„Wer immer strebend sich bemüht“ – Fausts Erlösung

Inhalt:
(1) Was soll das heißen: „Wer immer strebend sich bemüht“? (Lesezeit 2 Minuten)
(2) Reife und unreife Menschen. Oder: Was passiert mit denen, die sich nicht strebend bemühen? (Lesezeit 2 Minuten)
(3) Anhang: Was Faust von Schwerverbrechern unterscheidet. Oder: Die Bösartigkeit der Reifen und der Unreifen (Lesezeit 3 Minuten)

 

(1) Was heißt: „Wer immer strebend sich bemüht“?

Gemeint ist sicher nicht: Wer besonders engagiert ist für die herrschenden Werte und Normen der Gesellschaft. Gemeint sind die Menschen, die bestrebt waren, wie ein Mensch zu leben, d.h. die besonderen Möglichkeiten des Menschen zu nutzen, um der Würde, die uns wegen unserer Potentiale eigen ist, gerecht zu werden. Kurz: Die guten Menschen, von denen Gott im Prolog sprach. Faust ist offenbar so ein guter Mensch, auch wenn er viel Schlechtes getan hat.

Doch das Schlechte geht auf das Konto der Rutschigkeit: „Wie entgleitet schnell der Fuß schiefem, glatten Boden!“ – Wir tun immer leicht so, als seien die Böden der andern nicht schiefer als unsere eigenen. Aber wie schief der Boden wirklich ist, auf den das Schicksal einen Fuß setzt, kann kein anderer Fuß ermessen. Der Philosoph Wittgenstein fand ein anderes Gleichnis dafür: „Du erinnerst mich an einen Menschen, der aus dem geschlossenen Fenster schaut und sich die sonderbaren Bewegungen eines Passanten nicht erklären kann; er weiß nicht, welcher Sturm draußen wütet und daß dieser Mensch sich vielleicht nur mit Mühe auf den Beinen hält“ (zitiert nach Mc Guinness 1992).

Möglicherweise ist die moralische Güte bei allen Menschen gleich, nur die Gewichte und Gegengewichte im Spiel der Kräfte, Zug und Gegenzug, Trieb und Sinn, sind unterschiedlich ausgeprägt.

Wenn es den „freien Willen“ gibt, unterliegt er einer Art „Hebelgesetz“: So wie ein Hebel nur Lasten bewegen kann, wenn die Länge des Hebels und der Winkel stimmt, kann der „freie Wille“ nur wirksam werden, wenn er an der richtigen Stelle und unter den richtigen Bedingungen ansetzt. Süchtige z.B. können in der Regel nicht einfach so, per „freier Willensentscheidung“, eine stabile Abstinenz etablieren. Sie müssen ihren Lebensstil verbessern, ihre „emotionalen Reaktionsbereitschaften“ besser verstehen und bewältigen lernen, und die eine oder andere Kompetenz entwickeln, z.B. wie man flirten kann selbst dann, wenn man im nüchternen Zustand dabei immer rot wird.

Jedenfalls: Wir können nie wissen, ob jemand nicht besser gewollt oder nicht besser gekonnt hat. Moralische Urteile sind nicht möglich.

Diese Erkenntnis ist relativ neu. Das alte Testament kennt sie noch nicht. Das neue schon. Vorher gab es sie bereits in Griechenland (Theorie vom Verlust der sittlichen Einsicht) und Indien (Buddha). – Der Gott des alten Testaments ist noch zornig und hält Rache für okay, sofern die Regel „Auge um Auge“ gewahrt wird. (Obwohl es im Judentum auch andere Töne gibt: „Es darf uns nicht darum gehen, Gerechte zu finden, sondern für die Sünder Gnade zu erflehen. Abraham suchte Gerechte und so mißlang sein Unterfangen. Mose aber betete: “Vergib doch der Verfehlung dieses Volkes“. Buber, Martin. Die Erzählungen des Chassidim (1949), Neuauflage, Zürich 2014, S.622.)

2000 Jahre sind für den Teufel keine lange Zeit. Deshalb kann er sich noch so echauffieren über den modernen Quatsch: über das neue zivilisatorische Lernniveau, das nicht mehr moralisch wertet und dem Teufel nichts mehr gönnt: „Herkömmliche Gewohnheit, altes Recht, man kann auf gar nichts mehr vertrauen!“ –

 

(2) Reife und unreife Menschen

Ich denke, Goethe würde heute nicht von „guten“ sondern von „seelisch ausgereifen“ Menschen sprechen.

Was ist ein „seelisch ausgereifter“ Mensch? Diese Frage würde ein ganzes Buch erfordern. Aber vermutbar ist, daß auch hier die „Gaußsche Normalverteilungskurve“ gilt: 70 Prozent aller erwachsenen Menschen sind normal reif, 15 Prozent sind überreif und 15 Prozent unreif.

Faust ist ein reifer Mensch, aber einer, der durch seine Autonomie, seine Fähigkeit, eigene Wege zu gehen, besonders gefährdet ist, auf Abwege zu geraten. – Und Goethe will zeigen, daß es auf so ein moralisches Versagen, auf „Irrtümer“ nicht ankommt, egal was sie an Schlimmem anrichten, sondern allein darauf, bestrebt gewesen zu sein, würdig zu leben. – Gott erwählt einen Menschen wie Faust, um dem Teufel die Macht der Würde zeigen, die uns trotz der folgenreichsten Wirrnisse immer wieder auf den richtigen Kurs zurückführt.

Genaugenommen handelt es sich hier also um den Himmel für reife Menschen, sozusagen den Himmel für Fortgeschrittene.

Was ist mit den andern, mit Hitler, mit den Psychopathen, mit den Ichsüchtigen, mit den skrupellos Macht- und Geldgierigen? Ich schätze, das ist hier nicht Goethes Thema. Aber aus dem, was wir hier sehen, läßt sich ableiten, daß auch die erlöst werden, denn die haben sich nicht ausgesucht, so zu sein oder so zu werden. Wir, im Bauch der Normalverteilungskurve, haben bloß Glück gehabt, durch geringere Rutschigkeit nicht an den Rand geraten zu sein. Unsere Reife ist nicht unser Verdienst. (Mehr dazu im Anhang).

Bei jemandem wie Faust ist’s einfach, da kann man die unvollendeten Engel, die Azubis ran lassen. Unreife Menschen können nur von erfahrenen Meister-Engeln aus den Klauen des Teufels befreit werden. Und hinterher wird noch mal ein Sonderförderprogramm zur Nachreifung nötig sein, sonst werden sie von den seligen Knaben nach Strich und Faden verarscht.

 

Anhang

Unresozialisierbare Schwerverbrecher sind ein Prüfstein für die Solidarität einer Gesellschaft. Es sind Menschen, in denen die menschlichen Widersprüche extrem ausgeprägt sind: der Widerspruch zwischen dem Wunsch, etwas für sich selbst zu erreichen und dem, nicht ausgestoßen und verlassen zu werden. Sie wollen als Mensch unter Menschen existieren aber sie sind so extrem ich-bezogen daß sie dem, was eine Beziehung erfordert, systematisch zuwider handeln und nicht gemeinschaftsfähig sind. Sie sind berechnend, nutzen aus, instrumentalisieren, lassen anderen nicht ihr eigenes Leben, manipulieren, verletzen, zerstören, morden.

Es geht nicht darum, ihnen den freien Willen abzusprechen. Sondern darum: daß bei ihnen ganz andere Kräfte am Werk sind als bei uns, Kräfte, gegen die die Freiheit des Willen – so es sie gibt – gegenhalten muß. – Wir „normalen“ Bürger würden es doch gar nicht schaffen, richtig böse zu sein! Wir können uns doch nicht etwas darauf zugute halten, gut zu sein, wenn wir gar nicht anders können! Das ist billig und wurde von Wilhelm Busch mit Spott abgestraft:

Das Gute – dieser  Satz steht fest –
Ist stets das Böse, was man läßt!

Ei, ja! –  Da bin ich wirklich froh!
Denn,  Gott sei Dank! Ich bin nicht so!!«

Das ist die moralische Perversion des Spießers, denn es ist umgekehrt: das Böse ist das Gute das man läßt. – Daß wir einen Menschen nicht ermorden können: ist das wirklich unser Verdienst? Was haben wir denn dafür getan, daß unser Egoismus enge Grenzen hat und wir so beziehgungsfähig sind, wie wir sind? Wir tun ja gerade so, als müsse man das in der Schule üben wie das Einmaleins und wir hätten immer brav unsere Hausaufgaben gemacht, während die Verbrecher bloß am Fernsehen abgehangen hätten.

Wären wir auch so brave Bürger, wenn die Gegengewichte unseres hinreichend gut entwickelten sozialen Sinns weg wären? – Schwerverbrecher sind gesunde Menschen mit erheblichen Einschränkungen in ihrer Beziehungsfähigkeit, Einschränkungen, die dazu führen, daß sie für andere Menschen gefährlich werden. Aber sie sind keine bösen Menschen. Böse Menschen gibt es nicht.

Erst wenn wir das ganz wertfrei sehen, kann sich abzeichnen, was wir uns gegen sie erlauben dürfen und ihnen dabei schuldig sind. Wir müssen uns gegen sie schützen. Aber wir müssen es so tun, daß wir ihre Würde und ihr Recht auf freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit nur so minimal einschränken, wie unser legitimes Schutzbedürfnis es erlaubt. Eine Sicherheitsverwahrung darf keine Strafe sein. Das geht uns gegen den Strich, weil viele dieser Verbrecher sich einen Dreck um die freie Entfaltung unserer Persönlichkeit scheren würden. Aber das darf keine Rolle spielen.

Wie relativ die Gefährlichkeit von Menschen ist, sieht man an Faust: Faust tötet fahrlässig Margaretes Mutter, ihren Bruder schlägt er im Duell tot, Margarete läßt er schwanger im Stich, obwohl er weiß, daß sie dann aus der Gemeinschaft ausgestoßen wird. Nach dieser privaten Katastrophe manipuliert er die Finanzmärkte, stürzt damit ein Land in einen Bürgerkrieg, mischt in diesem Krieg mit, um als Kriegsgewinnler ganz groß raus zu kommen, wird durch Verstrickung in Piraterie reich und siedelt Einheimische so effektiv um, daß sie ums Leben kommen.

Faust ist durchaus beziehungsfähig. Er ist keine dissoziale Persönlichkeit. Was heißt das? Er könnte nicht kaltblütig ermorden oder einer Rentnerin auf den Kopf hauen um ihr die Handtasche wegzunehmen. Er könnte nicht eine Frau entführen, in einem Keller einsperren, sie monatelang sexuell mißbrauchen und hinterher umbringen. Das könnte Faust alles nicht. – Auch Eichmann oder Himmler hätten das wahrscheinlich nicht gekonnt. (Beispielhaft beschrieben im Roman von Robert Merle über den Kommandanten von Auschwitz: „Der Tod ist mein Beruf“.)

Die Parameter menschlicher Bösartigkeit variieren unabhängig von einander. Wir sind schon einen Schritt weiter als die meisten anderen Kulturen der Welt, die noch eine Unterscheidung von Binnen- und Außenmoral kennen: im eigenen Clan gilt eine andere Moral als außerhalb. Aber unsere Beziehungsfähigkeit hat mit der Universalisierung unserer Moral nicht mitgehalten: Wir können unsere Freiheit noch am Hindukusch verteidigen: „Nichts schöneres weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen, als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei, wenn hinten, weit, in der Türkei, die Völker aufeinanderschlagen. Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten, dann geht man Abends froh nach Haus und segnet Fried- und Friedenszeiten“.

(„Unsere Freiheit am Hindukusch verteidigen“, war der Spruch des SPD-Verteidigungsministers, der zuständig war für den Bundeswehreinsatz in Afghanistan. Es ist mir unbegreiflich, wie es nach Vietnam möglich war, ernsthaft so einen Satz auszusprechen. – Genauso unbegreiflich ist es mir heute, wie es möglich ist, zu glauben, den Ukrainekrieg anzuheizen könne zu was Gutem führen. Um die demokratische Entwicklung in Osteuropa zu fördern hätte es andere Wege gegeben, weniger mörderische, weniger verhärtende, weniger für alle Beteiligten ruinöse – Wege, die über Umwegen auch erneut zur Souveränität der Ukraine geführt hätten – ohne Hunderttausende von Toten.)

Vom Thema moralfreie Erlösung handelt auch D. Seefelds Geschichte: „Subversion im Himmel“.

Von der Kriminalität Fausts handelt die Kurzgeschichte: „Schief gewickelt, Faust erzählt straffälligen Jugendlichen von seinen Untaten und Irrtümern“.

Über Erkenntnisse der Hirnforschung zur Beeinträchtigung von Schwerkriminellen und Trainingsmöglichkeiten: Interview mit Niels Birnbaumer im Spiegel 24/2014 S.118.