Aufgespießt: „Schokolade für den Chef“, ein Strickmuster öffentlich-rechtlichen Betrugs am Kunden

Ein Milliardär will inkognito als Chauffeur erkunden, warum der Schokoladenfabrik des Vaters, die den Reichtum der Familie begründete, der Konkurs droht. Eine Ausgangssituation, die viele Chancen für geistvoll-witzige leichte Unterhaltung böte. Das Drehbuch nutzte keine einzige davon. – Das Drehbuch will einen Chef exponieren, der den andern mal zeigt, wie man Probleme löst, indem man miteinander redet. Aber der Chef muß den Zuschauern sagen was das Drehbuch will, denn de facto löst er die Probleme durch Einbruch und Spionage, wobei ihm auf Schritt und Tritt Zufälle zu Hilfe kommen. – Der devote, unsichere Chauffeur muß in die Rolle des Chefs schlüpfen und – o Wunder – kann es auch auf Anhieb ganz meisterhaft, als hätte er mal Schauspiel studiert – während beim Chef gleich alle merken müßten, daß er nie und nimmer Chauffeur sein kann, denn das muß schon allein daran scheitern, daß die Filmmacher glauben, im anspruchslosen Unterhaltungsmodus würden ihre Zuschauer Götz George ja doch bloß in den gewohnten Alpha-Männchen Posen sehen wollen.

Der Film muß ständig alles sagen, weil er nichts zeigen kann: So schlimm behandelt der Chef seinen Chauffeur gar nicht (und das würde auch gar nicht gehen, weil Götz George ja mit seinen sympatischen Seiten „rüberkommen“ soll), aber nach dem Rollentausch muß er ständig so tun, als ob ihm jetzt erst aufginge, wie schlimm es ist, sein Chauffeur zu sein. – Es ist ja durchaus sinnvoll, einen Milliardär mal sympathisch darzustellen, dann muß man aber auf die Pointe verzichten, daß er im Rollentausch mal sieht, was für ein Arschloch er ist. – Das ist das Kennzeichen von Niveaulosigkeit: sie kann nichts leisten aber auch auf nichts verzichten.

Fadenscheinigkeit darf sein, wenn sie augenzwinkernd daher kommt, so wie im Häppi-End, wo alle Hänsel ihre Gretel kriegen. Aber wenn jede, einfach jede Problemlösung darauf beruht, daß der Held zufällig zur rechten Zeit am rechten Ort ist, dann ist das keine Unterhaltung sondern Verarschung. Das ist so, als ob der Held ganz schnell ganz viel Geld braucht, sonst wird die Heldin ermordet, und oh Zufall, da kommt er gerade an einem Casino vorbei, setzt alles auf den Geburtstag der Heldin und gewinnt. Soetwas will keiner sehen, sprich: keiner, selbst der Dümmste in seiner größten Erschöpfung nicht. Eine Handlung die fortgesetzt von solchen Zufällen abhängt ist einfach hohl, witz- und geschmacklos.

Auch was der junge Chef der Schokoladenfabrik mit der Fabrik vorhat, bzw. wieso sein Vorhaben profitabler sein soll als Schokolade, und wieso deshalb die Fabrik so runtergewirtschaftet sein muß, all das wird nicht wirklich deutlich. Selbst der dümmste Zuschauer wird den Eindruck bekommen, daß der Drehbuchautor eigentlich keine Ahnung davon hat, in was für Problemlagen Schokoladefabriken kommen können und wieso die seine in eine gekommen ist und woraus sie besteht. Auch hier weist das Drehbuch uns an: „Stellt euch mal alle vor, daß diese Fabrik jetzt Probleme hat, weil der junge Chef bloß Reibach machen will und ihm die Mitarbeiter scheiß egal sind!“

Der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk kann sich bei solchen Produktionen nicht darauf herausreden, er habe auch einen Unterhaltungsauftrag. Das war keine Unterhaltung sondern Verarschung. Ein teures Restaurant kann zum Dessert auch nicht eine Billig-Pampe anbieten mit der Begründung, das sei ja bloß das Dessert. – Leichte Unterhaltung muß nicht seichte Unterhaltung sein und schon gar keine, die einen schlechten Geschmack zurückläßt. Auch „leichte“ Unterhaltung kann Modelle intelligenter Problemlösung und Kommunikation witzig und attraktiv darbieten und ohne intellektuelle Anstrengung erfordert zu haben die Zuschauer „bereichert“ entlassen, mit einer bekräftigten und erweiterten Intuition von den Potentialen des Menschen. – Und genau das ist der Auftrag des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks und nichts anderes.

„Schokolade für den Chef“ macht den Eindruck, daß die Redakteure von den Möglichkeiten des Fernsehspiels keine Ahnung haben und Drehbuch-Stümpern auf den Leim gehen. – In diesem Machwerk hat sich der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk ein unfreiwilliges Symbol für seinen eigenen Zustand geschaffen: Er ist eine heruntergewirtschaftete Schokoladenfabrik der die Kunden abhanden kommen – abgesehn von denen, die alles schlucken, solange es bloß süß und fett genug ist.