Die Verpfiffenen („Whistleblowing“)

Die Engel jagen dem Teufel Fausts Seele ab mit der Rechfertigung: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen!“- Aber was passiert mit denen, die sich nicht strebend bemühen? Daß die Strebeethik auch ziemlich dunkle Seiten haben kann, veranschaulicht die erste Geschichte, Die Verpfiffenen„, aus dem Dyptichon: „Nachrichten über Außerirdische“ (Lesezeit: 8 Minuten)

(Die zweite, „Die Zivilisatoren„, zeigt, welche Tücken damit verbunden sind, wenn man, wie Faust, ein freies Volk auf freiem Grunde schaffen will, aber sich dabei mehr dafür interessiert, seine Vision zu realisieren, statt zu fragen, wie realitätsgerecht sie ist…

Daniel Seefeld

Nachrichten über Außerirdische

Die Verpfiffenen (Whistleblowing)

Eigentlich haben sie uns zuerst entdeckt. Aber selbst wenn sie gekonnt hätten, hätten sie wohl keinen Kontakt mit uns aufgenommen, aus Scham, wie ich vermute. Sie befinden sich etwa in halber Entfernung zwischen Venus und Erde, ein Verbund von 17 aneinandergekoppelten Raumschiffen, die zusammen etwa die Ausdehnung von London haben. Mehr haben sie nicht hingekriegt.

Sie hatten ihren Planeten verlassen müssen, als ihre Sonne sich aufzublähen begann. Da sie das Phänomen nicht verstanden, hatten sie mit dem Raumschiffbau erst begonnen, als die Veränderungen ihrer Sonne so gravierend wurden, daß sie Angst bekamen. Deshalb hatten sich nur wenige von ihnen retten können, ungefähr 80000. Sie konnten nur recht primitive Raketen bauen, etwa auf dem Stand unserer Technik von 1945. Wäre ihr Planet größer gewesen als unser Mond, hätten sie seiner Anziehungskraft nicht entkommen können. Sie sind einfach nicht intelligent genug, Ihr Maschinenbau kommt über ein gewisses Niveau nicht hinaus, sie kapieren einfach nicht mehr, selbst ihre genialsten Köpfe nicht. – D.h., Köpfe haben sie keine. Sie sind Würmer, Dreiwürmer, eine Art siamesischer Drillinge, eine vererbte Mißbildung. Irgendeine zufällige Mutation hatte dazu geführt, daß ein Zusammenwachsen von drei Wurmkeimen genetisch codiert worden war. Offenbar war es in der Umwelt der Würmer kein Überlebensnachteil, als siamesischer Drilling herum zu kriechen. Die Nebenwürmer zweigen im oberen Drittel ab, aber fast nie symetrisch, so daß jedes Exemplar irgendwie unrichtig aussieht, wie verunglückt.

Die Würmer bestehen aus Segmenten. Jedes Segment hat sein eigenes Mini-Hirn und machte ursprünglich, was es wollte. Jene Würmer, in denen Mutationen zu einer Vernetzung der Segmente führte, hatten Überlebensvorteile, weil sie sich koordinieren konnten. Der gleiche Vorgang, der zur Überwindung der Segmentgrenzen geführt hatte, überwand auch die Grenze zwischen den zusammengewachsenen Individuen, so daß aus den Dreien Eines geworden war. Obwohl das jahrhunderttausende vor ihrer Intelligenzentwicklung stattgefunden hatte, spielte dieser evolutionäre Schritt in ihrer Religion eine zentrale Rolle: Drei, die zu Einem werden. Das war ihnen ein Symbol für die Bindungskräfte der Gemeinschaft.

Sie sind häßlich: von einer schmutzigen gelblich-weißen Farbe, mit pockiger, immer etwas schmierig aussehender Haut und vereinzelten dicken schwarzen Haaren. Sie sind zwei bis drei Meter lang und beindick. An jedem Wurmende befinden sich ein Mund und mehrere Augen. Der Mund ist schnabelartig, so kann er gleichzeitig als Greifwerkzeug dienen. Die vier Extremitäten können sich wie Finger zu einer „Hand“ zusammen biegen, jeder „Finger“ hat dabei mit dem Schnabel eine eigene Greifvorrichtung. Diese ganze Anlage hatte genug „Handwerklichkeit“ ermöglicht, um solchen Hirnmutationen Überlebensvorteile zu verschaffen, die die handwerklichen Möglichkeiten besser nutzen konnten. Das führte zur Intelligenzevolution. Im Vergleich zu uns sind sie jedoch handwerklich stark eingeschränkt: Sie können z.B. nicht hämmern, höchstens klöppeln.

Mit ihrer unvorteilhaften körperlichen Ausstattung war nicht nur die Intelligenzevolution schnell an Grenzen gekommen, sondern nach ihrer Intelligenzentwicklung hatten sie noch mehrere hunderttausend Jahre für die Anfänge einer technischen Zivilisation gebraucht. Für Vieles, was wir mühelos mit einigen Handgriffen bewerkstelligen, mußten sie erst primitive technische Vorrichtungen entwickeln, vor allem für die ersten Schritte zur Beherrschung des Feuers und der Metallverarbeitung.

Da sie nicht atmen, funktioniert ihre Sprache nur über Klack- und Schnalzlaute. Allerdings ist sie sozusagen „polyphon“ strukturiert: Sie bilden die Worte gleichzeitig mit jedem ihrer vier Schnäbel. Das Lautbild des Namens, den sie sich selbst geben, klingt für unsere Hör- und Auffassungsfähigkeit  etwa wie: „KttK“ (das letzte „K“ betont). Aber das ist stark vereinfacht. Genau ließe er sich nur mittels einer musikalischen Partitur darstellen.

Sie haben keine Waffen entwickelt, außer Katapulten, und die auch nur zur Abwehr von Freßfeinden. Ihre Spezies war mehrmals vom Aussterben bedroht gewesen: Die Dreiwürmer konnten nicht unter der Erde leben, über der Erde waren sie leichte Beute. Eine Unterart hatte eine Symbiose mit den „Riesenstelzen“ entwickelt, Wesen, die visuell am ehesten an symmetrische Bäume erinnern, aber langsam umherwandern. In ihrem „Geäst“ waren die Dreiwürmer vor den Raubtieren an der Oberfläche geschützt, nicht aber vor den „Ballon-Zünglern“: Tieren, die Gase erzeugten, mit denen sie sich ballonartig aufblähten, durch die Gegend schwebten und sich mit Rückstoß steuerten. Ihren Termosensoren und Klebezungen entging kein Dreiwurm. Daher waren die evolutionären Nebenlinien, deren Intelligenz nicht zum Bau von Waffen reichte, ausgestorben.

Sie sind schon deshalb keine kriegerische Lebensform, weil es bei ihnen keine Hierarchien von Binnen- und Außenmoral gibt. Es gibt keine Clans, keine Stämme, ja nicht einmal Paare, denn sie sind hermaphroditisch. Die große Bedrohung durch die Ballonzüngler hatte dazu geführt, daß nur jene Varianten überlebten, die nicht nur eine Tötungshemmung gegenüber Artgenossen entwickelt hatten, sondern auch das Bestreben, sich um jeden anderen Dreiwurm zu kümmern wie um sich selbst. Deshalb wissen sie auch nur zufällig, wer ihre Eltern sind. Die Kokons werden gemeinschaftlich gelegt und versorgt. Meist weiß niemand mehr, welches sein eigener war, das ist ihnen einfach egal. – Jene Unterarten, in denen Abstammungslinien miteinander konkurrierten, waren ausgestorben, sie hatten der Dezimierung durch Fressfeinde die durch die Konkurrenz untereinander hinzugefügt, und ihre Populationsdichte hatte schließlich eine kritische Grenze unterschritten.

Die KttK hatten unsere Sonne etwa vor 30 000 Jahren entdeckt. Damals waren sie einmal um die Erde herumgeflogen, hatten aber mit ihrer schlecht entwickelten Optik keine intelligenten Lebensformen entdecken können. Da sie unsere Luft nicht vertrugen und es ihnen sowieso zu kalt war, hatten sie keinen Versuch unternommen, unsere Erde zu kapern, sondern sich mit ihrem Refugium begnügt. Sie haben dort seit dem Aufbruch aus ihrem Sonnensystem, seit mehr als einer Million Jahren, alles, was sie brauchen, selbst üppig Platz, denn sie haben sich auf 4000 Individuen zusammengeschrumpft, gerade doppelt so viel, wie nötig, um zu überleben. Sie haben keinen Ehrgeiz, sich zu vermehren. Warum auch?

Sie haben uns ganz zufällig entdeckt: Sie besitzen primitive Funkgeräte, die sie im Alltag nie brauchen, die nur zur Sicherheitsausrüstung gehören, damit sie in Notfällen schneller miteinander verbunden sein können. Bei den turnusmäßigen Prüfungen dieser Geräte hatten sie Radiowellen von uns empfangen, uns aber nicht an unserer Sprache sondern an unserer Musik erkannt: Sie hatten aus auffälligen, nie gehörten Regelmäßigkeiten erschließen können, daß es sich um ein nicht-natürliches Signal handeln mußte, um Emissionen einer intelligenten Lebensform. – Bilder hatten sie nicht empfangen können, sie hatten nur rätseln können, wie wir wohl aussähen.

Aus Sicherheitsgründen haben wir unsere Entdeckung bis jetzt geheim gehalten. Wir wollten erst wissen, ob wir es mit einer Gefahr zu tun haben und Spekulationen und Panik vermeiden.
Die erste Vermutung war, daß sie uns etwas vormachen und gar nicht so primitiv sind, wie sie tun. Einige skeptische Militärs glauben das immer noch. Aber wir haben wirklich jeden Winkel ihres Raumschiffs inspiziert, jeden Stein, jeden Ast umgedreht, wir haben nicht den geringsten Hinweis darauf, daß uns etwas verborgen wurde. Die nächste große Sorge der Militärs war, daß sie neidisch auf unseren Lebensstandart und unsere Technik werden und aus Neid unsere Welt mit ihren Mikroben verseuchen könnten, gegen die bei uns kein Kraut gewachsen ist. – Wir wurden dabei zusätzlich dadurch verunsichert, daß uns unklar blieb, woraus sie ihre Lebensfreude beziehen: Ihr Körper ist als Lustquelle weit geringer ausgestattet als unserer. Liebe gibt es nur in Form einer einmal jährlichen kurzen und heftigen Kopulation. Soetwas wie kuscheln kennen sie nicht. Selbst die Nahrungsaufnahme wirkt wenig genießerisch: sie schlingen ihre Beute – die Parasiten der Riesenstelzen – einfach herunter.

Aus diesen Gründen wurde ein Fond geschaffen, der die KttK mit allen erdenklichen Annehmlichkeiten versorgen sollte: Wir entwickelten Computer für ihr Intelligenzniveau, wir boten ihnen an, ihre Raumstation zu vergrößern, wir boten ihnen an, die nützlichsten Maschinen, extra für ihre Zwecke zu ersinnen. Doch das einzige, was sie annahmen, waren elektronische Filter, mit denen sie unsere Musik auf rhythmische Impulse reduzieren können. Das finden sie lustig, weil sie es als eine dadaistische Nonsense-Sprache erleben, etwa wie wir Worte wie „Kataplü“. Am liebsten hören sie Strawinsky.

Alle anderen Angebote halten sie schlichtweg für sinnlos. Die Verrichtungen ihrer täglichen Lebensvollzüge von Maschinen übernehmen zu lassen, erscheint ihnen so absurd wie uns die Vorstellung, uns morgens von einer Maschine das Hemd knöpfen und das Brot schmieren zu lassen. Sie glaubten uns übrigens nicht, daß wir elektrische Zahnbürsten haben, sie hielten das für einen Witz. Als wir ihnen eine vorführten, platzten sie fast vor Lachen. – Von Lachen kann bei ihnen natürlich nur im übertragenen Sinne die Rede sein, weil sie nicht atmen. „Lachen“ zeigt sich bei ihnen in einem konvulsischen Verdrillen ihrer Extremitäten. Im Falle der Zahnbürst-Maschinen war das so heftig, daß wir fürchteten, sie würden sich zerreißen.
Sie sind übrigens sehr dankbar für die Musikfilter. Selbst jemandem der sie zum ersten Mal gesehen hätte, wäre ihre Erregung nicht verborgen geblieben: sie freuten sich wie Kinder. Sie waren sehr beflissen darin, uns etwas zurück zu geben, sie zeigten uns bereitwillig alles, was sie haben und können, aber es war beim besten Willen nichts dabei, nicht das Geringste, was wir nicht schon besser haben und können. Da wurden sie richtig traurig, daß sie uns nichts Gutes tun konnten und erheiterten erst wieder, als wir ihnen sagten, daß es für uns ein weit bedeutenderes Geschenk wäre, als unsere Filter für sie, wenn sie uns erlaubten, sie zu erforschen. Sie willigten sofort freudig ein. Ich glaube, sie haben nicht wirklich verstanden, was das bedeutete. Sie hielten es wohl eher für ein Spiel. Aber Spiele haben bei ihnen nunmal einen hohen Wert.

Wir dachten, daß wir wenigstens kulturell von ihnen profitieren könnten. Doch die Philosophen und Soziologen wandten sich schnell enttäuscht von ihnen ab: Ihre Reflexionen auf das Dasein und die Existenz gehen nicht über das Niveau 8-jähriger Menschenkinder hinaus. Und daß sie keine Kriege führen und untereinander nicht gewaltsam sind, hat weder mit der Ausbildung besonders leistungsfähiger Institutionen der Konfliktlösung zu tun noch mit einer besondern Moralität, es ist keine kulturelle Leistung, von der wir etwas lernen können, es liegt einfach in ihrer Biologie. – Sie haben nichts, nicht das geringste, das uns in irgendeiner Form weiterbringt, keine Erfindungen, keine Erkenntnisse, keine Weisheiten.

Bis heute können sich führende Militärs nicht mit der Vorstellung anfreunden, daß da droben Außerirdische leben. Immer wieder wird der Vorschlag gemacht, was denn dabei sei, einfach eine Atomrakete drauf zu schießen. Das ginge doch ganz schnell, die würden gar nichts spüren. Denn wir wüßten ja schließlich nicht, was in deren Wurmhirnen vorginge, und was die vielleicht irgendwann mal auf uns schießen würden. Die Militärs waren erst beruhigt, als ihnen die Aufstellung einer speziellen Abteilung zugesichert wurde, die mit Satelliten jeden Quadratmilimeter der Raumstation überwacht, ob irgendetwas sie verläßt.

Heimlich zweigten wir von den Kttk und allen Lebensformen ihres Biotops genetisches Material ab. So sehr ich auch protestierte: ich konnte mich nicht gegen die Funktionäre aus Militär und Wirtschaft durchsetzen. Vor allem die Militärs betonten: daß es ein Gebot der Sicherheit sei, alle genetischen Elemente von ihnen zu kennen, für den Fall, daß sie doch was auf die Erde schießen würden. Und die Wirtschaftsfunktionäre betonten, es ließen sich vielleicht Medikamente daraus herstellen für unheilbare Krankheiten. So wanderten die gesammelten Lebensbausteine jener fremden Welt in geheime Labore von Militär und Industrie.

Selbst wenn sie wollten: sie können sich gar nicht weiterentwickeln! Sie sind am äußersten Ende ihrer Entwicklung angelangt, schon seit mehreren Millionen Jahren, mehr geht nicht. So leben sie zwischen Erde und Venus still vor sich hin. Sie sind für nichts gut. Sie sind einfach bloß da und freuen sich des Lebens.

 

Nachtrag.

Die Veröffentlichung meiner Nachricht über die Aliens, die Sie gerade gelesen haben, wurde im Zuge neuer Sicherheitsmaßnahmen unterdrückt. – Ich habe sie entdeckt und ich fühle mich für sie verantwortlich. Deshalb werde ich zum Whistleblower. Mein Gewissen läßt mich einfach nicht in Ruhe.

Die Verantwortlichen der Erde waren einhellig zu der Überzeugung gekommen, aus Sicherheitsgründen die KttK nicht in unserem Sonnensystem zu dulden. – Nachdem eine Komission die Ausweisung der KttK aus unserem Sonnensystem als zu unsicher befunden hatte (es wär ja nicht auszuschließen, daß sie sich aus Rache wieder zurückstehlen und etwas auf uns schießen würden), hatten die Militärs den Antrag gestellt, die KttK vernichten zu dürfen, zu „nihilisieren“, wie sie sich ausdrückten. Die wissenschaftlichen Expertisen über Intelligenz und Bewußtsein der KttK wurden einem internationalen geheimen Sicherheitsgerichtshof vorgelegt, der anläßlich der Fragen, die das Auftauchen der KttK aufwarf, extra gegründet worden war, für die weltraumrechtlichen Probleme im Zusammenhang mit der nicht mehr ausschließbaren Möglichkeit illegaler Einreise extraterrestrischer Lebewesen in unser Sonnensystem.

Gegen die Tötung der KttK wurde angeführt, es sei gleichbedeutend mit der Tötung geistig Behinderter. Diesem Argument schloß sich das Gericht nicht an. Vielmehr unterschieden die Richter humanoide Intelligenzminderung von extraterrestrischer Intelligenzminderung: Zwischen Menschen bestünden, auch bei Intelligenzminderung, immer Bindungen, für die Intelligenz nur bedingt relevant sei: Eltern würden ihre behinderten Kinder schließlich nicht weniger lieben als ihre nicht-behinderten. Solche Bindungen zu zerstören sei zutiefst inhuman, ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. – Doch bei den KttK sei nicht nur der Fall, daß sie aufgrund ihres Intelligenzmangels nicht in der Lage seien, mit uns Beziehungen aufzubauen, die zu irgendetwas führten. Sie könnten nichts mit uns anfangen und wir nichts mit ihnen.

Darüberhinaus seien aber auch andere Ebenen der Beziehung und Bindung – wie z.B. die emotionale unter Menschen – aufgrund ihrer Nicht-Menschlichkeit nicht möglich. Daher würde durch ihre Nihilisierung auch keine menschliche Bindung zerstört, keine menschliche Liebesregung verletzt, die Menschenliebe nicht untergraben und zersetzt. Aus diesem Grunde sei es auch kein Verbrechen gegen Liebe und Menschlichkeit, sie zu nihilisieren (sprich:  abzuschießen).

Natürlich dürfe man nicht einfach so eine fremde Spezies abschießen. Aber in diesem Fall wiege die Verantwortung für die Sicherheit der menschlichen Spezies einfach schwerer. Schließlich könnte es sein, daß auch nur ein einziger feindlicher Akt der Kttk alles höhere Leben auf der Erde auslöschen würde. Und die KttK seien dann nicht einmal in der Lage, mit unserem Planeten etwas anzufangen.

Wenn man dies ins Verhältnis setze: ein Planet, der intelligentes Leben gestatte, werde dieser Möglichkeit beraubt wegen ein paar Würmern, die in einem Blechverschlag nicht viel größer als London zwischen Venus und Erde hängen – wenn man dies ins Verhältnis setze, würde das Mißverhältnis zwischen dem Recht auf Leben für diese Außerirdischen, die das Ende ihrer Entwicklung längst erreicht hätten, und dem Recht auf freie Entfaltung eines ganzen Planeten offenbar. Der Schutz des Planeten gebiete daher, einer Veränderung der Haltung der Außerirdischen vorzubeugen. Ein Wegschleppen ihrer Raumstation sei dabei aus den angeführten Gründen nicht ausreichend. Diese Situation gebe dem Begehren einer Nihilisation, so problematisch dieses Mittel ohne Frage sei, bereits beträchtliches rechtliches Gewicht. Ausschlaggebend für das Gericht sei jedoch, daß die gewichtigen Gegengründe entkräftet werden könnten: Den KttK selbst gehe nichts verloren, weil sie längst am Ende ihrer Entwicklung angekommen seien: Es sei ihnen kein neues Niveau der Selbst- und Seinserkenntnis möglich, es gebe nichts, was sie noch nicht erlebt hätten, es gebe nichts, was sie noch erreichen könnten, die Nihilisation raube ihnen keine Chance. Die Nihilisation sei außerdem insofern legitim, weil wir ja die genetischen Informationen der Außerirdischen gerettet hätten, auch dem Universum gehe also nichts verloren von dem, was es hervorgebracht habe. Es gebe lediglich zur Zeit keine lebendigen Exemplare zu bestimmten genetischen Codes. Für die Nihilisation spreche schließlich auch, daß sie so bewerkstelligt werden könne, daß die KttK nichts davon mitkriegen würden: keinen Schrecken, keine Schmerzen, keine Todesnot. Sie würden nicht leiden, sie wären plötzlich einfach weg.

Trotz heftigster Proteste der maßgeblichen beteiligten Wissenschaftler und Philosophen wurde am 01.12.2013 eine Atomrakete gestartet, die die außerirdische Zivilisation vernichtete.

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