Helenaakt – kommentierende Inhaltsangabe

 

  • Faust hat Helena von Persephone, der Herrin der Unterwelt, losbitten können. „Nun soll sie … auf den Boden von Sparta zurückkehren, um als wahrhaft lebendig dort in einem vorgebildeten Hause des Menelas aufzutreten, wo denn dem neuen Werber überlassen bleibe, inwiefern er auf ihren beweglichen Geist und empfänglichen Sinn einwirken und sich ihre Gunst erwerben könne.“ –  Zwei Aufgaben also für Mephisto: Er muß Helena in Kontakt mit Faust bringen und er muß irgendetwas inszenieren, womit Faust ihr imponieren kann, ohne daß gilt: „man fühlt die Absicht und man ist verstimmt“.
  • Von Persephone freigebegen, „auferstehen“ Helena und ihre Dienerinnen von den Toten. Doch sie finden sich in einer neuen Welt, sie sind wie Immigrantinnen, die es nach Neukölln verschlagen hat. – Mephisto, der sich als die alte Dienerein „Phorkyas“ maskiert hat, konstatiert hämisch, wie gespensterhaft, rückständig und unwissend die Mädchen sind. Und später betätigt er sich mit narzistischer Befriedigung als Trainer zum Bestehen des Einwanderungstests: er erklärt ihnen, was Gotik ist und was Wappen sind.
  • Doch vor dem Schlagabtausch zwischen Phorkyas und den Dienerinnen sehen wir Helena von Schuldgefühlen und Vorahnungen beunruhigt: Sie fürchtet eine Strafe dafür, ihrem Gatten untreu geworden und dadurch mitverantwortlich zu sein für den 10-jährigen Krieg, der mit der Vernichtung Trojas endete. Dann erst entdeckt sie Phorkyas, die Ur-Häßliche. Durch das Geschmähe und Geschimpfe, das sich ihre Dienerinnen mit Phorkyas liefern, kommt Helena noch deutlicher mit ihren Gefühlen von Schuld, Angst und Verwirrung in Berührung: Sie fragt sich, wer sie ist und wie sie bei all den widersprüchlichen Bestimmungen überhaupt begreifen kann, wer sie ist: Sie ist durch ihre außergewöhnliche Schönheit „hochbegünstigt“ von den Göttern, aber Famme-Fatale im furchtbarsten Sinne sowie Klatsch-umsponnene Promi-Frau, die aus den verwirrenden und widersprüchlichen „Rückmeldungen“ der mannigfaltigen Phantasien, Gerüchte und Unterstellungen, die über sie in Umlauf sind, das Zutreffende vom Unzutreffenden trennen muß. – Diese Aufgabe, stellt sich prinzipiell  jedem Menschen, denn unsere Identität kann sich nur aus den Rückmeldungen der anderen bilden, eventuell noch aus den Rück-„Wirkungen“ unseres Wirkens auf die Dinge. Bei Prominenten zeigt sich diese Problematik jedoch in besonderer Deutlichkeit.
  • Die durch die Schuldgefühle nahe gelegte Vermutung, in einer Straforgie ermordet zu werden, nutzt Mephisto aus. Bei Helena selbst, die der Zukunft gefasst entgegenblickt, hat er damit keine Chance. Aber er macht den Dienerinnen solche Angst vor Hinrichtung, daß Helena um derentwillen sich bereit erklärt, sich auf einen Rettungsversuch einzulassen: Sich in die Obhut Fausts zu begeben. Damit bringt Mephisto nicht nur den Kontakt zwischen den beiden zustande sondern exponiert Faust sogleich als mächtigen, „starken Mann“, als einer Helena würdig.
  • Noch einmal werden die Ängste der Mädchen geschürt, die Angst vor dem Neuen beim Übergang vom „Auffanglager“ in die „neue Welt“. Erotik stellt sich schließlich als das Verbindende heraus: das Entzücken über die versprochene goldgelockte Jünglingsschar. Faust bekommt die Macht der „Famme-fatale“ zu spüren, die allein durch ihr Erscheinen seine Mannen aufsässig zu machen droht. Er kann das aber als Chance nutzen, indem er noch einmal klarstellt, wer hier das Sagen hat. Das Liebesglück währt nicht lange: die Nachricht kommt, daß Menelas die Burg erobern will. Ob das nun alles von Mephisto geschickt inszeniert ist oder echt: Faust kann durch die internen und externen Konflikte seine Macht und Stärke demonstrieren. Dann endlich ist es geschafft: die beiden können sich in das Liebesbett Arkadiens fallen lassen.
  • Phorkyas übermittelt den Dienerinnen, die draußen bleiben, die neuesten Neuigkeiten: Helena und Faust haben einen hochbegabten Sohn, ein „Naturwunder“ wie es die Welt noch nicht gesehen hat. Die Dienerinnen wollen nicht akzeptieren, daß es erst einer Verbindung mit der „neuen Welt“ brauchte, um so ein Wunder zu erzeugen. Doch Phorkyas hält ihre Kultur mit der Geburt Euphorions endgültig für überholt und abgewirtschaftet.
  • Euphorion ist die große Freude seiner Eltern. Seine Eigenständigkeit können sie nicht ertragen, sie haben Angst, ihn zu verlieren, wenn er eigene Wege geht: „nicht ins Verwegene!“ Er ist Liebling aller, der Eltern sowohl wie der Mädchen, ohne sich dafür im Geringsten anstrengen zu müssen. Diese „Leichtigkeit des Seins“ hält er nicht aus. Und darin hat er Recht: Wie seine Mutter hat auch er ein Identitätsproblem, denn Identität entsteht nur aus den Rückmeldungen von Menschen und Welt auf das eigene Wirken. Von den Eltern am Entdecken der Welt gehindert, von den Mädchen umschwärmt befindet er sich in einem Gefängnis, in dem sich alle Türen von selbst vor ihm auftun, bloß nicht die Ausgangstür. In seiner Hilflosigkeit scheint es für ihn nur einen Ausweg zu geben, seine Wirkmächtigkeit auszuprobieren: das einzige Mädchen, das sich ihm verweigert, zu vergewaltigen („Das Leichterrungene das widert mir. Nur das Erzwungene ergetzt mich schier!“). Als ihm das nicht gelingt, spürt er gleich wieder das Leiden an der Enge seiner Welt. Bei seinem erneuten Versuch, dieser Enge zu entkommen, lässt er sich nicht mehr von seinen Eltern „anhalten“: Er entdeckt den Freiheitskrieg der Griechen gegen die Türken und ist hingerissen von der Idee, sich für die Unterdrückten zu engagieren, wenn’s sein muß, mit Einsatz des eigenen Lebens. Aber auch hier unterschätzt er völlig die wirksamen Kräfte: spontan und unvorbereitet, wie er losstürzt, kommt er schon beim Aufbruch zu seiner Unternehmung ums Leben: ein völlig unnötiger und absurder Tod.
  • Helena folgt Euphorion in die Unterwelt, Faust kehrt in seine Welt zurück, gefolgt von Mephisto. Und die Dienerinnen? Nur die Oberdienerin lässt ihre Herrin nicht im Stich. Die andern wollen nicht zurück ins Totenreich. Sie sind froh, aus den Fängen der „neuen Welt“ befreit zu sein und wieder ihrem angestammten Wesen freien Lauf lassen zu können, wieder ihre eigene Sprache sprechen zu dürfen, ohne Angst vor Abwertung und Zurechtweisung. Sie lösen sich in die Natur auf… (Ich bitte das nicht als Kritik an der Integrationswilligkeit von Migranten zu verstehen! Integrationsunwillig in diesem Sinne sind höchstens die Männer, die lieber alles so hätten, wie sie´s gewohnt sind. Die Frauen, vor allem die nachwachsende Generation, wird die Vorteile „wittern“ und immer weniger bereit sein, sie sich vorenthalten zu lassen. – Die Integration wird von den Frauen vorangetrieben werden! Die Männer werden länger brauchen, um zu verstehen, daß auch sie davon Vorteile haben… – Nein, wenn ich es für vorteilhaft halte, daß andere Kulturen vom Abendland lernen, dann ist das kein Kulturchauwinismus! Ich sage ja nicht, daß wir nicht in eben dem Maße Vorteile von den Menschen der anderen Kulturen haben, die bei uns stranden, von ihren Werten, ihrem Wissen und ihrem Können, von ihrer Ausprägung des Menschlichen. Dennoch hat es keinen Sinn, die Augen davor zu verschließen, daß es verschiedene Entwicklungsniveaus gibt, daß man traditionelle und moderne Gesellschaften nicht wie Äpfel und Birnen miteinander vergleichen kann, höchstens wie Obst und Gemüse… Es ist doch das gleiche wie innerhalb unserer eignen Kultur: Ein Gläubiger Christ kann eine intelligentere, charaktervollere, reifere und differenziertere Persönlichkeit sein, als einer, der gar nichts mehr glaubt. Und doch ist der Gläubige, trotz aller Überlegenheiten, noch nicht so weit, von seinem Glauben lassen zu können. Er ist an seinen Glauben gebunden, seine traditionellen Vorstellungen verstellen ihm den Blick ins Offene. Diesbezüglich ist der Ungläubige ihm einfach einen Schritt voraus… Der Ungläubige hat in jedem Fall mehr Freiheit von etwas – aber dadurch noch lange nicht mehr Freiheit zu etwas…)

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