Faust II 5. Akt und Epilog

Ein ärmliches Häuschen, ein Wanderer klopft an. Das alte Ehepaar, das hier lebt, hat ihm vor Jahren als Schiffbrüchigem das Leben gerettet. Jetzt besucht er sie. – Die beiden führen ihn auf eine Höhe und zeigen ihm, was sich alles geändert hat: Das Meer ist weg. Eine Großbaustelle ist entstanden, die Land gewinnt. – Die beiden Alten finden das voll unnötig und trauen den Neuerungen nicht. – Schnitt.

Mephisto kommt gerade voll beladen von seinen Raubzügen als Pirat zurück und trifft Faust grießgrämig und mißgelaunt. Faust ist so sauer! Das Häuschen der Altern steht auf dem schönsten Platz, von da hat man einen tollen Überblick über Fausts tolles Landgewinnungsprojekt. Faust möchte auf diesen Platz! Er hat den Alten was viel besseres angeboten als ihre morsche Hütte, aber die Alten wollen nicht! – Mephisto überredet ihn, die Alten umzusiedeln, und nimmt das mit seinen Leuten gleich selbst in die Hand. – Die Alten überleben die Umsiedlung nicht. [Faust und #metoo]

Faust kriegt Schuldgefühle. Das lockt die Sorge an. Sie versucht, ihn zu bestricken, aber Faust zeigt ihr den Stinkefinger. Die Sorge grinst bloß, denn sie weiß: sie kommt so oder so zum Ziel. Sie haucht ihn an, und Faust erblindet. – Merke: Zeige Geistern nie den Stinkefinger, nimm sie ernst! Entwinde den gordischen Knoten, den sie über dich verhängen, statt ihn mit dem Schwert zu zerschlagen! Ist das Konto im Minus, komme ich da nicht raus, wenn ich die Kontoauszüge verbrenne.

Faust rettet sich aus seinen Schuldgefühlen, indem er sich auf sein tolles Projekt konzentriert. Wegen seiner Blindheit kriegt er zwar nicht mehr mit, was vor sich geht, aber er kann noch befehlen. – Er hört die Spaten klirren und freut sich, daß sein Werk vollendet wird, dabei graben die Arbeiter sein Grab.

Als Faust sich immer mehr in seine Vision von seinem tollen Lebenswerk hineinsteigert, kann er sich plötzlich vorstellen, den Augenblick doch zum Verweilen aufzufordern. – Die Wette ist verloren, Faust stirbt. [faustische Verblendung]

Mephisto holt seine Teufel, weil er schon ahnt, daß die da oben nicht zu ihrem Wort stehen und ihm Fausts Seele abjagen wollen. Als erfahrener Teufel ist ihm auch klar, daß denen da oben dafür jedes Mittel recht ist, selbst die verfehmtesten. – Büßerinnen verjagen die Teufel mit Rosen, die auf die Teufel wie Brandbomben wirken. Eigentlich kann man das Feuer gut auspusten, aber die Teufel pusten aus Angst vor Weh viel zu heftig, so daß das Feuer noch stärker wird, und weil sie feige sind, hauen sie alle ab und lassen Mephisto allein.

Dann schweben Jünglingsengel heran. Mephisto merkt, daß er geil wird und durchschaut sofort die Strategie: Er soll verführt werden! Er versucht sich dagegen zu wehren, doch als er sieht, daß die Jünglinge wieder wegschweben wollen, knickt er ein: Er will sie bloß noch ein wenig ansehen und weist sie an, sich aufreizender zu bewegen und lüsterner zu schauen – als sie ihm ihren Hintern zeigen, verliert er für einen Augenblick die Kontrolle – wusch, ist Faust entwischt. – Mephisto verläßt wütend und zerknirscht die Bühne.

Faust wird von den Jünglingsegeln gen Himmel geleitet. Dort warten die erfahrenen Engel mit der Mutter Gottes und den Büßerinnen, die die Teufel mit den Rosen weggescheucht haben. Unter den Büßerinnen befindet sich auch Margarete.

Die erfahrenen Engel kapitulieren vor der Aufgabe, Faust von seinen Schuldverstrickungen zu befreien. Sie werfen Faust den seligen Knaben zu, die zufälligerweise gerade hier aufgetaucht sind und Ringelrein spielen. Die seligen Knaben sind die Geister gleich nach der Geburt verstorbener Kinder (vielleicht ist Fausts Sohn dabei). Sie finden Faust Klasse. Ihnen ist das Leben vorenthalten worden, sie haben keine Ahnung davon. So jemand wie Faust kann ihnen bestimmt viele spannende Geschichten erzählen.

Naja, aber so einfach geht das natürlich nicht, es muß schon das Okay von der Cheffin eingeholt werden. Die Büßerinnen schleifen Faust zur Muttergottes und verweisen darauf, daß sie (die Büßerinnen) allesamt ja auch großere Sünderinnen waren und dennoch jetzt mit zum Himmelsteam gehören, die Muttergottes möge daher auch diesem Kerl, der im Grunde gut sei, verzeihen – allerdings keinen Deut mehr, als angemessen! – Die Muttergottes nickt das Gesuch müde ab, indem sie Margarete anweist: „Komm hebe dich zu höheren Spähren, wenn er dich ahndet, folgt er nach.“.

Jede Menge Himmelsleute („Chorus mysticus“) stehen da rum, und staunen: die ewige Liebe wird selbst mit solchen Egomanen wie Faust fertig! Sicher, ohne die seligen Knaben wär das nicht zu schaffen. Aber die sind eben auch ein Faktor der ewigen Liebe: die sind die Zukunft! Ohne Zukunft kein Sinn, und Dasein ohne Sinn fühlt sich so öde an wie Nichtsein. – Gut, ohne Margarete weiß man nicht, ob die Sache mit Faust und den seligen Knaben gut gehen würde! Faust als Alleinerziehender? Kaum vorstellbar! Der würde mit Sicherheit lieber in die Hölle ausbüchsen, als sich mit den Bengeln zu plagen! Deshalb – das weiß die Muttergottes aus Erfahrung – wird sich Faust an Margaretes Rockzipfel hängen. Darum singt der Chor sowas wie: „Es ist zwar eigentlich nichts Neues, aber es ist doch – gerade bei Schwergewichten wie Faust – immer wieder erhebend, zu sehen: Das ewig Weibliche zieht uns hinan!“ [Epilog]

Sicher hat Goethe den Epilog nicht derart offen kabarettistisch geschrieben sondern so, daß ihm niemand das Kabarettistische nachweisen kann. Es könnte auch alles hehr und erhaben gemeint sein. Die Regie täte gut daran, den Epilog lebendig, aber „sachlich“ zu inszenieren, um der „heiteren“, gutmütigen, milden Ironie selber Gelegenheit zu geben, sich zu entbinden. Das scheint mir Goethes Intention am nächsten zu kommen.

(„Sachlich“ heißt aber nicht: „aseptisch“, so wie Stein den Epilog inszenierte! Auch hier ist Steins Inszenierung ein „Meilenstein“: man kann an ihr hervorragend studieren, wie man’s nicht machen sollte…)