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„Das Unzulängliche, hier wird’s Eräugnis“ – Kritik an ARD und ZDF

Offener Brief an die Intendantin des MDR
(Von Frau Prof.Dr.Wille beantwortet am 21.20.21. Zur Zusammenfassung ihrer Antwort und meiner Erwiderung s. Nachtrag)

Sehr geehrte Frau Prof. Dr. Wille,

Sie sagten im Interview mit Herrn Huber vom Tagesspiegel (am 2.10.21), daß die Rundfunkfreiheit „immer wieder aufs neue“ verteidigt werden müsse. – Die MDR-Aufsichtsgremien waren bis 2016 verfassungswidrig mit Politikern besetzt – was haben Sie als juristische Direktorin des MDR dagegen unternommen? Haben Sie jemals Fragen dazu gestellt und zur Diskussion gedrängt? Die verfassungsrechtliche Fragwürdigkeit der Gremienbesetzung war ja lange vor dem Urteil des Verfassungsgerichts bekannt!

Es war schließlich die Politik selbst, die gegen zuviele Politiker in den Gremien das Verfassungsgericht anrief, nachdem ein Ministerpräsident die Entlassung eines Chefredakteurs betrieben und sein Intendant sich dagegen nicht gerichtlich gewehrt hatte.

Es ist typisch, daß Sie von den Rundfunkurteilen des Verfassungsgerichts im Zusammenhang mit der Beitragserhöhung reden: Der Rundfunk geht vor Gericht, wenn es um sein Geld geht, aber nicht, wenn es um seine Freiheit geht. – Offenbar nimmt der Rundfunk all seine Vorrechte mit Berufung auf seine Freiheit in Anspruch, fühlt sich für diese Freiheit selber aber nicht zuständig.

Wir stimmen in Einem überein: Lange war der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk nicht mehr so wichtig wie heute! Doch wie werden Sie Ihrem Auftrag gerecht?

Ironischerweise steht das Interview, in dem Sie die Verantwortung des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks für die öffentliche Meinungsbildung beschwören, im Tagesspiegel neben der Kritik der Rundfunkgremien an dem „Triell“ von ARD und ZDF, von dem befunden wurde, daß es qualitativ hinter dem Triell der privaten Sender „peinlich“ zurückblieb.

Es ist legitim, wenn Sie die Bemühungen des Rundfunks, neue Formate und neue Medien zu nutzen, jetzt herausstellen. Aber statt der Entwicklung hinterher zu laufen, hätten wir längst faszinierende Konzepte eines grundlegend neuartigen öffentlich-rechtlichen Medienverbundes haben können!

Ob das Verschlafen der Medienentwicklung oder die lächerliche Krimi-Flut: Bezüglich solcher Diskrepanzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit wirkt der Rundfunk nicht selbstkritisch. Wie sollen wir Bürger da den Eindruck bekommen, daß die Funktionäre ihren Auftrag ernst genug nehmen, daß sie mutig genug sind und in der Lage, Unzulänglichkeiten zu erkennen, zu analysieren und zu verändern?

Wir Bürger sollten unseren Institutionen Unzulänglichkeiten zugestehen. Aber wenn die Funktionäre immer so tun, als wäre alles in bester Ordnung, führt das in breiten Bevölkerungskreisen zu jener unreifen Institutionenverdrossenheit, die den Populismus schürt.

Der Rundfunk würde glaubwürdiger, wenn wir Bürger sehen könnten, daß er grundlegend an sich arbeitet. Und nichts sichert in einer Demokratie die Freiheit des Rundfunks besser, als seine Glaubwürdigkeit.

Mit freundlichen Grüßen

Winfried Lintzen

 

Nachtrag am 31.10.21: Die Antwort der Intendantin

Zunächst: Daß die Intendantin geantwortet hat, werte ich als ein Zeichen, daß der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk mehr Interesse an Austausch mit Bürger:Innen und Zivilgesellschaft hat, als es mir schien – und als viele Bürger glauben. – Die Antwort der Intendantin kann grob so zusammengefaßt werden: Die Dinge sind schwieriger, als es uns Bürgern oft scheint.  – Die Einwände im Einzelnen:

(1) Frau Prof.Dr. Wille machte mich darauf aufmerksam, daß 1998 ein Urteil erging, das die Anzahl der dem Staat und der Politik zuzurechnenden Mitglieder der Aufsichtsgremien für verfassungsrechtlich unbedenklich hielt, so daß der MDR hier keinen Handlungsbedarf sehen mußte: Link zum Urteil. – Daß das Bundesverfassungsgericht das später anders sehen würde, war damals noch nicht sicher.

(2) Die Intendantin macht darauf aufmerksam, daß der Kampf ums Geld ein Kampf für die Freiheit des Rundfunks ist, weil er seine Freiheit nur wahrnehmen kann, wenn er funktionsgerecht ausgestattet ist.

(3) Sie findet angesichts der seit 2014 begonnenen Entwicklungen crossmedialer Angebote nicht, daß der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk die Medienentwicklung verschlafen hat.

(4) Sie gibt Beispiele für den Dialog des MDR mit den Bürgern sowie Belege für das Problembewußtsein und die Entwicklungsbereitschaft des MDR zum Thema: Bürgerdialog. Links dazu:

https://www.mdr.de/nachrichten/mitmachen/index.html
https://www.mdr.de/unternehmen/index.html
https://www.mdr.de/unternehmen/informationen/dokumente/index.html

Nach der Sichtung des Rundfunkurteils und bei der Rechenschaft darüber, was ich von der Medienentwicklung über die Expertenmeinungen, die ich gelesen habe, hinaus, eigentlich wirklich weiß, muß ich zugeben: Trotz all meiner Recherchen sind die Dinge für Laien wie mich kaum verläßlich zu beurteilen. Amateurhaftes Recherchieren, das nicht zu Lasten der Familie, des Berufs und anderer wichtiger nebenberuflicher Projekte gehen soll, reicht für qualifizierte Urteile und gut informierte Fragen einfach nicht aus. – Genau genommen haben wir Bürger unseren Institutionen gegenüber oft nur Vorurteile zu bieten – egal ob mißtrauende oder vertrauende. – Dennoch müssen wir Bürger auf den Fragen, die sich uns stellen, bestehen. Wie sollen wir ohne Antworten unsere Vorurteile revidieren? – Außerdem: Die Institutionen wissen nicht, wie viele Fünkchen Wahrheit an wievielen Vorurteilen der Bürger und Bürgerinnen dran sind! Und wegen der „Betriebsblindheit“ der Institutionen führen Rückmeldungen aus der Bürgerschaft möglicherweise auch manchmal zu Effekten wie in „Des Kaisers neue Kleider“…

Deshalb ist die Ausweitung des Dialogs zwischen Bürgern und Institutionen so wichtig in einer Zeit, in der viele das Vertrauen in die Institutionen verlieren. – Der Prozeß der Ausweitung könnte unterstützt werden von offenen Bürgerräten, in denen sich Bürger:Innen zu „Recherchegemeinschaften“ zusammenschließen und eine Kultur des „herrschaftsfreien Diskurses“ entwickeln.

Meine Erwiderung auf den Brief von MDR-Intendantin Frau Prof.Dr.Carola Wille

Sehr geehrte Frau Prof.Dr.Wille,

vielen Dank für Ihre Antwort! Ihre berichtigenden Hinweise zeigen, wie sinnvoll ein Dialog mit Bürgerinnen und Bürgern sein kann: Uns stellen sich Fragen, und wenn wir uns die selbst beantworten müssen, geraten wir in Spekulationen, die den Institutionen Unrecht tun.

(1) Zur Rundfunkfreiheit: Sie weisen darauf hin, daß im MDR-Urteil 1998 die Anzahl der Staats- und Parteienvertreter in der MDR-Aufsicht als verfassungsgemäß beurteilt wurde. – Doch warum hat die SPD damals eine Normenkontrollklage eingereicht? Offenbar befand sie, daß der Einfluß der CDU auf den MDR zu groß sei. Wenn die SPD damit Recht hatte, würde das bedeuten, daß der MDR sich zuwenig gegen Beeinflussung durch die Politik gewehrt hat.

Anders als später das ZDF-Urteil befaßt sich das MDR-Urteil offenbar nicht mit dem, was tatsächlich geschehen war, sondern nur mit begrifflichen und numerischen Argumentationen. In einer abweichenden Meinung spricht ein Richter daher auch von „Konstrukten“ mit denen die Staatsquote heruntergerechnet würde (S.37). Wie wenig überzeugend das Urteil war, zeigt sich auch daran, daß es nur mit denkbar schwächster Mehrheit angenommen wurde.

Auffällig ist im Übrigen, daß immer nach einer Obergrenze für Vertreter aus Staat und Politik in den Gremien gefragt wird. Warum müssen denn immer soviel darin sitzen, wie gerade auf Biegen und Brechen verfassungsrechtlich vertretbar ist? – Ich möchte an das Minderheitenvotum im ZDF-Urteil erinnern, in dem selbst noch die stark abgespeckte Obergrenze, an der sich der MDR jetzt orientiert, für unklug und bedenklich gehalten wird.

Hintergrund meiner Skepsis sind Aussagen wie z.B. die des ehemaligen Chefredakteurs v. Sternburg: „Personalplanung nach rein fachlichen Kriterien war kaum möglich“ (Nachweis unten). Ich frage mich: Warum gibt es immer nur vereinzelte Aufschreie einiger Spitzenfunktionäre? Der Rundfunk ist eine Quelle der Öffentlichkeit. Wenn er wirklich so frei war, wie er immer behauptet, wieso hat er nie „ein Faß aufgemacht“ und den Einfluß der Politik öffentlich angeprangert? Vielleicht weil einige Intendanten – wie z.B. Willibald Hilf – direkt von ihrem Parteiposten auf den Intendantenstuhl gehift worden sind? Mög-licherweise gab es damals eine derartige Verbandelung mit der Politik, daß die damaligen Akteure über die Naivität meiner Fragen grinsen würden. Möglicherweise gibt es das heute so nicht mehr. Aber woher sollen wir Bürger das wissen? Und woher sollen wir wissen, wie stark die Fehlentwicklung des Rundfunks ist, wenn er sich eben nicht – wie von der Verfassung geboten – nach rein publizistischen Kriterien entwickeln konnte, weil die Politiker reingepfuscht haben?

(2) Zum Verschlafen der Medienentwicklung: Sie haben sicher recht, ich kann mir mit ein paar angelesenen Expertenmeinungen kein Urteil erlauben. Doch sehen Sie es mal so: Wenn der Rundfunk immer darstellt, wie toll er ist, aber was wir sehen ist eine absurde Überfülle immer neuer schlichter Krimiserien, die sich nur dadurch unterscheiden, daß sie an immer anderen beliebten Urlaubsorten spielen: Wie soll da Zutrauen in Innovationsfähigkeit entstehen?

Was hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk, der reichste Rundfunk der Welt, in den letzten 40 Jahren an bedeutenden Innovationen hervorgebracht, die bahnbrechend waren, Modellcharakter hatten und Maßstäbe setzten? Wohin ich auch sehe: er hat nachgemacht und ist auf volle Züge aufgesprungen. Und was gut lief, wurde bis zur Lächerlichkeit vervielfältigt. – (Meine Polemik wird dem Sachverhalt sicher nicht ganz gerecht. Gerne lasse ich mich eines Besseren belehren.)

(3) Zum Auftrag: Sie schreiben, daß man unterschiedlicher Meinung darüber sein kann, wie der Rund-funk seinen Auftrag erfüllt. – Sicher, objektive Kriterien gibt es hier nicht, aber Sinnkriterien: Was ist daran sinnvoll, Geld für immer mehr Krimis auszugeben, für eine Vervielfältigung des Mittelmäßigen, statt mal eine Serie wie „The Wire“ zu produzieren, die auf Platz 1 der Liste der weltbesten Serien landet, weil sie lebensecht ist, null redundant, hoch informativ und gleichzeitig hoch spannend? Oder warum nicht noch mal so ein Klassiker wie „Das Boot“?

Der Rundfunk hätte zu belegen, daß es für seine Medienpräsenz wirklich notwendig ist, soviel „Mehr Desselben“ auf Kosten der Qualität zu produzieren, daß diese Strategie sich als „das kleinere Übel“ herauskristallisiert hat in einem der Objektivität verpflichteten reflektierten Vorgehen, in dem vieles andere ernsthaft entwickelt wurde, sich aber nicht als hinreichend erwies. Falls es stattdessen über-wiegend einen gedankenlosen Weg der Wiederholung oberflächlicher Erfolge gegeben haben sollte, müssen wir von einer Fehlentwicklung ausgehen! Und dann würde die Fehleranalyse, „die ehrliche Reflexion und Aufarbeitung“ von der Sie schreiben, verlangen, daß Denkstile, Entscheidungsstrukturen und Korrektive daraufhin untersucht werden, wie es dazu kommen konnte.

Die Politiker rufen nicht in den Redaktionen an, die KEF verhindert einen Selbstbedienungsladen und es gibt eine Fehleranalyse. Gut. Aber damit sind die Fragen der Bürgerinnen und Bürger nicht vom Tisch: Wie unabhängig ist der Rundfunk wirklich, wie steht es um sein Preis-Leistungsverhältnis und wie bereit ist er, seine Fehlentwicklungen zu korrigieren?

Die Intendantinnen und Intendanten von heute haben kein leichtes Erbe übernommen. Die Meckerei gilt nicht Ihnen sondern den Weichenstellungen der Vergangenheit, die den Kurs immer noch mitbe-stimmen. Daher würde ich mir wünschen, daß freche Fragen von Bürgerinnen und Bürgern kooperativ verstanden werden: Wir wollen Sie bei der Erneuerung unterstützen…

Ich bin ein Bürger, ich möchte starke öffentlich-rechtliche Medien – Medien, die es besser zu nutzen verstehen, dem Markt enthoben zu sein – die forschen, experimentieren und Ideen entwickeln – die gefallen ohne gefällig zu sein – die Vorreiter sind, nicht Nachahmer – die politisch tiefer stechen – und die das Wichtige, das vom Mainstream nicht erfaßt wird, in die Diskussion einbringen, statt bloß von dem zu reden, wovon alle reden.

Mit freundlichen Grüßen

Winfried Lintzen

PS: Wenn Sie mir Ihren Brief digital zukommen lassen, stelle ich ihn gerne unter meinen Beitrag. Jetzt habe ich dort nur eine Zusammenfassung Ihrer Ausführungen. – Ihr Angebot eines Kontaktes zu Ihrer Chefredaktion würde mich sehr interessieren.

Nachweis: Bertram, Jürgen (ehemaliger ARD-Korrespondent), Mattscheibe, das Ende der Fernsehkultur.
Frankfurt a.M. 2006, S. 76

 

Weiterlesen:

„Nicht zuständig für die eigene Freiheit?“

„Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage“ – trifft Mephistos Spott auch ARD und ZDF?

Aufruf zur Gründung eines Bürgermedienrates

Die Kunst von Steven King

King hat eine beneidenswerte Auffassungsgabe für Menschen, ihre Umtriebigkeiten und Beschränktheiten sowie ihre Versuche, mit ihren Beschränktheiten zu leben. – So beschreibt er z.B. eine junge Frau mit einem Syndrom aus Zwanghaftigkeit, Ängstlichkeit und Abhängigkeit von anderen Menschen auf eine so lebensechte Weise, wie ich es als Therapeut, der dieses Störungsbild gut kennt, nicht könnte. Außerdem fehlt mir die „Antezipationsfähigkeit“, wie Goethe das nannte, um mir gleich die ganze Familie vorstellen zu können, und vor allem: die Art und Weise, wie die Beeinträchtigungen der Frau und die Verhaltensweisen der Familienmitglieder zu einem System zusammengewachsen sind. Ich hätte mindestens eine Woche mit so einer Familie zusammenleben müssen, um so eine Beschreibung hinzukriegen. King beschreibt aber in seinen vielen Geschichten so viele unterschiedliche Persönlichkeiten und berufs- oder millieusspezifischen Beziehungen, daß seine Lebenszeit nicht hinreichen würde, überall eine Woche hospitiert zu haben.

Offenbar vereint King ein nahezu filmisches Gedächtnis mit einer schnellen Auffassungsgabe, die ihm gestattet, aus wenigen markanten Punkten den Rest zu erschließen. Steven King hat eine phänomenale Menschenkenntnis. Und das entschädigt. – Denn die Stärken des Autors wenden sich künstlerisch gegen ihn: Die hunderste minutiöse Beschreibung einer normalen Mittelschichtsfamilie macht seine Geschichten ungeheuer langatmig und bringt wenig Erkenntnisgewinn – auch wenn es so gut geschrieben ist, daß es sich wie von selber liest, es gibt sozusagen ein nahezu abschüssiges Lesegefälle: Man will immer weiter lesen. – Erst hinterher stellt sich ein Gefühl von Unzufriedenheit und Leere ein, allerdings auch nur, wenn man mehr gesucht hat, als pures Lesevergnügen. – Und auch das ist Kings Kunst: So verteufelt gut schreiben zu können! Und das wie am Fließband! (Mittlerweile laut Wikipedia hat er 60 Romane veröffentlich, dazu mehrere Bände Erzählungen und Sachliteratur.) – Möglicherweise hat er Romane geschrieben, die ich noch nicht kenne, in die er mehr Reflektion und Durcharbeitung investiert hat.

Einige seiner Romane und Erzählungen habe ich nicht zu Ende gelesen, es war mir zu unergiebig: „Brennen soll Salem“ und „Das Bild“. Bei anderen, wie „Friedhof der Kuscheltiere“ habe ich bedauert, sie zu Ende gelesen zu haben. Dennoch: in manchen Romanen gibt es Abschnitte, in denen sich der Text zu Kunst verdichtet: Die Beschreibung einer schweren unheilbaren Nervenerkrankung eines Mädchens in „Friedhof der Kuscheltiere“ (Kap. 32) , oder die Beschreibung stark rechtslastiger Männlichkeitsvorstellungen in „Das Bild“ sind unübertreffbar.

Das beste, was man über seine Geschichten sagen kann ist: sie sind verspielt: Gehaltvolles, eingebettet in Spannendes und Gruseliges. – Die künstlerische Qualität ist großen Schwankungen unterworfen. Die Erzählung mit der ängstlichen Frau z.B. mündet in eine Zombiegeschichte, die völlig abgeschmackt wäre, würde sie nicht auch von Elementen der Menschenbeobachtung getragen. – Zombies: das ist einfach einfallslos und alles, was da an Horror kommt, wirkt aufgesetzt, vorhersehbar aber vor allem „man fühlt die Absicht und man ist verstimmt“. Der ganze zweite Teil der Geschichte ist einfach langweilig. So geht es mit vielen seiner Geschichten.

Manchmal gelingt es ihm – wie in der Erzählung „Der rasende Finger“ – nahezu kafkaesk zu schreiben. Die Geschichte gehört mit zum Besten, was ich von ihm gelesen habe.

Allgemein ist festzustellen: Steven King ist nicht sehr einfallsreich und phantasievoll was die „phantastischen“ Elemente seiner Geschichten angeht. Er hält sich an die klassischen Schauermärchenelemente: Gespenster, Hexerei, Dämonen, Telepathie, Zombies, Vampire und nicht sehr originelle Monster, die auffallende Ähnlichkeit mit Spinnen oder Oktopussen haben. Dadurch flachen seine Geschichten nicht selten ab: Einem athmosphärischen, lesenswerten und vielversprechendem ersten Teil folgt der eigentliche Horror, der oft eher grotesk ist (z.B. eine Stadt, die von den Geistern früh verstorbener Rock- und Bluesmusiker bewohnt wird) oder klischeehaft (wenn die Figuren aus dem Lovecraft-Museum ausgeliehen werden oder die übliche Zombiemasche abgezogen wird.) – Aber wie gesagt: das Atmosphärische und das Menschliche und natürlich das Lesevergnügen, entschädigen für die Enttäuschung.

Ich vermute, Kings Produktivität ist für die Qualitätsbrüche verantwortlich: Er wird von der Fülle seiner Ideen und ihrer Realisierung so in Beschlag genommen, daß er zuwenig Zeit dafür hat, eigene Phantasien von Bedrohlichkeit zu entwickeln, so daß er immer zurückgreifen muß, auf was, was es schon gibt.

Die besten unheimlichen Geschichten die ich kenne sind immer noch: „Arthur Gorden Pym“ von E.A. Poe, „Die Weiden“ von Algernoon Blackwood, „Der Sandmann“ von E.T.A. Hoffmann, „Ratten im Gemäuer“ und „Ctullus Ruf“ von Lovecraft, „Der Horla“ (2. Fassung) von Guy de Maupassant.

 

2

Es gibt einen Unterschied zwischen der Literatur der Angst und der Literatur des Leids. In den besten Werken der Angstliteratur sind Elemente der Literatur des Leids nicht ausgeschlossen – wie z.B. bei E.A.Poe oder die erwähnte Passage aus Kings „Friedhof der Kuscheltiere“. Und Literatur des Leids – wie z.B. „Der Horla“ – kann auch ängstigen.

Doch meist ist die Horrorliteratur weit entfernt davon, eine Literatur des Leids zu sein, weil alle wissen: Hier soll jetzt gegruselt oder schockiert werden, es ist nur ein Spiel. Wir wollen uns verunsichern lassen, mit unseren Ängsten auseinandersetzen, Sensationslust stillen, aber nicht mit dem auseinandersetzen, was uns existentiell erschüttert, was beklemmend ratlos macht und am Leben zweifeln läßt.

Goethes Darstellung von Margarete im Kerker war für mich weit schockierender als alles, was ich bei King oder Lovecraft gelesen habe. Das Gleiche gilt für eine Szene in Kafkas „Der Verschollene“: die Darstellung von Mobbing durch Vorgesetzte in einer Situation, in der der Betroffene vor dem Nichts steht und buchstäblich verloren ist, wenn er die Stelle verliert.

 

3 Zu Verfilmungen von Werken Steven Kings

„Shining“ von St. Kubric ist keine Verfilmung sondern ein Film, das muß man ihm zu Gute halten. – Ich halte ihn als Kunstwerk jedoch für fragwürdig wegen der Filmmusik: Was wäre der Film ohne die Musik von Görgy Ligeti und Krzysztof Penderecki? Wahrscheinlich streckenweise armselig und ein krasser Gegensatz zu Jack Nickolsens grandiosen Darstellungsleistungen. Ich finde es grundsätzlich ästhetisch fragwürdig, autonome Musikkunstwerke als Filmmusik zu benutzen. Dieser Film ist daher kein eigenständiges Kunstwerk, sondern eines, das sich auf andere Kunstwerke stützt, es braucht die Musik wie ein schwaches Rückgrad ein Korsett.

Die Verfilmung von „Shining“, die King veranlaßte, steht im Schatten von Kubrics Film, wirkte auf mich aber atmosphärisch und erlebnisreich.

Der Film „Der Nebel“, von Frank Darabont nach Kings gleichnamiger Erzählung, ist nach meiner Einschätzung einer der wenigen Fälle, in denen die Verfilmung besser ist, als die Vorlage. Der Regisseur gab dem bei King nur angedeuteten religiösen Fanatismus mehr Raum und buchstabierte ihn aus. Das fand ich am horrorhaftesten. Gleichzeitig ist es aber eine anschauliche lebensechte Studie über jenen neurotischen religiösen Fanatismus, der das weiße Amerika von Beginn maßgeblich geprägt hat und sozusagen in seine Fundamente eingeschrieben ist.

Über genderneutrale Sprache

Lesedauer: 4 Minuten

1

Ich unterstütze ausdrücklich das Anliegen der Genderbewegung. Aber ich schreibe herkömmliches Sprechdeutsch. Ich würde wetten, daß fast alle, deren Muttersprache das Deutsche ist, in den meisten Fällen das generische Maskulinum noch genderneutral lesen und hören, ohne daß es ihnen zu Bewußtsein kommt – es sei denn, sie hätten bereits trainiert, darauf zu achten.

Mir jedenfalls fällt es schwer, mir vorzustellen, daß jemand, der das Wort „Touristen“ hört, unmittelbar eine Männergruppe vor Augen hat. – Oder: Stellen Sie sich vor, Sie wollen rechts abbiegen und Ihr Beifahrer ruft: „Vorsicht Radfahrer!“ – Würden Sie an einen Mann denken? Nein, an einen Menschen auf Fahrrad. Die männliche Form ist im Deutschen in bestimmten Kontexten Platzhalter für beide Geschlechter. Hören Muttersprachler in diesen Kontexten die männliche Form, wissen Sie „instinktiv“, daß jetzt beides möglich ist: eine Frau oder ein Mann.

In jeder Sprache legen nicht allein die Worte, sondern auch die Kontexte Bedeutungen fest – unmittelbar, „instinktiv“, durch „Sprachgefühl“. – Freilich ist es möglich, sich zu trainieren, bei der maskulinen Form immer nur an einen Mann zu denken. Aber wozu soll das gut sein?

Zu Beginn des Jahrtausends stellte sich mir eine ostdeutsche Frau als „Schienenbauingenieur“ vor – so stark war die Genderneutralität des generischen Maskulinums im ostdeutschen Sprachgefühl verankert. Logisch: da gab es ja auch – im Gegensatz zu Westdeutschland – jede Menge weiblicher Ingenieure.

Freilich gibt es „Unschärfen“ im herkömmlichen Deutsch. Auf die Frage: „Wer ist Ihr Lieblingsschriftsteller“ nennt fast niemand eine Schriftstellerin. Das generische Maskulinum stößt an Grenzen, es „funktioniert“ nur in einem starken Kontext.

Völker deren Sprachen kein generisches Maskulinum kennen sind meist weit patriarchalischer als wir (Beispiel: Ungarn, dort wurden die Genderstudies abgeschafft). Es ist zweifelhaft, ob eine verordnete Sprachreform zu größerer Gendergerechtigkeit führt und zu größerer Desillusionierung über männlichen Dünkel.

Dennoch ist die Nutzung genderneutraler Schreib- und Redeweisen grundsätzlich begrüßenswert, weil sie förderliche Irritationen auslöst. (Wir haben schon in den 80ziger-Jahren unsere Professoren mit der Schreibweise „man/frau“ geärgert.) – Abgesehen davon ist es immer interessant, wenn neue Sprachmöglichkeiten erfunden werden.

Außerdem hat jede Generation das Recht, sich in der Sprache, in die sie hineinwächst, einzurichten, die Sprache weiter zu entwickeln und zu gestalten. (Das gilt selbst dann, falls meine Einschätzung stimmen sollte, daß das nicht von sprachlicher Überzeugungskraft getragen wird sondern von sozialpsychologischen Prozessen. – Jedenfalls ist mir unvorstellbar, daß ein Wort wie „Bürger:innenmeister:innen“ je Eingang ins Sprachgefühl bekommen könnte. Aber gut: daß ich mir das nicht vorstellen kann, heißt nichts.)

Das Recht sollte aber nicht zur Pflicht werden. Denn die neue Rede- und Schreibweise ist eine auferlegte Selbstdesensibilisierung für das Sprachgefühl, ein Wegtrainieren der Kontextsensibilität. Wir dürfen uns für uns selbst entscheiden, uns eine Sensibilität wegzutrainieren, aber wir dürfen es von niemandem verlangen. Ein Sprachgefühl umerziehen zu wollen hat etwas Gewaltsames.

Ich halte es daher für das Sinnvollste, die Sprache frei zu lassen, d.h. den Sprachgebrauch nicht zu moralisieren.

Wenn das Gendern für die nachwachsenden Generationen die überzeugendere Sprachvariante werden sollte, ist das doch toll! Dann wird sich die Sprache ohne moralischen Druck weiter entwickelt haben! – Falls das Gendern aber nicht überzeugt, wird moralischer Druck auch nichts bringen.

(Das Argument, das Gendern mache die Sprache kaputt, halte ich für Blödsinn. Natürlich: das Sprachgefühl wird sich ändern, wenn alle Gendern, die „Kontextsensibilität“ wird abgestumpft. Und es wird eine Zeit des Umbruchs geben, in der sich niemand mehr vollumfänglich der Sprache sicher sein kann. Doch daraus wird ein neues sicheres Sprachgefühl entstehen. – So geht es mit allen Erneuerungen. Hat es etwa die Sprache kaputt gemacht, daß wir heute sagen: „das Gift“, wo Goethe noch gesagt hätte: „der Gift“?)

 

2

Eine junge Frau warf mir vor: „Ich fühle mich als Frau diskriminiert, auch durch die Sprache, und das, was du für mich tun kannst, wäre: zu gendern. Wenn du nicht genderst, dann engagierst du dich nicht gegen meine Diskriminierung. – Du bist ein Mann, du weißt nicht, wie sich das anfühlt, diskriminiert zu werden! Wenn du es nicht für angemessen und gerechtfertigt hälst, zu gendern, dann bagatellisierst Du meine Diskriminierung!“

Ich fände es sinnvoll, nicht nur sich für Vorurteile und Diskriminierung zu sensibilisieren, sondern auch für Unterstellungen: Es wäre eine Unterstellung, zu behaupten, wenn ich nicht gendere, würde ich zu wenig gegen mein angestammtes Paschaprivileg als Mann unternehmen wollen, zu Lasten der Diskriminierten.

Wenn es klar wäre, daß Gendern ein gebotenes Mittel gegen Diskriminierung ist, wäre das was anderes. Aber: Ist Gendern das? Welche Belege gibt es dafür?

Warum fühlen sich soviele Frauen nicht durch den herkömmlichen Sprachgebrauch diskriminiert? – Vielleicht ist die „Unschärfe“ des herkömmlichen Deutschs so gering, daß weder Mann noch Frau noch Diverse sich daran stören würden, wäre nicht die Idee entstanden, daß sie sich daran stören sollten? – Und vielleicht war es nicht sprachbezogenes Unbehagen, das soviele Leute zum Mitmachen motivierte, sondern eine sozialpsychologische Dynamik? – Und vielleicht könnte das Gendern genausogut unterbleiben, ohne daß dadurch der Prozeß der Gleichberechtigung, der Entdiskriminierung und der Desillusionierung männlichen Dünkels im geringsten Nachteile hätte? (Ich schreibe: „vielleicht“ – d.h. ich weiß nicht ob es so ist, ich muß auch damit rechnen, daß es anders ist.)

Gendern an sich ist nicht progressiv. Progressiv ist das, wofür es steht: Desillusionierung über Geschlecht und Geschlechterrollen, Befreiung von vorgestanzten Vorstellungen und Sozialisationswegen und Abschaffung von Diskriminierung. – Ich würde mir wünschen, daß wir Menschen danach beurteilen, wie weit sie in der Sache fortgeschritten sind, nicht danach, welche Förmlichkeiten sie benutzen. Denn dadurch, daß Gendern als progressiv gilt werden viele gendern, weil sie befürchten, sonst als unprogressiv zu gelten. Und das bedeutet: Gendern macht unsichtbar, wie progressiv Leute tatsächlich sind. – Es wäre blöd, falls die Genderengagierten dadurch Verbündete nicht erkennen, ebensowenig wie Mitläufer, Ja-Sager und Heuchler.

Dem Kampf gegen Ungerechtigkeit, Diskriminierung und Rassismus würde ein Bärendienst erwiesen, wenn Beziehungen scheitern und Möglichkeiten der Zusammenarbeit nicht genutzt würden, weil Menschen glauben, sie können mit niemandem was zusammen machen, der das mit dem Gendern und dem Rassismus nicht genau so sieht und macht wie sie.

 

3

Moralischer Druck ist in persönlichen Beziehungen nicht hilfreich. – Unrecht ensteht aus einem Mangel an Einsicht. Nur wer sich für was Besseres hält, glaubt, auf Kosten anderer Vorteile haben zu dürfen. Nur wer aus Beschränktheit oder Mangel an Mitgefühl sich falsche Vorstellungen von der Bedeutung der Folgen seines Handels für andere macht, ist skrupellos. Wer desillusioniert ist, handelt moralisch, Unmoralische pflegen Illusionen. – (Darin besteht ja die Stärke von Judith Butlers Begriff der „Betrauerbarkeit“: Er hinterfragt den Dünkel der eigenen Vortrefflichkeit ebenso wie Richtigkeitsgefühle aus selbstverschuldeter Vorstellungsschwäche, die beide dazu führen können, daß das Leid von Angehörigen der eigenen Zivilisation als schlimmer erlebt wird, als das anderer.)

Druck hat noch nie eine Überzeugung geändert. Überzeugungen verändern sich nur durch Verständigung. Das Problem ist freilich: Verständigung kann langwierig sein. – Ich bin Skeptiker. Ich habe vieles erlebt und kann mir vieles vorstellen. Deshalb überzeugt mich vieles auch nicht so schnell, weil ich mir es auch anders erklären kann. Da kann ich verstehen, wenn meinen Gesprächspartner:Innen der Geduldsfaden reißt. Ich schließe nicht aus, daß auch ich noch die eine oder andere Illusion pflege. Doch wenn ich bezüglich meiner Auffassung des Genderns im Unrecht bin, wird es lange dauern, bis ich das kapiert habe.

 

Nachsatz

Meine Fragen zum Gendern sind:

Wieviele Frauen fühlen sich durch den herkömmlichen Sprachgebrauch diskriminiert? Was genau erleben sie daran als diskriminierend?

Fördert Gendern die Gleichberechtigung? Oder sind wir – angesichts dessen, was im letzten halben Jahrhundert bereits erreicht wurde gegen alle Formen von Diskriminierung – sind wir in einem „Prozeß der Zivilisation“ der so stark ist, daß das Gendern genauso wenig bringt, wie eine Kerze unter eine Lampe zu stellen? Würden die Energien, die jetzt auf das Gendern gelenkt werden, nicht vielleicht sogar an anderer Stelle den Prozeß der Gleichberechtigung viel besser und schneller befördern?

Wird die Bereitschaft des überwiegenden Teils der Deutschen, gegen Diskriminierung vorzugehen, wo immer sie sich zeigt, unterschätzt?

Welche Rolle spielt Demokratie im Zusammenhang mit dem Gendern: Sollen alle Frauen darüber abstimmen, ob offiziell gegendert werden soll oder nicht? (Ich sehe hier ein generelles Problem: Es sind immer Aktivist:innen, die vorschreiben, welche Worte und Sprachregelungen nicht diskriminierend seien. Sie sprechen für alle Diskriminierten. Aber woher wollen sie wissen, daß alle, für die sie sprechen, das so sehen und erleben?)

Welche Rolle hat das Argument: „Du gehörst zu den Privilegierten, du weißt nicht, wie es sich anfühlt, diskriminiert zu werden!“ – Das Argument ist richtig und wichtig. Es geht darum, daß die Nicht-Betroffenen nicht vorschnell einschätzen, bewerten und urteilen. – Das Problem ist grundlegend: Wie können Betroffene und Nichtbetroffene über die Akzeptabilität von Forderungen der Betroffenen reden? Welche neutrale Instanz zur Beurteilung könnte es hier geben? Es wird ja wohl niemensch im Ernst einen Blankocheck fordern nach dem Motto: „Du gehörst nicht zur Gruppe der Diskriminierten, du weißt nicht, wie ich leide, deshalb kannst du nicht mitreden, deshalb mußt du da, wo wir uns nicht einigen können, alle meine leidensbezogenen Feststellungen und Forderungen akzeptieren oder du bist ein Arsch!“

Meine Fragen mögen naiv sein, aber das ist nunmal mein Stand der Auseinandersetzung mit dem Thema. – Und ich bin mit meiner Meinungsbildung zu diesen Fragen noch lange nicht fertig und für Kommentare dankbar.

(Unser Autor Lars Lehmann hat eine Geschichte dazu geschrieben: „Die Pläät“ – eine Gendergeschichte)

 

Kommentar von Markus Witte (Unternehmer)

[…] Ich glaube tatsächlich, dass im Kopf derer, die „einen neuen Geschäftsführer“ suchen oder „einen Experten für künstliche Intelligenz“ eine Vorstellung von männlichen Kandidaten existiert und dass sie Frauen nicht von vornherein mitmeinen.

[…]  Ich gehe davon aus, dass durch dieses implizite Priming die Chancen für Frauen, diese Jobs zu kriegen, kleiner sind. Wir haben von vornherein ein Bild vom „richtigen Kandidaten“ im Kopf und messen die echten Kandidat*innen daran. Ähnliches gilt, wie du schon auch schreibst, bei Autoren, Philosophen, Physikern – und auch bei Schienenbauingenieuren.

[…] Dass die Diskriminierung strukturell ist, sehe ich in meiner Welt sehr deutlich: Es liegt nicht an individuellen Präferenzen, dass Frauen schlechter bezahlt werden und weniger Macht bekommen, sondern an den Prozessen, Prinzipien und Maßstäben, die allenthalben etabliert sind.

[…] Wie können Betroffene und nicht Betroffene miteinander reden? Das finde ich eine enorm wichtige Frage. Ob sie dabei über Forderungen oder Wahrheiten oder Erfahrung sprechen: es muss ein Dialog möglich sein. Und wir müssen gemeinsam aushandeln können: Wahrheiten, Verteilung, Anerkennung – und so vieles mehr. Vermutlich ist die Faustregel richtig, dass diejenigen, die schon immer privilegiert sind und gehört werden, sich vor allem aufs Zuhören konzentrieren. …

(Der Kommentar wurde mit Einverständnis des Autors gekürzt)

Weiterlesen:

Wie relevant ist der Rassismus in der Sprache?

https://www.deutscheakademie.de/de/aktivitaeten/projekte/sprachkritik/2019-07-26/drei-fragen-zu-gendergerechter-sprache

Ulk auf´s Berliner Stadtschloß

Humbold oder Humbug? – Zum Berliner Stadtschloß (dem „Humboldforum“)

Der Palast der Republik,
Der fand sich einmal mächtig schick.
Die Republik erregte Wut,
Das tat auch dem Palast nicht gut,
Denn als die Republik bankrott
Da zählt von ihm nur noch der Schrott.

Einst stand das alte Stadtschloß hier,
Für das ulkige Kaisertier.
Das Kaisertier wollte gern Krieg
Doch vermochte nichts zum Sieg.
So mußte es denn schließlich gehen,
Sein Schloß aber, das ließ man stehen.

Sogar von Gröfaz Wahnsinnszeit
Wurde es noch mitbefreit.
Doch erlegte es sodann
Der sozialistsche Arbeitsmann.

Sein Staat hört kaum auf zu bestehen,
Will man das Stadtschloß wiedersehen.
Doch was beschränktem Sinn entsproß,
Soll nur so aussehen wie ein Schloß,
Soll nur so tun, wie dazumal,
Denn innen ist’s Beton und Stahl.

So wird ein Blödsinn oft ersetzt,
Damit ein anderer ergetzt.

 

Mogelpackung auf ZDF-Kultur

(Offener Brief an die Leiterin der Hauptredaktion Kultur des ZDF)

Sehr geehrte Frau Reidt,

in einer Dokumentation über Mozart, die Sie eingekauft haben, erfahre ich etwas über Mozartkugeln, über die Touristenmagnete in Salzburg und darüber daß Salzburg im Winter besonders eindrucksvoll ist und die berühmten Weihnachtsmärkte Einheimmische wie Besucher anziehen. – Alles unterlegt mit einem der ausdrucksvollsten und wichtigsten Werke Mozarts.

Gut, es gibt auch einen Überblick über Mozarts Biographie. Aber immer wieder erhalte ich Informationen, die eher aus einem Prospekt für Touristen stammen könnten: daß ein Haus, in dem Mozart gelebt hat, im Krieg schwer beschädigt aber später liebevoll restauriert wurde. – Wieviele Dachziegel der Stephansdom hat. – Daß ein Theater zu den besterhaltensten seiner Art gehört und auch einige Opernszenen für den Film Amadeus hier aufgenommen worden seien, und daß irgendetwas bei den Besuchern aus aller Welt beliebt sei.

Ein Strauß-Walzer samt Tänzern wird in den Film eingeblendet, sowie die sinfonische Dichtung „Die Moldau“ von Smetana, letztere mit der Vermutung: „sicher hat auch Mozart die Kraft dieses Flusses gespürt“.

Die Bilder sind fast ständig mit Mozarts Musik unterlegt, darunter einige seiner prägnantesten Themen, teilweise fetzenhaft zusammengestoppelt. Wer zusieht wird regelrecht „genudelt“.

Es gibt in der ganzen Sendung nicht den geringsten Hinweis darauf, wie sich Mozarts Musik erschließen läßt und was daran die Hörer von den Stühlen reißen kann. Es wird immer nur behauptet, sie habe die Hörer von den Stühlen gerissen.

Die Aussagen, die es über seine Musik gibt, sind dümmlich (daß Mozart die Vielfalt des Orchesters nutze) und teilweise schlicht falsch (daß der Klang des Orchestes in seinen Werken seiner Zeit um Jahrzehnte voraus sei.)

Um das ganz klar zu sagen: Eine solche Sendung zählt nicht zum Bildungsauftrag. Das ist schlichtweg Schrott, der niemanden für Bildung gewinnt und Bildung eher verhindert.

Ich frage mich, wie es bei Ihnen zu der Entscheidung kommt, Geld für derart fragwürdige Produktionen auszugeben. Es macht den Eindruck, als ob die Redaktionen beim ZDF nicht über professionellen Sachverstand verfügen.

Es wäre eigentlich die ureigenste Aufgabe von ARD und ZDF, dem teuersten Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk der Welt, die Schätze unserer Kultur den Menschen, die sie noch nicht kennen, zugänglich zu machen. Und was für eine herausfordernde, kreative und lohnende Aufgabe wäre das! Damit könnte sich das ZDF wirklich Meriten verdienen!

Ich würde gerne von Ihnen oder anderen Verantwortlichen wissen:

Wie wird im ZDF über diese Aufgabe diskutiert?

Was wird dafür getan, neue Wege zu entwickeln, klassische Kulturschätze zugänglich zu machen auf für alle attraktive Art und Weise, die gleichzeitig aber auch gehaltvoll ist und der Kunst gerecht wird? – Welche Entwicklungsprojekte hat das ZDF da – oder welche gibt es in Auftrag – oder welche unterstützt es?

Aus meiner Sicht sollte es mittlerweile selbstverständlich sein, daß bezüglich solcher Fragen eine Transparenzpflicht besteht, damit die Öffentlichkeit als Korrektiv Ihre Arbeit unterstützen kann. – Das ist übrigens eine Forderung aus den Reihen des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks selbst: Intendant und Justiziar des Deutschlandfunks forderten, „in dieses Geschehen Transparenz nicht nur in wirtschaftlicher, sondern auch in programmlicher Hinsicht zu bringen, Öffentlichkeit herzustellen und die zivilgesellschaftlichen Kräfte zu bewussten Mitakteuren … zu machen. (E.Elitz und D. Stammler, zitiert nach: Kammann Uwe et al., Im Spannungsfeld, Zur Qualitätsdiskussion öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme (2007) https://www.grimme-institut.de/publikationen/studien/p/d/im-spannungsfeld/ S.61ff)

Mit freundlichen Grüßen

Winfried Lintzen

PS.:

(1) Diese „offenen Fragen“ sind veröffentlicht auf der Internetseite:  https://www.goethesfaust.com/stichprobe-zdf-kultur. – Ich sende sie auch an Joachim Huber vom „Tagesspiegel“.

(2) Die „interaktive“ Möglichkeit auf „ZDF-Kultur“, Bücher auszusuchen finde ich innovativ und sinnvoll. Ich fände es gut, wenn sie weiter entwickelt würde, wenn man z.B. noch differenzierter nach „Genres“ oder „Gattungen“ wie z.B. Science Fiction suchen könnte.

(3) Aus meiner Sicht könnten Sie dem ZDF einen großen Gefallen tun, wenn Sie anregten, „Goethes Faust in 90 Sekunden“ aus dem Netz zu entfernen. Der Beitrag ist an Einfallslosigkeit und Unverstand nicht zu überbieten. Die Tragödie Margaretes wird banalisiert. Eine derart bagatellisierende Darstellung eines von einem Mann herbeigeführten schockierenden Frauenschicksals war schon zur Zeit der Entstehung dieses Beitrags völlig antiquiert um nicht zu sagen: völlig daneben.

(Diesen Beitrag mailte ich der Leiterin der Hauptredaktion Kultur im ZDF Frau Anne Reidt am 11.04.2021. – Frau Reidt hat nicht darauf geantwortet (Stand: 23.04.2021).

 

 

Gegen die Diskriminierung klassischer Kunstwerke

Stellen Sie sich vor, es ständ‘ zwischen Hannover und Braunschweig ein Gebirge wie das Himalaya, aber niemand ging hin! Zu hoch, zu kalt, zu schroff: jeder dächte nur an Mühe und Öde.

So geht es vielen großen Monumenten der Menschheit: ob Beethovens späten Streichquartetten oder Skrjabins späten Klaviersonaten, ob Kafkas Schloß oder den großen russischen Romanen: Den Menschen ist die Kunst zu anstrengend, sie sind vom kommerziellen Entertainment verweichlicht, und lassen ihre Intelligenz im Büro, wenn sie nach Hause gehen.

Ich fürchte, in der Entertainment-Flut geht das Wissen verloren, was wir an den ganz großen Kunstwerken der Menschheit haben, wie „unterhaltsam“ und faszierend sie sind und wie sehr sie das eigene Leben bereichern können. – Ja, ich habe den Eindruck, es entstehen Vorurteile gegen klassische Kunst: sie sei antiquiert, trocken, schwerfällig, mühsam und völlig uncool.

Was daran richtig ist: die großen Kunstwerke machen es uns nicht immer einfach. Für meine Oma war Beethoven bloß Lärm. Das hätte sich schnell geändert, hätte sie Zeit und Muße gehabt, ihn öfter zu hören. Unser Gehirn muß sich erst „einlesen“. Mit klassischer Musik bin ich aufgewachsen, aber mit indischer Musik ging es mir zuerst genauso wie meiner Oma mit Beethoven.

Und bei „Faust“, wenn man ihn liest, ist das alles noch schlimmer. Unmittelbar kann das echt dröge sein. Aber regelmäßig ist zu beobachten, daß Leute, die von der Lektüre abgeschreckt sind, sich an einer Aufführung begeistern. – „Faust“ ist Theater, ziemliches Theater…

Was ist an den großen, bedeutenden klassischen Kunstwerken besonders? Sie wurden von Menschen geschaffen, die nicht nur hochbegabt waren, sondern in ihrem Fach auch über eine außergewöhnliche geistige Freiheit und Autonomie verfügten. Und sie waren optimal „trainiert“ in einer jahrhundertelang entwickelten Handwerkskunst, ob Dichtung, Malerei oder Musik. Viele „Optima“ kommen da zusammen.

Natürlich: Hard Rock und Rap sind auch Klasse und auch da kann es Genies geben, aber Hard Rock und Rap nutzen von den künstlerischen und handwerklichen Möglichkeiten, die die Menschheit in der Musik entwickelt hat, nur einen winzigen Teil. Und das, was sie in ein oder zwei Generationen selber an neuen Möglichkeiten entwickeln und einbringen können, ist gegen das, was sie nicht nutzen, ebenso winzig… (Im Übrigen: Viele wissen noch gar nicht, daß die klassische Musik sich weiterentwickelt hat und ihre Erben u.a. Schönberg, Ligeti, Xenakis heißen… )

Ich träume von einer Inszenierung des zweiten Teils von Goethes Faust, in der nicht verraten wird, daß es der „Faust“ ist: alle würden es für ein total abgefahrenes, verrücktes, modernes Stück halten…

(zu diesem Thema paßt eine Science-Fiction-Kurzgeschichte auf unserer Seite: Kulturaustausch,  von Daniel Seefeld)

Alexander Skrjabin: faustische Musik?

Komponistenportrait: Alexander Skrjabin (1872-1915)

Skrjabin knüpft an Chopin an und entwickelt dessen Tonsprache rhythmisch und harmonisch weiter.

Seine Werke bis einschließlich 4. Klaviersonate und 4. Sinfonie sind noch „romantisch“, wirken aber mit zunehmender Opuszahl „überreifer“, harmonisch und rhythmisch überbordender, exaltierter oder – in den langsamen Sätzen und „Poemes“ – entrückender.

In den „Miniaturen“, den Preludes, Etudes und Poemes, wird Skrjabins Tonsprache graduell immer moderner, extremer. Manche Stücke sind von aphoristischer Kürze.

Mit der 5. Klaviersonate ist ein neues Niveau erreicht: Ab jetzt sind alle Sonaten und „Sinfonien“ (er nennt sie nicht mehr so) einsätzig und deutlich kürzer. Die Tonsprache hat sich deutlich radikalisiert, ins „impressionistische“ verschoben, ist aber noch als „Abkömmling“ romantischer Harmonik erkennbar.

Mit der 6. Klaviersonate hat sich der Bruch vollzogen: Skrjabin hat „seine“ Sprache gefunden: Er hat ein eigenes Tonsystem entwickelt, die sogenannte „Ganz-Ton-Halb-Ton-Skala“, eine achttönige Tonleiter, bei der Ganz- und Halbtonstufen abwechseln: C-Des-Es-E-Fis-G-A-B (Diese Leiter ist zweimal transponierbar.)

Er hat damit eine ganz eigene, unverwechselbare Tonsprache geschaffen, in die man sich erst einhören muß, weil sie deutlich dissonanter, „moderner“ ist als der „romantische“ Skrjabin. – Aber die Mühe lohnt: Skrjabins Musik berührt und weckt etwas in uns, von dem keine andere Musik etwas weiß – keine! – Seine Tonsprache scheint mir „fremder“ als die Debussys oder Ravels, sie läßt alles, was wir kennen, hinter sich, sie eröffnet uns eine ungeahnte Weite…

(Ich finde es wenig sinnvoll, sich mit den Persönlichkeiten von Künstlern zu befassen. Das lenkt mit den dadurch ausgelösten Phantasien und Assoziationen bloß von ihrer Kunst ab und führt auf falsche Fährten.)

Babylon Berlin

Dank der überzeugenden Schauspielkunst waren die ersten beiden Folgen ein Genuß. Doch die Vorstellung, mehr zu sehen, langweilt mich.

Das Übliche: Sex and Crime – bloß mit ner‘ anderen Kulisse. – Und dann: Unnötige Nebenhandlungen, die versuchen durch Verknüpfung mit bedeutenden historischen Personen und Vorgängen einen Mehrwert rauszuschlagen – Mehrwert ohne Informationswert.

Zwei Folgen ohne Informationswert reicht mir, und wenn dahinter das Schlaraffenland käme: ich fresse mich nicht durch einen Berg faden Breis durch! Da können die Schauspieler so gut sein wie sie wollen!

Ich hatte die Hoffnung, meine schlechte Meinung vom Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk durch diese Serie falsifizieren zu können. Meine Hoffnung ist enttäuscht…

Der Goldstandart für Serien, den man verlangen kann vom „besten Fernsehen der Welt“ (so das Selbstlob von Programmdirektor Herres), der Goldstandart ist immer noch: „The Wire“. – Sicher „The Wire“ ist so anspruchsvoll, daß es anstrengt. Aber ich schätze: Es wäre kein Problem, auf einem ähnlich hohen Niveau an Information und künstlerischer Form eine Serie zu entwickeln, die eingängiger ist. – Soetwas zu entwickeln, genau das wäre die Aufgabe eines Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks.

 

 

 

„Einer bleibt übrig damit er berichte“ – Verfallsszenarien von Christoph Meckel

Meckels Texte sind Innenansichten für Außenstehende, Innenansichten derer, die in Verfall, Chaos, Zukunftslosigkeit und Tod blicken, weil sie fliehen oder weil sie nicht mehr fliehen können.

Wie auch immer wir das Problem der globalen Fluchtbewegungen lösen wollen: wir sind es den Fliehenden schuldig, dieses Problem nicht nur in seinem Ausmaß sondern in seiner ganzen menschlichen und existentiellen Bedeutung zu erfassen, zu begreifen, zu ermessen. Denn einen deutschen Paß zu haben, ist reiner Zufall. Wer die Ungeheuerlichkeit dieses Zufalls nicht begreift, hat gar nichts begriffen.

Meckels Erzählungen helfen, zu begreifen.

Was hat das nun mit Goethes Faust zu tun?

Meckels Erzählungen können aufgefaßt werden als „Parallelgeschichten“ im goethischen Sinne zum 5. Akt von Goethes Faust: Ein Potentat will Einheimische deportieren lassen, läßt die Deportation von Leuten ausführen, deren Skrupellosigkeit er eigentlich kennen müßte, und als nur Tod und verbrannte Erde zurückbleibt, flüchtet er in seine Vision, einen freien Grund für ein freies Volk zu schaffen, und hält diesen Zweck für so  heilig, daß er keine Probleme damit hat, dafür Zwangsarbeiter herbeizupressen. – Und von dem, was die, die von den Deportierten und Herbeigepressten übrig bleiben, erzählen, hat Meckel etwas aufgeschnappt…

Um zu ermessen, wie sehr Faust sich verstiegen und verblendet hat, und um zu ermessen, wie radikal Goethes Idee ist, solch einen Heini zu erlösen (die Engel finden ihn bloß peinlich), kann die Lektüre von Meckels Erzählungen hilfreich sein.

Und nicht zuletzt auch, um zu begreifen, auf welchem Gräberfeld wir heutigen Deutschpaßbesitzer tanzen: Meckel ist 1935 geboren. Wenn ich mir vorstelle, welche Blicke ins Chaos seinen Kinderaugen zugemutet wurden, dann scheinen die Geschichten, die er mit 70 veröffentlichte, davon ein später, gut durchgearbeiteter Reflex – eine Botschaft von jemandem der übrigblieb, damit er erzähle…

(Ich erinnere mich an einen Patienten von mir, einen überdurchschnittlich erfolgreichen, tüchtigen Mann, der nach seiner Pensionierung sich von Zeit zu Zeit an den Alkohol verlor, weil sich die Bilder hochwühlten, die er als 5-jähriger sehen und begraben mußte, z.B. die Straße, wo an jeder Straßenlampe ein deutscher Soldat hing, aufgeknüpft von Deutschen, die es für Recht befanden, jemanden hinzurichten, der verweigert, in einem aussichtslosen Kampf weiter zu töten… (So nutzlos kann ein deutscher Paß sein bei einer richtigen Entscheidung zur falschen Zeit am falschen Ort… – (Und noch in den 70ziger Jahren gab es einen CDU-Ministerpräsidenten, der Todesurteile für solche Hinrichtungen ausgestellt hatte und nicht verstehen konnte, was daran Unrecht gewesen sein sollte.)

Nachsatz: Wie bei Träumen sollte man sich bei der Lektüre von Meckels Erzählungen vor Deuten hüten. Deuten ist Ersatzhandlung, Abwehr: Abwehr der Stimmungen und Gefühle, die Meckels Erzählungen auslösen, unangenehme Stimmungen, die wortkarg machen für Stunden, wortkarg, gerade weil sie zur Sprache gebracht werden wollen, aber dafür müssen sie erst gefühlt, gespürt werden, deutlich! – Deuten ist dumm. Es geht ums Fühlen. Gefühle haben einen Informationsgehalt, um ihn „abzuschöpfen“ brauchen wir eigentlich gar nicht viel zu tun, die Gefühle drängen uns ihren Gehalt auf – sofern wir sie nicht verdrängen…

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/einer-bleibt-uebrig-damit-er-berichte/978-3-446-20572-7/

„Bad Banks“, ZDF-Serie

Um den heißen Brei herum: Kritik an Serie „Bad Banks“

Zweifellos: Die Serie „Bad Banks“ gehört mit zum Besten, was das Deutsche Fernsehen in den letzten Jahren hervorgebracht hat. – Doch von einem Rundfunk mit 8 Milliarden Jahresbudget ist mehr erwartbar, weit mehr – und zweifellos können Autor und Regisseur auch mehr.

Bemerkenswert sind vor allem die für´s Deutsche Fernsehen ungewöhnlich guten Schauspielleistungen. – Auch von den üblichen Drehbuchschwächen der ARD- und ZDF-Produktionen bezüglich des gesprochenen Worts habe ich hier nichts bemerkt. Die Monologe und Dialoge waren lebensecht. (Sollte es doch die eine oder andere Schwäche geben, ist sie mir entgangen, weil es so spannend war – das wäre dann auch ein Qualitätskriterium…)

Doch die Serie ist uninformativ: Daß Bänker manchmal Zahlen fälschen und Verlustgeschäfte in Tochterfirmen verstecken, um die Aktionäre an der Nase herumzuführen; daß es Intrigen gibt und sich die Mitarbeiter um der Karriere willen gegenseitig in die Pfanne hauen; daß manche Bänker Kokain schnupfen und andere ihre Familie vernachlässigen – wer hätte das gedacht!

Die Bänkerei ist in „Bad Banks“ nur die Kulisse für das, was zwischen den Menschen geschieht. Es ist wie ein Kung-Fu-Film ohne Kung Fu: Die überlegene Kunstfertigkeit der Heldin von „Bad Banks“ wird immer nur beteuert, aber ist nie erlebbar.

Weglassen gibt es sonst nur noch bei Kinderfilmen: das, was die Kinder noch nicht verstehen können, braucht auch nicht gezeigt zu werden. – „Bad Banks“ gehört in dieser Hinsicht formal in die Kategorie des Kinderfilms und liegt damit ganz auf der Linie des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks: das Publikum zu infantilisieren.

Da man die Kunstfertigkeit der Heldin nicht zeigen kann, muß der Zufall ran, um ihren Erfolg zu erklären: Ein Kunde hat Krebs, den gleichen, wie die Mutter der Heldin, das erkennt nur sie. Sie weiß, daß der Mann nicht mehr lange zu leben hat, unterbietet gewagt die üblichen Zeitvorgaben – und bekommt den Auftrag.

Zufall ist immer ein Stringenzbruch. Und immer nur zu beteuern, daß jemand gut ist, aber nie zu zeigen, wie er gut ist, ist billig. Diese künstlerischen Mängel muß ich dem Drehbuch attestieren. – Aber wie gesagt: sie beruhen nicht auf der Unfähigkeit des Autors sondern auf der des Senders. Es ist vorstellbar, daß der Autor anderes erwog, aber keine Chance hatte, sich gegen die Vorgaben durchzusetzen.

 

Nachsatz

Zu provokant? Nicht, wenn das Maß des Möglichen angelegt wird: Um die abstrakten und komplexen Vorgänge der Bänkerei publikumswirksam anschaulich zu konkretisieren, wäre ein souveränes Sachverständnis erforderlich. – Den dafür notwendigen Aufwand an Expertenhonoraren, Recherche, Zeit und Mühe haben die Verantwortlichen bei „Bad Banks“ offenbar gescheut.

Möglicherweise würde eine künstlerische Umsetzung von soviel dokumentarischer Information  ein Konzept erfordern, das es überzeugend noch gar nicht gibt.

Aber genau dafür wird der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk ja von den Marktkräften freigehalten: damit er Konzepte einer gewagten Verbindung von Fiktionalem mit hochkomplex Dokumentarischem entwickelt! – Eine „Verbindung“ läßt – im Gegensatz zu einer Kombination – aus verschiedenen Elementen etwas Neues entstehen, das selbst wie ein Element wirkt und eine sinnliche Unterscheidung seiner Komponenten unmöglich macht (so wie man dem Wasser nicht mehr ansieht, daß es aus zwei Gasen besteht).

Die Meisterschaft, die Regisseur und Autor von Bad Banks zeigen, läßt keinen Zweifel aufkommen, sie seien für die Entwicklung solcher Formate nicht geeignet. Es gibt keine Ausrede für den Sender, hier mal wieder seiner ureigensten Aufgabe nicht gerecht geworden zu sein.

Statt innovative fiktionale Formate zu entwickeln, verballern ARD und ZDF ihre Mittel für eine unfaire Wettbewerbsverzerrung auf dem Markt der Sport-Übertragungsrechte – ohne daß dadurch die Bürger irgendeinen Vorteil hätten (denn sie könnten den Sport sonst bei den Privaten schauen).