Die „Pläät“ – eine Gendergeschichte

(6. Geschichte aus dem  Zyklus: „Psychjatergarn“, in dem ein alter Psychiater auf der Terrasse eines mecklenburgischen Schloßhotels seltsame Geschichten erzählt.)

(Lesezeit: 35 Minuten)

Schon von weitem war eine lebhafte Diskussion zu hören. Als wir die Terrasse betraten, hatte sich gerade ein pensionierter Rundfunkredakteur so heftig gegen das Gendern ereifert, daß er sich ans Herz griff.

„Es kann doch gar nichts passieren!“, beruhigte der Psychiater, „wenn das Gendern eine überzeugende Alternative ist, dann wird es sich in ein paar Generationen im Sprachgefühl verankert haben und gar nicht mehr auffallen. – Wenn das Gendern das Sprachgefühl aber nicht überzeugt, werden schon die Kinder der Genderer, spätestens die Enkel, es nur noch peinlich finden, wie ihre Eltern reden! Die jungen Leute können sich nicht vorstellen, daß ihre Sprachreform vielleicht einmal als ausgedacht und aufgesetzt erlebt werden könnte, wenn nicht sogar als lächerlich, verstiegen und verbohrt.“

Der dicke Professor ulkte: „Eine Lautsprecherstimme sagt: ‚Alle Bürger:Innen kriegen Suppe!‘ und Fritzchen fragt: Und die Bürger draussen, kriegen die nix?“

Eine junge Journalistin fragte den Psychiater: „Warum sperren ausgerechnet Sie sich gegen das Gendern? Ich schätze, Sie haben genügend Patientinnen gehabt, Sie wissen, wie sehr Frauen unter der Diskriminierung leiden!“

„Da haben Sie recht. – Sicher gehört es zu schönsten, sinnvollsten und herausfordernsten Aufgaben, Kindern gerecht zu werden. Aber die Frauen hatten alle auch noch andere Befähigungen und Ideen. Genau genommen waren sie schon unterfordert, als die Kinder noch im Haus waren. Aber als die Kinder aus dem Haus waren, merkten die Frauen irgendwann: mit Bier geht das Bügeln besser. Und nach ein paar Jahren wunderten sich alle, wieso Mutti alkoholabhängig geworden war. – Gehirne sind nicht für Unterforderung gemacht. Unterforderung ist Gift für den Hirnstoffwechsel. Das führt zu Depression. –
– Wenn Sie mir belegen, daß Gendern hilft, würde ich Gendern. Doch es wurde nie gefragt, wie viele Frauen sich tatsächlich durch das generische Maskulinum nur mitgemeint fühlen. Und Zusammenhänge zwischen Gendern und Abbau von Diskriminierung sind nicht belegt, nur behauptet. Und es wurde auch nie gefragt, wieviele Frauen wünschen, daß gegendert wird. Woher soll ich also wissen, ob ich mit dem Gendern wirklich den Frauen etwas Gutes tue, oder nur den Aktivisten?“

„Ich halte diese ganze Korrektheitsdebatte schlichtweg für zimperlich!“, warf der Professor ein, „mein Gott, was ist denn daran so schlimm, wenn sich jemand von mir jetzt ein falsches Bild macht, weil ich ein alter weißer Mann bin? Soll er doch! Das ist doch sein Problem, wenn er sich von den Bildern, die er sich von mir macht, abschrecken läßt, mit mir ein Bier trinken zu gehen!“

„Und wenn er sich davon abschrecken läßt, Sie einzustellen?“, fragte die Journalistin spitz.

„Glauben Sie“, fragte der Psychiater, „daß sich irgendjemand ein vorteilhafteres Bild von der Eignung einer Frau für einen Job macht, weil gegendert wird? – Und wie erklären Sie sich dann all die Fortschritte in der Emanzipation vor dem Gendern? Wieso soll das jetzt durch das Gendern besser gehen? Ich fürchte, es wird mit der Debatte um das Gendern Zeit vertan, die der Emanzipation an anderen Stellen weit stärker zu Gute käme.“

Offenbar war die Mehrheit der Anwesenden längst genervt. Die Unternehmerin, eine junge Lehrerin und ein Arztehepaar nahmen sich plötzlich an den Händen, boten meiner Frau und mir auch welche an, um dann im Chor zu skandieren: „Eine Geschichte, eine Geschichte!“

„Das ist unfair, wenn ich dazu nicht Stellung nehmen darf!“ protestierte die Journalistin.

„Doch dürfen Sie“, meinte die Unternehmerin, „gerne sogar und ich bin schon gespannt darauf. Aber alles zu seiner Zeit. Wir diskutieren hier schon über eine Stunde, ich bin es leid! Ich bin hier im Urlaub, nicht auf einem Meeting!“

„Kann ich Sie mit einer Gendergeschichte entschädigen?“ fragte der Psychiater die Journalistin.

„Nein, keine Gendergeschichte“, die Unternehmerin reagierte fast allergisch.

„Aber Sie kennen doch unsern Psychiater!“ begütigte der Professor, „der wird schon so erzählen, daß selbst eine Gendergeschichte für alle schmackhaft wird!“

„Na, da bin ich aber gespannt“, meinte die Journalistin, und der Psychiater begann:

„Die Pläät“, auf Hochdeutsch „Glatze“, hieß die Höhe seit Menschengedenken im Volksmund, die höchste Erhebung einer Endmoränenlandschaft. Allerdings war es für die Erdgeschichtler rätselhaft, wo die Endmoränen herkamen, an dieser Stelle hätte es nie welche geben dürfen. – Die Pläät war eine sumpfige, sandige Kuppe, auf der außer kümmerlichem Gras nichts wuchs, während auf den Flanken rund herum jahrhundertelang der Weizen sproß. – Am großen Fluß in der Nähe hatten sich schon in der Urzeit Menschen angesiedelt. Die Siedlung wuchs und erblühte im Mittelalter zu einer der reichsten und bedeutensten Städte. In der Neuzeit wucherte sie mit ihren Industriegebieten immer weiter ins Land, hatte die Hügel bald erreicht und umflutet, und später mit Mietskasernen gespickt. Nur auf der „Pläät“, der etwa 200 mal 300 Meter großen Kuppe konnte man wegen Sumpf und Sand nichts bauen. Die „Pläät“ blieb Pläät. Sie wurde als Fußballplatz genutzt.

Im 2. Weltkrieg blieb die Arbeitersiedlung von der Bombadierung weitgehend verschohnt. Die wohlhabenderen Bürger entdeckten in der Nachkriegszeit, daß die alten Mietskasernen, die noch ganz aus Holz und Stein, und, obwohl für Arbeiter gedacht, nach uralten architektonischen Proportionen erbaut waren, weit wohnlicher wirkten, als die Neubauten. So wurde die ursprüngliche Bevölkerung der Arbeiterviertel nach und nach entmietet, die Häuser modernisiert. Der verfallende Fußballplatz wirkte bald unpassend, wie das vergessene Möbelstück eines ärmlichen Vormieters. Ingenieure entschieden, daß es mit heutigen Mitteln kein Problem mehr sei, dort was zu bauen, man müsse die Fundamente nur auf Stahlbetonpfeiler setzen, die tief genug in die Gesteinsschicht eingelassen seien, auf der der sumpfige Sand aufruhte.

Es wurde ein Konzertsaal, gebaut. – Die Ingenieure und Geologen waren nach allen Regeln der Kunst vorgegangen, die Befunde waren immer wieder geprüft und berechnet worden und sie hatten keine Kosten gescheut. Dennoch und völlig unerklärlicherweise senkte sich eine Seite soweit ab, daß die Statik unkalkulierbar wurde. Es blieb völlig rätselhaft, wieso eine Stelle des Untergrundes plötzlich nachgab. Nachbesserungen waren nicht möglich. – Das Gebäude durfte nicht mehr betreten werden. Um es abzureißen fehlte das Geld.

Das Stadtviertel war als wohlhabende Gegend kinderreich. Die Eltern waren kultiviert und die Kinder gediehen dort gut. Um so verwunderter waren die Kinderärzte, als es immer mehr Schreibabys gab, Säuglinge, die einfach nicht zu beruhigen waren. Es handelte sich ausschließlich um Kinder, die nach dem Absinken des Konzerthauses geboren waren, und es gab eine markierbare Grenze um die „Pläät“ herum, jenseits der keine Häufung von Schreibabys mehr auftrat. Bald wurden weitere seltsame Tatsachen entdeckt: Nicht nur, daß es sich bei den Schreibabys ausnahmslos um weibliche Zwillinge oder Drillinge handelte, sondern: um die Pläät herum waren alle Neugeborenen Zwillings- oder Drillingsmädchen und Schreibabys! Dieser Befund war so erschreckend, daß die Öffentlichkeit darüber nicht informiert wurde. In Expertenkreisen ging man davon aus, es habe umweltmedizinische Ursachen und müsse mit der Bauruine zu tun haben. Doch alle Untersuchungen verliefen ergebnislos.

Die Stadt rief 1963 ein Expertengremium ins Leben, das untersuchen sollte, ob die Schreibabys von ihren Eltern richtig behandelt wurden. Einer dieser Experten, deren Aufgabe es war, die Eltern-Kleinkind-Interaktion zu beobachten, war ich. – Es zeigte sich, daß die Interaktionen völlig in Ordnung, ja vorbildlich waren! Ich hatte nichs anderes erwartet. Es handelte sich um überwiegend glückliche, wohlsituierte, kultivierte, junge Eltern mit viel Unterstützung von den Großeltern.

Die Mädchen kannten nur Schreien und Schlafen. Der einzige Trost der Eltern war, daß die Kinder weitaus länger schliefen, als andere Kinder. – Es zerriss mir das Herz, die Kleinen so leiden zu sehen! – Die Eltern reagierten überwiegend mit heldenhafter Geduld und viel liebevoller Zuwendung. – Es blieb völlig rätselhaft, worunter die Kinder litten. Wir konnten für sie nichts tun, gar nichts. Wir konnten nur die Eltern in ihrer schweren Aufgabe begleiten.

Die gesamte Entwicklung der Kinder war stark verzögert: sie wurden schwerer und größer, krabbelten aber nicht, sondern schrieen bloß. Doch nach dem zweiten Lebensjahr hörte das Schreien plötzlich auf. Eine Phase der Apathie folgte. Dann begannen sie, wie Riesenbabys, eine normale Kleinkindentwicklung nachzuholen.

Obwohl man in der Zwischenzeit alles Erforderliche unternommen hatte, um die Ruine zu versiegeln, blieb es dabei, daß alle Frauen in dem Viertel ausschließlich Zwillinge oder Drillinge zur Welt brachten, die weiblich waren und Schreibbabys. Die Schwangeren, die wegzogen, mußten feststellen, daß die Ortsveränderung ihren Mädchen nach der Geburt nicht die geringste Erleichterung verschaffte und auch den Entwicklungsverlauf nicht beeinflußte. Die Ursache der Störung mußte also mit der ersten Phase der Schwangerschaft zusammenhängen.

Nach den ersten beiden leidvollen Lebensjahren entwickelten sich die Mädchen schnell und weitgehend unauffällig. Woran sie auch immer gelitten hatten, sie waren ihm entwachsen. Dafür zeigten die Kinder nun, wenn sie länger als eine Woche von ihrem Zuhause wegblieben, Symptome, für die keine Ursache zu finden war: Übelkeit und Erbrechen, Kopf- und Gliederschmerzen, Unruhe und Schlaflosigkeit.

Die Mädchen holten ihre Entwicklungsverzögerung schnell nach, ja, sie überflügelten die Gleichaltrigen nach einigen Jahren. Mit 4 Jahren war gesichert, daß sie hochbegabt waren, alle. – Daß es sich bei ihrem frühen Leid und ihrer Entwicklungsverzögerung um ein fetales Syndrom handeln mußte, war augenscheinlich: alle Mädchen hatten charakteristische körperliche Merkmale: Ihre Gesichter waren auffällig stupsnasig, die Augen lagen eng beeinander, der Unterkiefer erschien zu schmal“.

„Was ist ein fetales Syndrom?“ fragte die Journalistin.

Die Ärztin antwortete: „Das ist ein Bündel krankhafter Veränderungen, die aus der Störung der Entwicklung des Fötus entstehen und die nicht rückgängig zu machen sind. Die Kinder wachsen dann nicht so, wie die Gene es eigentlich vorschreiben“.

„Meist sind Vergiftungen für diese Störungen verantwortlich“, ergänzte der Psychiater, „Alkohol, Medikamente, Umweltgifte. – Nun. Das Verhalten der Mädchen war auffällig: Mit ihnen zu spielen machte keine rechte Freude. Sie waren für nichts zu begeistern, sie brauchten keinerlei Inspiration, sondern schienen alles spielerische und forscherische Interesse selbst zu erzeugen. Sie wiesen uns Aufgaben in ihrem Spiel zu, aber man kam sich dabei vor wie ein Werkzeug, nicht wie ein Mitspieler: Jeden Versuch, eigene Ideen oder Impulse einzubringen, jede noch so kleine Abweichung von ihren Anweisungen quittierten sie mit Ärger. Sie schienen sich auch wenig darüber zu freuen, daß ihnen Dienste erwiesen wurden. Man spürte bei Ihnen keine Dankbarkeit“

„Dankbarkeit?“, unterbrach meine Frau, „verlangen Sie von Kindern Dankbarkeit?“.

„Um Gotteswillen nein!“ lachte der Psychiater. „Lassen Sie es mich so sagen: Wenn wir mit Kindern spielen, werden wir durch die Beziehung zu ihnen belohnt. Sie suchen uns öfter auf und werden vertraulicher, und wir freuen uns über diese Anerkennung der nachwachsenden Generation. – Bei den Mädchen von der Pläät war das nicht der Fall. Sie gaben uns im Gegenteil das Gefühl, daß es schon genug Belohnung sei, wenn sie uns erlaubten, mit ihnen Zeit zu verbringen. Wir fühlten uns ausgenutzt. Wir bekamen immer das Gefühl, daß uns Zeit, Aufmerksamkeit und Ideen ausgesaugt wurden, ohne daß daraus etwas erwuchs, was gemeinsam genutzt und genossen werden konnte. Im Allgemeinen waren sie zwar nett und zugewandt, allerdings wirkte beides oberflächlich, wie abgerichtet. Und wenn man ihnen etwas ausschlug, waren sie zwar ärgerlich, aber machten kein Drama. Sie wirkten im wörtlichen Sinne selbstgenügsam.

Sie lachten kaum. Zwar zeigten sie auch nicht durchgehend einen ernsten Gesichtsausdruck, sondern wirkten oft begeistert, konzentriert oder entspannt. Doch Lachen gab es nur bei einigen der Mädchen, und dann auch nur in dem Augenblick, wenn sie merkten, daß etwas Schwieriges ihnen gelang. Ihre angespannte Miene heiterte sich dann auf, wir hörten ein befreiendes Lachen, ja, manche jubelten regelrecht. Das waren die sympathischsten Momente, die wir an ihnen erleben konnten. – Die meisten der Mädchen dagegen wirkten in ihrer Emsigkeit verkniffen, ihnen schien der Erfolg selbstverständlich, sie konnten sich darüber nicht freuen, sondern schienen bis zu dem Augenblick, da sie merkten, daß es ihnen gelang, verbissen. Und selbst, wenn sie entspannt waren, wirkten sie nicht heiter, weil wir gewohnt sind, daß entspannte Gesichtszüge zu einem leichten Lächeln führen. Davon fehlte bei den Mädchen jedoch jede Spur. Ihre Entspanntheit wirkte wie die Entspanntheit nach der Sättigung einer ansprüchlichen Gier.

Beim Spiel fiel auf, daß sie sich untereinander nie zankten. Auch mit andern Kindern gab es keinen längeren Zank, kein Eingeschnappt-Sein, keine Zickereein sondern nur kurze Schlagabtausche: Sie versuchten kurz mit Wut oder deutlichen Zeichen von Verachtung ihre Spielgefährten dazu zu bewegen, zu gehorchen. Falls sie damit keinen Erfolg hatten, wandten sie sich abrupt ab und spielten allein oder unter sich. – Wenn sie unter sich waren, kam es nie zum Streit. Nie! Sie einigten sich schnell auf ein gemeinsames Ziel und ein gemeinsames Vorgehen. Wenn ihre Vorstellungen zu unterschiedlich waren, machten sie zwei „Projekte“ daraus und einigten sich, von welchem sie zuerst etwas in Angriff nehmen wollten.

Die Ursache des fetalen Syndroms blieb rätselhaft. Man fand weiterhin im Boden nichts, das hätte austreten können. Es blieb auch weiterhin unerklärlich, wieso die Bohrung den Hügel destabilisierte, es zeigte sich bloß, daß die Ruine noch mehr Schlagseite bekam.

Als die ersten der Mädchen 6 Jahre alt waren und sicher war, daß sie keine weiteren Probleme mehr haben würden – es sei denn, die von hochbegabten Mädchen – gab es keinen Anlaß mehr für weitere Untersuchungen und wir stellten das Projekt ein. Allerdings hatte ich mich mit den Eltern „meiner“ Schreibabys befreundet und konnte als Freund der Familie die Entwicklung der Mädchen weiter beobachten.

Meine Beobachtungen lassen sich so zusammenfassen: Keines der Mädchen entwickelte künstlerische Interessen. Diejenigen, die ein Instrument lernen mußten, lernten schnell, es konzertreif zu spielen, aber ihr Spiel klang nach Spieluhr. Und sobald sie über sich selbst bestimmen konnten, faßten sie das Instrument nie wieder an. – Blumen hingegen, liebten sie über alles. – In der Pubertät zeigten sie – keineswegs zur Erleichterung der Eltern – kaum Interesse an Jungs, nicht mal an Freundinnen außerhalb des Kreises der Pläät-Mädchen. Sie waren angepaßt und offenbar stark interessiert an einem reibungslosen Alltagsablauf, so daß sie gut mit ihren Eltern kooperierten. Sie wirkten hoffnungslos altklug. – Auch jetzt zeigte sich das fetale Syndrom in charakteristischer körperlicher Ausprägung: alle wurden schlank, schmalhüftig und kleinbrüstig. – Ausnahmslos alle Mädchen studierten Chemie, Physik, Informatik oder Biologie. Alle heirateten überdurchschnittlich erfolgreiche Männer, mit denen sie, obwohl Geld kein Problem war, im Elternhaus an der Pläät wohnen blieben.

Dort bekamen sie früh, zwischen dem 20. und 22. Lebensjahr, die ersten Kinder – allesamt weibliche Zwillinge oder Drillinge! Allerdings keine Schreikinder mehr. – Es war eindeutig, daß es sich hier um Nachwirkungen irgendeiner äußeren Einwirkung auf die Fortpflanzung handeln mußte. Dennoch war das kein Befund, der eine weitere Untersuchung gerechtfertig hätte. Die jungen Mütter lehnten jede Untersuchung strikt ab. Auf die hochunwahrscheinliche Überzufälligkeit angesprochen, zuckten sie nur mit den Schultern, das sollte wohl soviel heißen wie: „Uns egal, völlig“.

Die Versorgung ihrer Babys übernahmen sie selbst, ja, sie hielten die Väter und Großeltern so weit wie möglich von ihren Töchtern fern. Ihr Studium absolvierten sie deshalb zwar deutlich langsamer als ihre Kommilitoninnen, aber dennoch mit Bravour. (Abgesehen davon hatten alle schon mit 16 Abitur gemacht.)

Schon während des Studiums waren sie in der Forschung tätig und gründeten Firmen. Dank ihrer Selbständigkeit konnten sie ihre Zeit frei auf Töchter und Beruf aufteilen. Sie nahmen sich viel Zeit für ihre Töchter, die Töchter hatten eindeutig Vorrang vor allem anderen. Die Entwicklung ihrer Firmen litt darunter nicht wesentlich: Aufgrund der Stetigkeit und Zusammenarbeit der Frauen sowie der finanziellen Ressourcen ihrer Familien waren sie bald überdurchschnittlich erfolgreich. Sie entwickelten High-Tech-Produkte in den Bereichen Informatik, Strahlenphysik und Gentechnologie.

Daß sie sich viel Zeit für ihre Töchter nahmen, war um so verwunderlicher, weil nicht klar war, was sie in dieser Zeit eigentlich mit den Töchtern anfingen. Die Töchter waren wie sie: Selbstgenügsam im Spiel, selbstinspirierend und selbstmotivierend, und die Mütter mischten sich da nicht viel ein. Sie saßen bloß da, ohne Buch oder Händi. Auffällig war auch, daß es zwischen Müttern und Töchtern ab dem 3. Lebensjahr kaum noch Körperkontakt gab. Es gab auch so gut wie keine Scherze oder Blödeleien. Dennoch wirkten die Beziehungen zwischen Müttern und Töchtern nicht kalt oder distanziert, sondern sie erweckten den Eindruck einer innigen Verbundenheit. Es ist mir immer rätselhaft geblieben, wie dieser Eindruck entstehen konnte, möglicherweise weil die Töchter seltsam unruhig wurden, wenn mal längere Zeit keine der Mütter im Raum war, egal, ob da noch jemand von den Großeltern oder Vätern saß. – Ich muß wohl kaum hinzufügen, daß die Töchter sich später ebenfalls als hochbegabt herausstellten.

In der Famlie, die ich begleitete, befreundete ich mich mit Kurt und Emil, den Partnern meiner einstigen Schreibabys. Der eine war ein vielversprechender Jurastudent, der andere war bereits in der Unternehmungsberatung seines Vaters aktiv. Da die Eheleute wenig Zeit füreinander hatten, gab es auch wenig Konflikte. Beide Männer fragten mich jedoch um Rat, weil sie den Eindruck hatten, daß ihre Partnerinnen sich ausgiebige körperliche Nähe offenbar verbieten würden, sie wollten nicht kuscheln und Sex gäbe es nur sehr selten und wenn, dann wollten sie bloß „harten“, sie mit Liebkosungen zu bewundern und zu verehren, sei den jungen Frauen langweilig. Kurt und Emil wollten wissen, wie es möglich sei, ihre Frauen dazu zu inspirieren, sich mehr Nähe zu erlauben. Nun, da gibt es seit altersher nur ein Rezept, das glücklicherweise recht einfach ist: Liebe, Geduld, Zeit und Zuwendung. Im Falle dieser jungen Frauen hatte das jedoch nicht den geringsten Erfolg. Sie lehnten außerdem auch jede Form von Paarberatung ab.

Hinzu kam, daß die Männer klagten, die Töchter würden ihnen vorenthalten, sie hätten kaum Kontakt zu ihnen. Die Kinder suchten auch kaum Kontakt zu den Vätern – aber immerhin schon mehr als zu andern Menschen außer ihren Müttern. Das Beste, was die Väter erreichen konnten, war, daß ihre Töchter nach ihnen fragten, wenn sie Mitspieler brauchten. – Ab dem 14. Lebensjahr ignorierten sie ihre Väter fast völlig.

Die ersten Männer zogen bald die Konsequenz aus ihren anhaltenden ehelichen und elterlichen Enttäuschungen. Sie meinten zu ihren Partnerinnen: sie hätten sich wohl beide geirrt und würden doch nicht zusammenpassen, so jedenfalls wollten sie nicht leben. Die betroffenen Ehefrauen zuckten nur mit den Schultern und ließen ihre Männer ziehen. – Natürlich wurde über die Trennungen im Freundeskreis geredet. Dabei nahmen die Frauen eindeutig für ihre Freundinnen Partei, es hieß, sie hätten ihr eigenes Leben, und keine Kapazität für Männer, die nicht genug eigenes Leben hätten, um das akzeptieren zu können. Punkt. Emil meinte, das sei ja von den Männern auch zugestanden worden, niemand habe irgendetwas bewertet, es sei nur ein Mangel an Passung festgestellt worden. „Ja, dann ist doch alles okay!“, meinten die jungen Frauen bloß.

An mir zeigten die jungen Frauen nicht das geringste Interesse, obwohl ich in der Kinderzeit oft mit ihnen – oder besser gesagt: für sie – gespielt hatte. Sie waren skeptisch und äußerten mehrmals im Familienkreis, sie fühlten sich von mir beobachtet. Ich gab das unumwunden zu und verteidigte mich offensiv: „Was erwartet ihr denn? Erstens habt ihr intellektuell ziemlich viel zu bieten, es ist immer interessant, mit euch zu reden, zweitens hatte es ja einen Grund, warum wir euch beobachtet haben: ihr hattet als Kleinkinder große Probleme – und – ja, entschuldigt, aber wenn man Kinder beim Aufwachsen begleitet, dann baut sich eine Beziehung auf, ob man will oder nicht. Es ist mir ein Anliegen, daß es euch gut ergeht, und daher habe ich auch ein Interesse daran, mit euch weiter in Kontakt zu bleiben! Das fachliche Interesse, ob Schreibäbys als Erwachsene unter speziellen Problemen zu leiden zu haben, ist natürlich auch da, ja, aber da gibt es bereits einschlägige Forschungsergebnisse, das allein wäre kein Grund!“ – Sie glaubten mir nicht, und versuchten, mir aus dem Wege zu gehen. Weil ich ihnen aber von klein an vertraut war, duldeten sie meine Gegenwart, wo ein Ausweichen umständlich gewesen wäre.

Auffällig war, daß die Frauen keinerlei Interesse an den Problemen der Welt zeigten – ob Klimakatastrophe, Verbreitung von Autokratien, Wachstum globaler und nationaler Ungleichheit, Hunger, Kinderarbeit, Zwangsprostitution: nichts davon interessierte sie im geringsten. Wo davon länger gesprochen wurde, zogen sie sich zurück, als ginge es um das Fachsimpeln von Fußballfäns. Selbst am wirtschaftlichen Erfolg schienen sie kein wirkliches Interesse zu haben, sie wirkten bei der Unternehmensplanung lustlos, bemüht, genervt, obwohl diese Planungen fachlich an Raffinesse nicht zu überbieten waren.

Sie schienen nur gerne mit ihren Freundinnen zusammen zu sein, und das waren sie online ständig: Sie hatten eine Art eigenes facebook und ein eigenes Computerspiel, beides hatten sie sich selbst entwickelt und teilten es mit niemand anderem. – Es war nicht ganz nachvollziehbar, woraus sie ihre Lebensfreude bezogen: An Zärtlichkeit waren sie nicht interessiert, an Sexualität nur selten. Gutes Essen schien ihnen keinen Genuß und keine Freude zu bereiten. Im Gegenteil: Nahrungsaufnahme schien ihnen lästig und sie hatten schon bald ein Unternehmen für Designerfood gegründet, aus dem sie sich schließlich gänzlich ernährten: sie nahmen alle Nahrung nur noch in Präparaten zu sich. – Freude und Genuß schien ihnen vor allem zu bereiten, mit Freundinnen zusammen behaglich in der Sonne zu sitzen, schweigend, mit geschlossenen Augen, und zu entspannen. Wer sie dabei beobachten konnte, meinte sogar, selbst bei den hartgesottesten von ihnen, ein leichtes Lächeln auf ihrem Gesicht wahrnehmen zu können.

Überraschend war der unwahrscheinliche technische und wirtschaftliche Erfolg der Frauen: Sie machten in den wichtigsten Bereichen der High-Tech-Branchen eine Erfindung nach der anderen. Einige der Ehemänner arbeiteten bald im Unternehmen ihrer Frau, weil der Erfolg der Frauen den ihrer Männer weit übertraf.

Ende der Achziger Jahre gab es bereits rund 50 junge Familien mit Zwilligen oder Drillingen. Nur wenige Frauen der ersten Generation waren noch unverheiratet und kinderlos. Die ersten Familien zogen vom Hügel weg. Sie blieben allerdings zusammen und gründeten Niederlassungen in Amerika und Australien.

Ungefähr sieben Jahren nach der ersten Geburt brachten die Frauen zum zweiten Mal weibliche Zwillinge zur Welt. Aufgrund des geschäftlichen Erfolges konnten sie es sich weiterhin leisten, sich neben dem Beruf selber um ihre Kinder zu kümmern. Bedienstete nahmen ihnen alle Alltagsarbeit ab.

Der geschäftliche Erfolg der Frauen ermöglichte ihnen, alle Häuser an der Pläät aufzukaufen. Sie machten so gute Angebote, daß niemand widerstehen konnte. Dann begannen sie, das Viertel umzugestalten.

Es ging den Frauen nicht um Status, das zeigte sich am deutlichsten bei denjenigen Ehemännern, die ihre eigene Firma hatten: Während die ihre hohen Gehälter in Statussymbole umsetzen – Golf, Reisen, Autos, Designermöbel – beteiligten sich die Frauen daran nicht, sondern sie zahlten sich ein mäßiges Gehalt aus. – Dafür leisteten sie sich viele Dienstleistungen: sie ließen putzen, einkaufen, kochen, waschen usw. – IhrenDienstleistern – es waren ausschließlich Männer! – zahlten sie die gleichen Gehälter, die sie sich selber auszahlten! Alles andere Geld wurde in die Unternehmungen sowie in die Gründung von Zweigstellen investiert – und in den Ausbau ihres Stadtviertels:

Soetwas hatte die Welt bis dahin noch nicht gesehen: Alle Wohnungen und Häuser wurden durch Mauerdurchbrüche miteinander verbunden. Es wurden großzügige Räume geschaffen, teilweise über zwei Etagen. – Auf den Dächern wurden Gärten angelegt und die Straßen von Dach zu Dach mit zahlreichen zierlichen Brücken überspannt! So entstand eine weitläufige idyllische Dachgartenlandschaft! – Die Ruine wurde bis auf die Pfeiler im Untergrund abgerissen. An ihrer Stelle entstand ein riesiges Schwimmbad, und in dessen Mitte eine üppige Blumeninsel mit Säulenpavillion. Das Schwimmbad war privat. Es durften zwar fremde Männer darin schwimmen – u.a. kam auch ich in den Genuß – aber keine anderen Frauen. Darauf achteten die Frauen streng. – Es wirkte zickig, aber es war es nicht. Später erkannten wir den Sinn.

Kurt und Emil fühlten sich zunehmend wie geduldete. Geduldet wurde allerdings auch, daß sie sich Sex im Umgang mit anderen Frauen suchten.

Mehr als die Hälfte der Ehen wurden geschieden. Die Trennung ging jedes Mal von den unzufriedenen Männern aus. Das unangenehmste an den Trennungen war den Frauen – aber auch den Töchtern – das Umgangsrecht: Die getrennten Väter bekamen auf einmal mehr ausschließliche Zeit mit ihren Töchtern eingeräumt, als ihnen in der Zeit der Ehe je zugestanden worden war. – So ging es später auch mit den Töchtern, die die getrennten Frauen mit neuen Partnern oder Geliebten zeugten. – Während die Töchter das zwar nicht toll fanden, aber doch ein wenig damit anfangen zu können schienen, war es den Müttern ein Dorn im Auge. Allerdings – das muß man ihnen lassen – versuchten sie den Umgang nie mit unredlichen Mitteln zu hintertreiben.

Abgesehen davon, gab es auch immer wieder Konflikte wegen der Statusbestrebungen ihrer Männer, vor allem derjenigen, die ins Geschäft ihrer Frauen eingestiegen waren und von den Frauen kein höheres Gehalt zugestanden bekamen als den Dienstboten.“

„Immer Ärger mit den Männern, warum soll es den Frauen auf der Pläät besser gehen als uns“, ulkte meine Frau, die andern Frauen am Tisch lachten, ich wurde verlegen.

„Die meisten Frauen kamen nach 14 Jahren zum dritten Mal mit Zwillingen nieder, wieder waren es nur Mädchen die alle Anzeichen des fetalen Syndroms aufwiesen. Die erste Geburt hatten die Mütter mit Anfang 20 gehabt, jetzt waren sie Mitte 30, sahen aber deutlich jünger aus. So verwunderte nicht, daß sie 7 Jahre später noch ein weiteres Mal mit Zwillingen nieder kamen.

Daß das nicht mit rechten Dingen zuging, wenn über 50 Frauen 4 mal hintereinander weibliche Zwillinge oder Drillinge bekommen, war klar. Aber die Frauen taten alles, damit sich niemand dafür interessierte. Wenn überhaupt, dann ließen sie es zu, über die auffällige Häufung von deutschen Forscherinnen und Ingenieurinnen zu berichten, die Spitzentechnologien entwickelten und deren erwachsene Töchter ebenfalls hochgegabt waren und bei ihren Müttern in die Lehre gingen.

Als die ersten Frauen ihre vierte Geburt hatten, hatten die ersten ihrer ersten Töchter ihre erste Geburt. Diesmal gab es allerdings etwa bei jeder achten zweieiige Zwillinge: Ein Mädchen und ein Junge.

Die Jungen waren deutlich kleiner als die Mädchen. Es zeigte sich, daß ausnahmslos alle geistig stark eingeschränkt waren. Sie bewegten sich wenig, sprachen kaum und schienen an nichts Interesse zu haben außer am Essen. Ihre Spiele waren einfach und einfallslos, dafür konnten sie sie aber endlos wiederholen. Nach der Entwöhnung mochten sie nicht mal mehr mit Mama kuscheln. Dafür begannen sie ab dem 3. Lebensjahr ungewöhlich häufig, sich sexuell selbstzubefriedigen. – Aufgrund ihrer Behäbigkeit und Selbstgenügsamkeit waren sie sehr pflegeleicht. Sie spielten stundenlang das gleiche mit dem gleichen Spielzeug. – Besonders sympathisch wirkte keiner der Jungen. Aber sie schienen das aufgrund ihrer Selbstgenügsamkeit auch gar nicht nötig zu haben. Solange sie keinen Hunger oder keine Schmerzen hatten, nahmen sie mit Fremden keinerlei Kontakt auf, fürchteten sich aber auch nicht vor ihnen. Sprach man sie an, reagierten sie nicht. Es war, als wäre man Luft. Sie spielten auch nie mit einander oder mit anderen Kindern, jeder Junge war ganz für sich.

Möglicherweise hatten die Frauen nicht damit gerechnet, daß ein so hohes regelmäßiges Aufkommen von schwer beeinträchtigen Kindern keine Privatsache bleiben kann. Hier stand eine offizielle Untersuchung an: welche Defekte für diese Behinderung verantwortlich waren und was diese Defekte verursachte – es hätte ja z.B. an der High-Tech-Nahrung liegen können, die die Frauen erfunden hatten. – Außerdem galt es, Art und Ausmaß der Beeinträchtung zu erforschen, um den Jungen eine möglichst gute Entwicklungs- und Betreuungsmöglichkeit zu gewährleisten. Daher machte ich, als der einzige Arzt, der Zugang zu den Jungen hatte, eine Meldung an die Gesundheitsbehörde.

Die Frauen versuchten, sich rechtlich gegen diese Untersuchungen zu wehren. Sie fragten, für wie blöd man sie halte, sie hätten ihre Jungs genauso lieb wie ihre Mädchen und wüßten am besten, was ihnen gut tue. Aber die Juristen machten die Würde des Menschen für die Jungs geltend: Die Würde geböte, nicht damit zu rechnen, daß die mütterliche Intuition allein alles Relevante erkenne, sondern es gelte, das Syndrom und seine Ursachen zu erforschen, um den Jungen eine möglichst gute Förderung zu ermöglichen.

Im Rahmen dieser Untersuchungen wurden die anderen Auffälligkeiten, die ich und einige andere zwar kannten, die bis dahin aber nur als Gerücht galten, zur öffentlichen Tatsache: Daß nur hochbegabte Zwillings- oder Drillingsmädchen im Abstand von 7 Jahren geboren worden waren. Diese Tatsache wurde von den Medien mit den biotechnologischen Forschungen in Verbindung gebracht. Das war zwar Unsinn, weil die Frauen ihre erste Geburt mit Anfang 20 hatten, vor ihren wissenschaftlichen Erfolgen. Jedoch ignorierten die Medien diesen Zusammenhang, den leicht jeder hätte recherchieren können, und hielten an ihrer Behauptung fest, die Frauen hätten selbstentwickelte Fortpflanzungsmanipulationen genutzt. Uns war diese Darstellung ganz recht, wir ließen die Wahrheit im Dunkel der öffentlichen Unaufmerksamkeit, um keine beunruhigenden Spekulationen zu fördern.

Wir hielten es für sinnvoll, noch einmal zu erwägen, daß mit dem Bau des Konzerthauses etwas aus dem Hügel ausgetreten sein könne. Vielleicht war es mit heutigen Meßmethoden meßbar! Wir setzten sogar Methoden ein, die die Frauen selbst entwickelt hatten, hatten aber auch damit keinen Erfolg. – „Wenn wir glauben, aus dem Hügel kommt was raus, aber nichts nachweisen können, den Hügel aber trotzdem weiter unter Verdacht haben: dann schauen wir doch mal in den Hügel rein!“ meinte ich.

Um die Frauen nicht argwöhnisch zu machen, bohrten wir den Hügel heimlich von der Kanalisation aus an. Wir führten Sonden ein, die mit speziellen Verfahren Veränderungen in der Beschaffenheit des Hügels sichtbar machten.“

„Die üblichen Verdächtigen“, lachte die Lehrerin.

„Die üblichen Verdächtigen“, nickte der Psychiater. – „Es zeichneten sich tief im Hügel ausladende Strukuren ab, die eindeutig nicht natürlichen Ursprungs sein konnten. – Sie wissen, was das heißt! Die Geschichte der Stadt und des Hügels war gut dokumentiert, es war ausgeschlossen, daß ein so großes unterirdisches Bauwerk jemals „heimlich“ ausgeführt worden sein konnte. Und es wahr ziemlich unwahrscheinlich, daß die Menschen vor der Zeit der Dokumentation in der Lage gewesen waren, so tief in der Erde derart riesige und symetrisch geformte Gebilde zu errichten. – Naja, daß es von Außerirdischen stammen könnte, war natürlich auch nicht gerade wahrscheinlich aber alles andere war ausgeschlossen. – Und wir sahen noch etwas: Die tief in den Hügel versenkten Stützpfeiler des Konzertsaales waren beim Abriß nicht entfernt worden. Und einer davon hatte offenbar das versunkende Gebilde beschädigt: er hatte seine Hülle durchstoßen. – Dadurch war das Konzerthaus eingesunken.

Wir bohrten die Struktur an, sie erwies sich als verdammt zäh, schließlich konnten wir aber eine winzige Kamerasonde reinschieben. – Wir trauten unseren Augen nicht: da drin war Licht! Ein ganz schwaches fluoreszierendes Glimmen zwar nur, aber genug, um ohne Scheinwerfer zu erkennen, was da lag: Es waren lauter feinsäuberlich aufgereihte waabenartige Elemente, von denen das Glimmen ausging!

Dieser Befund stachelte die Entwicklung neuartiger Meßinstrumente an, bei denen uns übrigens wieder die von den Frauen selbst vorangetriebenen Forschungen die entscheidenen Erkenntnisse lieferten. Die Untersuchungen ergaben folgende Befunde:

Alle Materialien waren bislang gänzlich unbekannte Verbindungen von teilweise noch unbekannten und stabilisierten Elementen. Die Verbindungen mußten mehrere Millionen Jahre alt sein. Die waabenartigen Dinger emittierten eine bis dahin nicht meßbare unbekannte Strahlung, die alles durchdrang, alles, außer einer bestimmten unter extremen Temperaturen zustandekommenden Legierung von seltenen Metallen, die die Innenseite der Behälter auskleidete, die wir im Hügel entdeckt hatten, und die der Stützpfeiler durchbohrt hatte. Dadurch war Strahlung ausgetreten. Allerdings war sie so schwach, daß sie nach nach einigen hundert Metern ihre Wirkung verlor. – Wir schätzten, daß die Außerirdischen hier Behälter mit Strahlenmüll entsorgt hatten, Müll, der vor vielen Millionen Jahren vermutlich um ein vielfaches strahlender und gefährlicher gewesen war.

Die Entdeckung erleichterte uns die rechtliche Durchsetzung aller Maßnahmen, die zur Aufklärung des Zusammenhangs zwischen dem fetalen Syndrom, der unwahrscheinlichen überzufälligen Fortpflanzung, der Hochbegabung und dem Strahlenaustritt notwendig waren. Wir durchsuchten die Firmen der Frauen. Die Dateien, die wir fanden, machten uns fassungslos: Sie belegten nicht nur, daß die behinderten Jungs gezielt durch genetische Manipulationen geschaffen worden waren, sondern sie enthielten auch Informationen über alles, was noch geplant war.

Die Jungs waren allein zu dem Zweck geschaffen, Nachkommen zu zeugen. „Normale“ Männer galten nicht nur als entbehrlich und lästig, sondern auf Grund ihrer väterlichen Einmischungsversuche auch als gefährlich für die Abschottung der Frauen. Die Jungs waren allerdings nur ein Provisorium: sie sollten zur Überbrückung einer Forschungs- und Entwicklungslücke dienen. Das Endziel war: Fortpflanzung durch Klonen. Die Frauen hatten jedoch damit gerechnet, daß noch mehrere Generationen von Forscherinnen notwendig sein würden, bis die Probleme beim Klonen gelöst wären.

Die Forschungen der Frauen offenbarten folgendes: Die Strahlung wirkte nur auf weibliche Organismen. Dort veränderte sie einige Gene sowie einen Großteil des epigenetischen Geschehens. Das hatte die Hochbegabung zur Folge. – Die erste Generation hatte unter den Veränderungen schwer gelitten, die zweite Generation war genetisch schon so verändert, daß sie die Strahlenwirkungen ohne Nebenwirkungen vertrug.

Aus den Unterlagen ging auch hervor, daß die Mädchen etwa ab dem 10. Lebensjahr heimlich, hinter dem Rücken der Erwachsenen, diskutiert hatten, ob ihre Auffälligkeiten mit der Bauruine zu tun haben könnten. Sie begannen auf eigene Faust herumzuforschen und Vermutungen anzustellen. Später entwendeten sie Strahlenmeßgeräte aus dem Physikunterricht und als keine Strahlung zu messen war, hatten sie auch die Möglichkeit erwogen, daß es am Meßgerät liege. Einige hatten daraufhin ihre Hobbyforschungen auf Strahlenphysik konzentriert und die Meßgeräte modifiziert. Sie hätten aber mit ihren schlichten Möglichkeiten nichts finden können, wäre da nicht ein anderer Umstand gewesen: Abenteuerlustig, wie Blagen nunmal sind, hatten die Mädchen sich schon lange vorher einen Geheimweg in die Ruine gebahnt, und waren regelmäßig darin herumgegeistert. So hatten sie schließlich über dem eingesunkenen Stützpfeiler, wo die Strahlung am stärksten war, mit ihren selbstgebastelten Instrumenten eine Auffälligkeit entdecken können. Das hatte sie angestachelt die Sache immer weiter zu erforschen. Was da im Hügel so strahlte, hatte sie dagegen nicht interessiert. Vermutlich konnten die Neunmalklugen es sich denken.

Zum Zeitpunkt unserer Untersuchungen waren sie dabei, eine großindustrielle Produktion von Strahlengeneratoren aufzubauen, die es ihnen gestattete, immer neue Kolonien zu gründen und schließlich den ganzen Planeten damit zu überziehen. Gegen uns Alt-Menschen hatten sie an sich nichts. Sie fanden uns allerdings auch nicht erhaltenswürdig. Sofern wir sie nicht gestört oder bedroht hätten, hätten wir in einigen wenigen Nischen des Planeten weiterleben dürfen. Durch unsere Kriege und unseren Raubbau an der Natur hatten wir für die Frauen alle Ansprüche auf die freie Entfaltung unserer Lebensform, ja, auf unseren Planeten, verwirkt.

Die Behörden wiesen an, die Strahlungsgeneratoren sofort still zu legen, doch mit meiner Hilfe konnten die Frauen auf dem Rechtsweg eine Übergangsfrist erwirken, um den Strahlungsentzug zu erforschen und eine Therapie gegen die Entzugserscheinungen zu entwickeln. Dabei waren sie allerdings zur Zusammenarbeit mit uns verpflichtet.

Alle Frauen mußten sich schließlich einer Entzugsbehandlung unterziehen. Das führte zu Veränderungen: Ihr Intelligenzquotient fiel von über 180 auf Werte zwischen 130 und 140 – sie blieben also deutlich überdurchschnittlich begabt. – Mit bildgebenden Verfahren konnten wir erkennen, daß in den Gehirnbereichen, die für Empathie und soziale Wahrnehmung zuständig sind, einige Bereiche weit stärker ausgeprägt waren, als bei allen anderen Menschen, weite Bereiche dagegen deutlich schwächer. Die begannen nun, nach dem Entzug, zu wachsen. Das führte zu einer Veränderung ihres sozialen Verhaltens: Sie wurden deutlich zugewandter zu uns „Alt-Menschen“, sie wurden humorvoller, sie lächelten häufiger.

Strafen für die verbotene genetische Manipulation konnten aufgrund meiner Intervention abgewehrt werden. Ich konnte darlegen, daß die Gehirne der Frauen durch die Strahlung in einigen Bereichen beeinträchtigt, in anderen in eine Art Rauschzustand versetzt worden waren: In ihren Aufzeichnungen waren die abseitigen Vorstellungen einer geklonten Menschheit verbunden mit nahezu jubelnden Ausführungen über einen Blumenplaneten, auf dem sich alle liebhaben. Es war aus Form und Inhalt dieser Ausführungen eindeutig belegbar, daß diese Utopie für die Frauen zu einer überwertigen Idee geworden war. „Überwertigkeit“ nennen wir in der Psychiatrie, wenn etwas in nicht nachvollziehbarem Maße stets und kompromißlos Vorrang bekommt, in Mißachtung und zum Nachteil oder gar Schaden wichtiger anderer Lebenswerte. – Mir scheint das übrigens in milder Ausprägung auch bei allem, was mit künstlicher Intelligenz u tun hat, der Fall zu sein. Doch dabei handelt es sich nur um eine übersteigerte Begeisterung, nicht um eine Pathologie. Bei den Frauen dagegen gab es eine auffällige Diskrepanz zwischen ihrer Realitätsfähigkeit und dieser nahezu schwülstigen Schwärmerei, die in sonderbarem Gegensatz zu ihrem sonstigen nüchternen und soliden Wesen stand. – Die Frauen wären hirnbedingt nicht in der Lage gewesen, ein Unrechtsbewußtsein im Sinne unserer Gesetze zu entwickeln. Die rechtliche Situation mußte sich für sie so darstellen, daß wir mit Gesetzen, die die Manipulation von männlichen Embryonen verbot, im Unrecht waren, denn Männer erschienen den Frauen als reiner Fortpflanzungs-Appendix ohne eigenes Existenzrecht, ein Appendix, der aufgrund des testosterongesteuerten Verhaltens nichts als Tumult, Gewalt und Unsinn in die Welt bringt …“

„Goethe“, rief die Lehrerin dazwischen,

„… und die Entwicklung der dem Menschen einzig angemessenen und würdigen Lebensweise immer wieder torpediert. Erst nach dem Entzug waren sie in der Lage zu ermessen, was es bedeutet, Menschen – und sei es bloß Männer – als Mittel zu einem Zweck zu gebrauchen. – Es gelang den Frauen, ihre strahlungsinduzierten Illusionen zu durchschauen und sich wieder in die Menschengemeinschaft einzugliedern. – Allerdings finden sie bis heute, daß sie durch den Strahlungsentzug genauso viele Illusionen bekommen, wie verloren haben. Sie erleben unsere Lebensform jetzt bloß als weit wertvoller und sie halten ihre frühere Gleichgültigkeit und Rücksichtslosigkeit für falsch.

Was ich schließlich nicht verschweigen möchte: Wir haben den Überblick verloren. Wir können nicht auschließen, daß einige Frauen untergetaucht sind, wir wissen auch nicht, wieviele Strahlungsgeneratoren insgesamt produziert wurden. So müssen wir davon ausgehen, daß es irgendwo Untergrundkolonien gibt.“

„Hoffentlich!“, entfuhr es der Journalistin. „Wissen Sie was Sie gemacht haben? Sie haben die Frauen verpetzt, ihre Lebensansichten zur Illusion erklärt und eine ganze faszinierende weibliche Kultur zerstört!“

Der Psychiater wurde verlegen: „Naja, Sie haben nicht ganz Unrecht. Aber was hätte ich denn tun sollen? Bedenken Sie: Diese Frauen hatten begonnen, sich behinderte Männer zu züchten, die nur gut für die Fortpflanzung sein sollten! Diese Grenze hätten sie nicht überschreiten dürfen! Da mußten wir eingreifen! –
– Und bedenken Sie auch, daß wir alle hier, auch die Frauen hier am Tisch, auch Sie selber, von dieser Kultur ausgeschlossen waren! Diese Frauen wollten ganz unter sich bleiben. Und das war nicht einmal Snobismus. Sie haben ja gehört, zu welchen Qualen die Strahlung bei der ersten Kindergeneration führte! Die Gründerinnen waren alle Schreibabys gewesen! Niemand kann sich zwar bewußt an etwas so Frühes erinneren, aber unser Gehirn vergißt von Anbeginn nichts, die Leiden waren in den Frauen sozusagen „instinktiv“ noch vorhanden. Und sie wollten diese Leiden andern Kindern ersparen. Daher ließen sie auch keine Frauen auf die Pläät, wenigstens nicht Tag für Tag viele Stunden, daher hatten sie nur männliche Dienstleute und daher durften auch „normale“ Frauen nicht in ihrem Schwimmbad schwimmen, in dem die Strahlungskonzentration besonders hoch war, weil es direkt über der Austrittsstelle lag! –
– Und schließlich, daß muß man wirklich so sagen: Was wäre denn aus uns geworden? Vielleicht noch nicht in unserer Generation aber in den nächsten: Die Frauen waren allen überlegen! Sie hätten die Alt-Menschen immer mehr an den Rand gedrängt. Schließlich hätte es Kriege gegeben, und dreimal dürfen sie raten, wer die gewonnen hätte!“

„Aber die Kriege würden wir selber schuld sein!“ entgegnete die Journalistin, „wir könnten uns ja mit den Gebieten zufrieden geben, die die Frauen uns zugewiesen würden! Und dann würden zwei verschiedene intelligente Spezies unseren Planeten bevölkern! Das wäre doch faszinierend!“

„Nun, da muß ich Ihnen recht geben“, sagte der Psychiater. „Aber es bleibt die Sache mit der Züchtung behinderter Jungs, das ist menschenverachtend, da sind die Frauen einfach zu weit gegangen, und das sehen sie jetzt auch ein.“

„Ach ja, wenn die Männer mal Nachteile haben, ist es gleich menschenverachtend! Aber was machen denn die Männer mit den Frauen! Sie haben eben selbst von Frauen gesprochen, die wie Haussklaven gehalten werden und zum Alkohol greifen, weil sie das nicht aushalten! – Außerdem: Sie können die Aussagen der Frauen, wie sie jetzt sind, nicht werten, Sie haben sie ja um ihr fortgeschrittenes Bewußtsein kastriertet! Sie wurden durch den Strahlungsentzug persönlichkeitsverändert, nicht anders, als wenn ich Sie einer Zwangsmedikation unterziehen würde!“

„Nun, Sie werfen da eine interessante Frage auf! Eigentlich ist es doch umgekehrt, daß sie durch die Strahlung wie mit einer Art Medikament verändert und in Abhängigkeit gehalten wurden. Davon haben wir sie befreit. Jetzt können die Frauen überall leben, ohne einen Strahlengenerator im Handtäschchen mitzuführen! Sie haben sich von der Strahlung emanzipiert!“

„Jetzt verdrehen Sie aber gewaltig die Tatsachen!“, fauchte die Journalistin. Der Psychiater fuhr unbeirrt fort:

„Wir werden in Zukunft dieses Bewertungsproblem noch öfter bekommen: Menschen verändern sich mit regelmäßiger Substanzeinnahme und meinen dann, so verändert eigentlich erst sie selber zu sein. Auffällig ist, daß diese Veränderungswünsche nie mit Genuß zu tun haben, immer mit Leistung: Intelligenter sein, weniger schlafen, mehr schaffen oder auch: mehr vom Unbewußten zu erkennen, als unser Gehirn für uns für gut befindet. Immer ist der Beweggrund: daß die Menschen sich so, wie die Natur sie geschaffen hat, nicht genügen. –
– Ich frage mich immer: was hat der westlichen Zivilisation so eingeschrieben, daß wir Menschen, so wie wir sind, nicht gut genug sind? Was soll diese Streberei? Das hat schon seine Ironie: Streber sind beschränkt, sie streben nach allem Möglichen, nur nicht danach, zu erkennen, was sie eigentlich so zur Streberei antreibt. Das zeigt sich am deutlichsten bei denen, die mit Hilfe von Drogen mehr von ihrem Unbewußten erkennen wollen: Die Gründe, warum sie das wollen, bleiben ihnen unbewußt! Dabei könnten sie die leicht auch ohne Drogen erkennen.“

„Und natürlich sind die blöden intellektuellen Emanzen alle humorlos, verkniffen, sexuell unterkühlt und männerverachtend“, zischte die Unternehmerin, „merken Sie nicht, wie abgeschmackt und klischeehaft Ihre Vorstellungen sind!“

Der Psychiater machte ein hilfloses Gesicht. Die junge Lehrerin meldete sich zu Wort: „Darüber bin ich auch gestolpert. Doch es handelt sich nur dann um Klischees, wenn wir davon ausgehen, daß es sich tatsächlich um eine Gendergeschichte handelt. Aber ich glaube, der Herr Psychiater hat sie uns nur als solche verkauft. Zumindest macht die Geschichte auch Sinn, wenn wir die ganze Genderproblematik mal ausblenden. Überlegen Sie doch mal, wie sich die Geschichte in dreihundert Jahren anhören würde! In dreihundert Jahren…“

„Genau“, unterbrach meine Frau schmunzelnd, „dann würde es sich um eine Geschichte über die Urangst der Männer vor uns Frauen handeln.“

„Was Sie da machen, ist Hexenjagd“, murrte der Redakteur die Unternehmerin an, „aus herausgepopelten isolierten Aspekten zurechtkonstruierte Verdächtigungen und Unterstellungen, wie herabsetzend und unbelehrbar Männer über Frauen denken!“

„In vermintem Geländer sollte man nicht mit Steinen schmeißen“, lachte der Professor. „Der arme Psychiater, warum mußte er es auch „Gendergeschichte“ nennen!“

„In dreihundert Jahren würde niemand auf die Idee kommen, hier gehe es um Vorurteile“, beendete die Lehrerin ihre Ausführungen, „genau genommen geht es in der Geschichte gar nicht speziell um Frauen, man darf das nicht so konkretistisch sehen.“

„Dann ist das aber sehr mißverständlich“, verteidigte sich die Unternehmerin, „man muß vielleicht auch mal daran denken, wie etwas in seiner Zeit gehört wird!“

„Mich würde mal interessieren“, fragte die Ärztin, „wie die Frauen ihr jetziges Leben bewerten im Unterschied zum früheren?“

„Sie finden, ungefähr genauso viel verloren wie gewonnen zu haben. Sie können jetzt nicht mehr so schnell denken und Zusammenhänge erkennen, wie mit ihrer vorherigen Extrembegabung, das erleben sie etwa so, als hätte man ihnen eine Lupe weggenommen. Aber sie schätzen den Zuwachs an Gemeinschaftsgefühl mit allen Menschen, statt ausschließlich miteinander. Ihre Männer beklagen allerdings nach wie vor, daß die Frauen außerhalb seltener Liebesakte wenig Lust auf körperlich Nähe haben.

Was für die Frauen das Pendel zu Gunsten ihrer jetzigen Lebenform ausschlagen läßt, ist, daß sie erleichtert sind, keine behinderten Kinder mehr zu züchten. Es ist ihnen jetzt sehr peinlich, daß es so weit gekommen ist. Allerdings scheuen sie nicht, darauf angesprochen zu werden. Sie sind jederzeit bereit, zu ihrer „Fehlentwicklung“, wie sie das nennen, Rede und Antwort zu stehen. – Da kann ich mir selber ein wenig auf die Schulter klopfen: Die Frauen nutzen zu ihrer Entlastung meine Befunde und Argumente, die ich bereits für ihre Verteidigung angeführt hatte.

Was sich nicht verloren hat und für uns Außenstehende nicht nachvollziehbar, ja, für einige beunruhigend ist, ist ihre Lieblingsbeschäftigung: Sie finden sich immer gerne zusammen, liegen dann in einem ihrer Dach- oder Wintergärten und tun einfach nichts. Sie liegen bloß zusammen da, schweigend, stundenlang, und wirken dabei entspannt bis zum Lächeln. Und niemand weiß, was in ihnen vorgeht.“

 

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