Professioneller Dilletantismus bei ARD und ZDF

Das Fernsehspiel „Das Verschwinden“ als Symptom

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Offenbar sind die Erwartungen an die Fernsehspiele von ARD und ZDF sehr gering, wenn fast alle Leitmedien sich lobend über „Das Verschwinden“ aussprechen. Denn die Serie genügt elementaren Qualitätskriterien nicht. – Es gibt für mich keine Anhaltspunkte, warum die Künstler nicht fähig sein sollten, es weit besser zu machen. Ich gehe davon aus, daß es Umstände und Fehlentwicklungen sind, die dazu geführt haben, daß die Deutschen etwas anderes nicht mehr hinkriegen und schon längst nicht mehr erwarten. (Folgerichtig bestellt das ZDF Krimis, die qualitativ anspruchsvoller sein sollen, neuerdings in Dänemark.)

Es ist witzig, wenn „Spiegel online“ für den ersten Teil Geduld empfiehlt, weil es sich lohne, die ganze Geschichte zu sehen. – Bei einem gelungenen Kunstwerk ist keine Geduld nötig. 90 Minuten Geduld zu verlangen ist so ziemlich das Gegenteil von einem Qualitätsmerkmal. Man stelle sich vor, was das bei einem Theaterstück oder einer Sinfonie bedeuten würde, wenn es von ihnen hieße: „Im ersten Akt / ersten Satz muß man Geduld haben.“ – Mit Kunst müssen wir keine Geduld haben – allenfalls muß sie Geduld mit uns haben.

Zuschauer, die trotz Geduld am Ende unzufrieden bleiben und nicht wissen, wieso, können sich folgende Fragen stellen: „Was habe ich durch den Film an Neuem erfahren, das ich so nicht gewußt oder gedacht hätte? Wie sehr hat der Film die Vorstellungen, die ich mir von Menschen und ihren Problemen mache, bereichert? Gab es eine Szene, wo ich gestaunt habe, weil mir plötzlich etwas klar wurde, was mir noch sie so klar war, oder konnte ich wenigstens an einer Stelle sagen: So habe ich das noch nie gesehen? – Liegt meine Unzufriedenheit daran, daß der Film nicht zeigen konnte, wovon er handelte sondern es immer wieder sagen mußte? Hat er wirklich erlebbar gemacht, was die Eltern falsch gemacht haben, oder wurde immer nur beteuert, es würde sich hier um schwierige Eltern handeln?“ — Soweit die Fragen. – Eine Szene körperlicher Übergriffigkeit heißt nicht, daß „gezeigt“ wird, wie schwierig die Mutter ist, die Mutter wird bloß als schlechte Mutter „markiert“. Daß körperliche Übergriffe nicht gut sind, weiß jeder. Aber man lernt aus so einer „Markierung“ nichts darüber, was Mütter schlecht macht und was daran schlecht ist. Einfach bloß eine körperliche Übergriffigkeit zeigen und dann zeigen, daß das Kind Drogen konsumiert, ist nicht besonders lehrreich. Modellszenen, in denen das Pathogene sich beispielhaft zeigt, sind komplexer und subtiler.

Nicht das Leiden sondern die Logik des Leidens ist Gegenstand eines Kunstwerks: die Macht des Verhängnisvollen und Verstrickenden und die relative Ohnmacht des Menschen. Wie all unser Wehren gegen das Widrige vereitelt werden kann, oder wie wir es schaffen können, am Unabhänderlichen nicht zu zerbrechen: das sind Gegenstände des Kunstwerks. – Einfach nur das Weinen über ein totes Mädchen auf die Mattscheibe zu bringen und sich ganz auf die Spiegelneurone zu verlassen, die die Zuschauer schon zum Mitweinen bringen werden: das gilt seit Anbeginn der Dramaturgie als billig.

Eine letzte Frage, die unzufriedene Zuschauer sich stellen könnten: „Habe ich vielleicht nur Wirkungen gesehen und keine Ursachen? Soll ich mir die Ursachen selber denken? Und bringt mich das weiter?“ – Die Suizidversuche der jungen Frauen wirken ziemlich unmotiviert. Natürlich ist es nachvollziehbar, daß Teenager, denen es nicht gut geht, mal unmittelbar zu Mute sein kann, sich umzubringen. Aber es ist nicht nachvollziehbar, was in dem gezeigten Geschehen einen Impuls auslöst, der so stabil bleibt, daß sie es auch wirklich tun. Mit einer Überlebenden eines solchen Suizidversuchs könnte ein Psychotherapeut erst im Gespräch herausfinden, was für sie derart schlimm war, daß sie glaubte, es wäre besser, auf alle Chancen ihrer Zukunft, ihrer Jugend und Attraktivität zu verzichten, statt die akute Krise erstmal durchzuhalten, um zu sehen, wie es weitergeht. – Der Autor könnte sich damit rausreden: „Aber es ist doch vorstellbar, daß junge Menschen aufgrund solcher Ereignisse eine Verzweiflungstat begehen!“ – Aber genau das ist ein Prinzip von Dilletantismus: Das prinzipiell Vorstellbare als Erlaubnis, daß man etwas nicht nachvollziehbar machen muß. –

Das gilt auch für den Plot: „Lügen führen zum Verschwinden einer jungen Frau.“ Das wäre ein guter Plot. – Aber dieser müßte heißen: „Lügen führen in Verbindung mit einer unglücklichen Fügung zum Verschwinden einer jungen Frau.“ – (Dann könnten die Lügen – also die ganze Geschichte – eigentlich auch weglassen werden, denn unglückliche Fügungen können zu allem zureichend gedacht werden.) – Das würde aber immer noch nicht reichen zur Darstellung des Plots. – Die Verschwundene hätte eigentlich leicht um wirksame Hilfe bitten können. Daß sie nicht bemerkt haben sollte, was mit ihr los war, ist schlichtweg nicht vorstellbar. Und die Entscheidung der anderen Frau, plötzlich die böse Muhme zu spielen, ist unnachvollziehbar. Es gibt zwar ein Motiv, aber das ist viel zu schwach. Die Frau müßte schon unter einer narzistischen Persönlichkeitsstörung leiden, um so einer Entscheidung, von der sie gar nicht viel hat (denn eigentlich war das Problem schon gelöst) und durch die sie ihren Status Quo stark gefährdet (denn sie kann sich an zwei Fingern abzählen, daß sie überführt wird), genug Genugtuung abgewinnen zu können, um einen so hohen Preis in Kauf zu nehmen. – Daher müßte der Plot so lauten: „Lügen führen in Verbindung mit einer unglücklichen Fügung zu einer gefährlichen Situation, in der aus unerfindlichen Gründen nicht die naheliegende Lösung gewählt wird, was dazu führt, daß ein bis dahin nur vage vermutbares Genugtuungsbedürfnis eine Chance bekommt, plötzlich ganz stark wird, sich über alles hinwegsetzt und das Verschwinden der jungen Frau herbeiführt, das die ganze Geschichte überschattet.“ – Der Schluß der Geschichte funktioniert nur, wenn man sich anstrengt, sich jegliches Nachdenken über ihn zu verkneifen.

Meine Darstellung mag gemein sein. Aber ein Autor, der für das Hauptabendprogramm von ARD und ZDF schreibt, muß sich seiner Verantwortung stellen können. Doch trifft ihn diese Verantwortung nicht allein. Die offensichtlichen handwerklichen Mängel sprechen nicht gegen den Autor. Der Autor ist kein Dilletant, es gibt keinen Grund, anzunehmen, jemand, der so eine Geschichte schreiben kann, könnte nicht auch eine bessere schreiben. Die Bedingung der Möglichkeit, daß ein professioneller Autor sich mit Dilletantismen sehen läßt, kann nur am Denkstil des Produktions- und Publikationskontextes liegen. – Es ist offenbar Denkstil im Öffentlich-Rechtlichen-Rundfunk, daß solche Mängel in Ordnung seien, gut genug, solange nur die Zuschauer vor Weinen, Lachen oder Neugier nicht wegzappen. Vermutlich ist diese Art von Dilletantismus die neue Professionalität bei ARD und ZDF: zu wissen, wie weit man zu weit gehen darf mit der Fadenscheinigkeit. Soetwas ist nicht verwunderlich für einen Rundfunk, dessen Programmdirektor ernsthaft glaubt, mit Quizshows zum Bildungsauftrag beitragen zu können. Und den Zuschauern scheint es ja auch egal. Ein Kartell der Anspruchslosen.

Aber geht das wirklich spurlos an Deutschland vorüber? Billig-Fast-Food fürs Hirn als Haupt-Ernährungsquelle, die viele Bürger bedenkenlos nutzen, weil ihnen suggeriert wird, der Öffentlich-Rechtliche-Rundfunk verbürge eine Mindestqualität, so wie die Wasserwerke? – So ein Dilletanten-Plot geht anstandslos durch. Aber als Jurek Becker in „Liebling Kreuzberg“ einen jungen Anwalt zur ersten Amtshandlung den Talar des Großvaters vom Dachboden runterholen und feststellen läßt, daß da zwei Löcher drin sind, da, wo mal das Hakenkreuz befestigt war, da strichen ihm die Bedenkenträger aus Angst vor Quoteneinbruch die Szene weg, so was wolle keiner sehen, und wir hätten doch Demokratie, da müsse man doch zeigen, was die Mehrheit sehen wolle, so argumentierten sie. – Zensur im Namen der Demokratie. Öffentlich-rechtliche Perversion. Wenn man weiß, worauf es ARD und ZDF ankommt, wundert ein fadenscheiniger Plot im Aushängeschild nicht mehr.

Was trotz allem als Verdienst des Autors gelten kann ist, daß der Film die Zuschauer motiviert, sich selbst zu fragen, wie sie es denn halten mit der menschlich-allzumenschlichen Neigung, Konfliktangst zu vermeiden durch Flucht in Lügen mit unabsehbaren Folgen. – Jedoch fürchte ich, daß dieses Verdienst auch relativiert werden muß: „Sagen“, daß Eltern schwierig sind statt „Zeigen“, was an ihnen so schwierig ist, oder „sagen“, daß etwas ganz bedrückend ist, statt zu „zeigen“, was daran so bedrückend ist, bedeutet immer: Erinnerungszeichen statt Anschauung. Da helfen die besten Schauspieler nichts: sie können nur die Wirkung zeigen, die Ursache muß der Autor liefern. Liefert er nicht, müssen die Zuschauer das Fehlende aus ihrer Lebenserfahrung ergänzen, sie erleben nichts, an dem sie etwas neues lernen können, es werden ihnen keine Muster von Verhalten, Erleben, Denken und Reden vor Augen geführt, die sie durchfühlen und durchdenken können, und keine kreativen Konstellationen, die es ermöglichen, etwas in ungewohnten Kontexten zu sehen, die eingefahrene Sinn- und Wertvorstellungen relativieren. Die Zuschauer werden stattdessen mit ihrem Wissen, ihren Meinungen, ihren Fantasien und Gefühlsreaktionen allein gelassen: Es gibt Auslösereize aber keine Entwicklungsreize, bestehende Denkmuster und emotionale Reaktionsbereitschaften werden bekräftigt, aber nicht erweitert. Da kann es genauso gut passieren, daß viele sich gerade nicht hinterfragen, sondern sich im Gegenteil selbstgerecht über den Bauch streichen: „Sieh da, wieviel Laster und Lüge es selbst in den besten Familien gibt, und was sie ihren Kindern dadurch antun! Die armen Kinder! Was sind wir doch für gute Menschen, daß wir so erschüttert sind über das Schicksal dieser armen Kinder!“ – Der Film hat dann für viele gerade nicht dazu beigetragen, ihre Fähigkeit zur Selbstreflexion zu üben, sondern im Gegenteil, sich selbstgewiß und selbstzufrieden etwas auf ihre Gefühlsreaktionen zu Gute zu halten.

Auf diese Weise fördern ARD und ZDF geistige Beschränktheit und Unbeweglichkeit. – Wenn im Jahr 2017 eine verschrobene Partei, die Angst vor der Entstehung von Mischvölkern hat, bei der Bundestagswahl mehr als 12 Prozent bekommt, dann geht das nicht zuletzt auf das Konto der langjährigen ungesunden geistigen Ernährung durch ARD und ZDF. Ein weitgehend triviales Hauptabendprogramm bleibt für eine Nation nicht folgenlos. Dabei ist es die Existenzberechtigung von ARD und ZDF, daß sie einen Beitrag zum Erhalt der Demokratie leisten. Aber wir wissen ja von Jurek Becker, was sie unter Demokratie verstehen…

Mit dem jahrzehntelangen Unwillen, qualitativ gehaltvolle Fernsehspiele zu produzieren, ist offenbar ein Unvermögen entstanden. Das teuerste Fernsehen der Welt kann einem weiteren Aspekt seiner Existenzberechtigung nicht genügen: die Qualität kommerzieller Anbieter einzuholen, die anspruchsvolle Serien im Programm haben! – Genau genommen haben ARD und ZDF damit nachweislich in ihrem Auftrag versagt: Grundversorgung bedeutet: von allem etwas. – ARD und ZDF bestehen ja seit eh und je vehement genau darauf: Es könne nicht sein, ein Programmsegment – wie z.B. Quizshows oder Schlagerparaden – ganz den Privaten zu überlassen. – Bezüglich anspruchsvoller Serien tun sie aber genau das. Da, wo es herausfordernd wird, wo sie was riskieren müßten, wo es mal nicht drum geht, einfallslos bloß Quotenträchtiges für teuer Geld ein zu kaufen, sondern etwas zu machen, was Qualität und Quote verbindet, da spielt das Prinzip der Grundversorgung auf einmal keine Rolle mehr. Der ehemalige ARD Intendant Marmor sprach es unumwunden aus: Für anspruchsvolle Serien wie „The Wire“ sei kein Geld da. – Für die Rechte an Sportereignissen, die die Zuschauer auch umsonst bei den Privaten sehen könnten, bringen ARD und ZDF dagegen fast ein Zehntel ihres Budgets auf. – Glaubwürdigkeit geht anders.

Ich glaube trotz allem, daß die Rundfunkleute sich für das Gute engagieren wollen. – Doch wir, die Bürger, müssen den Rundfunkleuten helfen, wir haben sie allein gelassen, sie sind in die Irre gegangen, unser Rundfunk ist das Produkt einer jahrzehntelangen Fehlentwicklung. Die Serie „Das Verschwinden“ zeigt eindringlich das Syndrom „kumulativer Deprofessionalisierung“: den sich selbstverstärkenden Verfall nach begonnener Demontage redaktioneller Kompetenz. (Die phantasievolle, witzige, teilweise lehrreiche und schauspielerisch genußvolle Serie „Raumschiff Orion“ war eine Billigproduktion! Doch danach wurde angeordnet, Konsalik Romane zu verfilmen…) – Die Presse hat es trotz guter Recherchen nicht geschafft, dem Rundfunk ein Korrektiv zu sein und Halt zu geben. Ein funktionierendes Korrektiv für den Rundfunk braucht offenbar eine andere Struktur. Die wird uns Bürgern niemand schenken.

Ein Bürgerrundfunkrat könnte mehr, als nur für die Gegenwart einen Beitrag zu leisten zur Unterstützung der Selbstorganisation des Rundfunks, und damit einen Beitrag, das Niveau von Information und Kultur in Deutschland zu schützen und zu entwickeln. – Die Idee von Medien, die von Markt und Macht freigehalten werden, wird ihre Fortschrittlichkeit nie einbüßen. Aber wenn wir Bürger uns nicht dafür engagieren, werden es vielleicht in fernerer Zukunft die öffentlich-rechtlichen Medien sein, die verschwinden – und dann Gute Nacht…