Über Besinnungslosigkeit und Superkonformität
(Lesezeit: 4 Minuten)
Faust ist der Inbegriff eines Menschen „mit eigenem Kopf“. Und Goethe entfaltet in seinem Superdrama die Chancen und Gefahren, die mit einem „eigenen Kopf“ verbunden sind. – Das Gegenbild zu Faust, der Inbegriff des Unfaustischen, ist: Konformität. – Konformität und Mangel an Besinnung gehen Hand in Hand:
(1) Besinnungslos?
Ich gebe zu, es ist nur meine Befürchtung, die muß nicht stimmen; vielleicht sehe ich nur Gespenster. Aber: Es beunruhigt mich, immer mehr Menschen zu sehen, die in offenbar in jeder freien Minute und immer öfter in den unpassensten Situationen Kopfhörer tragen oder auf Bildschirmchen starren.
Ich frage mich: Wenn die tagsüber arbeiten und am Feierabend mit Familie und Freunden zusammen sind oder Serie schauen, und dann noch in jeder freien Minute Schirm vorm Auge oder Stöpsel im Ohr haben, wenn die also kaum eine Minute mal still mit sich ganz allein sind: was haben die dann noch an Besinnung?
Besinnung ist z.B. sich zu fragen: „Was halte ich eigentlich von dem, was ich alles aufnehme, von all den Informationen, Worten, Musiken, Bildern? Wie fühlt sich das oder das für mich an und was will mir dieses Gefühl sagen? – Was für Zweifel könnten sinnvoll sein? – Was könnte man alles noch ganz anders sehen? – Was fürchte ich, was passiert, wenn ich nicht gut finde, was alle andern gut finden? – Was könnte und sollte ich mir noch durchlesen, oder mit wem sollte ich mal reden, um all das Andrängende besser beurteilen zu können und meine Meinungen noch mal unabhängig von dem, was meine Freunde meinen, zu überprüfen?“
An sich ist es nicht sinnvoll sich zu vergleichen. Dennoch können Vergleiche einen gewissen Orientierungswert haben. – Also ich, ich brauche mindestens eine Stunde Spaziergang täglich – und zwar frei von Handbildschirm und Kopfhörer – um das Gefühl zu haben, zu wissen, was ich von allem zu halten habe.
Nun könnte es jedoch sein, dass viel Schirmschauen und Kopfhören völlig in Ordnung ist. Wir sind Rudelwesen, wir sind für unentwegtes Geschwätz gemacht. Vielleicht reicht der Nachtschlaf völlig aus zur Verarbeitung von Erlebnissen und Gedanken.
Ja, aber was wenn nicht? – Wird es irgendwann eine technisch induzierte Superkonformität geben in jeder der verschiedenen Subkulturen im Netz?
(2) Was ist technisch induzierte Superkonformität?
Eine Konformität wie sie ohne Digitalisierung, ohne social media, ohne Handbildschirm und Kopfhörer nicht möglich wäre. Eine Konformität, in der Besinnung dreifach erschwert wird: Erstens, weil es zuviele verlockende Reize gibt und zuviel Angst, etwas zu verpassen, so dass sich für Besinnung niemand Zeit nimmt, zumal sie anstrengender ist, als Videos schauen oder Potcasts hören; zweitens weil Besinnung zu Konflikten führen kann zwischen dem, was ich selbst gut finde, und dem, was ich gutfinden sollte, um cool gefunden zu werden; und schließlich, weil das eigenständige Denken durch die Reizflut immer kurzatmiger wird.
(3) Was ist Besinnung?
An sich ist es gar nicht schlecht, mehr in Kontakt mit andern zu sein und mehr Musik zu hören. Denn manche Verarbeitungsleistungen werden durch Gespräch und bei Musik gerade inspiriert und verbessert! – Viele sagen mir z.B., dass sie besser nachdenken können, wenn sie beim Spazierengehen Musik hören. Das ist sicher nicht ganz falsch, sonst würden sie es ja nicht so erleben, aber es ist nur die halbe Wahrheit. – Die Frage ist: Ab welchem Ausmaß von Mangel an Besinnung schlagen die Vorteile von mehr Kontakt und mehr Musik in Nachteile um?
Besinnung bedeutet: Allen Stimmen der Seele Gehör zu verschaffen. Das geht nur ohne Zuschauen, Lesen, Reden und Musikhören.
Denken und Fühlen sind eins. Nachdenken sollte nachspüren heißen. Das Denken ist bloß das Sprachrohr des Fühlens, es vermittelt uns, was das Fühlen uns sagen will. Und es ist unmöglich, einem Gefühl, von dem ich noch nicht weiß, was es mir sagen will, nachzuspüren, wenn ständig neue Informationen andrängen aus Mündern, Bildschirmen oder Kopfhörern. Informationen brauchen Aufmerksamkeit. Die Informationen der Außenwelt ziehen die Aufmerksamkeit ab von den Informationen der Innenwelt.
Was etwas für mich ganz persönlich bedeutet, sagen mir nur meine Gefühle. Aber dafür muß ich ihnen zuhören. Wenn ich zu viel den Stimmen von außen zuhöre, kriege ich zu wenig mit, was meine Gefühle mir dazu sagen wollen.
Je weniger ich dafür sorge, alle Stimmen meiner Seele zum Sprechen zu bringen und ihnen gut zuzuhören, desto weniger selbstbestimmt werde ich sein, desto weniger Persönlichkeit werde ich entfalten. – Leute dagegen, die viel spazierengehen, und zwar ohne Handbildschirm und Kopfhörer, erhöhen ihre Chancen, mehr an Selbstbestimmung zu gewinnen und sich weiter zu entfalten.
Nachweise
„Alle Stimmen der Seele zum sprechen bringen“ ist eine Metapher des Philosophen Henri Bergson.
Die Journalistin Carla Siebmann schreibt in ihrem Artikel „Gleichschritt der Cowboystiefel“ auf netzpolitik.org:
„Individualität ist manchmal peinlich, mal cringe oder mitunter sogar anstößig. … Die in ihren sozialen Medien propagierte Angepasstheit, die durch Algorithmen und Aufmerksamkeit verstärkt wird, macht uns berechenbar, kontrollierbar und gefügig – als Konsumenten auf Märkten, aber auch als politische Subjekte, die immer steuerbarer werden.“
https://netzpolitik.org/2026/breakpoint-im-gleichschritt-der-cowboystiefel/
Lew Tolstoi schreibt in seinem Gesellschaftsroman „Krieg und Frieden“ (1868) von Leuten, die peinlichst darauf bedacht sind, dass bei ihnen alles genauso ist, wie bei andern, oder die ihre Gesinnung nach der Mode wechseln wie ein Kleid (Teil 3 Abschnitte 20 (Schluß) und 18 (Beginn).(Lars bringt das in seiner Geschichte „Die Revolte“ auf den Punkt: „Dieser Gedanke paßt nicht zu meiner Brille“: Die Revolte (interner Link).)
