Fackju Göhte

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Inhalt:

Jugendschutz im Unterricht
Irrungen und Wirrungen der Faust-Interpretation
Nachsatz zum Film Fackju Göhte

(1) Jugendschutz im Unterricht

1978 übersandte ein böser Schüler – heute würde man sagen: ein Whistleblower – dem Dichter H.M.Enzensberger die Fotokopie einer Deutschklausur, in der es um die Interpretation eines seiner Gedichte ging. Enzensberger hat uns die Kommentare des Lehrers erhalten: „Sachlich falsch!“ – „Das ist viel zu eng und verschiebt die Thematik“. – „Davon steht nichts im Text.“ – „Das ist so nicht richtig“ – „Die 6. Strophe wird völlig außer acht gelassen.“ – „Das kann so nicht dem Text entnommen werden“ – „Die Darstellung wird dem Gedicht in keiner Weise gerecht.“- „Mangelhaft“.

Angesichts dieses „corpus delicti“ schreibt Enzensberger über die Gilde der Deutschlehrer (den „Lehrkörper“): „Der Lehrkörper, der in diesen Zeugnissen in Erscheinung tritt, ist keineswegs homogen. Seine Methoden reichen von der subtilen Einschüchterung bis zur offenen Brutalität, seine Motivationen vom reinsten Wohlwollen bis zum schieren Sadismus. All dieser Nuancen ungeachtet macht jener Lehrkörper doch im ganzen den Eindruck einer kriminellen Vereinigung, die sich mit unsittlichen Handlungen an Abhängigen und Minderjährigen vergeht, wobei es gelegentlich – dabei denke ich vor allem an die Randbemerkungen aus Brühl – zu Fällen von offensichtlicher Kindesmißhandlung kommen kann. Als Tatwaffe dient jedesmal ein Gegenstand, dessen an und für sich harmlose Natur ich bereits dargelegt habe: das Gedicht.“ – Soweit das Zitat.

In der Ausbildung werden die Lehrer nicht angeleitet, die Heranwachsenden für sprachliche Kunstwerke zu interessieren, sondern sie mit fragwürdigen Interpretationsaufgaben zu nerven, noch bevor überhaupt ein Interesse für ein Kunstwerk geweckt wurde. – Stattdessen wäre es doch spannend, erst mal zu fragen, was an dem Kunstwerk unmittelbar so unzugänglich ist, daß die Schüler sich von selber für sowas Tolles  nicht interessieren, und wie sie es sich erschließen können. Dafür könnte auf die gleiche Art und Weise mit Sprache oder Musik herumgespielt werden, wie es die Menschen machten, die diese Kunstformen mal entwickelt haben. – Ich halte die Frage für interessant, warum das in der Schule keinen Platz hat: den sichersten, motivierensten und von den Musen mit dem größten Wohlgefallen betrachteten Weg zu beschreiten, der gleichzeitig wenig Anlässe für Kinderabwertung bietet. – Ich schätze, an den Lehrern liegt es nicht, daß es das nicht gibt, sondern an den Oberlehrern, die die Curricula festschreiben.

Alle gute Kunst enthält Spontaneität und Spiel, weiterentwickelt durch „Können“ und „Müssen“, durch Handwerk und Reflexion. – So etwas wie einen rudimentären „walking bass“ könnte man mit jeder Schulklasse hinkriegen, mit viel Spaß dabei. Und aufgrund der strukturellen Ähnlichkeit von „walking bass“ und Generalbass hätte man damit eine Eintrittskarte in zwei völlig verschiedene Welten. (Da würde sich sogar noch der Biologielehrer freuen, weil es veranschaulicht, wie Evolution auf völlig verschiedenen Wegen zu gleichen Resultaten gelangen kann.) – Und Rap ist poetry slam, und poetry ist poetry, ob Rap oder „Faust“… – Ich frage mich überhaupt, wie Lehrer darauf gekommen sind, Gedichte als Gedanken zu behandeln statt als Sprachspiele und Erlebnisse.

Möglicherweise eine der anschaulichsten „Engführungen“ der menschlichen Vermögen, die für künstlerisches Schaffen erfordert sind, ist Bachs 4. Kanon aus der Kunst der Fuge: Es ist ein Umkehr-Proportionskanon im doppelten Kontrapunkt – aber das hört man ihm nicht an, er ist alles andere als „akademisch“, sondern Konstruktion und Spontaneität, Sinn und Form gehen eine denkbar virtuose Verbindung ein. (Umkehr-Proportionskanon im doppelten Kontrapunkt: das ist eine Melodie, die sich mit sich selbst begleitet, und zwar in dem sie in der Begleitung langsamer oder schneller gespielt wird sowie „umgekehrt“, d.h.: wo sie „nach oben geht“ geht sie in der Begleitung „nach unten“. Und als wär das noch nicht schwer genug, wird im sie zweiten Teil mit getauschten Stimmen wiederholt: der Diskant wird zum Baß und der Baß zum Diskant. Das erfordert eine weitere „Planung“ der ganzen Anlage, weil Ober- und Unterstimme unterschiedliche „harmonische“ Funktionen haben. Wird das nicht aufeinander abgestimmt, entstehen unlogische Mißklänge. – Bach komponierte zwei voneinander unabhängige aber isomorphe und stets aufeinander bezogene Ebenen.).

 

(2) Irrungen und Wirrungen der Faust-Interpretation

Eine unfreiwillige Ironie der Oberlehrer besteht darin, daß ihre eigenen Interpretationen mit viel gelehrtem Tamtam und nahezu kriminalistischem Scharfsinn an Irrigkeit, Abwegigkeit, ja Abstrusität oft nichts zu wünschen übrig lassen. Das beste Beispiel dafür ist Goethes Faust, der anderthalb Jahrhunderte von der professionellen Germanistenzunft mißverstanden wurde: Faust sollte als Musterbeispiel des Menschen gelten und der Text wurde regelrecht „vergewaltigt“, um an dieser Deutung gegen das geschriebene Wort festhalten zu können. Nachdem Faust bis nach dem Nationalsozialismus idealisiert wurde, drehte sich der Wind und nun überboten sich alle darin, in ihm den „Unfaustischen“ zu sehen.

Wer sich gelehrsam mit der Wissenschaftsgeschichte der Renaissance beschäftigt und Goethes Recherchen rekonstruiert, der könnte auf die Idee kommen, Goethe habe in Faust eine Satire auf einen Wissenschaftler schreiben wollen: einer, der seine Experimente nicht richtig vorzubereiten versteht, der den Geist des Elements Erde dilletantisch mit dem Erdgeist verwechselt, (dem Geist, der alle Elemente erst schafft); einer der aus Hilflosigkeit in die Esoterik der überwundenen Pseudowissenschaften flüchtet („Magie“), der die Professionalität der neuen Generation (Wagner) für kleinkariert hält, weil sie die Träume vom Wissen-Was-die-Welt-Zusammenhält aufgegeben hat und sich nur noch ans Handfeste hält; und weil Faust schließlich den Teufel nicht in seiner wahren Gestalt zu beschwören vermag, sondern die Gestalt, in der Mephisto sich ihm zeigt, für die Wahrheit des Teufels hält, und ihn in seiner ganzen finsteren Macht verkennt.

Aber was würde uns so eine Interpretation vermitteln? Daß das Drama nicht des Schauens wert wäre. – Wen interessiert das Schicksal eines närrischen Dilletanten, der nicht an der Unzureichendheit der menschlichen Vermögen sondern an der Verkennung seines Dilletantismus scheitert? Wenn es Goethe darum gegangen wäre, die Wunderlichkeit eines wunderlichen Menschen zu zeigen: was hätte er dann bewiesen? – Und sollte Goethe wirklich beabsichtigt haben, daß man seine Texte nur dann richtig verstehen könnte, wenn man genau dieselben Bücher gelesen hat, wie er? Das ist vielleicht bei Möchte-Gern-Genies der Fall – Goethe hatte es nicht nötig, mit Hilfe von Chiffrierverfahren seinen Texten den Anschein von „Tiefe“, Hintergründigkeit und Bedeutsamkeit zu geben.

Von der Struktur her zeigt uns Goethes Text Folgendes: Ein Mensch ist in seiner Hilflosigkeit und Enttäuschung bereit, sich auf geächtete Mittel und Methoden einzulassen. – Dieses Thema würde nicht sinnvoll dadurch vertieft, daß hier die Verzweiflung eines Dilletanten gezeigt wird, der verzweifelt, weil er in seiner Ungeduld und Unwissenheit keinen professionellen Begriff von der Beherrschung seines Handwerks hat, es deshalb nicht beherrscht, und zu früh aufgibt.

 

Nachsatz zum Film „Fackju Göhte“

Manche Jugendlichen – vor allem solche, die es besonders schwer hatten – haben keinen Sinn dafür, sich was ganz Tolles zu erschließen, es sei denn eine Droge. Ein Kick durch eine Droge scheint ihnen „cooler“, als ein Kick durch ein Gedicht. Das ist ungefähr so, wie jemand, der es cooler fände, den ganzen Urlaub vor der Glotze zu hängen, als mal auf einen Berg zu steigen. – Es fällt auf, daß sich manche Heranwachsenden kaum mit etwas anderem beschäftigen, als mit ihrer Stellung in der Klique und ihren sexuellen Chancen. (Und haben sie hier wenig Erfolg driften sie ab in Ballerspiele oder Drogen.)

Es ist unfair, sich über das Primitive und allzu Offensichtliche daran lustig zu machen. Es liegt nicht an ihrer Intelligenz. Sie waren aufgrund unverschuldeter Beziehungsbedingungen immer darauf fixiert, ihre Selbstwert-, Integrations- und Statusbedürfnisse zu befriedigen. Das ließ ihnen nie eine Chance, andere Interessen und Ziele zu entwickeln. Daß sie ihre Intelligenz und Tüchtigkeit auch weit intelligenter nutzen könnten, hat ihnen nie jemand gezeigt, sie haben davon nicht die geringste Vorstellung, sie sind völlig ahnungslos. – Eine unkritische Wertschätzung ihrer Versuche, unter ihren widrigen Umständen klar zu kommen, tut ihnen genau so unrecht, wie Überheblichkeit. Filme wie „Fackju Göhte“ schwanken zwischen beidem…

Überheblichkeit beruht auf Illusion. Wir sind zu leicht eingenommen von dem, was wir sind, und blind für die Zufälle, die uns ermöglicht haben, so zu werden. Wir neigen dazu, uns die Geschenke des Zufalls und was daraus ohne großes Zutun erwächst, als Verdienst anzurechnen, wie ein Bauer, der einen Mähdrescher in der Lotterie gewinnt, und dann auf den Nachbarn mit der Sense herabsieht.

Selbst für Fleiß und Tüchtigkeit sind wir unterschiedlich begabt und begünstigt. Ein Mensch z.B., dessen Gehirn genetisch bedingt weniger freigiebig mit Dopamin ist, hat es einfach schwerer, etwas zu tun, wozu er unmittelbar keine Lust hat. – Und Gehirne, die unter Umständen aufwachsen, die nicht sehr ermutigend sind, haben weniger Gelegenheit die Dopaminproduktion zu trainieren…

Hat jemand eine besondere Begabung, kann er auch unter den entmutigensten Umständen mit seiner Begabung ermutigende Erlebnisse bewirken. Er wird dann trotz der Umstände tüchtig und gilt als ein Beispiel, daß es ja wohl am Millieu nicht liegen könne. – Manchmal reicht auch eine kleine Abweichung, um in die Haltekräfte des Millieus eine Unwucht zu bringen: Ein Onkel oder Opa, der einem Heranwachsenden einen Bereich erschließt – vielleicht ein Tier oder eine Technik – in dem er Faszination und Selbstwirksamkeit erleben kann.

Nur der geringste Teil unseres Erfolgs geht auf unser Verdienst zurück, fast alles auf die Gunst von Genen und Gesellschaft und die daraus entspringenden selbstverstärkenden Prozesse. Das ganze Ausmaß zu erkennen, in dem wir das, was wir an uns toll finden, nicht verdient haben, kränkt. Die „ungerechte Verteilung der Glücksgüter“ (Max Weber) ist für die Begünstigten oft schwerer einzugestehen als es für die Benachteiligten ist, sie zu akzeptieren. – Daß sich nicht alles um die Erde dreht und das Universum auch ohne Gott denkbar ist, daß der Mensch vom Affen abstammt und unsere angebliche Selbstbestimmung vom Unbewußten gesteuert wird: nach diesen vier großen Desillusionierungen der Menschheit bleibt der Verdienstdünkel der letzte Rückzugsort kollektiver Illusion.

Obwohl die Weisen aller Zeiten darum wußten, war erst die Hirnforschung nötig, um es breitenwirksam dämmern zu lassen, daß es mit unseren Verdiensten nicht so weit her ist, wie unser Selbstbild es gerne hätte. – Es wird sich zeigen, daß Respekt, Wertschätzung und Solidarität die einzig desillusionierten Einstellungen zu allen Menschen sind, zu allen! – Sicher, das wird die Befriedigung zweier Bedürfnisse erschweren: andere Lächerlich zu machen, um sich selbst als was Besseres zu fühlen, und sich gegen sie abzugrenzen mit dem Dogma, jeder kriege, was er verdiene. Aber wo ist das Problem: Was wäre denn so schlecht daran, wenn wir Menschen ganz anders als jemals in der Weltgeschichte zusammenhielten: gegen ein unendliches Universum in dem wir nicht der Nabel der Welt sind sondern ein bedeutungsloser Zufall, dessen Wohl und Wehe niemanden interessiert…

 

Nachweise

Die Zitate sind aus H.M. Enzensberger (1976): Ein bescheidener Vorschlag zum Schutz der Jugend vor den Erzeugnissen der Poesie. In: ders. Erinnerungen an die Zukunft, Reclam, Leipzig 1988 –

Das diskutierte Interpretationsbeispiel ist aus: Gaier, Ulrich, Wissenschaftssatire, in: ders. Fausts Modernität, Reclam, Stuttgard 2000. – Eine Fülle weiterer Beispiele, wie Gelehrtheit und Scharfsinn nicht vor abstrusen Interpretationen schützen, führt Hans Arens in seinem Kommentar an. – Ich meine, seinem Kommentar anmerken zu können, daß der Verfasser jahrelang mit Schülern den „Faust“ interpretiert hat. Das zwingt einfach zu Klarheit und Denkökonomie. (Schüler können, nimmt man sie ernst, wie „ockhemsche Rasiermesser“ wirken, die das Wuchern immer voraussetzungvolleren Spekulierens beschränken. Das hilft gegen Abstrusität.) – Möglicherweise wurde dieses Werk, das zweifellos der beste Kommentar zu Goethes Faust ist, wegen seiner Ausstellung professuraler Abstrusitäten nie über enge akademische Kreise hinaus verbreitet: Arens, Hans, Kommentar zu Goethes Faust I und II, Heidelberg 1989

Ob meine Interpretation des Epilogs abstrus ist oder nicht, und wie hineinkonstruiert oder herausgelesen meine Idee, daß Goethe in Fausts Himmelfahrt die Möglichkeit einer utopischen Solidarität feiert, als Gegenmodell zum beschränkten „faustischen“ Individualismus, das alles kann hier besichtigt werden: Zum Epilog von Goethes Faust