Berliner Bankenskandal

oder: Überforderung des Menschlichen

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Der Berliner Ex-Senator Landowsky scheint ein Beispiel dafür, wie sehr die Kräfte, mit denen es Menschen in Politik und Wirtschaft zu tun bekommen, das Menschliche überfordern:

Maßgeblich mitverantwortlich für die Pleite einer stadteigenen Bank, die Berlin noch für Jahrzehnte in ihrer Handlungsfähigkeit beeinträchtigen wird, zeigten sich die Grenzen seiner Verantwortungsfähigkeit indem er von einem „Freispruch erster Klasse“ sprach (Tagesspiegel vom 15.02.2011). Dabei mußte er nur deshalb freigesprochen werden, weil dem Bundesverfassungsgericht aufgefallen ist, daß die Tatbestände der Untreue juristisch noch unzureichend normiert sind, um sie auf einen Fall wie diesen anwenden zu können (vgl. Spiegel-Online vom 21.03.2007).

Der Schaden geht langfristig in die Milliarden, doch Landowsky wirkt wie ein Schuljunge, der was angestellt hat, aber mit scheinheiliger Empörung ausruft: „Ich hab doch gar nichts gemacht!“ – Nichts könnte besser Nietzsches Aphorismus veranschaulichen, daß Menschen ihren schlechten Taten nicht gewachsen sind.

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Wenn wir Bürger da mit Wut reagieren, ist das nur allzu nachvollziehbar. Doch trotzdem falsch. Denn wer kann schon von sich behaupten, ein besserer Mensch zu sein? Wir Menschen sind gut genug, wenn trotzdem Unheil geschieht, zeigt das nur, daß unser Gemeinwesen noch nicht ausreichend entwickelt ist. Folgenden Sinn können wir Brechts Ausspruch „Traurig ein Land, das Helden nötig hat“ geben: Traurig ein Land, dessen Politik und Wirtschaft darauf angewiesen ist, moralische Helden zu haben, damit kein Unheil geschieht.

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In unserer Kultur wird Leistungsfähigkeit trainiert, nicht Besinnung. Uns treibt der unsublimierte Alfa-Männchen und Alfa-Weibchen Trieb: Karriere zu machen, Erfolg zu haben, gilt als Inbegriff eines gelingenden Lebens. Vielen, die ihren Erfolg vorantreiben, bleibt keine  Muße zur Besinnung darauf, was das Erlebte und Widerfahrene wirklich bedeutet, sie bekommen nur die Oberflächenbedeutungen mit. Sie haben nicht einmal Zeit, ihre eigenen Gefühle von Unstimmigkeit oder Unbehaglichkeit bei ihrem Handeln wahrzunehmen, geschweige denn eigene Antriebe und Motivationen zu hinterfragen, z.B. bezüglich intriganter, korrumpierter oder manipulativer Verhaltensmomente.

Gäbe es meine parodistisch gemeinte diagnostische Kategorie wirklich (VIPS), würde ich einiges darauf verwetten: Landowsky hatte ein VIPS als er Berlins Geld verflüchtigte. Er litt, in VIPS-Kategorien gesprochen, unter einem chronischen Halbrausch bei unzureichend entwickelter Persönlichkeit. –

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Das VIPS ist reversibel und Persönlichkeit bildet sich bis zum letzten Atemzug: Jetzt hätte Landowsky die Möglichkeit, sich Zeit zu nehmen. Und er könnte einiges von dem, was er angerichtet hat, wieder gut machen, wenn er eine bekennende Analyse des Geschehenen schreiben würde: eine Analyse der Versuchungen, denen Führungskräfte ausgesetzt sind, der Konflikte zwischen Erfordernissen der Sache und Erfordernissen des Machterhalts, der Möglichkeiten, bestehende Korrektive zu umgehen, und der Beziehungsdynamik in den unvermeidlichen Seilschaften, in die man in solchen Positionen hineingerät. Eine solche Studie würde die Chance erhöhen, daß unser Gemeinwesen sich verbessert und wäre das verspielte Geld vielleicht wert…

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Was können wir an dieser Geschichte über das Faustische lernen? „Faustisch“ wäre, wenn ein Politiker glaubt, daß er unbedingt seine Macht ausbauen muß durch Begünstigung mächtiger Lobbies, weil er die Realisierung seiner Visionen für so nötig hält, daß man dafür ruhig schon einmal ein wenig unkorrekt sein dürfe. (Ich unterstelle Herrn Landowsky diese Intention nicht sondern fingiere sie bloß zu Zwecken der Interpretation und Veranschaulichung, was das „Faustische“ ausmachen könnte.)

Was dabei Fausts Situation ähnelt ist: Den Verantwortlichen ist ein Scherbenhaufen entstanden, wo das Lebenswerk stehen sollte, obwohl sie doch nur nach etwas Gutem gestrebt haben! (Ja, das haben sie. Aber sie haben weder ihre Ziele noch ihre Mittel ausreichend zur Diskussion gestellt!) Weiterlesen: Faustische Verblendung

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