Figuren

Übersicht:

  1. Faust und Margarete: (1)  Faust und Margarete  – (2)  Urlaubsparadies und Todeszelle
  2. Faust: (1) Faustische Verblendung. – (2) Fausts Problem. – (3) Urlaubsparadies und Todeszelle.
  3.  Nereus
  4.  Phorkyas
  5.  Euphorion: (1) Euphorion (Anmerkung zur Steininszenierung). – (2) Euphorion: interpretierende Inhaltsangabe. – (3) Euphorions Wandlung, interpretierende Geschichte
  6. Philemon und Baucis: Interpretation durch die Kurzgeschichte „Der alte Kremp“
  7. Epilog-„Personal“ (Eremiten, Engel, Selige Knaben, Muttergottes): Epilog 

 

  Faust und Margarete

(Der Text ist als PDF runterladbar hier.)

  • Faust ist im Konflikt zwischen seiner Liebe zu Margarete und seinem Erlebnishunger: Er will  weder zeitlich, räumlich noch sexuell Rücksicht auf einen Beziehungsanhang nehmen.
  • Faust denkt zu kurz: Er will Freiheit, Vielfältigkeit, Totalität – aber dafür bräuchte er mehrere Leben! Denn auf die „inneren“ Freiheiten, z.B. die Sinnmöglichkeiten und Synergien, die aus gelingender Partnerschaft und gelingendem Familienleben resultieren, muß Faust mit seinem Lebenskonzept verzichten, weil Partnerschaft und Familie schon allein mindestens ein halbes Leben an Zeit beanspruchen.
  • Die Konflikthaftigkeit verschärft sich, weil Faust eigentlich das Gute will. Das zeigt sich z.B. daran, daß er von Beginn an den Teufel ironisiert und entwertet. Die Wette hat u.a. auch den Zweck, dem Teufel vor Augen zu führen, wie sehr er gegen den Menschen ins Triviale, Beschränkte abfällt und wie wenig er den Menschen wirklich erfassen kann. – Und Fausts Empathiefähigkeit und sein im Prinzip guter Charakter zeigen sich vor allem daran, wie er Mephisto anfeindet, als er von Margaretes Schicksal erfährt, und daran, wie schockiert er über Margaretes Leid ist und alles daransetzt, Margarete zu retten. – Und später ist er erschüttert über das, was Mephisto bei der Umsiedlung von Philemon und Baucis angerichtet hat, und muß sich gegen seine Schuldgefühle so heftig wehren, daß er den Kontakt zur Realität verliert.
  • Fausts Problem ist, daß er durch seine unreflektierte Streberei nach dem ganz Tollen die Forderungen zwischenmenschlicher Verantwortung falsch einschätzt: So hat er zuwenig Bereitschaft, die Beziehung zu Margarete seinen eigenen konflikthaften Motivationen gemäß zu gestalten. Dazu hätte er nicht mehr Nähe zulassen dürfen, als mit seinem inneren Konflikt vereinbar; oder spätestens, als er merkte, daß es schieflief, hätte er nicht ins Gebirge abhauen dürfen sondern ihr sagen müssen, wie es um die Beziehung steht und Verantwortung übernehmen für alles, was er durch sein Ungestüm angerichtet hat. – Später ist er unfähig, seinem Sohn Euphorion sein eigenes Leben zu lassen, sondern er instrumentalisiert Euphorion für sein Projekt „heile Familie“. – Und für seinen „guten Zweck“, mit dem er sich geschichtsmächtig profilieren will („nicht in Äonen untergehen“) sind ihm die unheiligsten Mittel recht: Betrug, Bürgerkrieg, Deportation. – Und zuletzt verliert er durch seinen Profilierungstrieb den Kontakt zur Realität, weil er die „Sorge“, die Realitätsprüfung, entschieden abweist, so sehr „braucht“ er es für sein Selbstwerterleben, seine Ideen, die er so toll findet, zu realisieren. Er ist „egozentriert“, er bleibt verhaftet in seiner Welt.
  • Faust hat offenbar kaum Beziehungserfahrung. Deshalb kann er nicht mal voraussehen, was er in sich selbst durch die Verbindung mit Margarete „anrichtet“. Um das zu beschreiben, können moderne Konzepte aus Neuropsychologie und Psychoanalyse genutzt werden: implizites Gedächtnis und Bindungstheorie. Wir sind von der Biologie auf Beziehung programmiert, was allein schon an der Sprachfähigkeit abzulesen ist. Beziehungen verändern unser Gehirn. Das, was wir an Glückserfahrungen mit einem andern Menschen machen, vergessen wir nie mehr. Und diese Erfahrungen sind unaustauschbar, unverwechselbar, unrelativierbar, unersetzbar, wegen der Einzigartigkeit jedes einzelnen Menschen, die das gemeinsame Erleben und das Erleben der Gemeinsamkeit prägt. Vieles davon „sinkt“ ab ins implizite Gedächtnis: ist uns bewußt gar nicht mehr verfügbar, wir denken nicht dran, spüren es nicht, und es ist trotzdem da. – Faust verdrängt Margarete, als er ins Gebirge geht („Wald und Höhle“) aber Mephisto „triggert“ die impliziten Gedächtnisgehalte und holt sie ihm lebendig vor Augen. – Auch später: Nach der Helena-Episode gerät Faust beim Betrachten der Wolken in einen hypnotischen Zustand – und wer hat darin das letzte Wort? Nicht Helena, sondern Margarete ist diejenige, die „das Beste seines Innern“ mit sich fortträgt…
  • Weil er es für sein Selbstwerterleben braucht, ganz toll zu sein, unterschätzt er, was die Liebe zu einem anderen Menschen bedeutet. – Und weil sein Sinn für die Liebe unzureichend ausgeprägt ist, braucht er es für sein Selbstwerterleben, ganz toll zu sein…

Empfehlenswert zum Verständnis der Margaretentragödie ist dieser Link:
http://www.deutschstunden.de/Material/Goethe-Faust-Margaretenhandlung-Seminararbeit.htm 

Schreibe einen Kommentar