Was uns das Drama heute sagt

In der Figur des Faust schafft Goethe sich gleichsam eine Lupe, die ihm ermöglicht, etwas sichtbar zu machen, unter dem jeder Mensch leidet, unterschiedlich in Form und Maß: unvereinbare Wünsche, Gefühle und Bestrebungen, sowie vage schmerzliche Sehnsüchte, die ebenso unstillbar sind, wie sie unerkennbar und unverstanden bleiben und wir nicht genau wissen, wonach es uns da eigentlich sehnt.

So beschäftigt sich das Drama mit den Leiden, die dem Menschenleben unvermeidbar auferlegt sind, und untersucht, wie dennoch ein Ja zum Leben möglich ist. Es erzeugt einen Spannungsbogen zwischen der Anfangsfrage: ob der Mensch ein mißlungenes Geschöpf ist, und der Antwort, daß das Böse in uns mit seiner Haltlosigkeit sich selbst zum Spott wird, und wir ein Vermögen zum Gelingen des Lebens in uns tragen, das im Drama sinnbildlich als „weiblich“ zum Ausdruck gebracht wird.

Die Frage, die das Drama uns aufgibt ist: Wie können wir ohne Selbstbetrug und Teufelspakt unseren Frieden schließen mit einem Leben, das unsere Sehnsucht nach Rausch und Sinn so wenig erfüllt, und stattdessen mit soviel Entbehrung, Enttäuschung, Schmerz und Widerspruch aufwartet. (Selbstbetrug wäre z.B. Esoterik, Größenphantasien, oder sich das Leben schönreden statt sich seine Konflikte zur Aufgabe zu machen. Teufelspakte wären z.B.: Konsum von Suchtmitteln, Flucht in PC-Spiele, oder Mitmachen bei fragwürdigen Unternehmungen, die mit skrupellosen Mitteln schnellen Erfolg versprechen, wie z.B. bei Nazis oder Mafia oder manchen Instituten der Finanzwirtschaft.)

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Faustische Verblendung

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Diskussion: Politisches Handeln zwischen Faustischer Verblendung und
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