Gegen die Diskriminierung klassischer Kunstwerke

Stellen Sie sich vor, es ständ‘ zwischen Hannover und Braunschweig ein Gebirge wie das Himalaya, aber niemand ging hin! Zu hoch, zu kalt, zu schroff: jeder dächte nur an Mühe und Öde.

So geht es vielen großen Monumenten der Menschheit: ob Beethovens späten Streichquartetten oder Skrjabins späten Klaviersonaten, ob Kafkas Schloß oder den großen russischen Romanen: Den Menschen ist die Kunst zu anstrengend, sie sind vom kommerziellen Entertainment verweichlicht, und lassen ihre Intelligenz im Büro, wenn sie nach Hause gehen.

Ich fürchte, in der Entertainment-Flut geht das Wissen verloren, was wir an den ganz großen Kunstwerken der Menschheit haben, wie „unterhaltsam“ und faszierend sie sind und wie sehr sie das eigene Leben bereichern können. – Ja, ich habe den Eindruck, es entstehen Vorurteile gegen klassische Kunst: sie sei antiquiert, trocken, schwerfällig, mühsam und völlig uncool.

Was daran richtig ist: die großen Kunstwerke machen es uns nicht immer einfach. Für meine Oma war Beethoven bloß Lärm. Das hätte sich schnell geändert, hätte sie Zeit und Muße gehabt, ihn öfter zu hören. Unser Gehirn muß sich erst „einlesen“. Mit klassischer Musik bin ich aufgewachsen, aber mit indischer Musik ging es mir zuerst genauso wie meiner Oma mit Beethoven.

Und bei „Faust“, wenn man ihn liest, ist das alles noch schlimmer. Unmittelbar kann das echt dröge sein. Aber regelmäßig ist zu beobachten, daß Leute, die von der Lektüre abgeschreckt sind, sich an einer Aufführung begeistern. – „Faust“ ist Theater, ziemliches Theater…

Was ist an den großen, bedeutenden klassischen Kunstwerken besonders? Sie wurden von Menschen geschaffen, die nicht nur hochbegabt waren, sondern in ihrem Fach auch über eine außergewöhnliche geistige Freiheit und Autonomie verfügten. Und sie waren optimal „trainiert“ in einer jahrhundertelang entwickelten Handwerkskunst, ob Dichtung, Malerei oder Musik. Viele „Optima“ kommen da zusammen.

Natürlich: Hard Rock und Rap sind auch Klasse und auch da kann es Genies geben, aber Hard Rock und Rap nutzen von den künstlerischen und handwerklichen Möglichkeiten, die die Menschheit in der Musik entwickelt hat, nur einen winzigen Teil. Und das, was sie in ein oder zwei Generationen selber an neuen Möglichkeiten entwickeln und einbringen können, ist gegen das, was sie nicht nutzen, ebenso winzig… (Im Übrigen: Viele wissen noch gar nicht, daß die klassische Musik sich weiterentwickelt hat und ihre Erben u.a. Schönberg, Ligeti, Xenakis heißen… )

Ich träume von einer Inszenierung des zweiten Teils von Goethes Faust, in der nicht verraten wird, daß es der „Faust“ ist: alle würden es für ein total abgefahrenes, verrücktes, modernes Stück halten…

(zu diesem Thema paßt eine Science-Fiction-Kurzgeschichte auf unserer Seite: Kulturaustausch,  von Daniel Seefeld)