Splitter

von Daniel Seefeld

Vorbemerkung

Vielleicht zeichnet sich bei diesen Geschichten wenigstens ab, was in der Auseinandersetzung mit dem Rätsel menschlicher Grausamkeit literarisch sinnvoll ist und was nicht; denn jede Form, Grauen zur Sprache zu bringen, ist schon eine Verharmlosung, eine Illusion der Integrierbarkeit des Unintegrierbaren. – Aber es nicht zur Sprache zu bringen birgt eine andere Gefahr: nicht dran zu denken. Tatsächlich sind die Suggestionen des funktionierenden Alltags in unseren reichen, befriedeten Ländern so stark, daß wir de facto meist so tun, als wär nichts.

Literatur mit Splitterwirkung ist unangenehm. Sie hat nichts mit dem Thriller- oder Horrorgenre zu tun. Sondern man möchte sie am liebsten nicht gelesen haben.

Beispiele für Literatur, die Splitter in der Seele zurückläßt, sind:

  • Goethes Darstellung von Margarete im Kerker.
  • Schillers Darstellung der Inquisition.
  • Aitmatovs Schilderung von den Grausamkeiten der Steppennomaden.
  • Kafkas Schilderung eines „Prozesses“ in „der Verschollene“.
  • Einige Novellen Guy de Maupassants, die beim Lesen oft harmlos, ja grotesk wirken und erst nachträglich ihre Splitterwirkung entfalten.

Ein „Splitter“ ist jede Geschichte, bei der man es seltsam unangemessen empfinden würde, Sätze zu sagen wie: „am besten von allen hat mir diese gefallen“. (Es ist wie in der Musik: Bei Schönbergs „Gurreliedern“ kann man eventuell noch sagen, sie hätten einem gut gefallen – bei seinem Oratorium „Ein Überlebender aus Warschau“ nicht.)

Die „Splitter“ stellen die Frage, wie es möglich ist, daß Menschen Menschen Leid antun. Wie sie es schaffen, weder empathisch noch vernünftig zu sein. Ja, wie sie es schaffen, Leid zu zu fügen oder von der Zufügung von Leid zu profitieren, und dabei zu glauben, daß das schon in Ordnung sei; statt daß dieses Leid der anderen ihnen wie Splitter in der Seele sitzt und immer unerträglicher wird.

 

Mozart

Korja ist drei, als ihm auffällt, daß er immer innehält und zuhört, wenn der Vater auf der Triss spielt, einem Saiteninstrument. Korja ist dann ganz Ohr. – Korja will auch auf den Saiten spielen, der Vater zeigt ihm Griffe, jeder Ton ist ein Wunder. – Der Vater staunt, als er Korja spielen sieht. – Bald spielt Korja so, daß es dem, was der Vater macht, schon manchmal ähnlich klingt.

Korja ist fünf, als sich ihm zum ersten Mal die Frage stellt, warum der Vater auf der Triss manches nicht macht, was man doch machen könnte. Diese Frage stellt sich ihm jetzt sich immer öfter.

Korja ist sieben. Ein weiteres Geschwisterchen wird geboren, das vierte. Die Eltern führen Korja zu einem Mann und verabschieden sich von ihm, ganz zärtlich und liebevoll, beide haben Tränen in den Augen. Korja fühlt sich so geliebt! Es kann nichts Schlechtes sein, zu dem die Eltern ihn schicken, damit sie das Schwesterchen ernähren können. Der Mann ist bloß so komisch ungeduldig und scheint gar keine Zeit zu haben, sich über Korja zu freuen, so wie die anderen Erwachsenen, die Korja bisher kennengelernt hat.

Er kommt in ein Schloß. In einem Kellerraum gibt es viele Strohmatten, davon kriegt er eine zugewiesen. Es ist aber nicht allein seine, er muß sie sich mit einem anderen Jungen teilen. Die Jungs, die er sieht, grinsen ihn an. Korja kriegt gezeigt, wie er in den großen hellen Zimmern die kostbaren Kerzenständer und Figuren aus kühlem dunklen Metall putzen muß. Ein älterer Junge, der vorbeikommt, haut ihm in Gesicht und grinst dabei. Korja fragt, warum er das tue, aber der Junge legt nur seinen Finger an den Mund, denn da ist schon der Aufseher und fährt Korja an, daß er in den großen hellen Räumen zu schweigen habe.

Als Korja am Abend den Schlafkeller betritt, halten ihn zwei der älteren Jungen fest. Ein dritter stopft ihm Strümpfe in den Mund und zieht ihm die Hose aus. Korja hat noch nie solche Schmerzen gehabt, er versucht sich zu wehren, aber sie halten ihn zu fest. Die andern Jungs machen das gleiche mit ihm. Die überraschend starken Schmerzen lenken Korja ab von einem anderen Gefühl – das wird immer übler – es ist ihm völlig neu, es ist ganz komisch, es ist kein Schmerz, aber dennoch schlimm, aber anders als alles was Korja kennt. Und obwohl es nicht eigentlich weh tut, fühlt es sich seltsamerweise bald schlimmer an als der Schmerz, so schlimm, daß Korja denkt: damit kann er nicht mehr leben.

Als sie ihn loslassen, rennt Korja schreiend aus dem Raum. Da kommt der Aufseher und herrscht ihn an, ruhig zu sein und zurück zu gehen. Korja kann nicht aufhören zu schreien. Da schlägt der Aufseher ihn. Immer mehr. Bis Korja aufhört zu schreien.

Am nächsten Tag steht Korja nicht auf. Der Aufseher kommt und schlägt ihn. Da steht er auf. Aber er steht nur herum, stumm, egal, wo man ihn hinführt. Selbst durch Schläge ist er zu nichts zu bewegen, nicht zu dem einfachsten Handgriff. Schließlich kommt eine Frau mit einem Topf. Sie ziehen ihm wieder die Hosen aus und die Frau gießt kochend heißes Wasser über seinen Hintern. Dann bringen sie ihn, weil er nur noch schreit, in eine kleine Kammer, so klein, daß er nur stehen kann, und schließen die Tür zu. Es ist stockdunkel. Sie sagen ihm, dort könne er jetzt schreien, soviel er wolle. Wenn er wieder arbeiten wolle, würden sie ihn heraus lassen.

Abends bringen sie ihm ein Glas Wasser. Am andern Morgen kommt der Aufseher und fragt ihn, ob er wieder arbeiten will. Korja nickt. Aber beim besten Willen, er kann nicht arbeiten, nicht richtig. Er macht nur ab und zu fahrige Bewegungen. Der Aufseher schimpft. Die älteren Jungs grinsen. Der Mann, der ihn von den Eltern abgeholt hat, kommt, und sagt ihm, daß es besser wäre, wenn er hier arbeiten würde. Arbeiten müsste er und wenn nicht hier, dann käme er in die Fabrik. Und hier wäre es besser. Viel besser.

Korja versucht zu arbeiten. Aber es gefällt dem Aufseher nicht, wie er arbeitet. Da bringen sie ihn in die Fabrik. Dort ist noch ein viel größerer Raum mit Strohmatten und viel mehr Kindern. Auch hier sind fast alle älter als Korja. Korja will weglaufen, aber das geht nicht, die Mauer ist zu hoch und am Tor halten ihn die Aufseher zurück und schlagen ihn.

Er wird an eine Maschine in einer riesigen Halle gestellt. Dort muß er immer einen Hebel bedienen, wenn eine Lampe aufleuchtet, und einen anderen, wenn eine Glocke schrillt. Die Luft ist dick und riecht unangenehm und komisch.

Abends tun die älteren Jungs ihm wieder weh und er muß Sachen mit ihnen machen, die ihn ekeln. Er versucht wieder wegzulaufen, aber wird wieder bloß verprügelt. Er denkt daran, daß er sein Schwesterchen ernähren muß und daß die Eltern ihn bestimmt bald besuchen kommen, und wenn sie sehen, was hier los ist, daß sie ihn dann sofort mitnehmen. Deshalb fügt er sich in alles.

Je länger die Eltern nicht kommen, desto zuversichtlicher ist er, daß sie bald kommen. Daß die andern ihn deshalb auslachen und ihm sagen, die würde er nie wieder sehen, kann er nicht glauben. Er hält es für wahrscheinlicher, daß das nur ein Teil ihrer Schickane ist.

Wenn er denken kann, denkt Korja jetzt immer öfter auch an Vaters Triss. Meist abends, vor dem Einschlafen, nachdem er an Vater und Mutter gedacht hat. Er malt sich dann aus, was er auf der Triss spielen würde. Und er hat immer tollere Ideen! Das fühlt sich irgendwie so gut an, sich diese Musik vorzustellen! Und er freut sich auf die Zeit, wo er Gelegenheit haben wird, sie auf der Triss zu spielen.

Als die Eltern immer noch nicht kommen, wird Korja krank und muß zur Arbeit geprügelt werden. Er wundert sich, daß er nicht stirbt. Nach zwei Jahren wird Korja nicht mehr so von den älteren Knaben gequält, denn er hat Freunde gefunden, Verbündete, und es sind genügend neue, jüngere Knaben da. Anfangs will Korja sie schützen. Aber er kann nichts ausrichten und wird wieder bloß geprügelt und vergewaltigt und seine Freunde drohen, sich von ihm abzuwenden. Da wird ihm das Los der Neuen ihm schnell egal. – Dennoch bohren ihre Schreie sich in ihn, es ist wie eine Wunde, die immer wieder aufgerissen wird.

Korja denkt jetzt immer weniger an die Eltern. Er glaubt, man habe seinen Eltern gesagt, daß er tot sei. Er glaubt, daß die deshalb nicht kommen.

Korja versucht immer wieder auszubrechen, aber die Fabrik ist zu gut gesichert. Er handelt sich nur wieder Prügel und Hunger ein und Schikanen der anderen Jungs, die für seine Ausbruchsversuche mit bestraft werden.

Korja denkt jetzt immer mehr an die Triss. Er weiß manchmal aber nicht, ob das ein Segen ist oder ein Fluch, denn es beginnt ihn zu quälen, daß er die Musik, die er sich vorstellt, nie richtig hören kann. – Und es ist so unbefriedigend, daß er sie mit niemandem teilen kann! – Er versucht mehrmals, sich so etwas wie ein Musikinstrument zu bauen, aber die andern Jungs zerstören es ihm immer, hämisch.

Korja ist 10, als ihm bewusst wird, daß er in der Fabrik nie ältere Leute sieht. Und wenig später wird ihm bewusst, daß die jungen Erwachsenen alle irgendwie komisch sind. Irgendwie. Mit 13 bekommt Korja immer mehr den Eindruck, daß ihm nichts Neues auf seiner Triss im Kopf einfällt. Mit 14 wird er immer enttäuschter und genervter davon, daß ihm immer nur noch dasselbe einfällt. Mit 15 hat er immer weniger Lust, abends vor dem Einschlafen an seine Triss zu denken.

Lange hat er sich dagegen gewehrt, mit den kleinen Jungs das zu machen, was mit ihm gemacht wurde. Schließlich lässt er sich doch dazu überreden, weil man ihn fragt, warum die es besser haben sollten als er und seine Freunde es gehabt haben. Und er muß sich beschämt eingestehen, daß es mehr Spaß macht, als seine Triss im Kopf. Aber es ist ein Spaß, der eigentlich nicht wirklich Spaß macht. Doch die Luft in der Fabrik ist so betäubend, daß er das fiese Gefühl, das dieser Spaß ihm macht, weniger fühlt als den Spaß. Das Spaßige ist stärker. Nur selten wird der Widerwille so groß, daß er es nicht macht.

Mit 16 versteht er plötzlich, was das bedeutet, was alle hier immer schon scherzhaft gesagt haben: Sie würden hier alle früh blöd. Die dicke, unangenehm komische Luft macht den Kopf kaputt! Es wird ihm immer klarer, was das bedeutet, wenn er die älteren sieht und wenn er vergleicht, was er sich früher an Musik vorstellen konnte und was jetzt. Er kriegt Panik: sein Kopf geht kaputt! Doch die Ausbruchsversuche sind – wie früher – zwecklos und schmerzhaft. Die Fabrik ist zu gut gesichert.

Mit 17 ist ihm fast egal, daß sein Kopf kaputt geht. Nur so ein unangenehmes untergründiges Gefühl geht nicht weg, das sich manchmal bis zur Panik steigert. Aber immer seltener. Und die Panik wird immer flüchtiger.

Mit 20 ist das Gefühl weg. Er fühlt überhaupt nichts mehr. Dunkel erinnert er sich noch an die Triss, noch dunkler an die Eltern. Er gehört jetzt zu denen, über die sich die Jüngeren lustig machen, weil sie so komisch sind. Aber mit 21 stört ihn auch das nicht mehr. Mit 22 nimmt er es gar nicht mehr wahr.

Als er 21 wurde kam ein Mann und sagte: er wäre jetzt volljährig und könne selber bestimmen, ob er bleiben wolle oder nicht. Er könne gehen, dürfe aber auch bleiben. – Aus Instinkt geht Korja.

Aber er weiß nicht wohin. Keiner kann ihm sagen, wo seine Eltern sind aber selbst wenn es ihm jemand gesagt hätte, hätte er den Weg nicht gefunden. Korja lungert auf der Straße herum, schläft draussen, hat Hunger, ist auf Allmosen angewiesen. Da geht er zurück in die Fabrik.

Mit 27 kann er sich kaum noch bewegen und hustet fast ununterbrochen. Der Husten ist quälend. Sie schicken ihn fort. Er klopft immer wieder ans Tor, er will wieder rein, wird aber immer wieder weg gejagt. Er weiß nicht, wohin. Er weiß auch nicht, woher er kam. Er weiß nur noch seinen Namen.

Er steht in den Straßen herum, mit anderen, die so aussehen, wie er. Leute in bunten Kleidern werfen ihnen was zu, kleine Münzen oder Stücke Brot. Zwei Jahre geht das noch so. Als er tot ist, entfernt man ihn aus dem Straßenbild wie einen Kadaver.

In den reichen Ländern gibt es dafür ganz billige Sachen.

(Link: Informationen über Kinderversklavung)

 

Unreife

Ein Volk war in 9 Königreiche zerfallen, bis einer der Könige die Gemeinschaft gleicher Herkunft beschwor, die andern Könige von sich abhängig machte, sich zum Kaiser ausrief und eine Dynastie begründete. Durch eine weise Einrichtung, die die Einheit des Ganzen mit der Eigenständigkeit der Teile verband, blühte das Reich auf und nahm Generation für Generation an Reichtum und Stärke zu.

Gegen Ende dieser gesegneten Zeit wurden einem der Könige drei Söhne geboren: der erste als Thronfolger, der zweite als Oberster Priester, der dritte als Heerführer. Fünfzehn Jahre nach der Geburt des dritten Sohnes trug die Königin wieder ein Kind unter dem Herzen, in einem Alter, in dem es niemand mehr erwartet hätte. – In der Kaiserzeit glaubte man, die Seele käme erst nach dem dritten Monat in das Kind. Dieser Glaube hatte dem Reich Geburtenplanung ermöglicht: keine Frau sollte vor dem 21. Lebensjahr gebären und keine mehr als vier Geburten haben. Diese Regel hatte zu Wohlstand und Frieden geführt. – Auch dem Königspaar wurde Abtreibung nahe gelegt, weil man, im Falle, daß es ein Junge würde, spätere Machtkämpfe befürchtete, denn für den vierten gab es kein machtvolles Amt mehr. Doch König und Königin waren sehr kinderlieb, sie brachten es nicht übers Herz, wegen eines nur gemutmaßten Übels die unerwartete Leibesfrucht abzutreiben. Sie kamen zu dem Schluß: im Falle, daß es ein Junge würde, müßten andere Wege gefunden werden, Machtkämpfe unter den Brüdern zu vermeiden. – Es wurde ein Junge.

Die Mutter starb bei der Geburt und als der Knabe 9 Jahre alt war, starb sein Vater. Gemäß seiner Weisung kam das Kind zu den „weisen Leuten“: Verdiente Paare jedes Standes, die neben ihrem Beruf ein Leben der Erkenntnis und Vervollkommnung gelebt hatten, konnten ab dem 50. Lebensjahr, wenn die körperliche Liebe allmählich besonderer Kultivierung zu bedürfen beginnt, in abgelegenen Klöstern ganz ihrer Heiligung leben, sie wurden schwerer Arbeit und Verantwortung enthoben, übten Besinnung, Gelehrsamkeit und Liebeskunst, und waren tätig als Lehrer und Ratgeber. Dorthin kam der Knabe, wie viele andere verwaiste Kinder auch. Er war ein aufgeweckter Junge aber ohne besondere Begabung.

Mächtige Horden aus den Weiten der Steppen begannen, das Kaiserreich heimzusuchen. Eine Zeit kriegerischen Grauens brach an. Der junge König und sein Bruder, der Heerführer, fielen in der endlosen Reihe der Schlachten. Dem Reich gelang es, die Horden zu zersprengen, ihre Anführer zu fangen und als Geiseln festzusetzen und so den Frieden wieder herzustellen. Doch das Reich lag verheert. In vielen Landstrichen waren seit Jahren immer wieder die Felder verwüstet und die Ernten vernichtet oder geraubt worden. Der Hunger hatte mehr Menschen getötet als der Krieg. Die Überlebenden waren entkräftet, tödliche Krankheiten breiteten sich aus. Sie machten vor den Palästen nicht halt. Auch der neue König, der dritte der Brüder, fiel ihnen zum Opfer.

Kem, der jüngste der Brüder, hatte die Zeit des Grauens fern ab des Geschehens verbracht. – Er war 19, als ihm die Königswürde angetragen wurde. Doch er hätte sie gerne jemandem überwälzt. Kem wollte ein Weiser und großer Liebender werden, ein Gelehrter und Ratgeber, kein Verantwortungsträger. Aber der Glaube der Menschen war stark, der Glaube an Blut und Vorsehung, und die Menschen waren entmutigt und verängstigt, und das machte den Glauben noch stärker. Es hieß, Kems Mutter hätte in ihrem Alter kein Kind mehr empfangen können, wenn es nicht der Wille des Himmels gewesen wäre, das königliche Geschlecht über die Zeit des großen Sterbens hinüber
zu retten, um den Neuanfang in seine Hände zu legen. – Die Überlebenden bedurften der Hoffnung und des Trostes und beides fanden sie in dem Glauben an die himmlische Sendung Kems.

Kem, in der Lehre der Weisen erzogen, glaubte nicht an diese Sendung. Er hatte gelernt, angebliche Zeichen des Himmels so oder so deuten zu können, er hatte gelernt, daß es eine Anmaßung sei, den Willen des Himmels in irgendetwas erkennen zu wollen. Alles konnte eine Fügung des Himmels sein und nichts. So hatte sich in Kem der Glaube der Weisen verfestigt: daß dem Menschen sein Schicksal auf Erden selbst überlassen sei, was es auch immer mit dem Himmlischen auf sich haben mochte. – Um den Menschen aber nicht die Hoffnung zu nehmen, um nicht die Gefahr heraufzubeschwören, daß sie in schlimmerem Glauben Heil suchen würden, folgte Kem dem Rat der Weisen und wurde König.

Der Kaiser hatte, um den Frieden mit den Horden zu sichern, empfohlen, möglichst viele Ehen von Söhnen und Töchtern der Bedeutenden des Reiches mit Söhnen und Töchtern aus den Häuptlingsfamilien der Horden zu schließen. Kem war einer der wenigen, der sich an diese Empfehlung hielt. Die meisten hätten sie es nicht über sich gebracht, die Feindschaft abzulegen, außerdem galten ihnen die Hordenmenschen als häßlich und primitiv. Kem dagegen sah an den Fremden nicht das gleichförmig Fremde sondern das jedem unverwechselbar eigene. Und sein durch Bildung entwickelter aber noch unbewußter Sinn für Charakter wurde unterstützt von den Weisen, die in den Gesprächen mit den jungen Frauen ganz beiläufig erkannten, wie stark Bestreben ausgeprägt waren über Macht und Status hinaus. So kam Kem von seinen Reisen zu den Horden mit Gaiva zurück, einer jungen Frau, wie er schöner und charaktervoller im Kaiserreich keine gefunden hätte. Er war da 20 und sie 18.

Obwohl Kem als weltfremd erzogener und unerfahrener junger Regent viel nachzuholen hatte und dem Reich die größten inneren Wirren seit seinem Bestehen bevorstanden, sorgten die Weisen dafür, daß die jungen Liebenden in den ersten Jahren viel Zeit miteinander verbringen konnten. Das waren ihre wundervollsten Jahre.

Für das Volk war die neue Königin ein Schock. Doch weil sie an die himmlische Bestimmung ihres Königs glaubten, waren sie bereit, die Heirat für richtig zu halten. – Der Kaiser aber sank durch seine Empfehlung noch weiter in der Gunst von Adel und Bürgern. Dabei war es seiner Regierungs- und Kriegskunst zuzuschreiben, daß das kaiserliche Herr gut ausgestattet und trainiert, und gut geführt gewesen war, so daß selbst in den größten Wirren die zerschlagenen kaiserlichen Haufen wieder zusammen fanden und immer erfolgreich Widerstand geleistet hatten. Ohne die sinnreichen Einrichtungen des Kaisers wäre das Reich von den zahlenmäßig weit überlegenen Horden überrannt worden. Doch man verargte es dem Kaiser, daß er sich vom Kriegsgeschehen in eine weit abgelegene, pompös ausgestattete Bergfestung zurückgezogen hatte, statt das Leid seines Volkes zu teilen.

Kem aber hielt zum Kaiser. Er sah es so, daß der Kaiser als das Haupt seines Volkes besonderen Schutz verdient gehabt habe. Und Kem hatte insofern Recht, als das Können des Kaisers, die Zweckmäßigkeit seiner Anordnungen, die nie ausgeblieben waren, das Reich zusammengehalten und gerettet hatten. – Doch die Menschen sahen nur, daß er sich abgesetzt und sie allein gelassen hatte. Und sie hatten insofern Recht, als manche Neuordnung von zerschlagenen Truppenteilen, mancher Feldzug und mancher Rückzug besser gelungen wäre, wäre der Weg zum Kaiser kürzer gewesen, hätte er riskiert, näher am Geschehen zu bleiben.

Der Autoritätsverlust des Kaisers wog um so stärker, als die Autonomie der Könige durch die Kaiserferne erstarkt war, die Könige waren zu oft auf ihre eigenen Entscheidungen angewiesen gewesen. So drohte das Reich jetzt zu zerfallen. Der Kaiser rüstete gegen die Abtrünnigen. Doch selbst die getreuesten Könige waren kriegsmüde, ihre Völker murrten, und einige versagten dem Kaiser die Gefolgschaft. Sie sahen nicht ein, daß nur ein erneuter Krieg das Reich wieder einigen könne. Der Kaiser schaffte es nicht, ein Heer aufzustellen.

Außer Kem ordneten sich nur noch drei weitere Könige dem Kaiser unter. Kem hatte kein Bestreben, sein eigener Herr zu sein. Er fand das frühere Kaiserreich wohlgeordnet und zweckmäßig eingerichtet, und fragte sich, was die anderen Könige sich davon versprachen, sich anders einzurichten. Das Übel war, daß er sich das nicht nur selber fragte, sondern auch die andern Könige. Er wurde verspottet als altkluger Besserwisser, als des Kaisers Musterknäbchen, als weltfremder Klosterzögling, als Karrierist, Feigling und wenig mannhaft.

Während Kem die alte Ordnung beibehielt, gestalteten die abtrünnigen Könige ihre Reiche nach eigener Facon. Aber es waren keine eigentlich neuen Ordnungen, die dadurch entstanden, sondern ältere, vor-kaiserliche Ordnungen, Gesetze und Glaubensvorstellungen gelangten wieder auf den Thron: Die Geburtenrichtlinie wurde aufgehoben und Abtreibung verboten. Es hieß, das Kaisertum habe sich frevelhaft am ungeborenen Leben vergangen und das Volk werde jetzt befreit von der widernatürlichen Gängelung der Fruchtbarkeit des Leibes.

Als der Kaiser starb, stellte sein Sohn auch im Restreich Abtreibung unter Strafe. Er propagierte, um das Großreich wiederherzustellen, sei es nötig, die Geburtenrate zu steigern, bevor man gegen den Kinderreichtum der Abtrünnigen keine Chance mehr habe. Doch damit verstieß er nicht nur gegen das ausdrückliche politische Testament seines Vaters, sondern auch gegen den Willen der kaisertreuen Könige und des Volkes. Man war der Auffassung, es müsse auch andere Wege geben, sich militärisch zu behaupten, als Soldaten zu züchten.

Mit der Annullierung des Kaisertestaments sahen sich die Bedeutenden des Restreichs nicht mehr der kaiserlichen Dynastie verpflichtet. Es kam zum Umsturz. Der mächtigste König übernahm die Kaiserkrone, und es wurde festgelegt, daß die Thronfolge künftig nicht mehr blutsverwandschaftlich festgelegt sein, sondern von den höchsten Fürsten per Wahl entschieden werden sollte. Kem war 35, als die erste Wahl auf ihn fiel, ohne daß er irgendeinen Ehrgeiz gezeigt hätte, sondern allein, weil er sich bewährt hatte in der Lösung schwerer Konflikte, so daß die meisten Fürsten sich allseitigen Gewinn von seiner Wahl versprachen.

Kem wollte den alten Anspruch des Kaiserreiches nicht aufrechterhalten, sondern die Autonomie der Abtrünnigen anerkennen und das Restreich in einen Königsbund umbenennen. Er argumentierte, es könne dadurch nichts verloren gehen, weil die Rückkehr der Autonomen in den Bund in keiner Weise behindert würde, im Gegenteil, die Autonomen behielten ihre freie Entscheidung und könnten ihr Gesicht wahren. Doch die anderen Könige widersprachen ebenso heftig wie einmütig. Kem entschied sich, nach zu geben, der Frieden in den Herzen der Verbündeten schien ihm wichtiger, als die Versöhnungsgeste für die Abtrünnigen.

Dem Restreich kam zugute, daß die abtrünnigen Königreiche zerstritten waren, untereinander um Gebiete kämpften, und, als die Bevölkerungszahl sich mehrte, die friedlich gewordenen Horden angingen, um sie zu unterwerfen, denn die Horden lebten großzügig und weit verstreut und die autonomen Könige hießen es eine Sünde, die Erde so ungenutzt zu lassen, und leiteten daraus ab, gegen die Horden alle Rechte zu haben.

10 Jahre nachdem Kem die Krone des Restreichs angenommen hatte, hatte der mächtigste der Autonomen, König Drass, sein Reich weit in die Steppen hinein vergrößert und einige der Horden unterjocht, teilweise ausgerottet, teilweise verjagt, teilweise als Knechte für seine Bürger und als Krieger verdingt. Er hatte zunächst in Personalunion, dann durch Vereinigung zwei weitere der 5 autonomen Königreiche unter seine Herrschaft gebracht und die übrigen Könige zu willfährigen Vasallen degradiert.

Das Restreich hatte sich in all diesen Jahren gut entwickelt. Der Wohlstand und die milden Sitten der Vorkriegszeit hatten sich wieder eingestellt. Es wurden immer weniger Kinder geboren. – In den neuen Königreichen dagegen war die Bevölkerungszahl explodiert. Es zeichnete sich ab, daß die neuen, den Horden abgerungenen Gebiete, bald zu klein sein würden. Immer mehr Familien lebten an der Grenze zum Hunger. Ohne die Einfuhr von Getreide aus dem Restreich hätte es Not gegeben. – König Drass sah die Zeit reif werden für einen lang gehegten Plan: nach seinen Regeln das Kaiserreich wiederherzustellen und den Grundstein dafür zu legen, es mächtiger zu machen den je, durch Unterwerfung der Nachbarvölker.

„Wozu?“, hatte ihn Kem auf einem Treffen der Könige mal gefragt, darauf hatte Drass bloß und gezischt: „Du Memme!“ Aber die einmal Kems Mund entsprungene Frage konnte Drass damit nicht aufhalten. Sie verschwand ins Volk und pflanzte sich fort, vielfach, aus jedem Mund, der sie aussprach. Konnte Drass die Münder auch töten, dem Wort kam er nicht bei, und das Wort fürchtete er mehr, als alle Schwerter des Restreiches. Drass begann, Kem zu hassen, und der Haß wurde um so stärker, je öfter Drass merkte, daß selbst bei ihm das „wozu?“ seine anfängliche Nichtigkeit verlor, daß es ihn öfter heimsuchte, morgens, im Dämmer zwischen Schlaf und Wachheit. Das hatte dieses Omasöhnchen, dieses Klostergezücht also vermocht: ihm, König Drass, einen memmenhaften Keim einzupflanzen, der nicht auszutilgen war!

Drass ließ Witze über den „Restreichkaiser“, wie er ihn nannte, ausstreuen: Was habe der neue Kaiser mit einem Hurensohn gemeinsam? Den Verhütungsfehler. – Spottverse gingen um: „Der Mönch auf dem Thron ist einer Oma ihr Sohn“. „Wenn Kaiser Hordentöchter freien, dann kann nur Sünd und Schand gedeihen.“ Dazu peitschte Drass den Zorn seiner Untertanen an, in dem er die Weizenimporte so darstellte: Im Kaiserreich würde Unzucht getrieben und Massenmord an ungeborenem Leben verübt, und mit der auf diese Weise durch Laster, nicht durch Verdienst erreichten überschüssigen Fruchtbarkeit der Felder würde Wucher getrieben, indem die Not der Himmelstreuen ausgenutzt werde. Der Reichtum des Restreichs basiere auf der Plackerei der Menschen in den Neuen Königreichen. Himmelstreue, Gehorsam und Fleiß hier förderten Faulheit, Laster und Sünde dort.

Drass sammelte seine Truppen. – Nach tagelangen Besprechungen mit allen Mächtigen und Weisen des Restreiches beschlossen Kem und seine Könige, dem Heer der Autonomen keinen Widerstand zu leisten. Das Heer des Restreichs war zwar besser ausgebildet und bewaffnet, aber zahlenmäßig weit unterlegen, so daß ein langer verheerender Krieg zu erwarten war, mit ungewissem Ausgang. – Doch dann ließ Drass verkünden: Würde es Krieg geben und er den Sieg erringen, würden alle Ärzte und Hebammen, die Abtreibungen vorgenommen hätten, als Massenmörder gesteinigt. Und alles Eigentum von Familien, in denen Leibesfrucht gemordet worden wäre, würde der Krone anheim fallen, und als Leibesfruchtmörderin gelte jede Frau, die ab ihrer Verheiratung nicht alle zwei Jahre eine Geburt gehabt habe.

Es war einsichtig, daß hier ein ganzes Volk enteignet werden sollte, um die Kriegswilligkeit eines anderen Volkes mit Eigentumsversprechungen anzustacheln. Dennoch versuchte Kem, den Verzicht auf Verteidigung durchzusetzen. Er fürchtete, daß nach den Nöten und Grausamkeiten eines verheerenden Krieges das Martyrium der Ärzte und Hebammen und die allgemeine Enteignung doch kommen würden. Und er erklärte, daß ein besserer Weg gefunden werden könne, Ärzte und Hebammen zu schützen, und daß Enteignung ein kleineres Übel sei als Verheerung. Aber das Volk rebellierte gegen seine Entscheidung und verlangte, daß er das Heer mobilisiere oder abdanke.

Kem, unsicher, wie die Erwägungen mit den Mächtigen und Weisen ausgehen würden, hatte im Geheimen seine Truppen längst mobilisiert, und schlug für alle völlig überraschend los. In diesem Vorgehen hatte er die einzige Chance gesehen, einen Krieg zu führen, der nicht von vorn herein aussichtslos war. Er überrumpelte das Heer der Autonomen und schlug es in die Flucht. Mit einem Sieg nach dem andern trieben Kems Meisterkrieger Drass´ Truppen vor sich her. Gefragt, warum er sich darüber nicht freue, verwies Kem auf das Kommende: Drass hob immer neue Truppen aus, immer jüngere Männer bis hinunter zum 16. Lebensjahr, halbe Kinder, kaum ausgebildet und schlecht ausgerüstet, aber zu tausenden, abertausenden. Und zu tausenden, abertausenden fanden sie auch den Tod. Hohe Wälle von jungen Toten säumten Kems Weg.

Doch Sieg für Sieg blutete auch Kems Truppe immer mehr aus und keine Seite vermochte, eine Entscheidung herbeizuführen. Der Krieg dauerte länger und länger, Jahr für Jahr wurden die Felder verwüstet, immer mehr Menschen starben Hungers. Um den Krieg endlich zu beenden, überzeugte Kem den Klan seiner Frau, in den Krieg einzugreifen. Doch die Horden waren unter sich zerstritten, und Drass gelang es seinerseits, Horden für sich zu mobilisieren.

Das Kriegsende wurde durch das Nachbarreich herbeigeführt, das die Schwächung der Streitenden ausnutzte und große Teile der verfeindeten Bruderreiche besetzte. Der Nachbar sicherte Kems Reich Autonomie und seiner Familie Schutz zu, wenn er sich ihm ergebe. Das Volk, kriegszermürbt und der Sorge vor Enteignung enthoben, sperrte sich nicht. So zog Kem seine Truppen ins Restreich zurück und ergab sich dem Nachbarn. Doch dieser hatte im Geheimen mit Drass verhandelt: ihm versprochen, sich aus dessen Reich zurück zu ziehen wenn Drass ihm das Restreich überlasse. – Und er hatte versprochen, Kem und seine Familie auszuliefern.

Kem wurde von Drass vor einer Menge ausgesuchten Volkes verhöhnt und verurteilt als Besserwisser und Scheinheiliger, der in lächerlicher Selbstüberschätzung einen Angriffskrieg vorbereitet habe, und sich dann, als er sah, keinen Sieg erringen zu können, nicht ehrenhaft um Frieden bemüht, sondern mit dem Erzfeind verbündet habe, mit den Wilden, die das Kaiserreich einmal beinahe in den Untergang gestürzt hätten. Kem habe sich von Anfang an gesperrt gegen die Freiheit der Brüdervölker vom Kaiserjoch, er habe stattdessen die natürliche uralte Weisheit des Volkes weiter unterdrückt und länger als 20 Jahre den Massenmord an Ungeborenen gefördert. Er habe alle Rechte der Menschlichkeit verwirkt, das denkbar härteste Urteil sei noch zu gnädig für ihn.

Zunächst wurden Kem und Gaiva und ihren Söhnen und Schwiegertöchtern vor den Augen der Menge die Zungen herausgeschnitten, damit sie sich nichts mehr zurufen konnten.

Dann wurden die beiden Enkel, 18 und 4 Monate alt, an den Beinen genommen und mit den Köpfen gegen einen Stein geschlagen. Entgegen der ausdrücklichen Weisung des Königs legte der Henker soviel Kraft in den Schlag, daß die Kinder sofort tot waren.

Dann wurde Gaiva vor den Augen der Menge entwürdigt.

Dann wurden die Köpfe der Söhne und Schwiegertöchter in Säcke gehüllt, die am Hals zugebunden wurden. Man kündigte ihnen ihre Enthauptung an. Doch ließ man sie erstmal stundenlang so sitzen, es kamen Trommler und Tänzer und unterhielten das Volk, dann erst wurden die jungen Männer und Frauen enthauptet.

Dann wurde Kem vor der jolenden Menge entmannt. Dann wurden ihm Haar und Bart ausgerissen und das Branntzeichen des Königs wurde ihm auf Stirn, Schädel und Wangen gedrückt.

Dann wurde Gaiva vor Kems Augen gefoltert. Keinen Laut ließ sie vernehmen, bis die Schergen mit Feuer kamen. Es dauerte lange, bis Gaiva das Bewußtsein verlor und ihre Schreie erstarben. – Das Geräusch der aufschlagenden Kinderköpfe und Gaivas Schreie brannten sich in Kems Seele ein. – Die Schergen sagten zu Kem: Sie würden Gaiva wieder aufwecken und entweder er erwürge sie dann eigenhändig, oder sie würden ihr weitere Verbrennungen zu fügen, und zwar so, daß sie nicht gleich stürbe, und dann würde sie in einen Schacht eingemauert, so eng wie ein Sarg, dort werde sie bis zum übernächsten Tag einen qualvollen einsamen Tod sterben. Wenn er sich aber entscheide, seine Frau zu erwürgen, müsse er es tun, ohne einen Laut von sich zu geben, und seine Hände dürften nur ihren Hals umfassen und seine Augen nicht blinzeln. Hielte er sich daran nicht, würde Gaiva den langen Tod sterben.

Kem sah, wie sie Gaiva weckten, ihre Wunden kühlten und zu ihr sprachen. Dann führten sie ihn zu ihr. Kem mußte alle Kraft darauf verwenden, sich vor Augen zu führen, daß Gaiva wisse, welch ein Tod sie erwarte, wenn er sie nicht erlöse. Er hatte gehofft, in ihrem Blick noch ein Einverständnis, ein Zublintzeln, eine letzte Verbindung finden zu können, aber als er ihr den Hals zudrückte, starrte sie ihn an mit einem entsetzten, fragenden Ausdruck, als sei er ein Teufel. – Als Gaiva tot war, verkündete der Herold, man hätte Kem und Gaiva Gnade vor Recht ergehen lassen wollen, man hätte beide gesund pflegen und ihnen in einem Kloster die Chance zur Buße geben wollen. Aber Kem habe die Prüfung nicht bestanden. Man habe Kem gesagt, er würde genauso gepeinigt wie seine Frau, es sei denn, er würde seine Frau umbringen. Der feige Kem habe lieber seine Frau umgebracht, aus Angst vor Schmerzen. Man habe Gaiva, als sie erwachte, über die Prüfung Kems informiert. Mit seinem Verrat habe er Gaiva das Schlimmste angetan, um Gaiva Willen sei er keiner Gnade mehr würdig.

Sie hackten Kem Stück für Stück den rechten Arm ab und das linke Bein. Dann stachen sie ihm das rechte Auge aus und schnitten das linke Ohr heraus. Ein Auge und ein Ohr sollte er behalten, damit Spott und Schmähung ihm nicht entginge. Dann banden sie ihn an den Schandpfahl auf dem Markt. Es wurde eine Wanne mit Schweinejauche vor ihn gestellt, aus der jeder ihn mit einer Kelle bespritzen durfte. – Am Abend brachten sie ihn ins Verließ. Sie pflegten seine Wunden, damit er nicht stürbe. Vier Wochen lang gab es täglich einen Triumphzug, auf dem Kem in schmachvoller Haltung gebunden vorgeführt wurde. Allerdings verloren die Menschen nach einigen Tagen die Lust an den Schmähungen.
Kem wußte in dieser Zeit nicht, ob er wache oder träume, ob er lebe oder schon tot sei.
Nach den Wochen der Schmähung blieb er im Kerker. Man sagte ihm, er würde am Leben erhalten, er müsse sich seinen Tod erst noch verdienen, zu den vier größten Festtagen im Jahr würde er wieder vorgeführt: zur Sommer- und Winterwende, zur Feier seiner Niederlage und zum Geburtstag von Kaiser Drass.

Kem glaubte nicht, daß man ihn am Leben halten könne. Doch er täuschte sich. Und in dem Maße wie Schock und Schmerz nachließen, begann es, daß Gaivas Schreie ihn folterten, wie Stiche mit glühenden Dolchen. Dann kam das Geräusch der aufschlagenden Kinderköpfe dazu, dann Gaivas Blick, als sie glaubte, von dem Mann, mit dem sie durch die Begeisterung der Liebe und die Meisterung des Lebens verbunden war, aus Eigennutz und Feigheit verlassen, verraten und ermordet zu werden. Und es kam hinzu der Anblick der gefesselten, von einander, von den Eltern und von der Gemeinschaft der Menschen isolierten Söhne und Töchter, wie man sie auf ihre angekündigte Enthauptung warten ließ. Als Kem merkte, daß er an den Wunden nicht sterben würde, hatte er das Gefühl, an diesen Erinnerungen zu sterben, die sich ihm fast sinnlich aufdrängten. Als er daran nicht starb, verweigerte er Nahrung und Flüssigkeit. Doch sie flößten sie ihm ein und banden ihn auch im Verließ fest, damit er den Kopf nicht anschlagen konnte. Als er das nächste Mal an den Schandpfahl gebunden wurde, wurde er verhöhnt, daß er zu feige sei, sich umzubringen, und ein Leben in Schande, Entwürdigung und Elend dem Tod vorziehe.

Nach einem Jahr wurde Kem darüber unterrichtet, was aus seinem Reich geworden war. Alles, was er vom alten Kaiserreich zu bewahren versucht hatte, mit Einsatz der Seelen von Gaiva und ihren Enkeln, Söhnen und Schwiegertöchtern, alles das war verschwunden. Statt dessen gab es zwei konkurrierende Großmächte, die mit Terror und Spitzelei aus den Bürgern Sklaven gemacht hatten. Schriften, die vom alten Kaiserreich kündeten, waren bis in die fernsten Winkel der bekannten Welt aufgespürt und verbrannt worden. Und Geschichten davon durften bei Todesstrafe nicht erzählt werden.

In lang anhaltenden Heimsuchungen mehrmals am Tage bereiteten die Bilder der Erinnerung ihm solche Qualen, daß Kem sich immer wieder wunderte, daran nicht zu sterben.

Doch sein Geist entfaltete ungefragt ein paralleles Leben. Es sammelte sich in Kems Bewußtsein alles, was er je verstanden und erkannt hatte, aus Lehre, Gespräch, Besinnung und Erfahrung. Es fing an mit Gedanken, was er hätte besser machen können. Er lernte, sich zu verzeihen, in dem Maße, in dem er die Wahrscheinlichkeit seiner Fehler immer besser verstand. Aus diesen Gedanken erwuchsen Ideen, wie ein Reich besser eingerichtet werden könne, um sich gegen Bedränger zu wehren. Oder wie es sich geordnet ergeben und seine Weisheiten gegen alle Verfolgung bewahren könne, wie eine Glut, die wieder Feuer werden soll. Und es entwickelten sich Ideen, wie mit Bedrängern zu reden möglich sei und zu verhandeln. Kem entwickelte eine Klarheit bezüglich der Vermittlung widerstreitender Interessen, wie er sie nie für möglich gehalten hätte.

Doch er konnte nicht reden und nicht schreiben. Nur ein Holznapf und ein Holzlöffel waren die Ausstattung seiner Zelle. Damit konnte er nicht mal Zeichen im Stein hinterlassen. – Mit der Feuchtigkeit seiner Speise schrieb er die Worte auf den Boden: „Ich kann euch helfen“. Aber der Kerkerknecht lachte nur, als es das sah, er konnte nicht lesen. Kem hoffte, der Knecht würde jemanden holen, der Lesen könne, und schrieb die Buchstaben immer wieder neu. Doch der Knecht holte keinen. – Kem biß einen Splitter aus dem Löffel, ritzte sich und schrieb mit Blut auf Stein. Der Knecht lachte wieder, untersuchte die Wunde, aus der Kem sein Blut nahm, und da er sie harmlos fand, ließ er Kem gewähren. Jedes Mal, wenn Kem die Wand voll geschrieben hatte, schabte der Knecht alles wieder weg.

Mehr und mehr gelang es Kem, alles, was sich begeben hatte, in immer weiteren Zusammenhängen zu sehen, die ihm ermöglichten, das Unerträgliche besser zu tragen, ohne es sich mit Himmelsfantasien erträglicher zu lügen, es besser zu tragen indem und obwohl er es in seiner Unerträglichkeit erhielt: Gaivas Schreie und ihren Blick und das Geräusch der aufschlagenden Kinderköpfe und alles, was er seiner Familie angetan hatte. So sehr es auch quälte: es war ihm heilige Pflicht geworden, das unfaßbare Leid nicht zu verharmlosen, ja, er hatte gebangt, daß die Gewohnheit ihn abstumpfe, und er hatte Techniken entwickelt, das Leid zu erhalten, damit es nichts von seiner Bedeutsamkeit verliere, damit keine Illusionen darüber möglich würden. So fand er einen Weg, mit dem Dasein trotz der Möglichkeiten unfaßbaren Grauens, das es birgt, Frieden zu schließen, ohne Himmelsfantasien dafür zu benötigen, und trotz dieses Friedens das Grauenhafte radikaler anzufeinden als je vorstellbar. – Kem kündete immer wieder von diesen Erkenntnissen mit seinem Blut auf dem gehauenen Fels, doch der Knecht schabte die blutgeschriebene Kunde immer wieder weg.

Kem blieb unermüdlich. Er hoffte, daß irgendwann der Sinn des Knechts oder seiner Vorgesetzten sich wandeln würde. Kem konnte sich einfach nicht vorstellen, daß seine Ideen nicht in die Welt gelangten. Es waren doch so neue, so gute Ideen, so hilfreich und wichtig! Und ihre Verbreitung würde der Qual seiner Familie doch wenigstens noch irgendeinen Sinn geben! Und es würde möglicherweise Jahrhunderte brauchen, bis andere Menschen auf diese Ideen kommen würden. – Ja, aber früher oder später würden andere Menschen darauf kommen! Diese Gewißheit war erleichternd! Wenn er niedergeschlagen war, und nahe daran, aufzugeben, richtete einzig dieser Gedanke ihn wieder auf: daß es nicht auf ihn ankomme, daß irgendwann alles, was der Knecht hier von der Wand tilgte, von andern erkannt und verbreitet sein würde. Dann aber dachte Kem wieder daran, daß vielen Menschen viel früher viel Leid erspart werden könnte, und die Vorstellung wurde ihm wieder unerträglich, daß er Gaivas und der Kinder Martyrium nicht wenigstens noch diesen Sinn abgewinnen könne.

Oft dachte Kem an seine Jugend mit Gaiva, wie sie in den kleinen Palästen am Meer alle Wunder der Liebe erlebt hatten. Doch wie vergiftet war diese Erinnerung! Das Schönste seines Lebens gab es für Kem nicht mehr ohne Grauen und Schmerz. Und schmerzhaft war auch die Sinnlosigkeit dieses Reichtums seines Herzens: Alle Menschen, denen er dankbar von den Wundern des Lebens gekündet hatte mit seinen Worten und durch seine Taten, alle waren tot, und jede weitere Kunde wurde unterbunden.

Eines Tages öffneten statt des Knechtes wilde Gestalten die Tür. Sie zerrten Kem ans Licht und stießen ihn vor dem Kerkertor in die Gasse. Trotz der beißenden Kälte war es ihm Luxus, noch einmal das volle Tageslicht zu erblicken, noch einmal weiter als zwei Beine weit zu sehen und einen schnellen Tod zu haben. Doch hätte er gerne auf diesen Luxus verzichtet, denn der Tod machte alle Hoffnung zunichte, seine Ideen zu verbreiten. Nie war der Blick ins Auge des Todes bittrer gewesen: Jetzt war alles vorbei, selbst die winzigste Chance, dem Leid seiner Familie noch einen Rest von Sinn abzugewinnen. – Kem wunderte sich: Er hatte geglaubt, zu wissen, was Todesangst ist. Doch nie hatte er eine solche Angst erlebt wie jetzt: die Angst zu sterben, ohne dem Leben gerecht worden zu sein. Er hatte das Gefühl, an dieser Angst zu ersticken.

Kem bemerkte nicht die mitleidigen Blicke und daß jemand zu laufen begann. Erst als sie ihn auf einen strohbedeckten Wagen hoben, merkte er, daß man auf ihn aufmerksam geworden war, aber er wußte nicht, ob im Guten oder zu neuer Qual. Er wurde in einen Viehstall gebracht. Als man sah, daß er bei Bewußtsein war, fragte man ihn, wer er sei und was ihn in den Kerker gebracht habe, denn seine Retter waren jung und mehr als 10 Jahre war Drass tot und seine Rache vergessen. Kem zeigte seinen Mund und machte Schreibbewegungen. Doch sie verstanden ihn nicht. Man sagte ihm, sie könnten ihn nähren, wenn er mit der einen Hand arbeiten könne. Es fand sich wirklich eine Arbeit für eine Hand, die seinen Wirten ermöglichte, ihn zu pflegen.

Kem erfuhr, daß die Horden wieder zu wandern begonnen hätten. Diesmal hätte sie nichts aufgehalten, sie seien einfach weitermarschiert. Es seien immer neue, immer andere Horden gekommen. Man habe erfahren, daß ein fernes großes Reich die Horden immer weiter vor sich her schiebe. Das Kaiserreich und seine Nachbarreiche seien schnell zerfallen, denn sie hätten jahrelang im Krieg miteinander gelegen, die Heere seien ausgeblutet gewesen und ganze Regionen verhungert, die Reiche hätten den Horden nichts mehr entgegen zu setzen gehabt. – Kem erfuhr auch, daß man sich erzähle, Chaos und Not seien nur deshalb über die Reiche gekommen, weil der verweichlichte feige Möchte-Gern-Kaiser Kem in dümmlicher Vermessenheit einen Krieg angezettelt habe und hinterher, als er zur Verantwortung gezogen werden sollte, um seiner Strafe zu entgehen, lieber seine Frau erwürgt, und damit gegen den Himmel gefrevelt und dessen Zorn heraufbeschworen habe, auf das ganze Reich.

Nach Wochen des Bangens und der Hilflosigkeit, Kem war schon nahe daran, zu verzweifeln, gelang es ihm, sich verständlich zu machen. Ein Mönch kam mit Schreibzeug. Kem schrieb, daß er viel Hilfreiches wisse und aufschreiben könne. Die Mönche holten Kem ins Kloster. – Nie hatte Kem ein größeres Gefühl der Dankbarkeit für das Himmlische erlebt. Er sah seine Gewißheit nicht getäuscht: daß seine Botschaft zu wichtig sei und ihr Preis durch das Martyrium seiner Familie zu hoch, als daß seine Gedanken mit ihm umkämen. Was die größte Not nicht geschafft hatte, schaffte der Dank: ihn beten lehren. – Kem schrieb und es störte ihn wenig, daß keiner der Mönche etwas davon las.

Sein Leben blieb überschattet von den quälenden Erinnerungen. Doch die Qualen zu ermessen und davon zu künden, das war das einzige, was er noch für seine Familie tun konnte.

Da erschien eine Horde Wilder. Sie verbrannten vor den Augen der Mönche die Bücher und Schriften des Klosters und setzten das Kloster in Brand. Kem sah seine Kunde ungelesen in Flammen aufgehen. Die Mönche wurden als Sklaven weggeführt und Kem sollte erschlagen werden. Kem sah erneut dem Tod ins Auge, bis der Abt sich für Kem einsetzte und sein Leben für das Kems anbot. Da wurde ihnen gestattet, Kem auf einem Ochsenkarren mit sich zu nehmen. Kem faßte erneut Hoffnung und teilte dem Abt auf einem Fetzen Papier mit, im Geiste arbeite er weiter an seinem Werk, und er sei zuversichtlich, an einem anderen Ort erneut beginnen zu können. So zogen sie drei Tage umher. Am vierten Tag warfen die Wilden und die Mönche ihre Felle und Kutten ab, Soldatenröcke kamen zum Vorschein. „Das Spiel ist vorbei“ sagte der Alte, den Kem für den Abt gehalten hatte. Er war ein hoher Offizier. Er informierte Kem, wie Drass verfügt habe, über seinen Tod hinaus und selbst im Chaos der Auflösung seines Reiches Kem mit Hoffnung zu quälen. – Die Soldaten warfen Kem in den Schnee und verschwanden. Wölfe heulten in der Nähe.

Kem mußte plötzlich lachen: Welchen Aufwand hatte Drass betrieben, um sich zu rächen! Wie gekränkt und verunsichert mußte er gewesen sein! – Doch Gaiva und die Kinder kamen ihm schnell wieder in den Sinn: Wenn der Himmel schon zuließ, daß Unschuldigen solches Leid zugefügt werde – wie konnte er zulassen, daß es sinnlos blieb?

Kem fühlte sich vom Himmel genarrt. Was wollte der Himmel ihm bedeuten? Wollte er ihn Demut lehren? War er noch zu hochmütig gewesen mit den Vorstellungen seiner Jugend, ein großer Weiser zu werden, Vorstellungen, die ihn nie wirklich verlassen hatten? Wollte man ihm zeigen, wie wenig es auf ihn ankomme? Und läge dann in seinen Ideen nicht dennoch eine Gnade: daß der Himmel ihm eine Vision von der Größe des Menschen ermöglicht hatte, eine Vision der Möglichkeiten, die einstmals der Rohheit entwachsen würden?

Wie gut, wie verführerisch gut wäre es, glauben zu können, daß das alles schon einen Sinn habe, daß nur die Menschen sich nicht anmaßen dürften, die Wege des Himmels zu verstehen! – Doch irgendwann hatte Kem im Kerker erkannt: Die Möglichkeit, daß das Himmlische nur eine menschliche Fantasie und das Grauenhafte sinnlos ist, ist unsere größte Chance. Nur diese Möglichkeit zeigt es in seiner ganzen, seiner wahren, seiner unerträglichen Bedeutung, nur diese Möglichkeit verhindert falschen Trost, nur diese Möglichkeit wird dazu führen, daß den Menschen irgendwann die Augen aufgehen und sie erkennen werden, was Krieg und Grausamkeit wirklich bedeuten, das ganze Ausmaß ihrer Grauenhaftigkeit und Narrheit: daß Menschen sich gegenseitig unfaßbares Leid zufügen, statt gemeinsam den Reichtum der Freuden zu genießen.

Erneut litt Kem die Verzweiflung über das Ungehörtbleiben seiner Kunde. – Er raffte sich auf, um nichts ungenutzt zu lassen, nicht das Geringste und Unwahrscheinlichste, er tastete nach Steinen unter dem Schnee, so groß, wie er heben konnte, und legte sie zu den Worten zusammen:

Glaubt nicht!

Ein Geräusch heftiger Bewegung ließ ihn aufschauen – er sah kraftvolle schöne Tiere.

 

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