bezeichnet die Verzweiflung eines Menschen, der sich vor seinem Tod zugeben muß, daß er sein Leben in der Hauptsache selbstbezogen und sinnlos verbracht hat, daß er aus den eigenen Fähigkeiten nichts gemacht, dem eigenen Leben keinen Sinn gegeben und stattdessen das Leben vergeudet oder Anderen geschadet hat durch Rücksichtslosigkeit, Ausbeutung oder gar Bösartigkeit. Seelenverlust ist das Gefühl, daß das eigene Leben für alle anderen Menschen bedeutungslos und verachtens- oder gar verabscheuungswert war.

Sich dem Teufel zu übergeben ist gleichsam ein Seelenselbstmord: sich selbst grundlegend zu entwerten, aufzugeben und sich der Verzweiflung zu überlassen – z.B. in dem man sich nur noch betrinkt. – Daß Faust bereit ist, sich dem Teufel zu übergeben, falls er seinem Selbstbild von Unbestechlichkeit nicht entspricht, ist ein Selbstbestrafungswunsch. „Dann will ich gern zugrunde gehen“ heißt soviel wie: dann habe ich nichts anderes verdient.

Faust hat ein überwertiges, unreifes Selbstkonzept, eine antiquierte Vorstellung vom „freien Willen“, von dem, was wir erreichen können, wenn wir uns bloß gehörig zusammenreißen. Er kann sich nicht verzeihen. Statt einer Fehleranalyse: „Wie konnte mir das passieren?“ gibt es ein moralisches Todesurteil. – Die Muttergottes wird ihm da später den Kopf waschen (im Epilog: „Das Ewig-Weibliche als Goethes Formel für soziale Intelligenz„).

 

(4) Diskussion anderer Deutungen

(4.1) Zusammenfassung meiner Deutung: Faust wettet, daß Menschen – zumindest Menschen wie er („gute“ Menschen) – Tat und Erkenntnis dem Genuß immer vorziehen werden und nicht glücklich damit würden, den höchsten Glückszustand festzuhalten, selbst den vollendetsten nicht!

(4.2) Möglich ist auch folgende Auffassung: Egal wie wunderbar ein Augenblick sein wird, keiner ist völlig leidfrei, völlig frei von Beunruhigung, von Dissonanzen, Bekümmernis, Zweifel, Mitleid, Wissen und Trauer um das Leid der Welt, die Not anderer Menschen. Die Dissonanz im schönen Augenblick stachelt weiter zu Tat und Schaffen an. Wird Faust diese Dissonanz ignorieren, dann legt er sich beruhigt auf das Faulbett. – Und einen Augenblick ohne Dissonanz zu wünschen, wäre ebenfalls eine Ignoranz der Not auf der Welt. Das wäre eine würdelose Einstellung.

Tatsächlich ist Faust nahe dran an so einer würdelosen Einstellung, als er seinem Sohn Euphorion verbieten will, sich in der Welt umzuschauen („immer weiter muß ich schauen“), damit er nicht entdeckt, was für ein Krieg um sie herum tobt. Und tatsächlich erntet er Euphorions Spott: „Träumt ihr den Friedenstag? Träume, wer träumen mag!“

(4.3) Der britische Germanist Nicholas Boyle, Autor einer Goethe-Biographie, die auch in Deutschland als Standartwerk gilt, hat einige Gedanken zur Wette (Boyle 2006), die meine Deutung in gewissem Sinne bekräftigen, geht mit ihnen aber in eine andere Richtung:

„Das einzige, das in Fausts Welt Wert hat, besitzt er schon – sich selbst. Es gibt nichts, das der Kraft gleichkommt … die er in sich selbst findet, der Kraft, den Wert aller andern Dinge zu verneinen. … Fausts Wette lautet: mag der Teufel sich noch so sehr anstrengen … um Erlebnisse irgendwelcher Art heranzuschaffen, Faust wird darin nichts entdecken, was ihm selber vergleichbar wäre… . Zu … jedem Erlebnisse … wird er sagen: … darin erkenne ich mich, den einzig Wertvollen, nicht wieder“ (S.38).

… „Der Wert des Lebens ist das Leben selbst, so wettet er, und das Leben leben heißt, … es als den Stoff behandeln, in dem er die eigene Kraft und die eigene Freiheit fühlt, immer neues Leben zu leben“ (S.40). – Hier schwenkt Boyle in die Deutungen ein, daß es Faust letzlich doch um tolle Erlebnisse geht, statt darum, zu beweisen, daß Menschenwürde unbestechlich, unzersetzlich ist. – So kann Boyle die Wette mit der Logik des Kapitals gleichsetzen: Genug ist nie genug, es geht immer noch mehr.

Die Frage ist jedoch: Was in Goethes Text legt nahe, daß Faust derart nur um sich selber kreist? Daß es nur um seinen persönlichen Wert geht? Und nicht um Menschenwürde überhaupt? – „Die uns das Leben gaben, herrliche Gefühle, erstarren in dem irdischen Gewühle“ – da redet Faust nicht von sich sondern vom Los der Menschen überhaupt. – Und er will durch Taten beweisen, daß Manneswürde nicht der Götterhöhe weicht. Da geht es ihm auch nicht bloß um ihn selbst, sonst hätte er gesagt: meine Würde. (Hätte in diesem Augenblick jemand Faust gefragt: Und was ist mit Frauenwürde? Was hätte er wohl gesagt? Wahrscheinlich: „Das müssen die Frauen erweisen, ich kann nur für mein Geschlecht einen Beweis antreten.“ Und nicht: „Frauen? Niemals schaffen die es, daß ihre Würde nicht der Götterhöhe weicht, niemals!!!“)

Und wenn Faust später erklärt, sein Selbst zum Menschheitsselbst erweitern zu wollen, um zu beweisen, daß auch damit das Leben scheitert: Was hätte das für einen Sinn, wenn es ihm nur um sich selber ginge? Es wäre völlig irrelevant, was seine Erlebnisse mit dem Rest der Menschheit zu tun haben. Seine Verse wären unsinnig.

Boyle meint: „So ist Fausts Wette einfach die verärgerte Behauptung … daß die Welt nichts enthält, das ihn befriedigen könnte“ (S.41). Ich denke dagegen: Faust wettet, daß es nichts im Leben gibt, das den Widerspruch zwischen Würde und Wirklichkeit pazifieren würde.

(4.4) Der Germanist Michael Jaeger sieht in der Wette eine „Signatur der Moderne“: „Wie Faust, so fürchten auch die politischen und ökonomischen Revolutionäre das Verweilen. Niemals werden sie zum Augenblicke, zu einem Zustand, zu einem Produkt sagen: „du bist so schön“ und „ich bin mit dir zufrieden“, haben sie doch stets das verlockende Andere, das Noch-Nicht-Daseiende im Blick, was dann aber, sobald es da ist, auch gleich wieder verneint wird“ (Jaeger, 2021, S.75).

(4.4.1) Wie ist diese Lesart vereinbar mit Fausts Richtigstellung, nicht nur das Wohl sondern auch das Weh der Menschheit stellvertretend zu erleben: „Von Freud ist nicht die Rede. .. Mein Busen soll keinen Schmerzen künftig sich verschließen“?

Wettet Faust, daß unsere Würde so ansprüchlich ist, daß es für uns keinen vollendeten Augenblick geben kann, oder wettet er, daß kein noch so vollendeter Augenblick uns mit der menschlichen Existenzform versöhnen kann? (Und daß Versöhnung daher wenn überhaupt nur durch Taten, nicht durch Glückserlebnisse möglich ist.)

Glaubt Faust, daß jeder Augenblick „so schrecklich defizitär“ sei, daß er sofort „verflucht“ werden muß – wie Jaeger vermutet (82)? – Glaubt Faust, daß er nur deshalb zu keinem Augenblick sagen wird: „Verweile doch du bist so schön“, weil es so einen schönen Augenblick für Menschen nicht geben kann? – Oder wagt er die Wette, weil er sich auch durch das Allerschönste nicht bestechen lassen will?

Auch Jaeger scheint als maßgebliches Stichwort der Wette das Wort „Augenblick“ aufzufassen, statt das Wort „betrügen“: „Sobald er einen Augenblick innehält in der permanenten Bewegung, will er seine Freiheit und seine Existenz verlieren“ (Jaeger S. 74). Auch diese Formulierung ist fragwürdig: Wettet Faust, daß er die Wette verloren hat, sobald er innehält, oder wenn er wünscht, der Augenblick solle andauern?

Mit der Wettformel vom Verweilen des Augenblicks gibt Faust ein Kriterium für Betrug an. Ohne diese Formel könnte Mephisto sagen: „Was soll denn das heißen: Mit Genuß betrügen?“ – Das „Verweile Doch“ zu deuten ohne den Zusammenhang mit dem Betrug durch Genuß muß daher zu Mißverständnissen führen.

Jaegers Auffassung kommt außerdem in der Arkadienszene in Schwierigkeiten: Da ist Faust dann doch der wunderbare Augenblick Pflicht. Jaeger braucht dafür eine Hilfshypothese: Es gebe im Drama „Regionen“, in denen das „Gesetz der Wette“ nicht gelte (88). Denn sonst hätte Faust in Arkadien seine Wette verloren.

Ohne diese Hilfshypothese entsteht eine spannende Frage: Ja, wieso hat Faust in Arkadien die Wette eigentlich nicht verloren? – Eine Deutungsmöglichkeit wäre: Weil das „Höchste Dasein“, nach dem er ahnungsvoll strebt, eben doch kein „Schöner Augenblick“ ist, doch nichts mit Genuß zu tun hat sondern allein mit Tat. So daß Faust ohne die Wette zu verlieren feststellen kann: Ok, das ist jetzt wirklich ein supertoller Augenblick, der wäre es an sich schon wert, meine Autonomie dafür aufzugeben! Aber ich gebe sie dafür nicht auf! Sie ist mir doch wichtiger! Lieber autonom als selig!“

Es ist zwar möglich, Fausts Worte in Arkadien so zu interpretieren, daß er den Augenblick zum verweilen auffordert. Man kann sie aber mit gleichem Recht auch anders interpretieren: So, daß darin kein Impuls zum Ausdruck kommt, seine Autonomie zu Gunsten dieses Augenblicks ernsthaft in Frage zu stellen.

Und rein logisch – ohne Hilfshypothese – muß er in Arkadien verweilen, um es auf sich wirken zu lassen, er muß sich die mediterranen Genüsse auf der Zunge zergehen lassen, um zu wissen, ob er da wirklich nicht mehr weg will. – Das weiß doch jeder Weinkenner: Es ist keine Kunst, alle Weine als defizitär zu verwerfen, wenn wir bloß einen Schluck von jedem kurz in den Mund nehmen und gleich wieder ausspucken! – So ein Augenblicks-Probier-Verhalten bräuchte Mephisto nicht zu akzeptieren, zumal ihm Faust das Streben seiner ganzen Kraft versprochen hat, und keine Mogelei.

(Boyle kommt zu einer anderen Lösung als Jaeger: Faust läßt das Erlebnis in Arkadien gar nicht zur Entfaltung kommen, weil er sich an die Wette gebunden fühlt. Er verkürzt das Erlebnis auf einen Augenblick, den er dann abwerten kann (Boyle 2006 S.43). – Doch wie würde sich das mit Fausts Selbstverpflichtung vereinbaren: „das Streben meiner ganzen Kraft ist gerade das, was ich verspreche“?)

(4.4.2) Ich bezweifle, daß es Faust um den vollendeten Augenblick geht, und er wettet, daß kein realer Augenblick gut genug für ihn sein könne, nach dem Motto: „Wenn ich mich mit irgendwas zufrieden gebe, dann verrate ich mich selbst, denn für mich ist nur das Vollendete gut genug!“ Nein, Faust entwertet den Schönen Augenblick nicht mit dem Gedanken: „Du reichst mir nicht! Ich werde mich nicht mit dir begnügen! Ich sehe gar nicht ein, mich von dir davon abhalten zu lassen, noch was Tolleres zu erleben!“

Was Faust am Verweilen schlimm findet ist nicht, daß er was Besseres verpaßt, sondern daß er sich beim Verweilen zum Knecht macht.

Es geht Faust nicht um Genuß sondern um Tätigkeit: Er klagte nicht darüber, nicht genießen zu können wie ein Gott, sondern, nicht so wirken zu können wie ein Gott. Seine Wette scheint sich also darauf zu beziehen, daß er niemals ein tätiges Leben gegen Genuß eintauschen würde.

(4.4.3) Es entdifferenziert die Deutung der Wette, wenn wir in ihr nur Goethes Formel für seine Kritik an der Fortschrittssucht sehen. Diese Kritik kommt im 5. Akt noch zur Genüge zum Ausdruck. In Fausts Wette scheint noch eine weitere Tendenz der modernen Welteinstellung auf den Prüfstand gestellt zu werden: die Freiheit, alle Werte in Frage zu stellen: „Warum soll ich mich begnügen, wenn ich gerne noch mehr hätte? Warum soll ich Beschränkung dulden, solange noch was geht? Auf irgendwas verzichten? Ne, kommt nicht in Frage, niemals!“ – Faust will die Niedrigkeit dieser Einstellung herausstellen, indem er sich dem Taumel der Verzichtlosigkeit aussetzt, um zu erweisen, daß selbst das hedonistischste Leben kein gelungenes wäre, weil es unserer Würde nicht gerecht wird.

Jaeger argumentiert immer wieder mit dem Gegensatz von Fausts Wette und Goethes Tugend des von der antiken Welteinstellung inspirierten „Verweilens im Angesicht des Schönen“ (Jaeger 2006). Er nimmt an, daß Faust den Wert dieser Tugend nicht begriffen hat, und auch, daß er unfähig ist, sie zu begreifen, als sein Erlebnis in Arkadien ihm diese Tugend nahelegt.

Aber wäre es nicht sinnvoller zu schauen, inwieweit Goethe im „Faust“ die Frage aufwirft, wie schwierig wir es heute haben, auf etwas zu verzichten? Weil wir keine Religion mehr haben, die den Menschen früher dabei half sich  in die vielen Verzichte, Zwänge und Grenzen zu ergeben, die Natur und Gesellschaft den Menschen damals auferlegten. Die konnten damals nicht so einfach sagen: „Ja, das ist toll gerade, aber wenn ich mich damit zufrieden gebe, könnte ich ja was noch viel Aufregenderes verpassen! Und als was für ein Narr stände ich dann da?“ – Sich nicht zufrieden zu geben, nicht zu dulden, wäre in der Antike in vielen Fällen Frevel an irgendeiner Gottheit gewesen, weil es den sozialen Frieden untergraben hätte.

Verwünscht Goethe die Freiheiten unserer Modernen Zivilisation, oder will er nur zeigen, welche Gefahren damit verbunden sind?

(4.5) Eine Variante zu (4.4.1) ist diese Lesart:  Faust zweifelt, dass es einen wahrhaft erfüllten Augenblick im menschlichen Leben geben könne. Daher glaubt er, dass er darauf gefahrlos wetten kann . – Einen wahrhaft erfüllten Augenblick herstellen kann nur ein Gott, kein Teufel. Deshalb kann Mephistopheles gar nicht gewinnen5.

Diese Lesart hat außer den bereits genannten Nachteilen einen weiteren: daß sie einen dummen Teufel voraussetzt. Freilich geht es ja bei dem Streben nach Vollkommenheit gerade um jenen „göttlichen“ Funken, den der Teufel nicht begreift und den der Teufel, laut Beschluß des Herrn im „Prolog im Himmel“, endlich mal begreifen lernen soll. Danach wäre das ganze Drama nur das Protokoll einer Nachhilfelektion für Mephisto. Auch eine interessante Lesart.

Schwerwiegender ist aber auch bei dieser Lesart, daß sie nicht erklären kann, wieso Faust später sagt: „von Freud ist nicht die Rede… mein Busen … soll keinen Schmerzen sich verschließen… und am End auch ich zerscheitern“.

Weiterlesen auf dem Faustpfad: Auerbachs Keller

Zum Faust-Pfad (Überblick über alle Artikel)

Literaturnachweise:

1 Ähnlich Hans Arens,  Kommentar zu Goethes Faust I. Winter, Heidelberg 1982, S.183: „Natürlich ist es nicht entscheidend, daß diese Worte … wirklich ausgesprochen werden. Es genügt, diesen Wunsch zu empfinden“. – Dennoch verkennt Arens die Wette grundlegend. Er hält sie für überflüssig: Ein starker Charakter würde einfach jeder Versuchung widerstehen, der bräuchte dazu keine Wette. – Arens denkt nicht an den Unterschied zwischen Sport- und Sachwette. Faust geht es ja nicht darum, sich und andern zu beweisen, daß er, Faust, ein Hochleistungssportler im Widerstehen von Versuchungen ist. Sondern ihm geht es darum, die Macht menschlicher Würde zu demonstrieren. Er will nicht zeigen, was für ein toller Hecht er ist, sondern was es heißt, ein Mensch zu sein.

2 Kritik der reinen Vernunft B 853

3 „Trotzmacht des Geistes“ ist ein Begriff des Psychotherapiepioniers Victor Frankl, der in diesem Begriff die menschliche Fähigkeit zum Ausdruck bringt, auch unter einem schweren Schicksal nicht zusammenzubrechen sondern im Durchhalten einen Sinn zu erkennen und sich von diesem Sinn ermutigen zu lassen. – Frankl war Überlebender der Konzentrationslager.

4 Historisches Wörterbuch der Philosophie, Hg. Joachim Ritter et al., Bd. 11, S. 600

5 Karl Eibl,Das monumentale Ich. Wege zu Goethes ›Faust‹, Frankfurt a.M. 2000, S.127f – Ein Aufsatz Eibls dazu ist hier lesbar.

Weitere im Text genannte Literatur:

Nicholas Boyle, Der religiöse und tragische Sinn von Fausts Wette, in: Hg. Jaeger et al. „Verweile doch“, Goethes Faust heute, Blätter des Deutschen Theaters 3, Berlin 2006

Michael Jaeger, Goethes „Faust“, das Drama der Moderne. München 2021 (C.H.Beck)
Ders. Fausts Revolution in: Hg. Jaeger et al. „Verweile doch“, Goethes Faust heute, Blätter des Deutschen Theaters 3, Berlin 2006, S. 108

 

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