Faust und Sorge (Faustische Verblendung)

Goethes Formel für grandioses Scheitern

Faust muß unbedingt einen freien Grund für ein freies Volk schaffen. Er braucht das so unbedingt für seinen Selbstwert und seinen Lebenssinn, daß er sich das durch kein Nachdenken, keine „Sorge“ madig machen läßt. Ihn leitet die instinktive Angst, von Schuldgefühlen gelähmt oder durch die Einsicht in die Verantwortungslosigkeit von seinem tollen Projekt abgebracht zu werden.

Doch das Abweisen der Sorge hat seinen Preis: Realitätsblindheit. Faust prüft nicht, ob es sich mit seinen Vorstellungen wirklich so verhält, wie er glaubt. So denkt er z.B. nicht darüber nach, wie Mephistos Schergen wohl vorgehen werden, wenn er ihnen den Auftrag gibt, Einheimische zwangsumzusiedeln – oder daß sein durch Landgewinnung dem Meer abgerungener „freier Grund“ nicht wirklich frei sein kann, weil er zum Kaiserreich gehört und der Kaiser Tribut fordern darf.

Das macht Faust zum tragischen Helden: Seine Schaffensdrang braucht das Abweisen der Sorge, aber mit dem Abweisen der Sorge verliert er den Kontakt zur Realität und verwandelt das, was er verwirklichen möchte, ins Gegenteil: Statt freies Volk auf freiem Grund gibt es Deportation, Tod und Ausbeutung.

Faust findet Helden toll. Er fragt den weisen Centauren Chiron: „von den heroischen Gestalten, wenn hast du für den Tüchtigsten gehalten?“ Und Chiron, der renommierte Arzt, der Faust für therapiebedürftig hält, macht mit Faust eine Realitätsprüfung, und benennt seine Alternative zum Heldenparadigma: „Im hehren Argonautenkreise war jeder brav, auf seine eigene Weise. Und nach der Kraft die ihn beseelte, konnt er genügen, wo´s den andern fehlte. … Gesellig nur läßt sich Gefahr erproben…“.

Wir Menschen haben gegenüber allen anderen Lebewesen den Vorteil, daß wir nicht nur kooperieren sondern auch: uns gegenseitig korrigieren können. Faust hat von Chirons Kurzzeittherapie nichts profitiert. Und so wird seine Geschichte zum Drama eines Autokraten, der den Kontakt zur Realität verliert, weil er nicht bereit und nicht fähig ist, über seine Vorhaben und die Mittel zu deren Realisierung zu diskutieren und seine Vorstellungen grundlegend in Frage stellen zu lassen.

(Weiterlesen: Faustische Verblendung oder Trunkenheit am Steuer? – Sind Politiker und Topmanager ein Anwendungsfall von Goethes Formel für grandioses Scheitern?)

 

Faust und Sorge – zur Szeneninterpretation:

Die Selbstdarstellung der „Sorge“ zeigt alle Züge des Vollbildes einer schweren klinischen Depression. Depressionen dieser Art sind „so umschmeichelt wie verflucht“ und können „betören“: Kliniker nennen das: Grübelzwänge.

„Betören“ ist das Stichwort: Faust spürt die Gefahr des „Sogs“ der Schuldgefühle, und versucht instinktiv („unbewußt“), nicht in ihn hinein zu geraten. Auf die Frage der Sorge, ob er sie kenne, leugnet er (obwohl er sie vor dem Pakt als einen der Faktoren benannt hatte, die ihm das Leben madig machen.)

Etwas zu leugnen bedeutet: nicht in der Lage sein, sich damit auseinander zu setzen. Faust kann die Sorge nur resolut abweisen und glaubt wirklich, daß er so leicht davon kommt. – Er kann damit zwar die „Finsternisse drinnen“ verbannen und „im Innern“ „helles Licht“ leuchten lassen – aber er verliert eine der wichtigsten Organe der Realitätsprüfung: Das Augenlicht. Die Folge: Die Lemuren schaufeln sein Grab, aber er glaubt, es sind die Arbeiter, die seinen Graben schaufeln.  – Faust versteigt sich in seine Vision und kriegt nicht mehr mit, was läuft…

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