Stephen King: The Stand – Würdigung und Kritik

Selbst über die ermüdenden Passagen hinweg ist der Roman so spannend, daß ich ihn kaum aus der Hand legen wollte. Und anders als in anderen Romanen Kings (z.B. Feuerkind) mochte ich kaum querlesen (außer gegen Ende – dazu unten mehr).

Das Buch wurde vom Verlag zunächst in einer um 400 Seiten gekürzten Fassung veröffentlicht, weil der Verlag glaubte es so besser vermarkten zu können. Im Vorwort der vollständigen Fassung kritisiert King diese Verlagsentscheidung und zeigt am Beispiel von „Hänsel und Gretel“, welche Ausführlichkeit eine Geschichte mindestens haben muß, damit sie nicht armselig wird. (Dazu unten mehr.) Es scheint, King habe sich damit eine Erlaubnis gegeben für die barocke Überfülle an Figuren, Problemen und Komplikationen. Ich würde den Roman um mindestens 600 Seiten kürzen – aber völlig anders, als der Verlag.

Doch ich schätze, daß King nie, in keiner seiner Geschichten, die Absicht hatte, nur das Nötige zu erzählen, sondern daß er im Vertrauen auf die Leselust seiner Fäns seiner Fabulierlust freien Lauf läßt. Seine Romane enthalten teilweise große Kunst, aber stellen als Romane nicht den Anspruch, große Kunstwerke zu sein.

Einige Figuren und einige Handlungsstränge sind unnötig: z.B. die ältere Geliebte von Larry Underwood zu Beginn der Geschichte (Kap. 50). Auch der wilde Junge und die gesamten damit verbundenen Nebenhandlungen könnten gestrichen werden. (Es mutet an, als sei er für einen Handlungsstrang ausersehen, der nicht fertig ausgeführt wurde, jedenfalls ist die Geschichte des Jungen wie ein Faden, der fallengelassen wird).

Ebenfalls überflüssig: Die Sequenz, in der eine Hauptperson ein Auge verliert und am Schluß die Probleme durch hohen Schnee. – Und immer wieder gibt es unnötige Komplikationen, wenn z.B. ein verfolgter Flüchtender ein paar Steine lostritt und zusammen mit den Lesern nur darauf warten kann, ob er dadurch entdeckt wird oder nicht. – Was hätte dem Roman wirklich gefehlt, gäb es das alles nicht?

Doch es gibt auch grundsätzliche erzählerische Probleme. Zunächst: das Hellsehen. Hellsehen ist ein Mittel gegen Probleme, die eine Geschichte nicht hätte ohne es. Weil der Böse hellsehen kann, muß es auch Gute geben, die Hellsehen können. – Solche künstlichen, irrealen Probleme und Mittel zu ihrer Lösung können gestrichen werden. Sie sind gehaltlos.

Und sie führen zu Folgeproblemen: Warum kann von den Hellsehenden das eine hellgesehen werden, das andere nicht? Teilweise gibt es Erklärungen dafür: Geistig Behinderte können nicht durch Hellsehen erkannt werden. Teilweise gibt es aber auch keine Erklärungen, außer: daß da gerade ein Hellsehender eine Schwäche hatte. Hier reißt die Stringenz und es kommt Willkür in die Geschichte: King nutzt das Hellsehen, wie er es gerade braucht – und er will lieber gar nicht wissen, was alles möglich oder unmöglich wäre, würde er aus seinem Gebrauch des Hellsehens ein konsequentes Konzept von Hellsehen ableiten. – Es verhält sich hier ähnlich, wie beim Mann der durch Wände gehen konnte: der müßte eigentlich zum Erdmittelpunkt stürzen…

Die Figur des Dämons vergrößert dieses Problem noch, weil es nicht klar ist, was er alles kann und was er nicht kann. – Mit derart undurchdachten und unkonsequenten Konzepten kann King beliebig neue Probleme schaffen oder alte lösen. – Gut, er schreibt so spannend, daß im Eifer des Leseerlebnisses die Willkür in ihrer kompositorischen Tragweite kaum auffällt.

Unglaubwürdig ist auch die Geliebte des Dämons. Warum sollte ausgerechnet eine Frau, die sich aufopferungsvoll um Kinder kümmert, sich von früh an zum Dämon hingezogen fühlen? – Nicht ohne Grund läßt King bei dieser Figur den psychologischen biographischen Unterbau weitgehend weg. So unüberzeugend die Geschichte eingefädelt wird, so unüberzeugend wird der Faden schließlich zerrissen (Es ist nicht klar, warum sie sich das, was sie schließlich erlebt, wundert, warum ihr das nicht vorher klar war.)

Sicher, im realen Leben gibt es Frauen (und auch Männer) die mit nahezu religiöser Gewißheit glauben, nur einem ganz bestimmten, ganz besonderen Menschen bestimmt zu sein, den sie irgendwann im Leben treffen werden, so daß sie für ihn die schönsten Jahre ihrer Jugend der Keuschheit opfern und die wunderbarsten Chancen verschmähen. Meist gehen sie dann irgendeinem Aufschneider oder Machtmenschen auf den Leim und erleben dabei bestenfalls eine bittere Enttäuschung, schlimmstenfalls werden sie sozial, finanziell und körperlich ruiniert. So ein Charakter scheint King vorgeschwebt zu haben, daher hat diese Figur eine gewisse Plausibilität. Aber eigentlich könnte sie komplett gestrichen werden – wie auch der schon erwähnte wilde Junge, den sie bemuttert.

Auch die finale Problemlösung ist nicht überzeugend: Sie ist ein Deus Ex Machina. Daran ändert  nichts, daß die Voraussetzungen dafür gut vorbereitet sind. – Weiterer Nachteil: Die eigentlich angedachte, sorgsam vorbereitete Problemlösung (die Mission der vier Hauptpersonen) wird durch den Deus absurd. (Freilich ist dieser Absurdität durchaus etwas abzugewinnen – aber ich schätze, das war nicht von King beabsichtigt.) – Allerdings gibt King am Ende dieser absurden Mission noch einige wunderbare Beispiele von Zivilcourage in Extremsituationen. Hier wird wieder das Zwiespältige von Kings Kunst deutlich: Das genretypische Fabulieren zu Unterhaltungszwecken verdichtet sich immer wieder unvorhersehbar zu anspruchsvoller Literatur.

Die Passage, in der Franny ihre Eltern von ihrer unehelichen Schwangerschaft informiert (Kap.12), ist ein kleines Meisterwerk. Herausgelöst aus dem Roman könnte es als Kurzgeschichte in einer Sammlung der besten amerikanischen Kurzgeschichten überhaupt stehen. (Allerdings ist die Frage, was King mit diese Vertiefung anfängt. Ist das, was Franny hier erlebt in irgendeiner Weise wichtig für den Fortgang der Geschichte? Verleiht es auch noch Tiefe in irgendeiner Begegnung mit Franny an andern Stellen des Buches? Die Passage ist für den Roman unnötig. Sie könnte tatsächlich als eine der meisterhaftesten Kurzgeschichten der amerikanischen Literatur herausgelöst werden…)

Die weiteren gehaltvollsten Passagen sind nach meiner Einschätzung vor allem die Phänomenologie dissozialer Persönlichkeitsstörungen, hier vor allem der „Wolfsmann“, aber auch Poke und die Lady aus Kap. 43 sowie der Mülleimermann.

Ebenfalls lesenswert: die Reflexionen von Mutter Abigeil über Stolz, sowie die Konsequenz, eine Mission ins Ungewisse auszusenden, statt sich auf Aufrüstung zu verlassen. Die Ausführungen von Mutter Abigeil sind gerade deshalb interessant, weil sie zu protestantischem Fundamentalismus neigen. Damit zeigt King die Beschränktheit dieser Formen von Protestantismus, denn es gäbe auch andere Möglichkeiten, mit Tendenzen zu falschem Stolz umzugehen, Möglichkeiten, die nicht rigoros sind bis zur Autoaggressivität.

Meisterhaft ist auch in Kap. 1 die Schilderung der trostlosen Resignation von Männern in einer wirtschaftlich niedergegangen Provinzkleinstadt.

Meisterhaft auch, wie King mit wenigen „Federstrichen“ die traumatisierenden oder verwahrlosenden Kindheitsbedingungen der „bösen“ Hauptfiguren darbietet, so daß wir regelrecht Mitleid mit den Bösen empfinden können. – Das Böse entsteht aus Ressentiment und Racheimpulsen von Menschen, die meist aus sozial deklassierten Familien stammen – das beschreibt King meisterhaft. Im Grunde handelt es sich um eine Kapitalismuskritik: Die Guten entstammen alle der Mittelschicht, die Bösen der Unterschicht.

Ansatzweise gut ist auch Kings Darstellung, wie das vom Dämon gegründete Gemeinwesen aus sich selbst heraus immer instabiler wird, weil es auf Abschreckung setzt und dissozialen Menschen Macht und Verantwortung überträgt. Allerdings hätte King daraus weit mehr machen können. (Das holt er aber in seinem späteren Roman „Die Arena“ nach – wohl sein lesenswertestes Werk.)

King gibt im Vorwort eine Kurzfassung von Hänsel und Gretel, und demonstriert daran, wie ärmlich eine Geschichte ist, die nur das Allernotwendigste erzählt, nur das was unerläßlich ist, um die Geschichte zu verstehen. Er meint, erst die Sequenz, in der Hänsel Brotkrumen ausstreut, um nach Hause zurückzufinden, und feststellen muß, daß die Vögel die Brutkrumen gefressen haben, lasse den Zauber der Geschichte entstehen. Diese Sequenz sei für die Handlung nicht von entscheidender Bedeutung aber sie sei ein „großartiges magisches Versatzstück des Geschichtenerzählens“ (S.10). – King hat völlig recht: Diese Sequenz verdeutlicht die Stimmung der Kinder: die Enttäuschung der Hoffnung, nach Hause zu finden, die das das Gefühl der Verlassenheit verstärkt. Insofern hat es eine „Funktion“ für die Geschichte.

Haben Frannies Mutter oder „The Kid“ ähnliche Funktionen für die Geschichte? Nein. Obwohl es die besten Abschnitte des Romans sind, Abschnitte, die King offenbar auf Geheiß des Verlages in der ersten Fassung gekürzt hat.

Auf „Hänsel und Gretel“ übertragen wäre Kings Fabulierlust so, als ob der Märchenerzähler hinzufügt, wie Hänsel über einen Baumstumpf stolpert, sich den Fuß verstaucht und zwei Tage bloß Humpeln kann und Gretel daher die wilden Himbeeren erst findet, wenn sie verfault sind. Und daß Gretel sich an einem Dorn eine tiefe Schramme holt, die sich entzündet, so daß sie drei Tage ruhen müssen, und am zweiten treibt ein kalter Regen sie in eine Höhle wo ihnen eklige Spinnen über die Füße rennen. Egal wie großartig und gruselig soetwas erzählt wird: es würde die Geschichte aufblähen.

King ist kein Symphoniker sondern ein Rhapsode. Aber er möchte wahrscheinlich auch gar nichts anderes sein.

Weiterlesen: Über Stephen Kings Kunst (auf dieser Website)