Die Mummenschanz (Beginn)

1 Überblick über den ersten Teil

Auf der Mummenschanz wollen die Leute ihrem Alltag mal entfliehen: Lebenslust, Schaulust, Selbstdarstellungslust, Verwandlungslust, Kreativität, Spiel, Abenteuer, und das alles auf witzige und geistvolle Art und Weise. – Für die Inszenierung der Mummenschanz ist es wichtig, sich diese Aspekte bewußt zu machen und genußvoll „auszukosten“ – statt einfach bloß den Text mit nichtssagenden Bildzeichen zu verdoppeln (wie streckenweise in der Stein-Inszenierung der Fall). Dann kann die Mummenschanz grandioses Theater werden, ein Rausch der Worte und Bilder!

Der Herold erinnert frappierend an einen Fernsehmoderator, der – der Quote wegen – alles, was man sehen kann, noch mal haarklein erklärt, damit selbst der Dümmste kapiert, was vor sich geht. Wortreich führt er in die Revue ein und stellt die erste „Nummer“ vor: Junge Frauen, die als Moddel in eigener Sache ihren selbstdesignten Kopfschmuck aus künstlichen Blumen vorführen. Hier dürfen die Zuschauer was zu schauen kriegen: Schöne Frauen mit lieblichen, fantastischen oder abenteuerlichen Blumengestecken im Haar. Sie legen ihre Kreationen zum Kauf aus, so daß der Saal zu einem üppigen Blumenmeer wird.

Im Auftritt der jungen Frauen geht es um das Thema: wie durch Liebreiz, Anmut und Schönheit Lebensfreude entsteht. Die Freude an der eigenen Schönheit, das Spiel mit ihr, ihre bewußte Gestaltung, das „Anreichern“, „Unterstreichen“, „Akzentuieren“, hat an sich etwas Unschuldiges. Auch wenn es nie ganz frei von Berechnung ist. Aber je kleiner und „instinktiv-unbewußter“ diese Berechnung, je größer die Anmut.

(In Goethes Zeit wurde das „Herausputzen“, die bewußte Gestaltung der körperlichen Schönheit, noch der Rolle der Frau zugeordnet. Goethes Vorstellung, daß die Frauen ein „natürlicheres“ Verhältnis zum Nicht-Natürlichen hätten, („Denn das Naturell der Frauen ist so nah mit Kunst verwandt“) ist daher zeitbedingt und antiquiert.)

Die Hoffrauen haben sich als Gärtnerinnen verkleidet: Sinnbild des Naiven. Aber hier „gepaart“ mit „Galanterie“, mit höfischer Verhaltenseleganz. – Mit diesem Vorzeichen der Naivität wird der „Ernst“ des sonstigen berechnenden Taktierens mit der eigenen Attraktivität ausgespannt. Hier darf gespielt und probiert werden, hier muß Mann und Frau nicht der oder die sein, die sie sonst sind, bzw. kraft ihrer lebensgeschichtlich „eingebrannten“ Bestrebungen sein müssen (solange sie nicht in einer Psychotherapie diese Bestrebungen bewußt gemacht und bewußt Stellung dazu genommen und auf diese Weise gewisse Freiheitsgrade dagegen gewonnen haben.)

Die überzüchteten Hofleute träumen sich in eine naivere, verspieltere, naturnähere Welt – sie schaffen sich in der Mummenschanz eine Traumsphäre, in der sie ihre sexuellen Wünsche (fangen und gefangen werden) mal „unverholener“ (Fischer, Vogelfänger) ausleben dürfen, auf  phantasievolle Weise „verblümt“: als „Naturburschen“ und „Dorfschönheiten“, als Menschen, die als unbefrachtet und „naturnäher“ fantasiert werden, als unbefangener, ungekünstelter, verspielter, schamloser, enthemmter, wilder…

Das äußerste Gegenmodell zu den „Gärtnerinnen“ sind die Lamien in der „klassischen Walpurgisnacht“: Vampire, die in aufreizender Aufmachung Männer anlocken und aussaugen. Berechnung pur, null Spiel. Obwohl Mephisto das durchschaut, geht er ihnen auf den Leim und stöhnt: „und dennoch tanzt man, wenn die Luder pfeifen“.

Berechnung hemmt das Spiel, aus Anmut wird „Starrheit“: aus Angst, nicht alle Chancen der eigenen Schönheit optimal ins Gefecht um die besten Männer zu bringen, möchten berechnende Frauen nichts riskieren, verkneifen sich alles Spielerische oder „spielen“, spielerisch zu sein, mit einer betonten Lässigkeit, die so sterotyp ist, daß sie nur eine andere Form von Starrheit ist. (Chiron bringt das später für Faust, der die schönste Frau sucht, auf den Punkt: „Was, Frauenschönheit will nichts heißen, ist gar zu oft ein starres Bild, nur solch ein Wesen kann ich preisen, das froh und lebenslustig quillt! Die Schöne ist sich selber selig, die Anmut macht unwiderstehlich!“)
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Je „festgeschriebener“ Menschen – Männer wie Frauen – auf die Rolle des oder der Schönen sind, desto mehr haben sie zu verlieren, wenn sie die Potentiale der Schönheit nicht gut genug nutzen, desto ängstlicher, „starrer“ müssen sie darauf bedacht sein, „gut rüberzukommen“, desto weniger Humor, Selbstironie, Experiment und Spiel, desto weniger „Anmut“. – Die Mummenschanz, ist eine Art Experimentierkabinett: „kein Markten finde statt“: keine Konkurrenz, nur Lust am Spiel mit der Schönheit. – Ähnlich, wie später die Parzen die Schere ins Futteral stecken, die den Lebensfaden abschneidet: Die Mummenschanz soll von Handlungsdruck frei bleiben.

Naja, wie mans nimmt: dahinten kommen braungebrannte Gärtner. So ganz erfolglos will frau da sicher doch nicht sein. Doch hier braucht nichts so ernst genommen werden, wie „in freier Wildbahn“, wie unter dem im Alltag üblichen Handlungsdruck aus persönlichen Bestrebungen und Selbstbildimperativen sowie aus dem, was die Beziehungen zu anderen Menschen (z.B. zum Partner) gebietet sowie den gesellschaftlichen Normen und Rücksichten. (Allerdings wird es immer einige Männer und Frauen geben, die selbst unter der Narrenkappe noch alles bierernst nehmen und aus ihrer Haut keinen Millimeter hinaus können (fachdeutsch: keine Rollendistanz aufbauen können – Rolle hier im psychologischen Sinn: die Rolle, die meine Identitätsvorstellungen und meine Bestrebungen für mich definiert – z.B. die Rolle der hochattraktiven Frau.)

Wenn man sich im Alltag „daneben“ benimmt, d.h. den Normen und dem Selbstbild nicht entspricht, ist das peinlich, man muß befürchten, daß das gegen einen verwendet wird – hier, auf der Mummenschanz, kann man gemeinsam darüber lachen, ja, Schminkfehler, Übertriebenheiten, unfreiwillige Stilbrüche, Mißverhältnisse von Anspruch und Wirklichkeit und dergleichen: Vorkommnisse, für die man sich, wenn sie im Alltag passieren, vielleicht noch auf Jahre, wenn die Sprache darauf kommt, schämen muß,  können, passieren sie auf der Mummenschanz, auf Jahre hinaus noch Pluspunkte bringen, wenn man erzählt, wie komisch und herzerfrischend deplaziert man da ausgesehen hat. (Nur der hochattraktiven Frau, die zu ihrer Rolle als hochattraktiver Frau keine Rollendistanz aufbauen kann, wäre das eine so peinlich wie das andere.)

Die Mummenschanz bietet eine Freiheit: man kann mal aufatmen, man muß an Rolle nicht ausfüllen, was man sonst meint ausfüllen zu müssen, man ist ausgespannt aus den Zwängen, die Gesellschaft und Identität einem auferlegen. Man kann „Farben“ in sein Leben bringen, die es sonst nicht hat. Träume dürfen mal gelebt werden. Die Mummenschanz ist eine Feier uneingestandener Utopien.

 

2 Binneninterpretation:

2.1 Ästhetische und symbolische Reize

Sich schön machen, ist bereits ein künstlerische Betätigung. Es gibt rein ästhetische Reize und es gibt ästhetische Reize gekoppelt mit Bedeutung, gewissermaßen mit „symbolischen“ Reizen: Olivenzweige und Ährenkränze, Symbole von Frieden und Reichtum; oder Rosenknospen, das wohl frivolste Symbol: unscheinbar aber vielversprechend…

Es ist eine Reminiszenz an die Margaretentragödie: Am Golde hängt, zum Golde drängt doch alles, ach wir Armen!“ – Auch bei Margarete gibt es die Kombination von asthetischen und symbolischen Reizen: Gold ist schön, aber auch teuer, es ist ein Statussymbol, das macht es so faszinierend für Margarete. – Faust war auch ein Fallensteller und lockte Margarete „auf den Leim“. – Und die Furien beschreiben später, wie sie es geschafft haben, Faust von Margarete abzubringen.

 

2.2 Mutter und Tochter

Ähnlich wie später bei dem Besoffenen wissen wir nicht, ob das auch „Masken“ sind, die etwas vorspielen und persiflieren wollen, oder ob es tatsächlich „passiert“.

Dahinter verbirgt sich offenbar das Drama der unattraktiven aber gleichwohl sozialisatorisch auf die „Weibchenrolle“ festgelegten jungen Frau. Sie hat es nicht geschafft, einen Gemahl zu finden (obwohl sie es nach Aussage der Mutter selber wollte („Wink mit dem Ellebogen“)), sie durfte aber auch keinen Beruf lernen (die Mutter dachte sie von Anbeginn als „Weibchen“) und jetzt kriegen die Eltern Schiß, für eine unversorgte Tochter „Hotel Mama“ machen zu müssen. – Die hohe latente Aggressivität traditioneller Lebensformen offenbart sich in dem Geständnis der Mutter, daß sie für ihre Tochter ein Leben vorgesehen hat und die Tochter nicht ihre eigenes leben darf.

Der Rahmen des Narrenfestes, die relative Befreiung von Handlungsdruck, wird parasitär gebraucht, um etwas für den Alltag zu erreichen. – Hier zeigt sich die fratzenhafte Kehrseite der hehren Beteuerungen des Kanzlers in der Hofratszene, wie heilig die traditionellen Werte seien: Um der Sünde vorzubeugen darf man den natürlichen Trieben nicht ihren Lauf lassen, man muß sie kanalisieren, gut. – Aber was ist sündhafter, als eine Institution Ehe, die – kraft traditionellen Rollen und Versorgungsfunktionen – dazu führen kann, daß die Natur prostituiert wird? – Und was ist teuflischer, als das unter dem Mantel der Heiligkeit zu verstecken, an die man glauben muß, und das Hinterfragen dieser verlogenen Gepflogenheiten als „teuflisch“ zu ächten?

Es sind diese unhaltbaren Widersprüche der traditionellen Lebensformen, die zu ihrer Auflösung führen. – Wir sehen das gerade an den traditionellen Lebensformen, die aus anderen Teilen der Welt nach Europa gekommen sind. Es ist nachvollziehbar, wenn sie sich gegen die Zersetzung ihrer Traditionen abzuschotten versuchen. Aber es wird ihnen nicht gelingen. Und vermutlich werden es die Frauen sein, die jungen Frauen, die, die am meisten von diesen Traditionen eingeschränkt, an ihrer Entwicklung gehindert und ausgenutzt werden, die die Integration vorantreiben…

Niemand muß den Feminismus mögen, aber diese Stelle zeigt nicht nur, was ihn motiviert hat, sondern auch, wieviel Wahrheit darin liegt: „Zum Mädchen wird man nicht geboren, zum Mädchen wird man erzogen“. – Einmal mehr kommt mir Enzensbergs „Geburtsanzeige“ in den Sinn: „Wenn nicht das Bündel, das da jault und greint, was wir ihm zugrichtet kalt zerrauft, ist es verraten und verkauft.“

Ganz beiläufig – ob von Goethe intendiert oder nicht spielt keine Rolle – ergibt sich hier ein Gegenbild, eine „Inversion“ zu Margarete und ihrer Mutter. – Diese namenlose, stumme, auf die Mummenschanz gezerrte junge Frau hat nach Margarete meine größte Sympatie von allen Figuren des Dramas…

 

2.3 Die Gärtner: traditionstypische Rollenverteilung oder biologisches Programm?

Mädchen zeigen, wie schön sie sind, Jungs, was sie an Beute anschleppen können (statt Pfirsche könnten es auch Porsche sein („Pfirsche“: ein altes Wort für Pfirsische).

Männer glauben, vom Sehen auf den Liebesgenuß schließen zu können – Frauen haben es da schwerer: Über wieviel Liebeskunst ein Mann verfügt, ist nicht sichtbar, das muß man ausprobieren: „Über Rosen läßt sich dichten, in die Äpfel muß man beißen“…

(Die Interpretation wird fortgesetzt…)

Weiterlesen: Überblick über das Drama: Deutende Inhaltsangabe