Gehts noch? Plastik-Stadtschloß und reinrassiges Holocaustdenkmal

Souvenirs einer Mittsommernachtwanderung durch Berlin 2026

Als ich 1995 aus der Eifel nach Berlin einwanderte, war Berlin ein Abenteuerspielplatz. Jetzt ist es ein spießiges Wohnzimmer, verstellt mit geschmacklosen klotzig-klobigen Möbeln.

Auf meiner Nachtwanderung durch die Stadt sah ich das Schloß zum ersten Mal nach seiner Fertigstellung: Die haben doch tatsächlich das Stahlbetonskelett mit barocken Fassaden behangen! Da hätte man es gleich aus Plastik gießen können!

Das Schloß war schon als Original häßlich. – Wie beschränkt und von Gestern muß man sein, um soetwas in gefakter Form wieder sehen zu wollen! An einem der zentralsten Orte Deutschlands, an dem es so viele andere wunderbare Möglichkeiten gegeben hätte!

Es ist mir nicht nachvollziehbar, wie sich sich so ein Blödsinn mit so großer Mehrheit im Parlament durchsetzen konnte. Das wirft ein Licht auf die Mittelmäßigkeit und Geistlosigkeit der Entscheidungselite.

Beim Holocaustdenkmal gab es eine Empörung wegen der 24 Millionen Euro, die das gekostet hat. Das Schloß kostete 600 Millionen und wurde bejubelt. Gehts noch? – Dabei wäre es mehr Holocaustdenkmal gewesen, den Platz wo das Schloß stand, einfach freizulassen.

Als ich das Holocaustdenkmal besuchte, las ich zum ersten Mal das Kleingedruckte: Das Denkmal ist nur für die ermordeten Juden! – Ich dachte immer, das wäre für alle Opfer der Naziverbrechen! Nein, die Sinti und Roma, die Homosexuellen und die Unterstützungsbedürftigen, die müssen alle zu ihren eigenen Denkmälern. Gehts noch? Das ist doch Apartheit! Ein unsäglich fehlgriffiger vorauseilender Opportunismus um sich Israel anzubiedern! Der Israelische Staat täte gut daran, ein Schild anzubringen, dass das nicht in seinem Sinne ist! (Dazu eine Anfrage von mir an den Zentralrat der Juden in Deutschland am Ende des Beitrags.)

Wie ich bei Wikipedia las,verbat sich die Initiatorin Einmischung von jüdischer Seite: „Halten Sie sich da raus, die Nachkommen der Täter bauen das Mahnmal, nicht die Juden“. – Dementsprechend verteidigte sich der Zentralrat der Juden später gegen Vorwürfe eines der renommiertesten deutschen Historiker: „Es ist Sache der Nichtjuden, ob sie in der deutschen Hauptstadt ein Mahnmal für das ermordete europäische Judentum errichten wollen oder nicht“.

Wie hätte wohl ein Jude, der Seite an Seite mit einem Roma und einem Homosexuellen ermordet wurde, wie hätte der wohl darüber gedacht, dass 50 Jahre danach das gemeinsame Leid so auseinanderdividiert wird? Haben sich die Initiatoren darüber mal Gedanken gemacht?

Aber trotzdem und trotz aller anderen nicht unberechtigten Kritik: Ich finde es besser, dass das Denkmal da ist, als dass es nicht da wäre. – Ich schätze, die meisten Menschen kommen gar nicht auf den Gedanken, das Mal gedächte ausschließlich der Ermordeten jüdischer Herkunft.

Nachtrag zur Mittelmäßigkeit

Ich bin auch mittelmäßig, fast alle Menschen sind es, nur 15 von hundert sind überdurchschnittlich. Und beschränkt sind wir alle, auch die Überdurchschnittlichen.

Mittelmaß und Beschränktheit abzuwerten ist – so muß man einfach sagen – ein Keim von faschistoidem Denken. Faschisten tun nichts leidenschaftlicher als das: abzuwerten und Stress zu machen bis zur Gewalttätigkeit. (Fasces, das waren Rutenbündel mit denen geprügelt wurde.)

Prekär ist freilich die Verbindung von Mittelmaß und Elite. Doch die gab es immer und wird es immer geben, da muß die Menschheit mit leben. Sicher: Das Mißverhältnis zwischen Anspruch und Wirklichkeit reizt zu ironischen Bemerkungen. Doch die sind in einer Demokratie unfair. Wer was zu meckern hat kann und sollte sich politisch betätigen! – Die Demokratie ist aus der Erfahrung entstanden, dass sich in den Eliten keine Helden, Hellsichtigen und Heiligen tummeln und es deshalb eines Korrektivs bedarf. – Ja: Wir Mittelmäßigen und Beschränkten können uns zusammen tun, unsere Einfälle und Beobachtungen gemeinsam auswerten und nutzen. So kommen wir über unsere Grenzen hinaus.

Das barockfassadenbehangene Berliner Betonschloß ist ein Symptom dafür, dass unsere Demokratie und Kultur noch viel Raum zur Weiterentwicklung haben. Da geht noch mehr. Noch viel mehr. – Das Spielzeugschloß im Maßstab Eins zu Eins ist nur zu erklären dadurch, dass einige ewig-gestrige Schreihälse sich Gehör verschaffen können bei Leuten die keine Ahnung haben aber Entscheidungsbefugnis; und dass die Korrektive noch zu schwach sind und die Zivilgesellschaft durchgängig noch nicht Geist genug hat, den Schreihälsen geschlossen einen Vogel zu zeigen, sondern viele klatschen ihnen noch zu.

Link zu den Wikipediaartikeln über Stadtschloß und Holocaustdenkmal
Humbold oder Humbug – Ulk über das Stadtschloß („Humboldforum“) auf dieser Website

An den Zentralrat der Juden in Deutschland

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich war wie vor den Kopf geschlagen, als ich entdeckte, dass das Holocaust-Mahnmal die ermordeten Sinti und Roma, Homosexuellen und Euthanasieopfer vom Gedenken ausschließt.

Ich kann mir nicht vorstellen, daß diese „Apartheit“ im Sinne Israels ist. Deshalb äußerte ich in dem untenstehenden Blogbeitrag meinen Gedanken, dass Israel sich von der Festlegung des Denkmals auf die jüdischen Ermordeten offiziell distanzieren sollte. Dieser Gedanke ist wahrscheinlich naiv und müßte in viele Richtungen durchdacht werden. Was halten Sie davon?

Ich würde mich freuen, wenn Sie mir und meinen Lesern dazu einen Kommentar schrieben.

Mit freundlichen Grüßen

Winfried Lintzen