Wege und Irrwege der Interpretation

Über die Interpretationen auf dieser Web-Site:

So verstehen wir unsere Interpretationen: Es ist nicht die Frage, ob sie richtig sind, sondern wie gut sie einen ersten Zugang zum Drama schaffen, von dem aus eine Orientierung über weitere sinnvolle Deutungsmöglichkeiten möglich wird.

Dennoch glauben wir, daß viele unserer Deutungen – vor allem bezüglich Fausts Wette – sich auch im akademischen Diskurs behaupten können.

Hier nun unsere Interpretations-„Philosophie“ an der wir selbst gemessen werden wollen:

Inhalt:
Grundproblem der Interpretation: Vieldeutigkeit
Wissenschaftliche Interpretation
Laieninterpretation
Irrwege der Interpretation:
Hineinlesen: Naives Hineinlesen – Tendenziöses Hineinlesen
Fleiß und Scharfsinn als Falle – Spontaneität als Korrektiv
– Problematische Mittel der Interpretation: Indizienbeweise – Ignoranz

Lesezeit: 8 Minuten

 

Eine Frage ist, was Dichter mit ihren Worten meinen, eine andere, wie wir ihre Worte verstehen und zu welchen Gedanken sie uns anregen, eine dritte, was wir in sie hineinlesen.

(1) Vieldeutigkeit

„Du stießest grausam mich zurücke, in ungewissen Menschenlos. Wer lehret mich? Was soll ich meiden? Soll ich gehorchen jenem Drang?“ – Der Germanist Thomas Weitin sieht in diesen Versen Fausts einen Schlüssel zur Interpretation: Sie zeigten eine „offene normative Sehnsucht“ des modernen Menschen, der „in der offenen, der individuellen Sinnstiftung bedürftigen Zukunft nach Orientierung sucht“ (Weitin 2013, S.41).

Die Verse könnten sich aber auch auf was andere beziehen. Der erste Vers könnte bedeuten: „Wer lehret mich, was ich vom Leben zu halten habe, was wahr und was falsch ist“. Oder: „Welche Kompetenzen zum Erkennen und Erleben habe ich noch nicht? Was entgeht mir dadurch alles? Soll ich z.B. in den Höhlenklöstern des Himalaya Meditation lernen, um Erleuchtung zu erfahren?“

In den Folgeversen könnte es um die Fragen gehen: „Mit was lohnt es sich zu beschäftigen und mit was nicht? Soll ich bezüglich dieser Frage meinem Drang folgen oder mich unabhängig von meinem Drang orientieren?“

Die Gefahr der Interpretation – auch der professionellen Interpretation – ist immer: Sich mit einer gut passenden Sinn-Möglichkeit zufriedenzugeben und den Text darauf zu reduzieren.

(2) Wissenschaftliche Interpretation

Was die Dichter mit ihren Worten meinen, ist Gegenstand der Wissenschaft. So wird z.B. alles, was Goethe in seinen Schriften über den Begriff „Augenblick“ ausgeführt hat, herangezogen, um herauszufinden, was er mit der Formel: „Werd ich zum Augenblicke sagen, verweile doch, du bist so schön“ gemeint haben könnte. – Ebenso werden aufwändige zeitgeschichtliche Untersuchungen betrieben, die den Rahmen abstecken dafür, was jemand in dieser Zeit überhaupt meinen konnte.

Zu eindeutigen Ergebnissen wie in der Naturwissenschaft kann die professionelle Interpretation grundsätzlich nicht führen. Es bleibt bei Deutungshypothesen. Doch diese professionellen Hypothesen sind das notwendige Korrektiv zur Laieninterpretation: zu dem Reim, den sich Laien auf die Worte der Dichtungen machen.

 

(3) Laieninterpretation

Dichtung ist nicht für Philologen geschrieben. Dichtung hat ihr Leben in der Laieninterpretation, im unprofessionellen Verstehen.

Laien lassen sich von den Worten anmuten, inspirieren. – Interpretation heißt: das subjektive Erleben der Dichtung zu versprachlichen, und diese Aussage immer wieder kritisch zu konfrontieren mit den Worten des Kunstwerks.

Wenn Goethe in einem Brief schreibt, daß wir vielleicht mehr im „Faust“ entdecken, als er geben konnte, scheint seine Intention eher darin zu liegen, uns mit der Dichtung zu inspirieren, als uns dazu anzustacheln, zu erforschen, was er gemeint haben könnte.

Nicht was die Dichter uns sagen wollen ist die Frage, sondern was sie uns eröffnet doch selber nicht ausgeschöpft haben. Sie fordern uns auf, das, was ihre Worte implizieren, zu Ende zu denken; und das, was ihnen selbst nicht bewußt war, zu entdecken.

Laieninterpretation kann der Wissenschaft Ideen liefern. Eine Disqualifikation von Seiten der Wissenschaft wäre daher verfehlt. – In den Naturwissenschaften gibt es die Unterscheidung von context of discovery und context of justification: Der eine Kontext liefert die Vermutungen, der andere überprüft sie. – Die Laieninterpretation ist in diesem Sinne ein „context of discovery“.

 

(4) Irrwege der Interpretation

(4.1) Naives Hineinlesen

Laien neigen dazu, in den Text irgendetwas hineinzulesen, was ihnen gefällt oder was ihnen das Kunstwerk verstehbar macht. Hineinlesen geht so: Ich ignoriere alles, was meiner Deutung widerspricht oder erkläre es weg mit willkürlichen Zusatzannahmen („ja, aber es könnte doch sein, daß…“).

Ein Beispiel aus der Wissenschaftsgeschichte:  Die Aristoteliker des Mittelalters glaubten aufgrund der Autorität des Aristoteles, daß Himmelskörper vollendete Kugeln seien. Als ihnen Galilei mit seinem Fernrohr die Mondgebirge zeigte, argumentierten sie, daß es eine unsichtbare Materie gebe, die die Mondoberfläche so ausfülle, daß sie wieder eben sei und den Mond zur vollendeten Kugel mache. Galilei erwiderte, er würde ihnen die unsichtbare Materie durchaus zugestehen, aber nach seiner Ansicht verhalte es sich mit ihr genau umgekehrt: sie häufe sich auf den Höhen an und mache den Mond noch viel unebener. (Nachweis s. u.)

Je mehr man glauben muß, um etwas für wahr halten zu können, je mehr Hilfshypothesen man dafür braucht („könnte doch sein, daß…“), desto mehr alternative Vorstellungen haben das gleiche Recht, sich ihre Geltungsansprüche mit ausgedachten Hilfshypothesen zu sichern. (Das Problem ist seit dem Mittelalter bekannt als „Ockhams Rasiermesser(Link zu Wikipedia).

Um nicht der Beliebigkeit zu verfallen, ist die Laieninterpretation angewiesen auf die Experteninterpretation. Denn je beliebiger meine Deutung, desto weniger habe ich vom Kunstwerk, weil ich nur hineinlese, was ich ohnehin schon denke.

(4.2) Tendenziöses Hineinlesen

Tendenziös ist Hineinlesen, wenn der Text zu etwas herhalten soll: „Das ist der Beleg dafür, daß diese ethische Haltung in Goethes Sinne ist!“ – Oder: „Das ist der Beleg dafür, daß dieser Autor rassistisch ist“. – Es gibt in der Deutung keine Belege, es gibt nur Vermutungen.

Früher war es selbst bei professionellen Interpreten sehr beliebt, eine Weltanschauung in die klassischen Werke hineinzulesen, um dieser Weltanschauung dann die Autorität eines klassischen Dichters zu verleihen. Dabei verfingen sich die Philologen in ihrem eigenen Fleiß und Scharfsinn:

(4.3) Fleiß und Scharfsinn als Falle

Keiner Interpretation ist zu trauen, die zu scharfsinnig ist. Ein Kunstwerk ist kein Rätselheft.

Interpretation bedeutet nicht: kriminalistische Auswertung von Indizien, die für oder gegen eine bestimmte Deutung sprechen – vor allem nicht von Indizien, die nicht aus dem Werk selbst stammen sondern mit Bienenfleiß zusammengetragen sind aus den anderen Werken der Dichterin oder des Dichters und aus allem, was wir über die Zeit der Dichtung wissen.

In seinem faszinierenden Essay „Goethes Faust, das Drama der Moderne“, legt der Germanist Michael Jaeger z.B. dar, daß Goethe sich mit dem revolutionären Sozialreformer Saint-Simon auseinandergesetzt und dessen Ideen abgelehnt hat. Jaeger hat herausgefunden, daß die Worte in Fausts Schlußmonolog deutlich an Worte Saint-Simons angelehnt sind. – Ist daraus der Schluß erlaubt, daß Goethe Fausts Einstellung genauso scharf ablehnt, wie die von Saint-Simon? Und wenn ja, wie sollen wir das wissen, wenn wir nur die Worte Fausts haben? Klingt das wirklich an sich so ablehnenswert: Menschen, die Freiheit als Herausforderung begreifen („nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muß“) sowie ein freies Volk auf freiem Grund?

Mir scheint es sinnvoller – ob von Goethe so intendiert, kann ich nicht sagen – mir scheint es sinnvoller in Faust jemanden zu sehen, bei dem das Gute schlecht wird, weil er nicht gut genug gelernt hat, zu erkennen, was ihn alles treibt und welche Widersprüche aus dem Konflikt zwischen Wirkwille und Sinn entstehen, zwischen: ganz schnell was ganz Tolles ganz alleine schaffen zu wollen – und dem, was tatsächlich erfordert ist, damit eine so tolle und sinnvolle Idee auf eine Weise verwirklicht werden kann, die keinen Schaden anrichtet.

Die Gefahr der Philologie besteht darin, daß sie Worte des Textes aus Worten interpretieren will, die nicht im Text stehen. – Was nicht im Text steht, steht nicht im Text! Aus dem philologischen Material auf die Aussage des Textes zu schließen ist gefährlich. – Bezüglich Saint-Simon wäre z.B. zu fragen, ob Goethe ihn gänzlich abwegig fand oder in manchen seiner Ansätze nicht auch eine Wahrheit sah. Und ob er Faust wirklich auf einen abseitigen Abweg schicken oder nur zeigen will, wie befangen wir Menschen in Irrtümern sind, so daß selbst unsere besten Ideen und Absichten beim ersten Versuch, sie zu verwirklichen, mißraten.

Ich finde es bemerkenswert, daß die Philologie sich offenbar noch nie die simple Frage gestellt hat, wie Leute, die keine Germanisten sind, auf eine Deutung kommen sollen, die so hintersinnig und voraussetzungsvoll ist, daß man nur darauf kommen kann, wenn man hunderte Seiten Fachliteratur gewälzt und jahrelang professionell darüber gebrütet hat.

Es würde gerade nicht für Goethe sprechen, falls er sich nicht anders verständlich machen könnte, als durch vorhergehende Besuche von Oberseminaren!

Bei aller Kritik an der Philologie darf aber nicht übersehen werden, daß sie ein notwendiges Korrektiv ist: Das philologische Material ist unabdingbar, um sinnvolle Grenzen für Deutungsspielräume zu erkennen.

Erst die „genaue philologische Analyse“ kann verbürgen, daß klassische Kunstwerke nicht für Ideologien vereinnahmt werden, so wie Goethes Faust nacheinander vom Kaiserreich, vom NS-Terror und von der DDR-Diktatur (Weitin 2013, S.68), erst die philologische Analyse „zeigt … wie sich die Dichtung selbst dagegen sperrt“.

Spontaneität als Korrektiv: Die Kunst der Interpretation besteht darin, den Punkt finden, an dem Interpretation umschlägt in Exegese und Scholastik.

Für einen Denkwiderstand beim Interpretieren halte ich daher auch den Interpretationsaufwand. Die naheliegendere Möglichkeit ist zur Not diejenige, die dem Text eher gerecht wird.

Jede Deutung eines dichterischen Textes – zumal eines Theaterstücks – sollte sich mit der Frage auseinandersetzen: „Was suggeriert der Text hier? Wie läßt er sich spontan und intuitiv verstehen, d.h. ohne es akademisch durchdenken zu müssen, sondern so wie man es beim Vorlesen oder bei einer Aufführung verstehen würde?“

 

(5) Problematische Mittel der Interpretation

(5.1) Indizienbeweise

Ein Beispiel für einen Indizienbeweis: Der Germanist Arens schreibt, Goethe sei nie rhetorisch gewesen, Faust dagegen schon, also habe Goethe Faust mit dessen Rhetorikgebrauch charakterisieren wollen und zwar als aufgebläht mit hohlem Pathos.

Generell halte ich die sprachliche Form in der Regel für zu uneindeutig um als Beleg für irgendwas gelten zu können. Will ein Autor mittels der Form etwas Konkretes mitteilen, muß das sehr sehr eindeutig sein. – Außerdem finde ich Interpretationen prinzipiell problematisch, die nicht den Text für sich selbst sprechen lassen, sondern ihn mit Rückgriff auf Informationen über den Autor und seine anderen Texte erklären wollen.

Selbst bei folgender Stelle bin ich im Zweifel, ob man sie als Indiz für irgendwas werten kann: Beim Eintritt in Margaretes Gefängniszelle, in der sie auf ihren Tod wartet, spricht Faust: „hier wohnt sie hinter dieser feuchten Mauer“. Durch das Wort „wohnen“ wird das Unwirtliche und Schaurige des Ortes bagatellisiert, es entsteht ein „humoriger“ Widerspruch. Das würde man bei Wilhelm Busch erwarten, aber nicht hier, vor einem schockierenden Geschehen.

Ist das ein Indiz dafür, daß Faust nicht in der Lage ist, zu erfassen, unter welchem Schock Margarete steht? Und muß man dann seine Ausrufe: „werd ich den Jammer überstehen“, „du bringst mich um“, „o wär ich nie geboren“ so deuten, daß er hier nur auf sein eigenes Leid schaut im Sinne von: „Ich kann dich nicht so leiden sehen, mach die Tür zu“? – In diesem Sinne deutet es Arens: Fausts Worte seien „doch schon etwas zu formelhaft um volles Gewicht zu haben. Außerdem zieht er es ja vor, am Leben zu bleiben“ (Arens Bd.1 S.464)).

Aber Arens Deutung kann nicht überzeugend darlegen, wieso Faust Margarete dann überhaupt retten will und dafür sogar seine Wette mit Mephisto aufs Spiel setzt. Ich würde eher davon ausgehen, daß „hier wohnt sie hinter diesen feuchten Mauern“ ein Lapsus Goethes ist, statt eine bewußte Botschaft durch die Form. – Möglicherweise hörte man das Wort „wohnen“ damals auch anders. (Das Grimmsche Wörterbuch legt das jedoch nicht nahe.) – Ich würde bei einer Inszenierung nicht zögern, „harrt“ statt „wohnt“ zu sagen oder den Vers einfach zu streichen.

Auch vorher ist Arens deutlich tendenziös in seiner Beurteilung Fausts: Faust habe keine richtige Beziehung zu Margarete, er liebe sie nicht, das sehe man daran, daß er in „trüber Tag, Feld“ Margarete kein einziges Mal erwähne, und seine Beziehung zu ihr auch nicht, und er äußere auch keinen Schmerz über das von ihm ins Unglück gestürzte Mädchen, sondern nur allgemein seine humanitäre Entrüstung über soziale Mißstände. – Selbst wenn es so wäre: Würde das nicht gerade Faust auszeichnen, daß er Margarete rettet, obwohl er sie nicht liebt? Das wäre doch ein noch größeres Zeichen für nicht selbstbezügliche Menschenliebe, als wenn er ein Mädchen rettet, an dem sein Herz hängt!

Möglicherweise ist es in der Interpretation wie im Leben: Es ist nicht sinnvoll, Indizienbeweise bezüglich Gesinnungen zu führen. Im Leben ist das Inquisition und Stalinismus. Wer von realen Personen keine Liebesbeweise fordert, sollte es auch von literarischen nicht. Die Aussage: „Jemand, der so handelt, liebt nicht“ sollte transformiert werden in die Aussage: „Ein solches Handeln läßt sich nicht gut mit Liebe vereinbaren. Von jemandem, der liebt, würden wir etwas anderes erwarten.“ Damit haben wir statt einer Antwort eine Frage: „Liebt er sie wirklich nicht, oder welche Faktoren verhindern hier, daß die Liebe hier im Verhalten zum Ausdruck kommt?“

(5.2) Ignoranz

Wieso wählt Gott ausgerechnet Faust aus, als er mit Mephisto darüber diskutiert, ob der Mensch ein gelungenes Geschöpf ist? Dieser Frage muß die Interpretation der Faust-Figur gerecht werden. Wer aus Faust einen Dilletanten macht oder jemanden, der sich in hohlem Pathos aufbläht oder wer ihm eine narzistische Persönlichkeitsstörung attestiert – was hätte es für einen Sinn, wenn Gott so einen Menschen als Beispiel dafür anführt, daß es sich mit seinem Geschöpf besser verhält, als der Teufel glaubt?

An der Interpretation von Arens zeigt sich beispielhaft, wie anfällig wir dafür sind, unsere Überzeugungen gegen die Realität zu schützen. Er führt hunderte Beispiele dafür an, wie die Philologen Stellen ignorieren oder nicht nachvollziehbar umdeuten, tut aber selbst manchmal nichts anderes. So verträgt sich z.B. Arens Darstellung der Faust-Figur nicht damit, daß die Seherin Manto Faust einen Halbgott nennt. Arens argumentiert: in dem Moment, wo sie sage „Halbgötter treten heran“ habe sie erstens keine Sehergabe gebraucht, weil das Hufgetrappel in dieser Nacht, wie jedes Jahr, eindeutig Chiron angekündigt habe, und zweitens habe sie den Plural allein für Chiron gebraucht, Gott habe im Prolog ja auch von „Göttersöhnen“ gesprochen, obwohl es nur einen Gott gebe. Zudem, wenn Manto nach Faust frage mit den Worten „und dieser?“, klinge das nicht danach, daß sie nach einem Halbgott frage.

(Weitere Beispiele für problematische professionelle Interpretationen im Anhang.)

 

Anhang: Weitere Beispiele problematischer professioneller Interpretation

Die Beispiele sind aus: Helmut. J. Schneider: Das Licht der Welt. Geburt und Bild in Goethes Faust-Dichtung

Der Germanist Ulrich Gaier, Autor eines Kommentars zu Goethes Faust, der sehr interessant aber kaum hilfreich ist, meinte zu Fausts Ausspruch: „am farbigen Abglanz haben wir das Leben“: Faust wolle das Leben „haben“, im Sinne eines Besitzes, eines Dings, über das wir instrumentell verfügen können. (Schneider, S. 3, Anm. 6).

Es ist höchst fraglich, ob Goethe in diesem Kontext im Entferntesten an soetwas gedacht haben, geschweige denn, das Wort „haben“ hier vorsätzlich derart mit Bedeutung aufgeladen haben könnte. Diese Art der Interpretation erinnert mich an E.T.A. Hoffmanns Satire vom Hofrat Knarrpanti, der einen jungen Mann als Mörder überführen will, weil er in seinen Tagebüchern den Satz entdeckt hat „heute bin ich mords faul“.

In einem ähnlich überzogenen Sinne sieht der Germanist Schneider Fausts sehnsüchtigen Wunsch, der untergehenden Sonne nachzufliegen und im „ewigen Abendstrahl“ von oben die Welt zu genießen, als Hinweis auf seine Vermessenheit:

Die Sonne „erweckt in ihm die Sehnsucht nach unendlichem Fortschreiten, die in der Halluzination gottgleicher Weltbemächtigung gipfelt. Die ästhetische Vergegenständlichung der Geburt, der Herkunft und der Natur mündet in die totale Loslösung von den kreatürlichen Bedingungen. Sie drückt sich aus in der Vorstellung eines immerwährenden Tags, einer nicht untergehenden (so wenig wie aufgehenden) Sonne“

Was spricht dagegen, Fausts sehnsüchtige Worte zur Abendstimmung als ein wunderbares Stück Naturlyrik aufzufassen, als ein „unschuldiges“ Erleben der Gefühle, die das Abendrot vielleicht auch in Menschen auslöst, die nicht im Geringsten zur Verstiegenheit oder Vermessenheit neigen?

Eine solche Lesart ist interessanter, weil die Figur des Faust dadurch facettenreicher wird, statt ihn auf einen durch und durch vermessenen Menschen zu reduzieren, der zu nichts anderem mehr Sinn hat als zu seinen vermessenen Phantasien?

Eine facettenreichere Faustfigur ist auch weit anschlußfähiger an unser eigenes Selbstverständnis. Wenn die Faust-Interpretation dazu führt, Faust zu stark zu pathologisieren, können wir uns mit ihm nicht mehr identifizieren. Das macht das Drama uninteressant: Was geht es mich an, wie Psychopathen die Welt erleben?

Daß Goethe Fausts Sehnsucht hier positiv konnotiert haben will, wird nahegelegt von Fausts satirisch angelegtem Gegenpart Wagner, der zu Fausts Seufzer: „ach, daß kein Flügel mich vom Boden hebt“ erwidert: „Des Vogels Fittich werd ich nie beneiden, man sieht sich leicht an Wald und Feldern satt. Wie anders führen uns die Geistesfreuden von Buch zu Buch, von Blatt zu Blatt.“

Es ist bezeichnend für die akademische Hochleistungsphilologie, daß sie solche Zusammenhänge ausblendet, um sich mit irgendwelchen „kontraintuitiv“ anmutenden Interpretationen interessant zu machen.

Über den Mangel an Stichhaltigkeit der Argumente täuschen die Autor:Innen sich offenbar selber hinweg durch den Scharfsinn ihrer Einfälle (den man ihnen zugestehen muß) und den hohen akademischen Aufwand bezüglich Informations- und Reflexionsniveau. – Statt einfach mal ein paar Zeilen weiter zu lesen und zu schauen, welches Korrektiv damit zur Verfügung steht.

Mißverständlich wird es auch, wenn die Interpretation rhetorisch überspitzt wird. Fausts Vision von seinem freien Land als „halluzinatorische Selbstsuggestion“ zu bezeichnen (S. 2), ist nicht nur sachlich falsch, weil es sich hier nicht um eine Halluzination handelt. (Schneider würde vermutlich sagen, er meine „halluzinatorisch“ nur im metaphorischen Sinne. Gut, aber es bleibt eine Überzeichnung.) – Es trifft auch nicht den Sachverhalt: Wenn wir begeistert sind, von Möglichkeiten, die sich uns mit einer Erkenntnis oder einer Technik auftun, hat das sicher eine gewisse suggestive Kraft. Aber das gilt für alle Menschen! – Faust hier als jemand mit „halluzinatorischen Selbstsuggestionen“ pathologisieren zu wollen, führt dazu, daß wir uns nicht mit ihm identifizieren können – d.h.: das Drama führt uns nicht auf die Spur unserer eigenen Tendenzen, vor Begeisterung den Kontakt zur Realität zu verlieren (im Sinne Helmut Schmidts: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“.)

Zur Interpretation in der Schule (mit einem weiteren Beispiel überzogener Interpretation Ulrich Gaiers): „fackju göhte

Weitere problematische Deutungen von Profis in den Diskussionsabschnitten der Artikel: Der Konflikt zwischen Würde und Wirklichkeit  und Welche Absicht verbindet Faust mit der Wette?

Zum Wikipediaartikel über Interpretation

Literatur:

(1) Arens, Hans: Kommentar zu Goethes Faust I und II, Heidelberg 1982 und 1989. –

Trotz meiner Kritik an Arens halte ich seinen Kommentar für sehr hilfreich – allerdings auch sehr anspruchsvoll. – Vor allem die Fülle der Interpretationsbeispiele anderer renommierter Germanisten gibt eine satte Anschauung von den Irrungen und Wirrungen der Faust-Interpretation – und mutet oft an wie absurdes Theater…

(2) Die Begriffe „Denkwillkür“ und „Denkwiderstand“ stammen von einem der Pioniere der Wissenschaftstheorie: Ludwik Fleck, : Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache, (1935), Frankfurt a.m. 1980

(3) Die Anekdote über Galilei und die Aristoteliker ist aus: A.F. Chalmers, Wege der Wissenschaft, Einführung in die Wissenschaftstheorie (1976),  Berlin, Heidelberg 1989 2 (Springer), S. 55

(4) Michael Jaeger, Goethes „Faust“. Das Drama der Moderne. München 2021. (C.H.Beck-Verlag)

(5) Thomas Weitin, Freier Grund, die Würde des Menschen nach Goethes „Faust“, Konstanz 2013 (konstanz university press)

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