Inhaltsangabe

Vor „Faust“ unser Wort zur Zeit:

Warum gibt´s nicht so ein Geschrei wie wegen der Flüchtlinge auch wegen der Umverteilung des globalen Reichtums an Banken und Konzerne? Nach oben buckeln, nach unten treten? Wollen wir uns erneut vor der Weltgeschichte blamieren?

 

Goethe bringt in seinem „Faust“ das Tragische und das unfreiwillig Komische des Menschen gleichermaßen “auf den Punkt”:

  • Der Teufel wirft Gott vor, uns nach einem schlecht durchdachten Plan erschaffen zu haben. Gott widerspricht: Er habe uns gut ausgestattet, wir bräuchten ihn gar nicht, wir würden den rechten Weg alleine finden, selbst dann, wenn der Teufel versuchen würde, uns in die Irre zu führen. Sie wetten. Als Versuchskaninchen wird ein gewisser Dr. Faust ausgewählt…
  • Das Drama beginnt mit Fausts midlife-crisis, in der ihm ein Teufelspakt gerade recht kommt.  [Fausts Problem]
  • Der Teufel unterzieht Faust einer Anti-Aging-Therapie. In der folgenden Liebesgeschichte gerät Faust in typisch männliche Konflikte zwischen Nähewünschen und Bindungsängsten und macht Versprechungen, die ihm nicht gemeint sind. [Faust und Margarete]
  • Als Margarete schwanger ist, läßt Faust sie sitzen, obwohl er weiß, was das in Margaretes Welt bedeutet… – Aus panischer Angst vor Mobbing bringt Margarete nach der Geburt ihr Kind um. Dafür wird sie hingerichtet. [Urlaubsparadies und Todeszelle]
  • Margarete ist tot, Faust macht Karriere: Er begründet eine New-Economy, deren Fadenscheinigkeit zwar geahnt, aber wegen des großen Geldsegens von allen ignoriert wird.
  • Dann versteigt Faust sich so hoffnungslos in eine virtuelle Realität von dem Top-Modell Helena, dass Mephisto Rat suchen muß bei einer vom Fachidioten Wagner geschaffenen künstlichen Intelligenz: Homunkulus. Homunkulus ist ein lebendes Wikipedia, lebensfähig aber nur im Reagenzglas. Das nervt ihn total: er will da unbedingt raus.
  • Doch zunächst schleppt er den komatösen Faust auf eine Mega-Party mit, wo Faust eine Chance hat, sein virtuelles Top-Model in echt zu treffen: in der griechischen Walpurgisnacht. Mephisto, der ausländerfeindlich ist, sträubt sich, bis Homunkulus ihm Sextourismus in Aussicht stellt.
  • Auf der Party zerschlägt Homunkulus auf Rat eines Meergeists sein Reagenzglas und löst sich ins Meer auf, um noch mal ganz von vorne mit dem Entstehen anzufangen.
  • Faust kriegt seine Chance, Helena anzumachen, und hat – dank Mephistos Inszenierungskünsten – damit auch Erfolg. [Helena]
  • Den hochbegabten Sohn, der dieser Verbindung entspringt (Euphorion), benutzen die Eltern um ihr persönliches „Arkadien“ zu inszenieren: ihren Traum von der heilen Familie.
  • Euphorion versucht, sich durch Delinquenz aus diesem Klammergriff zu befreien: Weil es ihn nervt, daß alle ihn so toll finden, will er ein Mädchen vergewaltigen, schafft es aber nicht. Dann will er in einen Heiligen Krieg ziehen, verunglückt aber aus Leichtsinn schon beim Aufbruch tödlich. – Nach seinem Tod zeigt sich, dass die Ehe ohne den Sohn keinen Bestand hat. [Euphorion]
  • Die Welt stürzt wegen des Zusammenbruchs von Fausts New-Economy zunehmend ins Chaos. Faust mischt bei dem daraus entstehenden Krieg eifrig mit, um als Kriegsgewinnler seine nächste Vision realisieren zu können: er will die Menschheit mit einem Landgewinnungsprojekt beglücken.
  • Finanziert durch Piraterie schreitet die Landgewinnung mit unheimlicher Geschwindigkeit voran. Doch Faust ist ganz absorbiert von dem Ärger über Einheimische, die sich seinen Umsiedlungsplänen widersetzen. Faust beauftragt Mephisto. Der erledigt das mit seinen Schergen auf eine Weise, die die Urbevölkerung nicht überlebt.  [Wir unfreiwiligen Förderer des Faustischen]  [Diskussion] 
  • Als Faust der Brandgeruch in die Nase steigt, kriegt er Schuldgefühle. Es gelingt ihm, die daraus sich entwickelnde Depression abzuwehren, indem er sich erneut in eine Fantasiewelt versteigt: in die Vision von seinem neuen Land. Das macht ihn blind für das, was wirklich vor sich geht: während er noch von freiem Volk auf freiem Grunde träumt, haben die Mächtigen das neue Land längst für ihre Zwecke verplant. [Verblendung]
  • Berauscht von der Großartigkeit seiner Vision kann Faust sich dann vorstellen, was er in seiner mitlife-crisis gewettet hat, sich nie vorstellen zu können: den Augenblick zum Verweilen aufzufordern. Damit fällt seine Seele Mephisto anheim.
  • Doch die Muttergottes macht den Zockern einen Strich durch die Rechnung: Sie schickt Jünglingsengel los, die mit einer Kombination aus Messdiener-Ernst und Stricherbuben-Verruchtheit den Teufel so aufgeilen, daß er die Seele kurz aus den Augen läßt…

Nachdem Goethe auf diese Weise Testosteron gesteuerte Lebensformen als Verlierer auf der ganzen Linie entlarvt hat, schließt er mit den Worten: „Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan“. [Epilog: So modern wie verkannt? ]

Die Gesamtaufführungsdauer des Stückes beträgt bis zu 20 Stunden. Erst durch das Fernsehen wissen wir, was Goethes Faust wirklich ist: Eine Serie! Viele Folgen in zwei Staffeln…

(Dieser Text ist als PDF runterladbar hier.)

Goethes Faust lesen

In unserer Zeit geht das gar nicht: man will Inhalt und stößt auf Form. „Faust“ liest sich nicht wie Romane oder Mails. – Es ist wie ein Wettlauf zwischen Brei und Brot: Für den „Faust“ braucht man gute Zähne und Kaugeduld. Den Text muß man sich erschließen. Dafür kann ein Bröckchen davon nahrhafter und wohlschmeckender werden, als die Schüsseln voller Brei, die durchschnittliche Textkonsumenten sich täglich schnell hinter schlucken.

Was macht das Lesen so sperrig?

  • Die Sprache richtet sich nach Reim und Rhytmus. Dem muß sich die Verständlichkeit unterordnen.
  • Der Text ist poetisch und informationell voraussetzungsvoll: Oft werden nicht Handlungen und Beschreibungen dargeboten, sondern Stimmungen erzeugt und Bedeutsamkeit erschlossen. So entstehen Passagen, die beim schnellen Lesen wie Fülltexte wirken. Da passiert nix. – Und ständig muß man sich in Kommentaren informieren, wer das ist, der da gerade spricht, oder wovon er eigentlich redet, sonst entgeht einem ein Stück der Pointe.
  • Der Text besteht fast ausschließlich aus gesprochenem Wort, pur. Das Sprechverhalten wird nicht, wie im Roman, beschrieben: „Und während er seine Zigarette ausdrückte, fügte er hinzu….“ – so werden die Leser im Roman bedient. Das Hinzufügen ist im „Faust“ Sache der Leser: Es ist weit mehr als im Roman das Vorstellungsvermögen gefordert: man muß sich das Gelesene ständig in lebendiger Rede vorstellen, d.h.: man muß szenisch lesen. Die Leser müssen beim Lesen alles mobilisieren, was an Schauspiel- und Regisseurstalent in ihnen steckt.

Was erleichtert das Lesen?

  • Laut zu lesen, Schauspieler zu spielen.
  • Zeilen-Kommentare zu benutzen: Am empfehlenswertesten finde ich den Kommentar von Albrecht Schöne.
  • Inszenierungen anzuschauen. – Steins Inszenierung hat den Vorteil, den ganzen Text darzubieten. Trotz aller Verzeichnungen ist das eine vorzügliche Lesehilfe. Es ist ein altbekanntes Phänomen: Der Text des „Faust“ erscheint ungeheuer schwer verständlich. Wenn man ihn auf der Bühne sieht, erschließt sich selbst den unvorgebildetsten Lesern erstaunlich viel. – Schade bloß, das Stein so einfallslos und nahezu treudoof inszeniert hat und offenbar mit völliger Taubheit geschlagen war bezüglich monotoner Manierismen… –

(Weitere Hinweise in: Verständlichkeit.)

 

Vom Nutzen des Dramas für das Leben

Goethe hat in diesem Stück Aspekte des Menschlichen und der modernen Welt auf geniale Weise poetisch „auf den Punkt gebracht“.

  • Poesie erzeugt Erlebnisse: Goethes „Poesie“ führt uns Mensch und Moderne so anschaulich und lebendig vor Augen, daß wir sie beispielhaft erleben d.h. nicht nur intellektuell erfassen wie bei einem philosophischen Text.
  • Ein „Erlebnis“ ist immer mehr als ein Gedanke. Im Nachdenken kann ich mich an Erlebnisse, wie z.B. Trauer, nur erinnern und ich kann höchstens versuchen aus der Erinnerung ihre Bedeutung zu ermessen. Aber nur wenn ich Trauer aktuell verspüre, kann ich neue „Erkenntnisse“ aus der Trauer gewinnen – z.B. darüber, wie wichtig mir ein Mensch ist, dessen Abschied mich traurig macht. Das Erlebnis ist eine Quelle für das Denken: ohne Erleben ist das Denken sich selbst überlassen d.h. leer oder spekulativ. Allerdings: Denken ist die Art und Weise, wie wir den Gehalt des Erlebens zu Bewußtsein bringen. [Zusammenhang von Erleben und Denken]
  • In dem Maße, wie die wiederholte Beschäftigung mit dem Drama immer mehr vom Gehalt dieser „poetischen Formeln“ erschließt, nimmt das „Grübeln“ darüber, was der Dichter uns damit sagen will ab und das „Erleben“ der poetischen Bilder zu. Es ermöglicht damit ein immer differenzierteres Bewußtsein für die Lebensprobleme in der modernen Welt und eine immer differenziertere Auseinandersetzung damit.

 

 

 

 

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *