Zu Goethes Universitätssatire (Schülerszene)

Daniel Seefeld

Eine Evaluationsgeschichte in 6 Minuten

Nach dem Examen wollte ich nichts mehr von Hochschulen wissen und fuhr nach Hiddensee, zur Erholung. Ich lag am Strand, auf dem Gipfel einer kleinen Düne, blinzelte in die Wolken und gab mich genüßlich dem dösigen Nichts in meinem Kopfe hin, als mir plötzlich Sand auf die Haut rieselte. Seine Quelle war die Hand eines blonden, brettbauchig-mageren Mädchens vom Typ der schnippischen Prinzessinnen, die immer alles besser wissen.

„Das ist mein Platz, du liegst auf meinem Platz, ich habe da gesessen! Ich war nur kurz weg, um ein Eis zu holen“ sagte sie anklagend.

„Oh, Entschuldigung, das wußte ich nicht“ antwortete ich höflich, und stand auf, obwohl ich seit mindestens einer halben Stunde dort gelegen hatte.

Dann machte ich einen Fehler: ich streifte mein Tieschört über, weil mir plötzlich kühl geworden war. Auf dem Schört prangte das Logo meiner Hochschule. Das Mädchen zeigte mit dem Finger darauf und lachte verächtlich:

„Gehörst du etwa zu denen, die noch an einer stinknormalen Hochschule studieren?“

Auf diese Weise ließ ich mich von ihr in ein Gespräch verwickeln, das nur darauf angelegt war, mich ins Hintertreffen zu bringen. Auf meine törichte Rückfrage, wo sie denn studiere, hatte sie nur gewartet. Mit gespielter Langeweile erzählte sie, während sie ihren Nagellack kontrollierte, daß sie von der „Neuen Akademie“ komme. – Das ist jene private Elite-Hochschule in Neukleindenkersdorf, die sich schon aus rein ökonomischen Gründen für etwas Besonderes ausgeben muß. Dort ist natürlich alles ganz anders, was sonst!

„Warst du schon mal an einer „stinknormalen“ Hochschule, wie du es nennst?“, fragte ich in taktischer Vorwärtsverteidigung.

„Nein“ mußte sie zugeben, und ich setzte nach: „Woher willst du dann wissen, was dort abläuft?“

„Da gibt es doch einschlägige Evaluationsergebnisse“, antwortete sie rechthaberisch.

„Ich weiß ja nicht, was du da gelesen hast, jedenfalls meine Hochschule ist nicht schlecht“, entgegnete ich mit betonter Lässigkeit und machte Anstalten, zu gehen, so als habe ich und meine Hochschule es nicht nötig, darüber noch weitere Worte zu verlieren.

„Na ja, wer sich damit zufrieden geben will“ stichelte sie mir hinterher.

„Hör mal zu, du hast doch gar keine Ahnung, womit ich mich da zufrieden gebe, das sind doch alles bloß Vorurteile“, fuhr ich sie an.

„Na, dann erzähl mir doch mal was von euch!“ sagte sie spöttisch und siegessicher.

Jetzt hatte ich sie genau da, wo ich sie haben wollte: „Also an unserer Hochschule stimmt das Niveau. Das, was man im Unterricht erlebt, kann man getrost als Maßstab für die wissenschaftliche Abschlußarbeit nehmen. Es gibt da keine tückische Diskrepanz. – Und die Lehrenden haben ein reflektiertes Verständnis davon, welches Wissen man sich anlesen und welches man nur im Unterricht bekommen kann. Deshalb bekommen die Studenten nicht das Gefühl, daß es sich bei Seminarsitzungen bloß um die weitaus weniger effektive Methode handelt, sich Bücherwissen anzueignen.“

„Das ist doch alles selbstverständlich, was du da sagst“, unterbrach sie mich, „Wenn du nichts Besseres zu erzählen hast, dann laß es lieber.“

„Warte nur“, dachte ich im Stillen, „ich krieg dich schon“ und fuhr fort, ohne auf ihren Kommentar einzugehen: „Bei uns reicht es nicht, nur zu vermeiden, was die Professoren blöd finden. Keine Arbeit bekommt ein gutes Prädikat, wenn sie frei von Defiziten ist aber keinerlei Potentiale aufweist. Ja, unsere Lehrenden brennen darauf, mit den Potentialen der Studenten zu arbeiten, statt, wie früher, ständig zu unterstellen, die Studenten seien theoriefeindlich, lese- und denkfaul und würden modische Allgemeinplätze reflexionsunwillig für wahr halten, weil sie so schöne Gewißheitserlebnisse erzeugen.“

„Naja“ unterbrach sie mich wieder, „klingt ja nicht schlecht, aber auch das sind heute ja wohl eher Selbstverständlichkeiten. Das sagt noch nichts darüber aus, wie fit die Leute bei euch werden. Bei uns gibt es da die „Neue Lehre“, sie ermöglicht ein denkbar hohes Niveau für den Großteil der Studenten, nicht nur für die Engagiertesten und Begabtesten. Und die „Neue Lehre“ könnt ihr noch gar nicht haben, die wird nämlich grade erst bei uns entwickelt! Bei uns wird nicht mehr versucht, im Schnellverfahren die wichtigsten Pointen der maßgeblichen Schulen zu vermitteln, wobei nur Halbwissen und Mißverständnis entsteht. – Mach´ doch mal den Test, und frage bei euch in fortgeschrittenen Semestern, was z.B. „projektive Identifizierung“ bedeutet. Ich wette, du wirst die abenteuerlichsten und blödsinnigsten Antworten erhalten. Und die Wenigen, die den theoretischen Hintergrund kennen, kriegen ihn nur mit Mühe und Not zusammen, so daß nur etwas ziemlich Triviales davon übrigbleibt, und das auch noch ziemlich gestammelt. – Bei uns hat man verstanden, daß das Unsinnigste das „Irgendwie-Verstehen“ ist, und daß es sich nicht lohnt, bei der Verständnisentwicklung Zeit zu sparen.“

„Was ist denn daran neu“, provozierte ich sie, „bei uns hat man schon lange erkannt, daß die Unmotiviertheit der Studenten zu theoretischem Arbeiten völlig „gesund“ ist: nämlich ein Indikator für schlechte Vermittlung, für das Unvermögen der Lehrenden, die Studenten zu inspirieren. Wenn man Theorien und Begriffe verständlich macht aus ihrem Ursprung, aus dem Erfahrungshintergrund ihrer Urheber und den Fragen, die sich ihnen gestellt haben, dann können die Studenten die Theorien nicht nur leichter verstehen, sondern auch viel reflektierter, und darüberhinaus bekommen sie viel mehr Interesse an der Theorie, weil sie selbst nacherleben können, vor welchen Problemen die großen Theoretiker standen und wie sie sie zu lösen versucht haben. – Aber wir haben noch andere didaktische Künste kultiviert.“

„So, welche denn?“ fragte sie spitz.

„Statt öde und entnervend auf irgendwelchen theoretischen Begrifflichkeiten herumzukauen, die dann doch vage oder trivial bleiben weil die Lehrer es nicht vermögen, sie mit der Praxis in Verbindung zu bringen, gibt es bei uns eine Kultur theoriebezogener Übungen, damit die Studenten die Theorien bei der Arbeit erleben können, in Anwendungszusammenhängen. Dem Ersinnen solcher Übungsmöglichkeiten oder der Darstellung der Theorien durch reflektierten Bezug zur eigenen Praxis: dem gilt das ganze Engagement unserer Lehrenden.“

„So“ prustete sie und stemmte die Arme gegen die Hüften, „und das hältst du also nicht für alte Hüte, wie? Aber unsere „Neue Lehre“ geht ja noch viel weiter, wenn du mich hättest ausreden lassen, dann hätte ich das im Zusammenhang darstellen können.“

„Bitte!“

„Bei uns wird ein ganz neues Verständnis vom akademischen Schreiben erarbeitet. Wir haben ein reflektiertes Verständnis davon, was es heißt: zur Sache zu schreiben im Unterschied zu: zu Texten über die Sache zu schreiben. Unsere Texte werden nicht mehr aus Literaturparaphrasen zusammengestoppelt. Bei uns gibt es das nicht mehr, daß die akademische Schreibweise sich unter der Hand so transformiert, wie sinnvolle Ordnungs- und Hygieneregeln, wenn sie bei Mustersöhnchen zu selbstgerechten Ritualen werden, mit denen sie sich kraft des Symbolgehalts abschirmen gegen „unordentliche“ und „unsaubere“ Lebenswelten. – Jeder hat Angst, es könne etwas von seiner Naivität, von seinem Unverständnis oder gar von seiner Einfallslosigkeit durchscheinen, deshalb traut sich kaum noch jemand, selber etwas zur Sache zu schreiben. Stattdessen wird wiedergekäut, was schon tausendmal wiedergekäut wurde. – Sehr sinnvoll und kreativ! – Ich fühle mich hier immer an ein Bonmot B.Brechts erinnert, paß mal auf, ich lese es Dir vor: „Der Paß ist der edelste Teil von einem Menschen. Er kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Paß niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.“ Man setze einfach „Gedanke“ anstelle von „Mensch“, und „Literaturnachweis“ anstelle von „Paß“ und man sieht, wie im schlechten Akademismus der „context of justifikation“ sich selbst das Wasser abgräbt durch seine Berührungsängste mit dem „context of discovery“.“

„Glaubst Du wirklich, das hätte man nur bei euch begriffen? Bei uns muß niemand mehr fürchten, sich Ärger und Schimpf einzuhandeln, wenn er versucht, selbständig einen Gedanken zu entwickeln. Auch wenn das mal verunglückt wird es doch ungleich mehr geschätzt als diese scholastische Kompiliererei. Bei uns gibt es keine mehr oder weniger subtile Pädagogik des Austreibens mehr mit Kommentaren wie: „alles bloß dahergequatscht“, sondern die Professoren kennen ihre eigenen Unterstellungsneigungen und verwechseln die Bemühungen Ihrer Studenten um Selbständigkeit nicht mit selbstherrlichem Entwicklungsunwillen. Das kommt daher, weil es bei uns keine Dozenten gibt, deren Lehrtätigkeit nicht eine Zeit lang supervidiert wurde.“

„Weißt du was?“, sagte sie und wurde immer röter vor Wut, weil ihr nichts mehr einfiel, „ich glaube dir kein Wort, kein einziges Wort! Und jetzt geh bitte, ich will mich sonnen!“

Auf der kleinen Insel sahen wir uns unvermeidlicherweise noch einige Male, aber sie behelligte mich nicht mehr.

 

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