Aufruf zur Gründung eines Bürgerrats für den Rundfunk

Medien, die von Markt und Macht unabhängig sind, sind notwendig für die Demokratie. – Der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk soll diese Aufgabe erfüllen.

An das, was er bietet, sind wir so gewöhnt, daß wir längst nichts anderes mehr erwarten, und uns auch längst nichts anderes mehr vorstellen können. Deshalb scheint er im Großen und Ganzen in Ordnung.

Doch wenn wir die Fragen, die sein Angebot aufwirft, unter die Lupe nehmen, wird es immer fraglicher, ob der Rundfunk seine Aufgabe gemessen an seinem Budget und seinen Möglichkeiten gut genug erfüllt.

Wir müssen von einer Fehlentwicklung ausgehen.

So wunderte sich z.B. der Programmdirektor, der für die legendäre Produktion von „Das Boot“ (1983) verantwortlich war, 30 Jahre später, warum nie wieder so ein Film produziert wurde, obwohl die Sender immer reicher wurden. Stattdessen gibt es jetzt eine Krimiflut.

Vielfalt scheinen die Sender mit Vervielfältigung verwechselt zu haben.

Der Öffentliche-Rechtliche-Rundfunk könnte und müßte weit mehr von dem bringen, wofür er da ist: konfrontierende Interviews, hintergründige  Information, und vor allem: Fernsehspiele, die Unterhaltung, Information und Bildung miteinander verbinden – wie z.B. bei der Serie „The Wire“. 

Was eine Fehlentwicklung nahelegt ist: Die Aufsicht war unzureichend, weil die Politik zuviel daran herumgepfuscht hat, wir Bürger haben uns 70 Jahre lang um nichts gekümmert und die Presse allein kann es nicht schaffen, die Versäumnisse aller anderen auszubügeln.

Die bisherigen Rückmeldungen aus der Zivilgesellschaft: Bürgerinitiativen, Zeitungsartikel, Bücher: all das ist von den Rundfunkanstalten leicht ignorierbar, weil es untergeht im medialen Rauschen.

Wir brauchen einen Rundfunkrat der Bürger, eine Stimme, deren Fragen nicht überhört werden können!

Es wird darum gehen, die Diskussion über den Auftrag des Öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu beleben, Entscheidungsstrukturen zu analysieren, den Umgang mit unserem Geld zu kontrollieren und zu hinterfragen, und den direkten und indirekten Einfluß von Politik und Lobbys aufzudecken und zu verringern.

Unsere Kraft sind unsere Fragen: Was wurde versucht um bessere Alternativen zu entwickeln, und wie entschieden, systematisch und ausdauernd wurde es versucht, und was wurde nicht versucht, und aus welchen Gründen wurden Versuche abgebrochen oder gar nicht erst erwogen.

Falls wir wenig bleiben, könnten wir wenigstens für uns selbst mehr erreichen mit gemeinsamer Recherche und Diskussion.

Falls wir viele werden, können wir die Lasten unseres Engagements immer besser verteilen und immer mehr erreichen, ohne daß Familie, Beruf, Interessen und Erholung darunter leiden müssen.

Dann könnte eine Breitenwirksamkeit entstehen, die unseren Bürgerrat an die ersten Adressen im Netz rückt, ähnlich wie Wikipedia. Dann könnten unsere Fragen an die Verantwortlichen nicht mehr ignoriert werden. Keine Antwort wäre dann auch eine.

Es kommt nur auf eines an: Stetigkeit und langer Atem…

 

Die Leitmaximen von Bürgerräten:

(1)

Moralisiere nicht! – Finde mehr darüber heraus, aus welchen Gründen die Verantwortlichen das, was Du kritisierst, für sinnvoll, berechtigt und in Ordnung halten!

(2)

Sei unsicher!  – Finde mehr darüber heraus, was an Deinen eigenen Vermutungen, Überzeugungen und Wertungen unzutreffend, verkennend und unangemessen ist!

(3)

Wenig und stetig statt viel und kurz. – Tue so wenig, wie du magst. Reduziere Dein Engagement soweit, wie es nötig ist, um nicht die Lust daran zu verlieren. – Das Geheimnis heißt: Stetig, wenig, leicht und klug:

Klug ist: Wenn ich nicht erst auf Wirkung und Anerkennung meines Engagements warten muß, sondern ich von meinem Engagement selber profitiere in Form von: Freude an Gelingen, Erfahrung, Bildung und Wissen. („Kluge Konvergenz“: Selbst wenn die Arbeit eines Bürgerrates politisch zu nichts führen würde, bekämen die Bürger doch mehr Durchblick, verlören Illusionen, Naivität, Vorurteile und Primitiv-Deutungen (Verschwörungsphantasien) – und hätten viel Spaß zusammen!)

Leicht ist: Möglichst das tun, was nicht überfordert, was Interesse weckt und Freude macht. – Wenn viele Menschen zusammenarbeiten, ergänzen sich die verschiedenen Stärken und Interessen und jeder kann tun, was ihm leicht fällt – wenigstens weit überwiegend.

Wenig ist: Wenn ich nur soviel tue, daß es nicht zu unangenehmer Erschöpfung oder zu Konflikten mit der Familie, der Gesundheit, dem Beruf oder anderen wichtigen Interessen führt. – Wenn viele zusammenarbeiten, können alle so wenig machen, wie sie wollen und es wird doch alles getan, was zu tun ist.

Stetig ist: Einen langen Atem haben; Geduld haben; den eingeschlagenen Weg auch weiter verfolgen, wenn noch nicht absehbar ist, daß wir unser Wunschziel erreichen, wenn noch nicht absehbar ist, wie die Fragen beantwortet und die Probleme gelöst werden können; den Faden immer wieder aufnehmen, falls er mal reißt und Pausen entstehen. – Die Stetigkeit ist leicht zu leisten, wenn die Grenzen der Leichtigkeit, Wenigkeit und Klugheit überwiegend gewahrt bleiben.

(4)

Miß den Erfolg einer Handlung daran, wie gut sie dir gelingt – nicht wieviel Wirkung du erlebst.

 

Links:

Erste Ideen zu Bürgerräten

„Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage“: trifft Mephistos Spott auch ARD und ZDF? – Zu Vorwürfen einer Degeneration des Rundfunks und zum Sinn eines Bürgermedienrates – mit „Offenen Fragen“ an Verantwortliche

Schildbürger auf Sendung: Anspruch und Wirklichkeit von ARD und ZDF

Nicht zuständig für die eigene Freiheit?

 Korrespondenz mit den Justziaren von ARD und ZDF

Arte bildet nicht, Arte füllt ab. – Zur Dokumentationsästhetik des Fernsehens

Mogelpackung auf ZDF-Kultur

Erwiderung auf eine Antwort von Intendantin Carola Wille

ZDF-Krimi-Abend: Wie lächerlich will sich das ZDF machen?

Die heute-show als Symptom

Professioneller Dilletantismus: Institutionalisierte Qualitätsmängel am Beispiel der Serie „Das Verschwinden“. (Dazu auch: „Schokolade für den Chef“)

Weitere Besprechungen von Serien und Sendungen auf Filmkritik

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