Gründgensinszenierungen

Die Gründgens Inszenierungen (Kino- und Hörspielfassung)

(Der Text ist als PDF runterladbar hier.)

(1) Faust-Film (Faust 1)

  • Will Quadflieg „hastet“ durch den Text, der Text scheint nur Staffage zu sein für eine klischeehaft grimmige Faustgrimasse. Tempo und Dynamik sind fast monoton und ziemlich vorhersagbar, es gibt nur minimale Modulationen in Stimme, Mimik und Geste. Die wirken dann aber auch um so „erquickender“. Doch im Ganzen wird der Text nicht ausgespielt. Es entsteht ein holzschnittartiger Eindruck.
  • Diese „Inszenierungsphilosophie“ betrifft hauptsächlich alle Szenen, in denen Faust alleine oder mit Mephisto auftritt. Die „Hast“ kommt zwar auch in den anderen Szenen immer wieder durch, aber vor allem die Schülerszene oder auch viele Szenen der Margaretentragödie sind „ausgespielter“. · Die „Gelehrtentragödie“ wirkt dadurch viel flüchtiger und fragmentarischer als die Geschichte von Margarete, sie bekommt fast so etwas episodisches wie die Tanz-, die Schüler-, die Kneipen- und die Hexenszene. – Hinzu kommt, daß die Streichfassung zum Verständnis des Textes wichtige Passagen dem Tempo opfert, so daß schon allein inhaltlich eine Verzeichnung entsteht.
  • Das ganze Ausmaß der Ambivalenz Fausts kommt durch so ein Verfahren nicht zur Anschauung. Je weniger Anschauung eine Inszenierung bietet, je schemenhafter, je erlebnisärmer sie ist, desto weniger trägt eine Inszenierung auch zum Verständnis des Textes bei. Die Zuschauer müssen dann die Schemen mit ihrem mitgebrachten Wissen selber ausfüllen, sie erleben nichts dazu, es wird ihnen nichts geboten, was sie nicht schon selber kennen (hier: einen grimmigen Faust in seinem faustischen Grimm). Die Figuren werden so auf eine Wiedererkennungs- und Erinnerungsfunktion reduziert. Mit dieser Verarmung und Klischierung der Faustfigur geht Goethes Auseinandersetzung mit dem Thema Ambivalenzkonflikte, die zu den größten Unruhestiftern im Menschenleben gehören, verloren. –

(2) Faust 1+2 als Hörspiel

  • Der „Hörspielfaust“ ist im Eingangsmonolog noch deutlich erlebnisärmer: Man stellt sich einen gemütlichen, onkelhaften, dickbäuchigen älteren Herrn vor, der behaglich im Ohrensessel sitzt und seinen Enkeln erzählt, daß er auch mal Philosophie studiert hat und daß es das überhaupt nicht gebracht hat. Viele andere Szenen sind aber lohnenswert, vor allem die Chironszene. Auch der Helenaakt ist gewinnend. Allerdings hört sich die Helena doch etwas hausbacken an und der Faust etwas zu salbungsvoll (doch das nannte man damals wohl „theatralisch“). Die Chöre im Helenaakt sind gut anhörbar und der Sinn der Chöre vermittelt sich gut – im Gegensatz zu den Chören der Steininszenierung. Allerdings ist die Hörspielfassung teilweise entstellend und wenig sinnreich gestrichen. (Das gälte es im Einzelnen zu begründen.)
  • Es ist interessant: meist da, wo Faust und Mephisto nicht dabei sind, ist die Inszenierung interessanter. Der Beginn des 4. Aktes: Monolog und Dialog bis zum Auftritt des Kaisers wirkt einförmig. Will Quadflieg muß hier wieder die grimmige Faustgrimmasse aufsetzen, nachdem er im einleitenden Monolog sehr salbungsvoll rezitieren musste. (Bsp: Vers 10231: „Und, weit hinein sie in sich selbst zu drängen“: wie Quadflieg hier spricht, erinnert mich an die Art, wie man Kindern vorliest: dick aufgetragen, man will ihnen ja schließlich vormachen, was „faustischer Drang“ bedeutet.) Es wirkt auf mich etwas marionettenhaft: es hat etwas von der Steifheit, Ungelenkheit und Stilisiertheit des Puppenspiels. (Und in der Tat: spätestens bei der Baucis glaubt man sich in die Augsburger Puppenkiste versetzt.) Das scheint Absicht zu sein. Aber ich kann dem Beabsichtigten nichts entnehmen. Es ist mir rätselhaft, was die daran gut fanden. Ich finde es nur verarmt. (So verarmt wie die Streichfassung.)
  • Hinzu kommt, daß – übrigens auch bei Stein – manchmal zuviel Wert darauf gelegt scheint, die Reime zu betonen (s.u. Reime). Offenbar ist das eine besondere Sprechtradition. Doch auf mich wirkt es bestenfalls verbogen, manchmal aber nah am Rande dilletantischen Leierns. (Bsp: Verse 10379f: wie der Kaiser „empörten“ auf „verheerten“ reimt.) Ich weiß wirklich nicht, wer sich ausgedacht hat, daß das sinnvoll oder schön sein soll. Ich finde es nur glitschig. Ich empfinde Reime als so stark, daß man sie nicht noch extra zu betonen braucht. Haben die nie ausprobiert, was passiert, wenn man die Verse ganz normal spricht? Der Reim spricht doch für sich!

 

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