Diskussion

oder: Politisches Handeln zwischen faustischer Verblendung und Schildbürgerstreich?

Das Faustische und das Schildbürgerhafte liegen nah beieinander. Was beide eint ist Dilletantismus: Dilletanten sind verliebt in ihre Ideen und halten sie für so toll, so schön, so wahr, daß sie ihnen „alternativlos“ dünken. – Und das ist tragisch: die vielen „Fausts“ in Form von Managern, Politikern oder Unternehmern wollen meist bloß das Gute. Aber vor lauter unbändigem Drang, ihre tollen Ideen zu realisieren, kümmern sie sich zu wenig um die wirkenden Kräfte und ihre Randbedingungen und stehen irgendwann da wie der Zauberlehrling…

Inwieweit kann uns das Konzept faustischer Verblendung helfen, Züge des politischen Tagesgeschäftes zu verstehen?

Überblick über die Seiten:

 

Schildbürger auf Sendung, oder: „Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage“: Offener Brief an ARD und ZDF, Aufruf und Nachsatz

 

Schildbürger auf Kriegspfad oder: Das Böse, das Ewig-Männliche, der Islam und Goethe

 

Überforderung des Menschlichen: Zum Berliner Bankenskandal, oder warum wir unseren schlechten Taten nicht gewachsen sind.

 

Verhaltensinduziertes Psychosyndrom. Glosse über Besinnungsmangel bei Politikern und Topmanagern

 

Anmerkung:

Vielleicht ließen sich manche der hier geschilderten Vorgänge viel banaler erklären: mit Karriere- oder Machtstreben oder Korruption. Doch gehen wir als Gedankenexperiment doch einmal von der Annahme aus (die ich persönlich auch für realistischer halte), daß die Verantwortlichen in Wirtschaft und Politik nicht weniger charaktervoll und hochgesinnt sind und Gutes wollen, als der Durchschnitt der Bevölkerung. Das ist viel interessanter: Wie ist es unter dieser Bedingung erklärbar, daß dennoch die Handlungen der Akteure oft so niedrig, korrupt, ungerecht, blödsinnig, kurzsichtig, unheilvoll und manchmal sogar geradezu bösartig wirken? Wie ist es möglich, daß selbst intelligente, lebenserfahrene Menschen mit hochherzigen Motiven auch ohne niedrige Gesinnung oder Charakterlosigkeit ihre eigenen Intentionen torpedieren und Unheil heraufbeschwören für die Sache und die Menschen die ihnen am Herzen liegen?

(Okay, okay, die folgenden Texte sind zu nah an meinem Ärger entstanden, für den ich mich offenbar durch Polemik entschädigen wollte. Polemik ist etwas Expressives und Ästhetisches. Der Polemiker ist mehr bei sich als bei der Sache. – Mit einem modernen psychoanalytischen Ansatz gesprochen: Polemik entsteht, wenn eigene Betroffenheit die „Mentalisierungsfähigkeit“ beeinträchtigt, die Fähigkeit, sich bewußt zu werden, was in der eigenen Seele gerade los ist und die Fähigkeit, sich in die Seelen anderer hineinzuversetzen. Ist diese Fähigkeit beeinträchtigt, z.B. durch starke Gefühle, regrediert man auf den Modus der „psychischen Äquivalenz“: Wie das Kind im Halbdunkel Angst vor dem Bademantel hat, der ungewohnterweise im Flur hängt, und ihn für einen Geist hält, und wie dieses ängstliche Kind schwer zu überzeugen ist, weil es seinen inneren Zustand für äußere Realtität hält, so glaubt auch der Polemiker, daß die Wirklichkeit genauso ärgerlich sein muß, wie der eigene Ärger es suggeriert. Deshalb hält der Polemiker seine polemischen Einfälle für ganz toll und verwechselt, wie der Dilletant, „ganz toll“ mit „wahr“. Die folgenden Texte bringen also auch meine eigenen Tendenzen zur Verblendung zum Ausdruck. – Allerdings bitte ich um mildernde Umstände: Frei nach Lessing möchte ich formulieren: Es gibt Dinge, wem die die Mentalisierungsfähigkeit nicht verschlagen, der hat keine.)

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