Faust und Sorge (Faustische Verblendung)

Goethes Formel für grandioses Scheitern

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„Mich plagen keine Skrupel noch Zweifel“, sagt Faust am Beginn des Dramas. Am Ende wird ihm das zum Verhängnis: Faust muß unbedingt einen freien Grund für ein freies Volk schaffen. Er braucht das so unbedingt für seine Selbstverwirklichung, daß er sich das durch kein Nachdenken, kein Überprüfen, keine „Sorge“ madig machen läßt. Er fürchtet, von Bedenken, Schuldgefühlen oder Skrupeln gelähmt zu werden. Doch er kann sich diese Befürchtung nicht eingestehen, da zu seinem Selbstbild gehört, „Mich plagen keine Skrupel noch Zweifel“. Deshalb kann er die Sorge nicht bewältigen sondern muß sie abweisen.

Statt mit der Sorge zu diskutieren herrscht er sie an: „Ich werde dich nicht anerkennen!“ Er bricht die Diskussion ab, den „inneren Dialog“, die Verständigung mit sich selbst, er schaltet wieder um auf Besinnungslosigkeit. Er entgeht der Macht der Sorge dadurch nicht sondern spürt sie bloß nicht mehr.

Das hat seinen Preis: Faust wird blind für die Realität. Er prüft nicht, ob es sich mit seinen Vorstellungen wirklich so verhält, wie er glaubt. Das fiel ihm immer schon schwer, so dachte er z.B. nicht darüber nach, wie Mephistos Schergen wohl vorgehen werden, wenn er ihnen den Auftrag gibt, Einheimische zwangsumzusiedeln. Genausowenig fragt er sich jetzt, ob sein durch Landgewinnung dem Meer abgerungener „freier Grund“ wirklich frei sein wird, oder der Kaiser Tribut fordern kann.

Das macht Faust zum tragischen Helden: Sein Schaffensdrang braucht das Abweisen der Sorge, aber mit dem Abweisen der Sorge verliert er den Kontakt zur Realität und verwandelt das, was er verwirklichen möchte, ins Gegenteil: Statt freies Volk auf freiem Grund gibt es Deportation, Tod und Ausbeutung.

Faust findet Helden toll. Er fragt den weisen Centauren Chiron: „von den heroischen Gestalten, wenn hast du für den Tüchtigsten gehalten?“ Und Chiron, der renommierte Arzt, der Faust für therapiebedürftig hält, macht mit Faust eine Realitätsprüfung, und benennt seine Alternative zum Heldenparadigma: „Im hehren Argonautenkreise war jeder brav, auf seine eigene Weise. Und nach der Kraft die ihn beseelte, konnt er genügen, wo´s den andern fehlte. … Gesellig nur läßt sich Gefahr erproben…“.

Wir Menschen haben gegenüber allen anderen Lebewesen den Vorteil, daß wir  uns gegenseitig korrigieren können. Faust hat von Chirons Kurzzeittherapie nichts profitiert. Und so wird seine Geschichte zum Drama eines Autokraten, der den Kontakt zur Realität verliert, weil er nicht bereit ist, über seine Vorstellungen zu diskutieren.

(Weiterlesen: (1) Faust und #me-too  —(2) Faustische Verblendung oder Trunkenheit am Steuer? – Sind Politiker und Topmanager ein Anwendungsfall von Goethes Formel für grandioses Scheitern?)

Faust und Sorge – zur Szeneninterpretation:

In ihrer Selbstdarstellung zählt die „Sorge“ alle Züge des Vollbildes einer schweren Depression auf. Depressionen dieser Art sind „so umschmeichelt wie verflucht“ und können „betören“. Kliniker nennen das: Grübelzwänge.

„Betören“ ist das Stichwort: Faust spürt die Gefahr des „Sogs“ der Schuldgefühle, und versucht instinktiv („unbewußt“), nicht in ihn hinein zu geraten. Auf die Frage der Sorge, ob er sie kenne, leugnet er (obwohl er sie vor dem Pakt als einen der Faktoren benannt hatte, die ihm das Leben madig machen.)

Etwas zu leugnen bedeutet: nicht in der Lage sein, sich damit auseinander zu setzen. Faust kann die Sorge nur resolut abweisen und glaubt wirklich, daß er so leicht davon kommt. – Er kann damit zwar die „Finsternisse drinnen“ verbannen und „im Innern“ „helles Licht“ leuchten lassen – aber er verliert eines der wichtigsten Organe der Realitätsprüfung: Das Augenlicht. Die Folge: Die Lemuren schaufeln sein Grab, aber er glaubt, es sind die Arbeiter, die seinen Graben schaufeln.  – Faust versteigt sich in seine Vision und kriegt nicht mehr mit, was läuft…

Weiterlesen: Wer’s mag kann hier einen professionell-akademischen Text zu Fausts Erblindung lesen: Link zu einem Text von Helmut Schneider, Uni Bonn

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