Aktuelle Links:

Zur aktuellen Faust-Inszenierung am Berliner Ensembel
Aktueller Link gegen Zauberlehrlinge, die unsere Sicherheit durch Sicherheit gefährden:
spiegel-online: sascha-lobo-wehren-sie-sich-gegen-vorratsdatenspeicherung

Inhaltsangabe:

Goethe bringt in seinem “Faust” das Tragische und das unfreiwillig Komische des Menschen gleichermaßen “auf den Punkt”:

  • Der Teufel wirft Gott vor, uns nach einem schlecht durchdachten Konzept erschaffen zu haben. Gott behauptet, er habe uns gut ausgestattet, so gut, daß wir keinen Gott bräuchten: Wir würden den rechten Weg selbst dann alleine finden, wenn der Teufel versuchen würde, uns in die Irre zu führen. Sie wetten. Als Versuchskaninchen wird ein gewisser Dr. Faust ausgewählt…
  • Das Drama beginnt mit Fausts midlife-crisis, in der ihm ein Teufelspakt gerade recht kommt.  [Fausts Problem]
  • Der Teufel unterzieht Faust einer Anti-Aging-Therapie. In der folgenden Liebesgeschichte gerät Faust in typisch männliche Konflikte zwischen Nähewünschen und Bindungsängsten und macht Versprechungen, die ihm nicht gemeint sind. Als die junge Frau schwanger ist, läßt er sie sitzen, obwohl er weiß, was das in Margaretes Welt bedeutet. – Aus panischer Angst vor Mobbing bringt Margarete nach der Geburt ihr Kind um. Dafür wird sie hingerichtet. [Faust und Margarete]
  • Margarete ist tot, Faust macht Karriere: Er begründet eine New-Economy, deren Fadenscheinigkeit zwar geahnt, aber wegen des großen Geldsegens von allen ignoriert wird.
  • Dann versteigt Faust sich so hoffnungslos in eine virtuelle Realität von dem Top-Modell Helena, dass Mephisto Rat suchen muß bei einer von dem Fachidioten Wagner geschaffenen künstlichen Intelligenz: Homunkulus. Homunkulus ist ein lebendes Wikipedia, lebensfähig aber nur im Reagenzglas. Das nervt ihn total: er will da unbedingt raus.
  • Doch zunächst will er den komatösen Faust auf eine Mega-Party mitschleppen, wo Faust eine Chance hat, sein virtuelles Top-Model in echt zu treffen: in der griechischen Walpurgisnacht. Mephisto, der ausländerfeindlich ist, sträubt sich, bis Homunkulus ihm Sextourismus in Aussicht stellt.
  • Auf der Party zerschlägt Homunkulus auf Rat eines Meergeists sein Reagenzglas und löst sich ins Meer auf, um noch mal ganz von vorne mit dem Entstehen anzufangen.
  • Faust kriegt seine Chance, Helena anzumachen, und hat – dank Mephistos Inszenierungskünsten – damit auch Erfolg. [Helena]
  • Den hochbegabten Sohn, der dieser Verbindung entspringt (Euphorion), benutzen die Eltern um ihr persönliches „Arkadien“ zu inszenieren: ihren Traum von der heilen Familie.
  • Euphorion versucht, sich durch Delinquenz aus diesem Klammergriff zu befreien: Weil es ihn nervt, daß alle ihn so toll finden, will er ein Mädchen vergewaltigen, schafft es aber nicht. Dann will er in einen Heiligen Krieg ziehen, verunglückt aber aus Leichtsinn schon beim Aufbruch tödlich. – Nach seinem Tod zeigt sich, dass die Ehe ohne den Sohn keinen Bestand hat. [Euphorion]
  • Die Welt stürzt wegen des Zusammenbruchs von Fausts New-Economy zunehmend ins Chaos. Faust mischt bei dem daraus entstehenden Krieg eifrig mit, um als Kriegsgewinnler seine nächste Vision realisieren zu können: er will die Menschheit mit einem Landgewinnungsprojekt beglücken.
  • Finanziert durch Piraterie schreitet die Landgewinnung mit unheimlicher Geschwindigkeit voran. Doch Faust ist ganz absorbiert von dem Ärger über Einheimische, die sich seinen Umsiedlungsplänen widersetzen. Faust beauftragt Mephisto, aber der erledigt das mit seinen Schergen auf eine Weise, die die Urbevölkerung nicht überlebt. [Diskussion]
  • Als Faust der Brandgeruch in die Nase steigt, kriegt er Schuldgefühle. Es gelingt ihm, die daraus sich entwickelnde Depression abzuwehren, indem er sich erneut in eine Fantasiewelt versteigt: in die Vision von seinem neuen Land. Das macht ihn blind für das, was wirklich vor sich geht: während er noch von freiem Volk auf freiem Grunde träumt, haben die Mächtigen das neue Land längst für ihre Zwecke verplant. [Verblendung]
  • Im Rausch seiner Vision von der Großartigkeit seines Projekts kann Faust sich dann vorstellen, was er in seiner mitlife-crisis gewettet hat, sich nie vorstellen zu können: den Augenblick zum Verweilen aufzufordern. Damit fällt seine Seele Mephisto anheim.
  • Der kriegt sie aber nicht: Auf Fürsprache Margaretes schickt die Muttergottes Engel in Jünglingsgestalt, die mit einer Kombination aus Messdiener-Ernst und Stricherbuben-Verruchtheit die homosexuellen Neigungen des Teufels so hochschrauben, dass er einen Augenblick die Seele aus den Augen lässt, die ihm die Engel gleich wegschnappen.

Nachdem Goethe auf diese Weise Testosteron gesteuerte Lebensformen als Verlierer auf der ganzen Linie entlarvt hat, schließt er mit den Worten: „Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan“. [Epilog (erscheint bald)]

Die Gesamtaufführungsdauer des Stückes beträgt bis zu 20 Stunden. Erst durch das Fernsehen wissen wir, was Goethes Faust wirklich ist: Eine Serie! Mehrere Folgen in zwei Staffeln…

 

Vom Nutzen des Dramas für das Leben

Goethe hat in diesem Stück Aspekte des Menschlichen und der modernen Welt auf geniale Weise poetisch „auf den Punkt gebracht“.

  • Poesie erzeugt Erlebnisse: Goethes „Poesie“ führt uns Mensch und Moderne so anschaulich und lebendig vor Augen, daß wir sie beispielhaft erleben d.h. nicht nur intellektuell erfassen wie bei einem philosophischen Text.
  • Ein „Erlebnis“ ist immer mehr als ein Gedanke. Im Nachdenken kann ich mich an Erlebnisse, wie z.B. Trauer, nur erinnern und ich kann höchstens versuchen aus der Erinnerung ihre Bedeutung zu ermessen. Aber nur wenn ich Trauer aktuell verspüre, kann ich neue „Erkenntnisse“ aus der Trauer gewinnen – z.B. darüber, wie wichtig mir ein Mensch ist, dessen Abschied mich traurig macht. Das Erlebnis ist eine Quelle für das Denken: ohne Erleben ist das Denken sich selbst überlassen d.h. leer oder spekulativ. Allerdings: Denken ist die Art und Weise, wie wir den Gehalt des Erlebens zu Bewußtsein bringen. [Zusammenhang von Erleben und Denken]
  • In dem Maße, wie die wiederholte Beschäftigung mit dem Drama immer mehr vom Gehalt dieser „poetischen Formeln“ erschließt, nimmt das „Grübeln“ darüber, was der Dichter uns damit sagen will ab und das „Erleben“ der poetischen Bilder zu. Es ermöglicht damit ein immer differenzierteres Bewußtsein für die Lebensprobleme in der modernen Welt und eine immer differenziertere Auseinandersetzung damit.

2 Gedanken zu „Aktuelle Links:

  1. Levin Germann

    Liebe Göthe Fans
    Ich bin mir am überlegen die Faust I zu lesen, habe aber Angst, die Geschichte nicht verstehen zu können. Gibt es vielleicht Kinderausgaben, welche ich anstelle des Orginals lesen könnte?

    Liebe Grüsse
    Levin Germann

    Antworten
    1. editor Artikelautor

      Sehr geehrter Herr Germann,

      ich kenne keine Nacherzählungen zu Faust 1. Vermutlich gibt es welche. Seien Sie dann aber sehr skeptisch. Gerade die Faust-Monologe und die Faust-Mephisto-Dialoge sind sehr vieldeutig und sehr mißverständlich. Es gibt ein entscheidendes Kriterium: Ist die Nacherzählung langweilig, können Sie davon ausgehen, daß der Autor nicht verstanden hat, worum es geht.

      Ich möchte Ihnen aber empfehlen, sich mit dem Original zu beschäftigen. Keine Bange: Selbst die Experten, mich eingeschlossen, haben vieles nicht verstanden. Sie können also nichts falsch machen… Lassen Sie sich von der Sprache hinreißen! – Ein Tipp: Lesen Sie laut und stellen Sie sich vor, Sie wären Regisseur und hätten die Aufgabe, sich das szenisch vorzustellen.

      Sie können, wenn Sie Fragen haben, mir auch gerne wieder schreiben.

      Viel Freude mit dem Text!

      Winfried Lintzen

      Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>