Das Faustische

Lesezeit: 6 Minuten

Inhalt:
(1) Was Faust will 

(2) Was Faust ausmacht
–  (2.1)
Unbestechlichkeit: „So fluch ich allem, was das Leben mit Lock- und Gaukelwerk umspannt“:
–  (2.2) Desillusioniertheit: „Ich bilde mir nicht ein, was rechts zu wissen“:
–  (2.3) Grenzüberschreitung: „Mich plagen keine Skrupel noch Zweifel“:

Faust ist der Inbegriff eines Menschen, den es drängt, die Grenzen, die uns Menschen gesetzt sind, zu überschreiten, egal, ob das zu Leid und Schaden führt1.

Ähnlich wie Kant feststellt, daß die menschliche Vernunft Fragen aufgibt, die sie nicht beantworten kann, erkennt Faust, daß die menschliche Würde Ansprüche stellt, die nicht erfüllbar sind. Faust will das nicht hinnehmen:

  • Faust will die Natur ihres Schleiers berauben, um zu erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält und wie alles sich zum Ganzen webt.
  • Das Unendliche will er fassen, die Quellen allen Lebens. Er will die Natur fühlen und genießen, z.B. im Mondenschein um Bergeshöhlen mit Geistern schweben und zwar von allem Wissensqualm entladen.
  • Er will das Menschsein abstreifen, in den Spiegel ewiger Wahrheit blicken und sein Selbst in Himmelsglanz und Klarheit genießen (was er sich da wohl vorstellt?).
  • Er will durch die Adern der Natur fließen und schaffend Götterleben genießen.
  • Zumindest will er sorgenfrei sein: nicht mehr vor Angst beben und keinen Verlust mehr beweinen, sondern den Mut haben, sich in die Welt zu wagen und ohne zu verzagen sich mit Stürmen herumzuschlagen.
  • Als das alles nicht geht, will er wenigstens durch Einsatz seines Lebens beweisen, daß Menschenwürde nicht der Götterhöhe weicht; er will es beweisen, indem er für die vage Chance, sich neue Sphären reiner Tätigkeit zu erschließen, das Risiko in Kauf nimmt, daß nach dem Tod alles aus ist. – Die Todesangst zu überwinden und einer würdelosen Existenz das Nichts vorzuziehen: das gibt Faust das Gefühl, den Göttern im Ansatz ebenbürtig zu sein, nach dem Motto: „Wenn ich schon kein Gott bin, so kann mir doch keiner nachsagen, daß ich zu den Blödis gehöre, die sich mit weniger abspeisen lassen!“
  • Nachdem er sich selbst bezichtigt hat, es aus Sentimentalität nicht geschafft zu haben, sich umzubringen, ist ihm alles, was Freude bereitet, bloß noch Lock- und Gaukelwerk: Ruhm, Besitz, Reichtum, Rauschmittel, Liebe.
  • Dann will er aber doch in den Tiefen der Sinnlichkeit glühende Leidenschaften stillen – aber er will das nicht zu seiner Freude, sondern als rastlose Tätigkeit: Er will das Höchste und Tiefste, das Wohl und Weh der ganzen Menschheit am eigenen Leibe erleben. Damit will er die äußerste Höhe des Menschseins erreichen, neue Kraft kriegen und dem Unendlichen näher sein.
  • Doch als auch das nicht geht, läßt er sich von Mephisto überreden, erstmal bloß die kleine und die große Welt sehen zu wollen.
  • In der kleinen Welt will er einem Mädchen den Kopf verdrehen und wilde Partys feiern. Als das Mädchen stirbt, weil er sie wegen der Partys sitzen läßt, will er dann doch wieder nach dem höchsten Dasein streben. Er begibt sich in die große Welt: an den Kaiserhof. Was er da will, ist nicht ganz klar, offenbar sowas wie ein bedeutender Mann werden: der Experte für Finanzen und Vergnügen.
  • Dann will er, statt sich an sexy Nymphen zu erfreuen, die schönste Frau, die je auf Erden gelebt hat, um sich später mit ihr und dem gemeinsamen Sohn verbunden zu fühlen.
  • Als der Sohn da nicht mitmacht und Fausts Traum von er heilen Familie scheitert, will Faust die rohen Naturkräfte dem Menschen unterwerfen, und schließlich, damit die Spur seiner Erdentage nicht in Äonen untergehe, ein freies Volk auf freiem Grunde gründen, auch wenn er dafür die Einheimischen, die seinen Plänen im Weg stehen, beseitigen muß.

 

2.1 Unbestechlichkeit

Faust will sich über seine unerfüllten Sehnsüchte nicht hinwegtrösten durch Hoffnungen auf die Zukunft, durch Ablenkungen und Ersatzbefriedigungen oder durch den Glauben an einen Gott, der die Ergebenheit in Leiden und Entbehrungen im Jenseits belohnt. – Faust flucht „auf den blinden Lebenswillen, der sich mit Hoffnung, Glaube und Geduld gegen alle Enttäuschungen des Lebens behauptet“2.

Duldsamkeit und Genügsamkeit sind für Faust Selbstverrat, und Genuß ein entwürdigender Trost für die Konflikte zwischen Wunsch und Wirklichkeit: Statt auf der Kirmes des Lebens in die Geisterbahn zu dürfen, gibt’s bloß ein Eis, damit das Gequengel aufhört.

„Geheilt will ich nicht sein, mein Sinn ist mächtig, da wär ich ja wie andere niederträchtig!“ Das Leiden an den unerfüllten Sehnsüchten sowie die Aufforderung zur Tat, die in diesem Leiden liegt, ohne Tat „wegmachen“, durch Narkotika, Religion oder Psychotherapie, das ist für Faust würdelos.

2.2 Desillusioniertheit: eigenständiges, sich selbst in Frage stellendes Denken

Faust scheut sich nicht, alles ernsthaft in Frage zu stellen, und er macht dabei vor seinen eigenen Überzeugungen nicht halt.

Sich ernsthaft in Frage zu stellen bedeutet mehr, als zu denken: „Sicher, Irren ist menschlich. Deshalb muß ich grundsätzlich damit rechnen, daß auch meine Überzeugungen irrig sein könnten. Aber wenn sie sich derart richtig anfühlen, und ich mir nicht vorstellen kann, wie es sich mit der Sache anders verhalten könnte, dann sind sie bestimmt auch richtig!“ – Leute die so denken, suchen nie nach etwas, das ihre Überzeugungen in Frage stellt, sondern nur nach dem, das für sie spricht. So kommen sie aus ihrer Welt nie hinaus. Das nennt man: Beschränktheit.

Leute wie Faust dagegen sagen sich: „Der Wirklichkeit ist es völlig egal, was ich von ihr denke. Ich muß damit rechnen, daß alles auch ganz anders sein kann, als ich glaube.“

Eigenständiges, freies Denken legt sich redlich Rechenschaft ab, wie tragfähig die Gründe sind, mit denen es sich erlaubt, eine Überzeugung bis auf Weiteres für wahr zu halten:

„Zu wissen, was man weiß und was man nicht weiß, zu wissen in welchem Sinne und in welchen Grenzen man etwas weiß, mit welchen Mitteln das Wissen erworben und begründet wird“3 – ob wir z.B. selber untersucht oder nur erzählt bekommen haben, daß jemand von den Toten auferstanden sei, und falls bloß erzählt, welche Gründe dafür oder dagegen sprechen, den Erzählern zu glauben. (Was wäre verwunderlicher: Daß jemand, der glaubwürdig ist, etwas beteuert, das nicht der Wahrheit entspricht, oder daß jemand von den Toten auferstanden ist? Der Aufklärer Hume empfiehlt, bis auf weiteres immer erst das kleinere Wunder für wahr zu halten4.)

Eigenständiges Denken stößt sich an Unstimmigkeiten im bisherigen Wissen, mit denen die herrschende Meinung sich abgefunden hat. (Unstimmigkeiten dieser Art waren z.B. der Grund, warum Kopernikus erwog, ob es sich mit der Jahrhunderte lang behaupteten Lehrmeinung, daß die Sonne sich um die Erde drehe, nicht andersherum verhalten müßte.)

Die Aussicht, bei andern Menschen auf Mißfallen und Ablehnung zu stoßen, schreckt eigenständiges Denken nicht ab. Es überwindet die Beschränkungen des herrschenden Denkstils.

Der Begriff „Denkstil“ wurde von Ludwik Fleck geprägt, einem der Pioniere der modernen Wissenschaftstheorie: „Der Denkstil besteht … aus einer bestimmten Stimmung. … sie ist Bereitschaft für selektives Empfinden… Zugehörig einer Gemeinschaft erfährt der kollektive Denkstil die soziale Verstärkung … die allen gesellschaftlichen Gebilden zuteil wird. … Er … bestimmt, was nicht anders gedacht werden kann. … Die … Abgeschlossenheit jeder Denkgemeinde geht parallel einer stilgemäßen Beschränkung der zugelassenen Probleme: es müssen immer viele Probleme unbeachtet bleiben oder als unwichtig oder sinnlos abgewiesen werden“ 5. (Link zum Wikipediaartikel zu L. Fleck)

Selbst das überwältigenste Überzeugungserlebnis verbürgt keine Wahrheit. Faust hat die Reife, darüber zu erschrecken.

Doch als Folge seines freien Geistes fühlt sich Faust einsam, sinnlos und ohne Hoffnung: Als Skeptiker steht er außerhalb der Gemeinschaft, als Ungläubiger findet er keinen Trost im Glauben an Gott, und zu lehren, was er für fragwürdig hält, erlebt er nicht als sinnvoll. – Aber seine Eigenständigkeit macht ihn zum Entdecker: bereit, dahin zu steuern, wo bisher noch niemand hingesteuert ist.

2.3 Grenzüberschreitung

Gedankenexperiment: Wie würde sich das für Sie anfühlen:

Das, wonach Sie sich am stärksten sehnen, kriegen Sie nicht. Ihr ganzes Leben haben Sie darauf ausgerichtet, es zu kriegen, und alles auf eine Karte gesetzt, denn das Leben erschien Ihnen nichts wert, wenn Ihnen die Erfüllung Ihrer Sehnsucht versagt bliebe. Und nun ist gewiß: Sie werden die Erfüllung nie erleben!

Sie stehen da wie jemand in Trümmern, Staub und Öde, der den letzten Zug ins gelobte Land verpaßt hat. Das einzige, was Ihnen bleibt, ist etwas, was Sie bisher immer abgelehnt haben, weil es verfemt ist, heikel und fragwürdig: Drogen.

Doch die leichten bringen Ihnen nichts und von den harten kriegen Sie Angstzustände. Sie sind verzweifelt, weil nichts klappt, und kurz davor, sich umzubringen. Da taucht die Mafia auf und bietet Ihnen an, Sie aus dem Elendsort auszufliegen. Sie wissen: Das sind Leute, die skrupellos und menschenverachtend sind, die Zwangsprostitution und Drogenkrieg zu verantworten haben. Und Sie wissen auch: Wenn Sie mit denen anbandeln, werden Sie für den Rest Ihres Lebens denen zu Willen sein müssen, wann immer die es wollen.

Von einer Situation dieser Art handelt Goethes Faust.

Seine Eigenständigkeit ermöglicht Faust, die Werte seiner Zivilisation in Frage zu stellen. Das macht ihn freier. Und aus seiner Enttäuschung über das Leben zieht er die Erlaubnis, diese Freiheit auch zu nutzen. Ähnlich wie ein verwahrlostes, hungerndes Kind sich seine Brötchen stibitzt, denkt Faust sowas wie: „Wenn mir das Leben so kommt, nee, dann fühl ich mich auch an nichts mehr gebunden! So war das nicht abgemacht! Jetzt setz ich auf Magie!“

„Flieh, auf, hinaus ins weite Land!“ – Mit diesem an sich berechtigten Impuls, einen Bruch mit einer Fehlentwicklung zu vollziehen, fordert Faust sich auf, seinen Gefühlen zu folgen. – „Regression“ statt „Progression“: Trieb statt Sinn, Wunsch statt Wirklichkeit, Gefühl statt Gedanke. Faust hält die Disziplin, die Vernunft und Aufklärung uns abverlangen, nicht durch, er sagt sich sowas wie: „Jetzt bin ich’s leid, jetzt reiß ich mich nicht länger zusammen, sondern lebe frei heraus, so wie ich will!“ – Faust bewertet bei seiner Bibelübersetzung Tätigkeit höher als Besinnung 6. Er ist denkmüde geworden. Er läßt sich gehen und gibt sich seinem Ressentiment gegen das Leben hin. Er erschlafft.

Faust betrieb die Wissenschaften nicht, um sie voranzubringen, sondern nur, um seinen Wissensdrang zu stillen. Ihn interessiert nicht, ob er einen Beitrag für den wissenschaftlichen Fortschritt geleistet hat. (Sein Schüler Wagner ist diesbezüglich reifer.) Mitzuwirken am Fortschritt der Menschheit reicht Faust nicht. Deshalb kann er seine Erfolglosigkeit nur als persönliches Drama erleben. – Auch Lehren hat für Faust nur dann Sinn, wenn er die Menschen bessern und bekehren kann. Bloß daran mitzuwirken, das Zivilisationsniveau aufrecht zu erhalten, ist ihm zu wenig.

Faust hätte sich sagen können: „Woher will ich wissen, daß meine Unzufriedenheit mit dem Leben tatsächlich am Leben liegt und nicht daran, daß ich möglicherweise eine einseitige Sicht auf das Leben entwickelt habe, eine Sicht, die zu verzerrten Bewertungen führt?“ – Faust, der Skeptiker, ist nicht skeptisch genug gegen seine Art, das Leben zu erleben. Auch das ist ein Erschlaffen.

Nachvollziehbar ist allerdings, daß Faust erschöpft ist durch die vielen Enttäuschungen („burn out“). Aber genau das hätte er mit einrechnen müssen in seine Einschätzung: den Erschöpfungs- und Enttäuschungsfaktor.

Weiterlesen: Zum Faustpfad (Überblikck über alle Beiträge zur Interpretation)

Nachweise

1 Schöne, Albrecht, Johann Wolfgang Goethe: Faust. Texte und Kommentare, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 1994,

2 Korff, Geist der Goethezeit – S. 308. (Da ich die Bände („ererbt von den Vätern“) wegen ihrer Geschwätzigkeit verschenkt habe, kann ich nicht mehr sagen, in welchem Band die Stelle zu finden ist.)

3 Jaspers, Carl: Vorwort zur dritten Auflage der Psychopathologie

4 Blackburn. Simon, Wahrheit, ein Wegweiser für Skeptiker, Darmstadt 2005 (Primus Verlag), S. 233

5 Fleck, Ludwik: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache, (1935), Frankfurt a.M. 1980, S. 130 u.137

6 Ähnlich Schrimpf, Hans Joachim, in: Müller, Michael (HG.), Deutsche Dramen, Interpretationen, Weinheim 19943 (Beltz) S. 104: „Hatte Faust Wort und Tat gegeneinader ausgespielt, das eine an die Stelle des anderen zu setzen versucht, so fordert Goethe im Wilhelm Meister dazu auf, beide miteinander zu versöhnen, das eine am anderen zu korrigieren“. Schrimpf zitiert aus Wilhelm Meister: „Das Tun am Denken, das Denken am Tun zu prüfen“ (Hamburger Ausgabe Bd. 8 S. 263). – Mit seiner eigenen Weisheit kommt Goethe in diesem Wort – wahrscheinlich ohne es zu reflektieren – dem im nächsten Abschnitt („Fausts Erlebnisse von Mangel“) skizzierten operationalen Verständnis von Objektivität nahe, wie es die moderne Naturwissenschaft ausmacht. — Der Germanist Thomas Weitin weist darauf hin, daß Goethes Vorbild für Faust offenbar Moses war! In einer Studie über das Alte Testament nennt Goethe Moses angesichts seier unüberlegten Gewalttaten einen Mann, der trotz eines „lebhaften Gefühls von Recht und Unrecht“ „nicht zum Denken und Ueberlegen geboren, bloß nach That strebt“.  – (Thomas Weitin, Freier Grund, die Würde des Menschen nach Goethes „Faust“, Konstanz 2013 (konstanz university press) S. 74 ff) — Mehr dazu in: Faust und #meetoo

 

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