Faust und Sorge (Faustische Verblendung)

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  • Was macht Faust blind? Das Abweisen der Reflexion auf seine Einstellung und sein Selbstverständnis, auf seine in seiner Persönlichkeit ausgebildeten Bestrebungen und deren Ziele.
  • Faust muß unbedingt einen freien Grund für ein freies Volk schaffen. Er braucht das so unbedingt für seine Identität, seinen Selbstwert und seinen Lebenssinn, daß er sich das durch kein Nachdenken, keine „Sorge“ madig machen läßt.
  • Doch das Abweisen der Sorge hat seinen Preis: Realitätsverlust. Faust prüft nicht, ob es sich mit seinen Vorstellungen wirklich so verhält, wie er glaubt. So denkt er z.B. nicht darüber nach, daß sein „neues“ Land nicht wirklich frei sein kann, weil es zum Kaiserreich gehört und der Kaiser vielleicht damit was vorhaben könnte. (Tatsächlich hat die Kirche dem Kaiser bereits abgepresst, dort Steuern eintreiben zu dürfen. – Vorher hatte er nicht darüber nachgedacht, wie Mephisto und seine Spießgesellen wohl vorgehen werden, wenn er ihnen den Auftrag gibt, ein altes Ehepaar zwangsumzusiedeln.)
  • Das macht Faust zum tragischen Helden: Seine Leistungsbereitschaft braucht das Abweisen der Sorge, aber mit dem Abweisen der Sorge verwandelt er das, was er intendiert und was ihn zu seiner Heldenhaftigkeit motiviert, durch sein Tun ins Gegenteil: Statt freies Volk auf freiem Grund gibt es Deportation, Tod und Ausbeutung.
  • Faust findet Helden toll. Er fragt den weisen Centauren Chiron: „Doch von den heroischen Gestalten, wenn hast du für den Tüchtigsten gehalten?“ Und Chiron, der renommierte Arzt, der Faust für therapiebedürftig hält, macht mit Faust eine Realitätsprüfung, und benennt seine Alternative zum Heldenparadigma: „Im hehren Argonautenkreise war jeder brav, auf seine eigene Weise. Und nach der Kraft die ihn beseelte, konnt er genügen, wo´s den andern fehlte. … Gesellig nur läßt sich Gefahr erproben…“. – Wir Menschen haben gegenüber allen anderen Lebewesen den Vorteil, daß wir uns nicht nur rudelhaft gegenseitig ergänzen sondern auch: uns gegenseitig korrigieren können. Faust hat von Chirons Kurztherapie leider nichts profitiert. Und so wird seine Geschichte zum Drama eines Menschen, dessen Sinn für die Notwendigkeiten und Chancen von Sozialität mangelhaft ausgeprägt ist, dem es an sozialer Intelligenz fehlt. (Weiterlesen: „soziale Intelligenz“.)

Faust und Sorge – zur Szeneninterpretation:

Die Selbstdarstellung der „Sorge“ zeigt alle Züge des Vollbildes einer schweren klinischen Depression. Depressionen dieser Art sind „so umschmeichelt wie verflucht“ und können „betören“: Kliniker nennen das: Grübelzwänge. – „Betören“ ist das Stichwort: Faust spürt die Gefahr des depressiven „Sogs“ und versucht instinktiv („unbewußt“), nicht in ihn hinein zu geraten. Auf die Frage der Sorge, ob er sie kenne, leugnet er (obwohl er sie vor dem Pakt als einen der Faktoren benannt hatte, die ihm das Leben madig machen.) Etwas zu leugnen bedeutet: nicht in der Lage sein, sich damit auseinander zu setzen. Faust kann die Sorge nur resolut abweisen und glaubt wirklich, daß er so leicht davon kommt. – Er kann damit zwar die „Finsternisse drinnen“ verbannen und „im Innern“ „helles Licht“ leuchten lassen – aber er verliert eine der wichtigsten Organe der Realitätsprüfung: Das Augenlicht. Die Folge: Die Lemuren schaufeln sein Grab, aber er glaubt, es sind die Arbeiter, die seinen Graben schaufeln.  – Faust versteigt sich in seine Vision und kriegt nicht mehr mit, was läuft…

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