Die Findelkinder

Vierte phantastische Geschichte aus der Rahmenerzählung „Psychjatergarn“ von Lars Lehmann

Wir saßen mit dem Psychiater, dem Professor und der Unternehmerin zusammen auf der Terrasse, als David, der 15jährige Sohn der Unternehmerin, mit zwei andern Jugendlichen erschien, sie wollten zum Golfen. Die Frage nach dem täglichen Übungspensum, das der Junge in den Ferien wegen einer 3 in Mathe aufgebrummt bekommen hatte, beantwortete er ausweichend, obwohl er doch wissen musste, daß er damit bei seiner Mutter keine Chance hatte. Er versuchte, ihr abzuringen, die Aufgaben später zu erledigen, aber die Unternehmerin blieb hartnäckig. David schaute uns an, machte eine ironisch-resignative Geste und verschwand im Schloß. Die Unternehmerin merkte an unserem Blickwechsel, daß wir ihre Strenge übertrieben fanden und bekam einen kampfbereiten Gesichtsausdruck. Doch der Psychiater wiegelte ab:

„Wir würden Ihrem Jungen gerne unbeschwertere Ferien wünschen. Aber Sie ermöglichen ihm wahrscheinlich eine unbeschwertere Jugend! Denn wenn er Stress in der Schule bekommt, dann wird er auch die Freizeit nicht mehr genießen können.“

„Er hatte schon das Zugeständnis, die erste Ferienwoche ganz frei zu haben und in der letzten braucht er auch nichts zu machen. Bei ihm muß man genau aufpassen, der drückt sich, wo er kann!“

„Nun, das ist gesund!“, schmunzelte der Psychiater und fuhr fort: „Ich frage mich, wie sich das langfristig auswirkt, daß die Kinder kaum noch zur Besinnung kommen. Ich habe Jugendliche behandelt, die keine Energie mehr hatten, in ihrer Freizeit anspruchsvollen Beschäftigungen wie Zeichnen oder Musizieren so engagiert nachzugehen, wie das ihren Interessen entsprochen und für ihr persönliche Entwicklung notwendig gewesen wäre.“

„Aber das ist noch nicht das Schlimmste“, meldete sich meine Frau zu Wort, “ die meisten Kinder kriegen schon in der Grundschule fast ständig die Botschaft: „Du machst Fehler, du weißt und kannst zu wenig, du bist nicht gut genug!“ Und wenn sie zu lange für die Hausaufgaben brauchen und kaum noch Zeit für freie kindliche Entfaltung haben, dann sind sie selbst schuld, weil sie eben nicht gut genug sind – oder es heißt: das seien nun mal die Anforderungen, das müßten die Kinder heute nun mal in so kurzer Zeit erfüllen!“

Der Psychiater fügte hinzu: „Und die Kinder, die auffallen, weil sie im Unterricht schlecht stillsitzen und nicht so aufmerksam sein können, wie die Schule es erfordert, die werden ganz legal drogenabhängig gemacht, mit Amphetaminen. – Ein Arzt, der der Amphetamin-abhängigkeit überführt wird, verliert seine Zulassung, wenn er nichts dagegen tut. Aber Kinder setzt man bedenkenlos unter Drogen, Hauptsache, es macht sie klassenzimmerfähig. – Es heißt immer, mit diesen Kindern sei etwas verkehrt, sie bekommen eine Diagnose. Schule und Lehrer bekommen keine Diagnose. – Eine Schule ist nur so hoch entwickelt, wie sie es vermag, allen Kindern gerecht zu werden, und nicht darauf angewiesen ist, einige drogenabhängig zu machen, damit sie dem Unterricht folgen können. Meine Kollegen und ich kommen da regelmäßig in die heftigsten Konflikte: Verweigern wir die Medikation, riskieren wir, daß das Kind nur Mißerfolge hat und als Versager und Chaot zum Außenseiter wird. Verschreiben wir Ritalin, machen wir das Kind zum Gegenstand eines Langzeitexperiments, von dem noch niemand weiß, wie es ausgeht.“

„Wir drillen die Kinder, als brauchten wir in kürzester Zeit lauter Hochleistungssportler“, polterte der Professor, „das ist keine Bildung, das ist Abrichtung!“

„Aber das macht sie doch intelligenter!“ wandte die Unternehmerin ein.

Der Psychiater schüttelte den Kopf: „Intelligenz ist nur die Muskulatur der Seele. Muskeln ist es egal, ob sie ein Feld bestellen oder einen Mann totschlagen, sie haben dazu keine Meinung. Es gibt in der Weltgeschichte keinen Blödsinn, dem nicht intelligente Leute die Steigbügel gehalten hätten!“

„Aber das alles ändert nichts daran“, sagte meine Frau, „daß der junge Mann Probleme bekommen wird, wenn seine Mutter ihn nicht gut coacht!“

Weitere Gäste setzten sich zu uns, und der Professor regte eine Diskussion über Kulturpessimismus an, ausgehend von Max Webers Wort von den Fachmenschen ohne Herz und Genussmenschen ohne Geist. – Eis, Sorbet, ein paar Zungenspitzen Cognac und alter Whisky sowie eine leidenschaftliche Diskussion sorgten dafür, daß es der Runde nur an Fachlichkeit mangelte, nicht an Herz, Geist und Genuss. – Der Psychiater hörte lange zu, bevor er das Wort ergriff:

„Wissen Sie, was mich ärgert? Immer diese Nörgeler und Stressmacher! Man darf nicht dumm sein, nicht beschränkt, man muß Herz haben, Geist usw. usw. – Was ist eigentlich so schwer daran, Menschen einfach mal so zu akzeptieren, wie sie sind?“

Der Professor war verwundert: „Herz und Geist sind Erkenntnisvermögen. Ohne sie gibt es Realitätsverlust: die Anliegen und Bedürfnisse der andern werden nicht wahrgenommen, es entstehen Fehleinschätzungen und Illusionen!“

„Wenn jetzt unter uns jemand herz- oder geistlos wäre: wo wäre das Problem?“ erwiderte der Psychiater, „wir haben alle einen Mund, ihn freundlich darauf hinzuweisen, was er übersieht!“

„Das Problem ist doch, daß die Funktionäre und Manager nicht so gemütlich mit den Bürgern und Angestellten an einem Tisch sitzen, wie wir gerade!“, insistierte der Professor.

„Ich mit den meinen schon“, bemerkte die Unternehmerin.

„Aha“, konterte der Professor, „und wenn es mal kritisch wird mit ihrer Firma, springt dann jemand freiwillig über Bord, weil Sie ihn so herzlich bitten? – Nein, aber im Ernst: Es gibt immer weniger Spielraum für Herzlichkeit. Funktionieren geht vor. Es ist erschreckend, wie viele herzlose Entscheidungen Sie heute mühelos damit rechtfertigen können, daß es besser funktioniert. Der Mensch muß sich nach der Maschinerie richten. Herz und Geist werden systematisch ausgetrieben durch Karriere und Vergnügen!“

„Was Sie sagen klingt sehr plausibel“, meinte der Psychiater, „aber ist es auch wahr? Fehlt Führungskräften Herz und Fernsehschauern Geist? Ohne das zu überprüfen, glaub ich es nicht. Ich gehe davon aus, daß Mutter Natur uns gut ausgestattet hat. Das kriegen Beruf und Fernsehen nicht so schnell kaputt. Ich würde wetten, daß Restherz und Restgeist weit größer sind, als wir uns gerade ausmalen.“

Der Psychiater hatte kaum ausgeredet, da wurde die Terrasse gekapert von einer deutlich alkoholisierten Rentnerschar, die gerade mit dem Bus angekommen war. Es fiel den Senioren schwer, zu verstehen, daß ihre Art der Fröhlichkeit nicht alle teilen wollten. Auf Initiative der Unternehmerin half die nette Bedienung des Cafes, eines der Golfrollies mit Tee, Kaffee, Gebäck und Polstern auszustattem, so daß wir uns zu einem einsam gelegenen Pavillon am Rande des Parks zurückziehen konnten.

Der Blick des Pavillons ging auf den Golfplatz, der die ganze sichtbare Landschaft ausfüllte, bis an die Ränder der Hügel und den entfernten Saum des Waldes. Das Areal wirkte mit seinen künstlichen Dünen, Tümpeln und Kuhlen wie eine Spielzeuglandschaft. – Der Psychiater erzählte, was er von den Einheimischen darüber erfahren hatte: Die Hotelkette hatte nach der Wende Schloß und Land billig erworben. Das Land hatte größtenteils Dorfbewohnern gehört, die es nach der sozialistischen Enteignung zurückbekommen hatten. Sie waren naiv bezüglich der Bedeutung größerer West-Mark-Summen und hatten keine Ahnung von der Entwicklung der Bodenpreise. So waren sie von den Managern der Hotelkette schamlos übers Ohr gehauen worden. Zwei Bauern, die den Verkauf verweigerten, waren jahrelang bis an die Grenze zur Nötigung mit Drohgebärden verunsichert worden, hatten aber durchgehalten. Die andern lebten mittlerweile großenteils von Hartz IV. – Vielleicht war die Künstlichkeit der Landschaft und ihre Geschichte dafür verantwortlich, daß die pessimistischen Untertöne des Gesprächsthemas Oberhand gewannen und die Stimmung verdüsterten.

„Dem Geld ist nichts heilig“, begann meine Frau nach einer Weile, „nicht mal die Kindheit unserer Kinder“. – Als sie die fragenden Blicke sah, fuhr sie fort: „Die Kinder wollen die Welt entdecken, aber die Kaufleute schränken das ein. Sie gaukeln den Kindern vor, daß es viel besser ist, sich mit coolen, angesagten Themen zu beschäftigen, die was kosten, statt gemeinsam die Gegend zu erkunden, was nichts kostet.“

Ich fügte hinzu: „Wir haben damals aus den selben Bausteinen, aus denen wir Häuser und Autos gebaut haben, auch U-Boote und Raumschiffe gebaut – aus Unspezifischem etwas Spezifisches. – Schauen Sie heute mal in die Schaufenster, heute gibt es nur noch Fertigteile! Wir mußten uns was einfallen lassen, Probleme lösen, korrigieren, und das fertige Werk vor aller Welt vertreten – aber hatten dafür auch alle Freiheiten. – Stellen Sie sich mal vor: Früher hatte jeder Junge seinen eigenen Stil, Lego-Raumschiffe zu bauen! – Bei diesen Fertigteilen kommt immer das Gleiche heraus!“

Meine Frau fuhr fort: „Wenn ein 10-jähriger heute Raumschiffe aus Lego baut, wird er von den Gleichaltrigen nur noch verspottet. Schon 9-jährige werden auf kostenintensive pubertätstypische Beziehungsinteressen getrimmt: auf Freundesnetzwerke mit hohem Eintrittspreis: Sie brauchen Telekommunikationsgeräte und Zugehörigkeitsinsignien.“

„Statusbestrebungen sind wichtiger geworden als Explorationsbestrebungen!“ polterte der Professor.

„Um „cool“ zu sein müssen die Kinder eine Reife vortäuschen, die sie nicht haben. Sie erlauben sich wichtige altersgemäße Interessen und Bestrebungen nicht mehr, sie machen den zweiten Schritt vor dem ersten. Mal was alleine machen, sich von den Seltsamkeiten und Geheimnissen der Dinge mal auf neue Pfade locken lassen, dafür, sagen sie, haben sie keine Zeit, sie müssen sich auf dem Laufenden halten über die Kommentare zu den Liebesnöten eines Seriensternchens. – Die Kinder haben Angst davor, Außenseiter zu werden, als uncool dazustehen, als zurückgebliebenes Kind, das noch mit was spielt und seinen kindlichen Fantasien nachhängt!“

„Statt Autonomie Konformität“, polterte der Professor wieder, „fremdverschuldete Unmündigkeit ohne Ausgang!“

„Mhm,“ brummte der Psychiater, „so wie Sie das schildern, scheint mir, daß wichtige Bedürfnisse und Bestrebungen von der Werbung regelrecht hochfrisiert werden, und andere für die Entwicklung notwendige Interessen und Neugierden in den Schatten stellen. Es ist nachvollziehbar, wenn uns damit nicht wohl ist. Aber wir wissen nicht, was die Kinder tatsächlich daraus machen. Vielleicht wird es ja gar nicht so schlimm, wie wir befürchten, ja, vielleicht hat es auch Vorteile!“

„Vielleicht“, murmelte meine Frau, „vielleicht auch nicht“.

„Es ist ein riesiges Experiment“, rief der Professor, „aber ohne Plan, ohne Ziel, ohne kontrollierte Bedingungen und aus keinem vernünftigen Grund! – Und es sind unsere Kinder, mit denen wir so experimentieren, es ist die Zukunft des Planeten! – Und das alles nur um völlig unnötigen Ramsch zu Geld zu machen! – Sie als Psychiater müssen natürlich beruhigen und trösten. Aber damit unterstützen Sie die falsche Herangehensweise! Wissen Sie, an was mich ihr Argument gerade erinnert?“ – Der Professor wirkte wie ein Stier, der gerade die Hörner senkt: „Unsere Eltern und Großeltern haben auch immer gesagt, die Prügel hätten ihnen nicht geschadet. Aber ohne Prügel wär kein Faschismus möglich gewesen. – Sie sagen doch genau das selbe: das wird den Kindern schon nicht schaden, ihre Kindheit der Leistung und der Konformität zu opfern. – Aber wissen wir, was da mal herauskommt? Eine Elite, die die Entbehrungen ihrer Kindheit instinktiv als Legitimation ihrer Privilegien und ihrer Solidaritätsverweigerung verrechnet. Und ein Proletariat, das seine Wut über die Entwertung und Deklassierung in Verbrechen abreagiert, die es genauso dumpf und instinktiv als legitim empfindet, wegen des Zu-Kurz-Gekommen-Seins.“

Die Unternehmerin wendete sich an den Psychiater: „Ich frage mich, welche Geschichte Ihnen zu unserem Thema einfällt, ich bin es müde zu diskutieren“.

Es entstand eine Pause.

„Nun, das Thema erinnert mich schon an eine Geschichte, die ich mir mal auf einem langen Spaziergang an einem düsteren Novembertag zusammengesponnen habe. Aber es ist eine schlimme Geschichte, ein Alptraum, die sprengt unseren gemütlichen Rahmen!“

„Mein lieber Psychiater, nur immer zu, der Toback kann gar nicht stark genug sein!“ Der Professor rieb sich die Hände.

„Nein, so eine Geschichte ist es nicht. Es ist eine unangenehme Geschichte, keine gruselige. Ich weiß nicht, ob Sie wirklich so etwas hören wollen.“

„Unser Abend ist schon lange nicht mehr angenehm“, sagte die Unternehmerin leise, „ich brauche jetzt nicht unbedingt Unterhaltung, ich will bloß nicht mehr diskutieren. Wenn es eine gute Geschichte ist, darf sie auch unangenehm sein.“

Die andern stimmten ihr zu, vielleicht auch nur, wie ich, aus Neugier. Nur meine Frau verabschiedete sich:

„Ich muß mir jetzt nicht noch einen Alptraum antun!“

„Sie ist sehr empfindsam“, entschuldigte ich sie, „nach Steven Spielbergs Film „Krieg der Welten“ hatte sie einen regelrechten Schock und konnte 20 Minuten kein Wort herausbringen!“

„Das kann ich nachvollziehen!“ sagte der Psychiater, „der Film soll Unterhaltung sein, aber mir scheint, Spielbergs unbewußte Beschäftigung mit dem Holocaust hat seine Intention unterwandert. Ich habe damals einen Protestbrief geschrieben: Dieser Film war freigegeben für 6-jährige in Begleitung ihrer Eltern! Wir müssen davon ausgehen, daß nicht wenige Kinder durch diesen Film traumatisiert wurden.“

„Und das nur, um die Gewinne der Fimwirtschaft zu steigern!“, maulte der Professor.

„Was fanden Sie an dem Film so traumatisierend?“ fragte einer der anderen Gäste überrascht.

„Es gibt eine Einstellung, wo unablässig Leichen von Männern, Frauen und Kindern den Fluß heruntertreiben. Ein Bild, das vorstellbar macht, was es bedeutet, wenn nicht nur ich sterbe sondern auch alles um mich herum, alles, mit dem ich in Beziehung stehe, alles, was mir im Leben etwas bedeutet hat und für das mein Leben etwas bedeutet hat. Das ist ein Bild für Völkermord. – Die folgenden Bilder zeigen: die Menschen haben gegen die Außerirdischen keine Chance: Es gibt keinen einzigen Erfolg, nur Niederlagen, man sieht die Soldaten nur brennend flüchten. – Die Kinder erleben, wie die Erwachsenen sie nicht schützen können, sie erleben, was es bedeutet, einem mörderischen Feind völlig schutzlos ausgeliefert zu sein. – Und daß die Menschheit schließlich doch überlebt, ist für kleine Kinder nicht nachvollziehbar: Keine menschliche Leistung führt zur Rettung, sondern die Microben, gegen die die Außerirdischen nicht immun sind. Kinder können nicht verstehen, wieso die Außerirdischen plötzlich alle tot sind.

„Tja“, zischte der Professor durch die Zähne zu mir gewandt, „da hat Ihre Frau doch recht mit dem Ausverkauf der Kindheit.“ Wir schwiegen und nach kurzer Pause fügte er hinzu: „Aber der Herr Psychiater wird jetzt sicher wieder etwas Beruhigendes erwidern!“

„Naja, wenn wir auf einzelnes Schlimmes blicken, ist immer die Gefahr, daß das Erleben seiner Bedeutung einem die Stimmung so verhagelt, daß man die ganze Welt durch eine dunkle Brille sieht und die Gesamtsituation falsch einschätzt. Da kann man sich dann schnell in was reinsteigern. Mir fällt es von Berufs wegen schwer, das dann unkommentiert stehen zu lassen. – Also, wenn Sie jetzt noch schwere Kost möchten, erzählte ich Ihnen die Geschichte.“

Wir baten ihn darum, und er begann:

 

1

„Man kann sich seine Eltern nicht aussuchen. Mein Vater hatte sich als junger Mann freiwillig nach Spanien gemeldet, um für die Faschisten zu kämpfen. Er hatte sich mehrfach wegen Tapferkeit ausgezeichnet und war schließlich schwer verwundet worden. Dafür brauchte er im Weltkrieg nicht an die Front. Er kam als Besatzungssoldat nach Norwegen. Dort lernte er meine Mutter kennen, deren Familie zu den norwegischen Nazis gehörte. – Nun, das einzig Gute dieser Familienvergangenheit ist, daß ich zweisprachig aufwuchs und in den menschenleeren Landschaften Norwegens ebenso zu Hause bin, wie in Berlin. – Einen Teil meines Studiums absolvierte ich an der Uni-Klinik in Oslo. Während dieser Zeit, es muß um 1960 gewesen sein, war ich an einer Untersuchung merkwürdiger Vorfälle beteiligt, die sich auf einer Insel weit vor der Küste abgespielt hatten.

Die Insel türmt sich zu einem fast 1000 Meter hohen Felsmassiv, dessen Fundament von Spalten und Höhlen durchsetzt ist. In eine dieser Höhlen hatten die Nazis ein Forschungslabor eingebunkert, das offenbar so gefährlich gewesen sein mußte, daß sie alle Einwohner auf das Festland evakuierten. Nach etwa drei Jahren wurde gemunkelt, es habe dort einen Unfall gegeben und man habe das Labor überstürzt von außen verschlossen ohne noch jemanden hinauszulassen. Jedenfalls hatten die Nazis das halbe Felsmassiv gesprengt, um das Areal, unter dem sich der Bunker befand, weiträumig zu verschütten. Als die Inselbewohner zurückkehrten, erkannten sie ihre Insel nicht wieder. – Nach Kriegsende überlegten die Engländer, sich durch die Felstrümmer zum Bunker vorzuarbeiten, gaben das Vorhaben aber auf, als sie die Luftbildaufnahmen von dem Trümmerfeld sahen. Und die Nazis hatten alle Unterlagen über das Labor vernichtet. Es wurde nie herausgefunden, an was und mit welchem Ziel dort geforscht worden war.

Anlaß unserer Untersuchungen war eine Häufung von Suiziden auf der Insel. Erschreckend war außerdem die hohe Autoaggressivität, mit der die Betroffenen sich töteten: plötzlich, mitten im Alltag, stachen sie sich ein Messer in die Brust, mit dem sie gerade hantiert hatten, warfen sich vor ein Auto oder nutzten ein Seil, das zufällig herumlag, um sich durch einen Sturz vom Dachbalken das Genick zu brechen. Die Brutalität der Selbsttötungen war um so rätselhafter, weil bei den Betroffenen weder nachvollziehbare Gründe noch Vorzeichen erkennbar waren: Den meisten, hieß es, sei es wirtschaftlich gut gegangen, sie seien gut beleumundet gewesen und glücklich verheiratet, ihre Kinder hätten sich gut entwickelt, und jeder hätte sie als fröhliche Menschen mit allen Anzeichen eines zufrieden stellenden, sinnerfüllten und gelingenden bürgerlichen Lebens gekannt. Anzeichen von Niedergeschlagenheit, Frustration, Verbitterung oder Lebenssinnzweifeln waren nur von solchen Selbsttötern berichtet worden, die allein lebten – und die hatten sich meist weit weniger aggressiv umgebracht.

Da die Insel 50 km vor der Küste lag, benutzten wir das Flugzeug. Das gestattete uns, einen Blick auf das von den Nazis zerstörte Felsmassiv zu werfen. Schon von weitem sahen wir merkwürdige zersplitterte Zacken. In einem Umkreis von mehreren Kilometern war das Gebirge regelrecht niedergelegt worden. Statt der ausdrucksvollen Felsformationen der Umgebung gab es hier nur eine weite, öde Halde.

Es war zu vermuten, daß die Suizide mit der verschütteten Anlage zu tun hatten, daß dort hochgefährliche Forschung mit Chemikalien oder Krankheitserregern betrieben worden war, und trotz des mehr als hundert Meter dicken Trümmersarkophags nach fast 20 Jahren Gifte oder Erreger an die Oberfläche gedrungen waren, die auf das Zentralnervensystem der Inselbewohner gewirkt und psychische Störungen ausgelöst hatten. Bekräftigt wurde diese Überlegung durch Aussagen von Einheimischen, die dann und wann an verschiedenen Stellen der Insel merkwürdige widerliche Gerüche wahrgenommen haben wollten. – Aber ungewöhnliche Todesfälle beflügeln die Fantasie der Menschen. Daher galt es zunächst, herauszufinden, ob es sich bei der beschriebenen Suizidwelle überhaupt um etwas Erklärungsbedürftiges handelte. Es ist nicht leicht, Tatsachen über die Verbreitung psychischer Krankheiten zweifelsfrei festzustellen. Zwar gab es numerisch auf der Insel tatsächlich mehr Suizide als in den Jahren zuvor. Aber die Zahl war nicht signifikant, nicht außerhalb des Bereichs natürlicher Schwankungen. Es konnte sich um eine Häufung handeln, die, in einem 10 Jahres Zeitraum betrachtet, völlig unauffällig war. Solche Häufungen sind nichts außergewöhnliches bei Suizid, weil Suizid „ansteckend“ ist: Von jemandem, der sich selbst tötet, geht eine Beispielwirkung aus, für alle, die sich mit ihm identifizieren. Derartige Suizidwellen sind seit dem Altertum bekannt, die bekannteste in Deutschland wurde sogar von einem nur fiktiven Suizid ausgelöst: von Goethes Werther. – Der Chefarzt des Inselkrankenhauses hatte bereits eine Unterscheidung zwischen „Typ1“ und „Typ2“-Suiziden getroffen: herkömmlichen Suiziden mit vorhergehenden Anzeichen und „neuartigen“, ohne. Auch diese Unterscheidung konnten wir nicht ohne weiteres gelten lassen, wir hatten ja nur die spontanen, unhinterfragten Aussagen von Familienangehörigen, Nachbarn und Freunden, da konnte vieles unabsichtlich erfunden, hinzugefügt oder geschönt worden sein. Es galt also erst mal, die Berichte und Vermutungen zu objektivieren. Wir werteten die Krankenakten aus und gingen mit speziell entwickelten Fragebögen in die Familien.

Die Ergebnisse bestätigten die Einteilung des Inselarztes. Das verblüffenste Ergebnis hätte je-doch allein schon ein Blick ins Melderegister erbringen können: Suizide vom Typ 2 hatten sich aus-schließlich in Familien ereignet, die ein Findelkind aufgenommen hatten. – Zwei Jahre vor Beginn der Suizidwelle hatte es ein ebenso rätselhaftes wie erschütterndes Vorkommnis gegeben: am Strand waren 24 etwa 3- bis 4-jährige Mädchen gefunden worden, die sich ausgehungert und frierend eng aneinanderschmiegten. Es stellte sich heraus, daß sie alle geistig behindert waren. Die Behörden gingen davon aus, daß eine kriminelle Organisation die „Sorgenkinder“, so hießen Behinderte damals, unter dem Vorwand, sie gut unterzubringen, Familien oder Heimen gegen Entgelt abgenommen, und dann hier ausgesetzt hatte. Die von der Entfernung her in Frage kommenden Schiffe wurden sofort durchsucht, ihre Besatzungen verhört, aber es fanden sich keine ausreichenden Belastungsgründe für eine weitere Strafverfolgung. – Die Behörden hatten geplant, die Kinder in ein Heim auf dem Festland zu bringen, doch von den Ärzten und Krankenpflegerinnen der Insel, die die Kinder untersucht hatten, zeigten einige sich so entzückt von den Kleinen, daß sie eines adoptieren wollten. Und damit die Gruppe nicht auseinandergerissen würde, hatten sie sich auf der Insel nach weiteren Familien umgesehen, die bereit waren, ein Findelkind aufzunehmen. Das Echo war so groß, daß es schließlich sogar Streit um die letzten noch unvermittelten Kinder gegeben hatte.

 

2

Der Zusammenhang der Suizide mit den Findelkindern legte ganz andere Erklärungen nahe. Zunächst tippten wir darauf, daß die Suizide eine Erschöpfungsreaktion gewesen sein könnten und doch Anzeichen zu finden sein müssten für „parasuizidale Gesten“, wie wir das nennen: Bemerkungen oder Verhaltensweisen, und sei es nur ein auffälliges Stöhnen, die als Wunsch der Ausgebrannten nach Ruhe und Entspannung gewertet werden können. Wir befragten die Angehörigen gezielt nach solchen Erschöpfungszeichen. Darüber hinaus maßen wir mit Fragebögen die psychischen Belastungsfaktoren der Familienangehörigen in den Parametern: Lebenszufriedenheit, Lebenssinn, Selbstwerterleben, Zukunftserwartungen, Freizeitverhalten. Doch die Ergebnisse verstärkten die Rätselhaftigkeit des Phänomens bloß noch: In den „Findelkindfamilien“ waren Lebensfreude und Sinnerleben signifikant höher und sie waren deutlich „glücklicher“ als die andern. Das hatte zweifellos zu tun mit der sinnvollen Aufgabe, ein behindertes Kind zu adoptieren, aber auch mit dem glücklichen Charakter der Kinder, von dem wir schon viel gehört hatten und den wir bald selbst erleben sollten.

Die nächste Möglichkeit, die wir in Betracht ziehen mußten war, daß die Kinder Überträger eines noch unbekannten Krankheitserregers waren, der schwere Depressionen auslöste. Unsere Untersuchungen blieben ergebnislos. Zur Sicherheit schickten wir die Proben an verschiedene auf die Entdeckung neuer Erreger spezialisierte Forschungsinstitute in aller Welt.

Wir sahen uns jetzt die Findelkinder genauer an. Als erstes fiel auf, daß alle ausgesprochen niedliche Gesichter hatten, nie wieder habe ich so niedliche Kinder gesehen! Sie lachten uns mit strahlenden Augen fröhlich und keck an. Ihre Fröhlichkeit war regelrecht ansteckend! Sie sprachen nicht, sondern brabbelten nur. Die Inselärzte hatten bereits ausschließen können, daß die Sprachunfähigkeit mit einer Hörbehinderung zu tun hatte.

Die Kinder zeigten keinerlei Interesse an der Erkundung ihrer Umgebung und schienen nur eine geringe Auffassungsgabe zu besitzen. Sie waren kaum lernfähig und hatten, den Angaben ihrer Eltern zufolge, in den zwei Jahren weder Autonomiebestrebungen gezeigt noch sich merkbar körperlich entwickelt. Doch schienen sie einen eigentümlichen, allerdings stereotypen Sinn für Komik zu haben, den man bei so stark geistig behinderten Kindern niemals für möglich gehalten hätte: Sie legten Dinge oder Gliedmaßen irgendwo ab, wo sie am allerwenigsten hingehörten: einen Socken auf den Teller, eine Tasse in die Kecksdose oder eine Hand in den Schuh. Dann schauten sie die Erwachsenen erwartungsvoll mit keckem Blick und glucksendem Lachen an. Das war so putzig, daß kaum einer sich dem Mitlachen entziehen konnte. Wir freuten uns über ihre Freude und über die Anerkennung, die sie uns mit ihren Streichen zum Ausdruck brachten. Sie schienen sagen zu wollen: „Sieh her, ich mache jetzt etwas Lustiges, weil ich mit dir zusammen Spaß haben will!“

Außerdem waren die Kinder wegen ihrer Anspruchslosigkeit, aber vor allem wegen ihres mangelnden explorativen Interesses, pflegeleicht: Sie quengelten nicht und sie versuchten nie, herauszufinden, wie lange sie an der Tischdecke ziehen müssen, bis die Kakautasse fällt, oder was eine Schere so alles schneiden oder ein Stift so alles anmalen kann.

Wer diese Kinder erlebte, dem war es ein Rätsel, wie es deren leiblichen Eltern möglich gewesen war, sie wegzugeben. Es war nicht zu übersehen, daß die Kleinen die ganze Familie regelrecht euphorisierten. – Denkbar war, daß diese Euphorie bei einigen Erwachsenen das Engagement für die Kinder auf ein submanisches Niveau gesteigert, und zu einer Erschöpfung geführt hatte, die sie sich wegen der Verpflichtungsgefühle nicht hatten eingestehen können. So könnten von Zeit zu Zeit Erschöpfungsspitzen entstanden sein, die, wie es für schwere Erschöpfungs-zustände nicht ungewöhnlich ist, mit Suizidimpulsen einhergingen. Allerdings konnten wir nicht nachvollziehen, warum die Betroffenen es scheinbar derart eilig hatten, sich zu töten, daß sie die erste beste Möglichkeit nutzten, die sich ihnen bot, egal, wie qualvoll sie war. Selbst dem heftigsten Suizidimpuls muß man ja nicht um jeden Preis augenblicklich folgen, es sei denn der Augenblick verbinde völlige Aussichtslosigkeit mit größter Qual. Doch das war bei einer de-pressiven Erschöpfungsreaktion ausgeschlossen, das wäre allenfalls bei einer Wahnerkrankung vorstellbar. Aber eine Wahnerkrankung hatte wir in hier in jedem Fall ausschließen können.

Daß ein Zusammenhang mit den Findelkindern bestand, war nach weiteren Suiziden, die sich während unserer Untersuchungen ereignet hatten, so gewiß, daß es geboten schien, auch ohne eine Ursache für diesen Zusammenhang erkannt zu haben, die Kinder in ein Heim zu bringen, um erneute Todesfälle zu verhindern. Wir unterrichteten die Bevölkerung von unseren Überlegungen. Was wir ernteten war wütender Protest. Als wir dennoch nicht abließen von unseren Plänen, gab es nicht nur eingeworfene Scheiben und zerstochene Autoreifen sondern auch eine einstweilige richterliche Verfügung. Die Richter entschieden: Solange eine Infektion oder eine Vergiftung nicht nachweisbar und ein zwangsläufiges Krankheitsgeschehen nicht bewiesen sei, solange könne davon ausgegangen werden, daß die, die sich selbst töteten, genügend Freiheit hätten, das auch zu unterlassen. Unter diesen Umständen sei das Risiko nur gemutmaßt und rechtfertige nicht einen so einschneidenden Eingriff in das Leben der Kinder und ihrer Familien.

Heimlich waren wir froh über diese Entscheidung, denn die Vorstellung, die Kinder der Liebe ihrer Eltern und Geschwister zu entreißen, tat uns selber weh! Wir waren hin- und hergerissen zwischen unserer Verantwortung als Ärzte und dem Mitgefühl für die Kinder. – Unbeliebt wie Dentisten und ohne Aussicht auf Erfolg, wollten wir die Untersuchungen abbrechen und ab-reisen, als drei weitere Suizide geschahen, die weit bestürzender waren, als alle bisherigen. Das beunruhigte die Bürger dann doch so stark, daß sie baten, die Untersuchungen fortzuführen.

Das erste Opfer war Tanja Blom. Sie war eine regelrechte Bohnenstange, lang, hager und häss-lich, prädestiniert für die Rolle der alten Jungfer. – Leicht schmunzeln wir über solche Gestalten, ohne zu bedenken, daß die Betroffenen sich das nicht ausgesucht haben, und das unsere „norm-gerechtere“ körperliche Ausstattung nicht unser Verdienst ist. – Nun, Frau Blom war eine zarte, zerbrechliche, feine Dame. Intelligent, aber zu scheu, um aufs Festland in eine Großstadt zu gehen, hatte sie ein Fernstudium in Bibliothekswissenschaften absolviert und war die Bibliothekarin der Insel geworden. Sie war eine ausgezeichnete Cello-Spielerin und spielte mit einigen anderen begabten und engagierten Laienmusikern zusammen Streichquartett, am liebsten Haydn.

Als die Kinder gefunden wurden, war sie Ende 30. Alle gönnten ihr, daß sie als unfreiwilliger Single eine Ausnahmegenehmigung für die Adoption eines Findelkinds bekam. Doch damit nicht Glücks genug: Die Spaziergänge mit ihrem „Kücken“, wie sie das Kind nannte, führten sie regelmäßig durch den Stadtpark. Dabei lief das Kind gerne zu einem Mann, der dort öfter auf einer Bank saß: Gunnar Lind. Auch er war hässlich und hager. Wegen seiner Statur zu schwerer Arbeit nicht zu gebrauchen und außerdem etwas dümmlich, verrichtete er im größten Kaufhaus der Insel niedrige Dienste wie: zählen, sortieren, abschreiben. Darin war er aber so gewissen-haft und zuverlässig, daß sein Chef ihn sehr schätzte. Nun: Gunnar und Tanja wurden ein Paar und man sah ihnen an, wie sie dadurch aufblühten. Alle, die es erfuhren, freuten sich über das späte Eheglück der beiden. Um so unbegreiflicher war, was dann geschah: Tanja nahm eines Morgens beim Frühstück das Brotmesser und schnitt sich die Kehle durch. Obwohl das Krankenhaus gleich nebenan war, war sie nicht zu retten.

Die zweite war Unni Halberg, verzärtelte älteste Tochter eines der reichsten Bauern der Insel. Von Kindheit an galt sie als weichlich und gemütlich. Sie brauchte kaum auf Hof und Feld zu helfen sondern betreute die 6 jüngeren Brüder und ging der Mutter zur Hand, dabei war sie zwar nicht eigentlich faul, aber langsam und behäbig. Später blieb sie auf dem Hof in der Familie des ältesten Bruders, passte auf seine Kinder auf und half im Haushalt. Ihre Freundin war die Postfrau. Die beiden waren ein heimliches Paar. Alle wußten das, aber damals, Anfang der 60ziger Jahre, pflegte man daran nicht zu denken.

Unni war zurückhaltend und sehr liebenswürdig, alles andere als stolz, hart, herrisch und hoffährtig, wie man das damals bei unverheirateten Tanten reichster Bauern erwartet hätte. Ihr Bruder hatte überlegt, ein Findelkind aufzunehmen. Unni hatte ihm zugeredet. Es wurde „ihr“ Kind. Sie glühte vor Tantenglück. – Eines Abends wollte sie, wie immer, frisch gemolkene Milch aus dem Stall holen. Die Kuhfütterung stand bevor und der Weg führte die Tante am Rübenzerkleinerer vorbei – da stürzte sie sich rein. – Der Bruder, der gleich zur Stelle war, rettete sie, aber sie war schon zu schwer verletzt, sie starb in seinen Armen. Ihr Bruder erlitt einen Schock und musste mehrere Wochen auf dem Festland in einer Spezialklinik behandelt werden. Nach seiner Rückkehr war er deutlich verändert. Von seinem Hausarzt, mit dem ich mich befreundet hatte, hörte ich 8 Jahre später, er sei am Alkohol gestorben. Seine letzten Worte seien gewesen: „Der Blick, der Blick!“

Der dritte war Kjell Christensen, der tüchtigste und klügste Bauer des Norddorfes. In der Jugend hatte er als Partisan gegen die Nazis gekämpft und sich durch Unerschrockenheit ausgezeich-net. Er kam aus einer Familie mittelloser Knechte. Nach dem Krieg hatte er einen Hof gepachtet und so erfolgreich bewirtschaftet, daß er ihn bald kaufen konnte. Er wurde der Bürgermeister des Dorfes und galt als sehr umsichtig und verantwortungsbewusst. Auch er nahm ein Findel-kind in seine Familie auf, und man hatte das Kleine immer neben ihm auf dem Trecker sitzen gesehen. – Nach einem Einkauf in der Stadt fuhr er auf dem Rückweg zum Tanken, hielt plötz-lich die Zapfpistole daneben und zündete sein Feuerzeug. Mit ihm verbrannten sein Neffe, der auf der Tankstelle als Lehrling die Scheiben putzte, und ein weiterer Autofahrer der gerade tankte.

Schon mehrere Wochen vorher hatte ein Lehrer versucht, sich mit seiner Kravatte zu strangu-lieren, aber das erfuhr man erst jetzt, als seine Frau sich mit dem Kartoffelmesserchen die Pulsadern aufzuschneiden versuchte. Glücklicherweise hatte sie keine Ahnung und machte es falsch.

Für mich persönlich am traurigsten war der Fall des alten Jo: Er war bereits 75 und seine begab-ten Enkel auf dem Festland im Internat, als sich seine Tochter für ein Findelkind entschied. Man sah den Alten immer Hand in Hand mit dem Kind durch die Felder spazieren oder ihm etwas vortanzen und dabei in die Hände klatschen. – Einmal hatte der alte Jo mit dem Knecht zusam-men eine Koppel ausgebessert. Plötzlich steckte er seinen Kopf in die Kuhtränke und atmete ein. Der Knecht zog ihn heraus, warf sich seine Beine über die Schultern und schüttelte das Wasser aus seiner Lunge. Der Alte überlebte, bekam aber eine Lungenentzündung. – Ich weilte oft an seinem Krankenbett, weil ich mich mit ihm angefreundet hatte. Er redete nicht mehr viel und wollte das Kind nicht mehr sehen. Nach drei Wochen starb er. Ich hatte selber oft genug seine Freude mit dem Findelkind beobachtet, so daß sowohl sein Suizidversuch als auch seine brüske Ablehnung, das Kind am Kranken-bett zu empfangen, für mich nicht nachvollziehbar waren.

Vermutlich als Summe all dieser Rätsel und schockierenden Ereignisse hatte ich eines Nachts einen Alptraum. – Immer noch ist umstritten, was Träume sind. Ich halte nichts von Deuterei. Wichtig ist nur, welche Idee ein Traum vermittelt oder welche Gefühle die Erinnerung an ihn auslöst.

Nun: Ich sah eine Gruppe der Findelkinder in den Feldern. Eine erdrückende schwarze Gewitter-walze schob sich vom Meer heran. Es war eine Stimmung voller Bedrohlichkeit. Die Pferde auf der Koppel waren unruhig und schienen ausreißen zu wollen. Wie eine Kamera zoomte mein Blick sich an die Kinder heran. Im Nachhinein weiß ich, daß mein Traum sie nicht so zeigte, wie sie waren, aber im Traum schien es mir, als habe ich sie nie anders gekannt: Gesicht und Gestalt schienen moduliert zu sein und zwar ins comic-hafte: ihre Züge waren stark gemäß dem „Kindchenschema“ überzeichnet. – Die Kinder lächelten, aber ihr Lächeln schien die Bedroh-lichkeit der ganzen Situa-tion nur noch zu steigern. Plötzlich wurden sie ernst, ihre Augen flackerten wild, sie bleckten die Zähne – es waren Raubtierzähne! – Sie fielen über die Pferde her und zerfleischten sie in Sekundenschnelle, wie ein Piranja-Schwarm. – Ich wachte auf, schlief aber erneut ein. Am Morgen erwachte ich beklommen. Irgendetwas schien mit den Kindern nicht zu stimmen. Aber je mehr ich darüber nachdachte, desto unsinniger schienen mir meine Gedanken und ich merkte zunehmend, wie ich mich wieder auf den nächsten Besuch bei den Kindern freute. – Allerdings kam mir ab jetzt, wenn ich die Kinder sah, öfter für einen Augenblick das überzeichnete Traumbild in den Sinn, begleitet von einem leicht üblen Gefühl, wie von den fetten süßen Schwaden einer Kirmes. Und auch die sichtbare Freude der Erwachsenen über die Kinder war mir suspekt geworden, ja, stieß mich auf eine unerklärliche Weise ab. – Noch waren mir diese Anmutungen rätselhaft, aber das sollte sich ändern.

 

3

Es waren zwei Tatsachen, die den Untersuchungen eine völlig unerwartete und beunruhigende Wendung gaben:

Ein Kollege der Uni-München, der nach Erregern im Blut der Kinder forschte, rief mich an, weil wir wohl versehentlich die Blutproben verwechselt hätten. Ich nahm einem der Kinder noch einmal Blut ab und versendete es persönlich an den Kollegen, um jeden Fehler auszuschließen. Doch er rief mich erneut an, diesmal noch ungehaltener, ob wir wirklich so schlampig seien oder was denn bei uns los sei, da müsse erneut eine Verwechslung vorliegen. Ich erkundigte mich genauer nach seiner Beanstandung und er erzählte mir Folgendes: Nachdem alle Testungen auf Erreger ergebnislos verlaufen seien, habe man das Blut mit allen nur erdenklichen Untersuchungsmethoden analysiert. Dabei sei aufgefallen, daß es sich nicht um das Blut von Kindern handeln könne, das sei eindeutig das Blut von etwa 20 jährigen Erwachsenen!

Wir führten noch mehrere Tests durch, bis an der Glaubhaftigkeit dieses Befundes kein Zweifel mehr sein konnte. – Eine körperliche Entwicklungsstörung derartigen Ausmaßes, daß 20jährige noch wie 4jährige wirkten, das war nach unserem Kenntnisstand noch nie beschrieben worden! Auch die Recherchen, die wir gleich bei unseren Partneruniversitäten in Auftrag gaben, blieben ergebnislos. Als nächstes veröffentlichten wir in der Fachpresse Aufrufe, wo eine derartige Behinderung schon einmal gesehen worden war. Die einzige Rückmeldung, die wir darauf bekamen, betraf etwas ganz anderes, als wir gefragt hatten:

In Deutschland war ein Doktorant bei der Durchforstung des Archivs seines Instituts auf einen verschlossenen Umschlag gestoßen, der offenbar falsch eingeordnet worden war. Es handelte sich um Unterlagen eines im Krieg verschollenen Professors. Nach seinem Verschwinden war sein Labor von der SS aufgelöst und alle Unterlagen mitgenommen worden – bis auf diesen Umschlag, den offenbar jemand versehentlich oder absichtlich falsch eingesteckt hatte. – Der Professor hatte an Krebszellen geforscht. Er war Genetiker gewesen und von den Nazis als ein Genie hoffiert worden, das seiner Zeit weit voraus sei. Seine Unterlagen belegten, daß er ein Verfahren entwickelt hatte, Mutationen massiv zu beschleunigen. Zwischen den Forschungs-unterlagen fanden sich übergeschnappte Entwürfe rassistischer Pamphlete, die von Entartung und Umartung faselten. In einem Absatz eines der Pamphlete befand sich eine Bemerkung über die irrsinnigsten und abscheulichsten Forschungsprojekte, auf die wohl je ein Mensch gekommen ist: medizinische Versuche an Säuglingen. Als Ziel schwebte dem abseitigen Fanatiker vor, eine Biotechnik zu entwickeln, mit der es möglich sei, den wahren Übermenschen und seine Knechte erschaffen zu können.

Ich brauche Ihnen wohl nicht zu explizieren, welche Schlüsse uns all diese Fakten nahe legten.
Das lenkte die Aufmerksamkeit wieder auf die verschüttete Forschungseinrichtung. Nach dem Krieg war es aussichtslos gewesen, unter einer so ausgedehnten Trümmerhalde den Bunker zu finden. Nun gab es Methoden, den Berg zu durchleuchten, so daß gezielt ein Zugang zu dem Bunker gelegt werden konnte. Das war aufwändig genug, ohne die rätselhaften und beunruhigenden Tatsachen über die „Findelkinder“ hätte man die Vergangenheit dort ruhen lassen.

Ich war bei den ersten, die den geöffneten Bunker betraten. Wir hatten uns darauf vorbereitet, die Überreste grauenhaftester Verbrechen vorzufinden. Doch der Bunker war leer, wie ausgefegt. Wir fanden fast nur Gitterzellen, aneinandergereiht zu Gängen, so lang, daß wir sie nicht ausleuchten konnten. Der Bunker war weit größer, als wir erwartet hatten. Aber wir fanden keinerlei menschliche Überreste und nicht einmal das kleinste Stückchen Abfall. Offenbar stimmte die Mär nicht, hier seien die Insassen lebendig begraben worden. Wir fanden lediglich das ehemalige Labor mit riesigen rätselhaften Maschinen, die wirkten wie aus zweckentfremdeten Teilen zusammengebastelt. Außer diesen Maschinen fanden wir nur noch eine Art unterirdischen Gewächshauses: primitive Lampen über Kästen, angefüllt mit einer merkwürdigen, unnennbar widerwärtig zwischen den Fingern zerrinnenden Erde, in der tote Stengel stacken. Wir wanderten stundenlang durch die gespenstische Leere, ohne weitere Spuren zu finden.

Das Grauen des Technikzeitalters ist von einer anderen Art: klinisch rein. Wir ahnten nicht, das es dieses eindrückliche Erlebnis von Leere sein würde, das uns nach Sichtung der Unterlagen, die wir in einem Tresor gefunden hatten, unmerklich an-wachsend in Schock versetzen sollte, wie ein Schwamm, der sich mit Gift vollsaugt…

Die Dokumentation über die Experimente und Forschungsergebnisse war offenbar vernichtet worden. Es gab nur noch persönliche Aufzeichnungen über das, was sich hier abgespielt hatte. Aus denen konnten wir folgendes rekonstruieren:

Eine Gruppe von Wissenschaftlern hatte sich geweigert, die Experimente an einer bestimmten Gruppe von Kindern – aber nur an dieser – weiterzuführen. Sie hatten darüber hinaus diese Kinder zu sich in ihre Privatquartiere genommen. Merkwürdigerweise führte das nicht zu disziplinarischen Maßnahmen sondern machte im Gegenteil Schule: bald wollten auch die anderen Wärter und Wissenschaftler eines dieser Kinder „adoptieren“. Nur zwei oder drei Nazis mahnten und drohten. Sie wurden entwaffnet und rausgeschmissen. Zwischen dem Leiter des Labors und seinem Institut sowie anderen involvierten hochrangigen SS-Funktionären gab es noch einige Telefonate. Die Wissenschaftler ließen mittlerweile niemanden mehr in den Bunker. Die schweren hermetisch schließenden Sicherheitstüren machten ihn zur Festung.

Die Nazis hätten keine Skrupel gehabt, die Widersetzlichen in ihrem Bunker zu vergasen, aber da er durch viele natürliche Felsspalten belüftet wurde, gab es einen andern Notfallplan: Der Zugang zum Bunker wurde mit Giftgas geflutet und versiegelt und die ganze Anlage verschüttet. Es war so gut wie ausgeschlossen, daß sich durch den meterdicken Stahlbeton und die Trümmerhalde noch jemand einen Weg ins Freie bahnen konnte.

Den Wissenschaftlern fiel offenbar jetzt erst auf, wie planlos sie gehandelt hatten. In den Auf-zeichnungen war zu lesen, die Kinder hätten ihnen „regelrecht den Kopf verdreht“. – Sie überdachten ihre Lage und entwickelten einen Plan, dessen Widerwärtigkeit bei einigen von uns zu Erbrechen führte:

Die Wissenschaftler errechneten, daß sie Jahre brauchen würden, um mit ihrem ungeeigneten Werkzeug die armdicken Luftschleusen durch den meterdicken Stahlbeton zu Gängen zu erweitern. Nach dem Durchbruch durch die Bunkerhülle wollten sie sich durch die engen Felsspalten weiter arbeiten, der Weg war zwar länger, aber sie hofften, daß die Spalten sich wenigstens abschnittsweise zu Gängen oder Höhlen erweitern würden. Bei einem Durchbruch durch die Felstrümmerhalde hätten sie immer wieder mit Bergrutschen rechnen müssen.

Wasser gab es genug, der Bunker verfügte über einen eigenen, tief in den Fels gebohrten Brunnen. – Die über 400 Gefangenen, junge Mütter mit ihren Kindern, wurden jetzt so schnell wie möglich ermordet, „Gnadentod“ hieß es in den Unterlagen zynisch. Die Wissenschaftler hatten eine Maschinerie ersonnen und aus den Teilen ihres Labors zusammengebastelt, mit der sie die Körper der Toten sowie überhaupt alles, was sich im Bunker befand, inklusive der Exkremente, zum Überleben nutzen konnten, als „Rohstoff“ zur Erzeugung von Nahrung und Energie. Alles, was nicht dazu dienen konnte, wurde in „Erde“ verwandelt, in der aus den Samen der in den Vorräten befindlichen Früchte Pflanzen gezogen wurden. Trotz dieser Maßnahmen gab es unter den Wissenschaftlern und Mannschaften eine Suizidwelle, so daß nur noch 12 Erwachsene übrigblieben, sowie die 35 Kinder jener speziellen „Mutationslinie“.

Die Wissenschaftler hatten mit einem Zeitraum von 3, längstens 5 Jahren gerechnet. Doch sie hatten den Stahlbeton falsch eingeschätzt und sich falsche Vorstellungen von der Breite der Felsspalten gemacht. Als absehbar wurde, daß die Befreiung länger dauern würde, als die Energie- und Nahrungsvorräte vorhielten, hatte es unter den Wissenschaftlern Diskussionen gegeben, ob man nicht doch die Kinder ermorden und nur das eigene Leben retten sollte. Die Befürworter der Kindertötung wurden von den Gegnern in der gleichen Nacht im Schlaf umgebracht und an die Überlebensmaschine verfüttert.

Als auch diese Zufuhr nicht reichte, gab es eine weitere Suizidwelle unter den Erwachsenen. Auch von den Kindern waren einige an Krankheiten oder Entkräftung gestorben, so daß es schließlich nur noch 4 Erwachsene und 29 Kinder gab. Durch die Verluste waren ihre Überlebenschancen gestiegen. Zu Gute kam ihnen außerdem, daß die Kinder nicht wuchsen. Dennoch hätten sie den Ausbruch nicht geschafft, wenn die Spalten sich nicht mehrmals zu Höhlen erweitert hätten, in denen sie Fledermäuse, Ratten, Würmer und, in Seen mit unterirdischen Zuflüssen, auch Fische hatten „ernten“ können, als Futter für ihre Überlebensmaschine. Doch selbst das hatte nicht gereicht: Von den letzten Erwachsenen opferten sich zwei freiwillig, weitere Kinder waren gestorben, offenbar gehörten dazu die letzten Knaben. Doch erneut kamen sie an die Grenze des Verhungerns, allerdings konnten sie jetzt durch eine Felsspalte das Rauschen des Meeres vernehmen. Da „opferten“ sich die letzten beiden Erwachsenen. Trotz ihrer Behinderung hatten die „Kinder“ mittlerweile alles gelernt, was sie für den Rest ihres Ausbruchs brauchten.

Darüber, wie es zur Entgleisung des Experimentes gekommen war, gab es in dem Dokument nur ein paar lapidare Sätze: Die Kinder seien mit Substanzen behandelt worden, die bewirkt hätten, daß sie in hohem Tempo mutierten. Eine Mutationslinie habe einen „frappierenden Charme“ entwickelt, dem fast keiner der Wärter und Wissenschaftler sich habe entziehen können. Was als eine „Tände-ei“ begonnen habe, die zwar unprofessionell gewesen sei aber unbedenklich geschienen habe, sei rätselhafterweise in kurzer Zeit zum Erstaunen und zur Bestürzung aller völlig entgleist. – Angefügt war noch die Bemerkung, daß diese Bestürzung sich den verantwortlichen SS-Funktionären außer-halb des Bunkers telefonisch vermittelt haben müsse: Sie hätten fast panisch, als sei es um Milzbranderreger gegangen, den Bunker versiegelt und verschüttet.

 

4

Der Witwer der Bibliothekarin gewährte uns nach langem Überlegen Einsicht in die Tagebücher seiner Partnerin. Ich reiste zurück auf die Insel. Einige der Schulhefte, die sie für ihre Aufzeich-nungen benutzt hatte, hielt der Witwer zurück, es waren die Hefte, die Eintragungen über ihr Eheleben enthielten. Sie umfassten einen Zeitraum von etwa 8 Monaten. In den Heften aus ihrer letzten Lebensphase gab es dazu nur noch wenige Andeutungen so allgemeiner Art, daß er es nicht als indiskret empfand, sie uns lesen zu lassen. – Schon daraus läßt sich schließen, daß ihr Eheleben nur eine retardierende Episode war in dem Prozeß, der zum Suizid führte. Die lang entbehrte partnerschaftliche Sexualität konnte die von dem Findelkind ausgehende Macht nicht brechen.

Aus den Tagebüchern der Bibliothekarin ging zunächst hervor, welche Bedeutung ihre Arbeit und ihr Musizieren für sie hatte: Die Bibliothek der Insel war immer von zwei alten unverheirateten Schwestern geführt worden, die ein völlig veraltetes System von ihren Vorgängern übernommen hatten. Frau Blom hatte sich als Kind immer geärgert: Die Bücher waren altmodisch und langweilig, interessante Bücher musste man vom Festland bestellen und das kostete immer Taschengeld. Und je älter sie wurde, desto beschränkter hatte sie den Bestand gefunden und desto mehr hatte sie sich über die Ordnung geärgert, die es absurd umständlich machte, etwas zu recherchieren. Die Möglichkeit, den Bestand zu modernisieren, sein Niveau zu heben, seine Ordnung zu verbessern, und so zur Entwicklung des geistigen Niveaus der abgelegenen Insel beizutragen, war ihr eine lohnende Lebensaufgabe erschienen.

Ebenso das Musizieren: Professionelle Konzerte konnten nur ganz selten und nur mit Förder-mitteln finanziert werden. Die Insel war auf die Musik angewiesen, die die Einheimischen selber machen konnten. Es gab zwar viel Volksmusik, aber es gab nur sehr wenige, die Kunstmusik gut genug spielen konnten, daß Hörer davon profitierten. Das waren außer dem Organisten meist nur ein oder zwei Lehrer, ein Arzt, ein Pastor oder deren Gattinnen. Und da Streichinstrumente noch schwerer zu spielen sind als Klavier, war es ein Glücksfall, wenn mal über längere Zeit genügend Amateurmusiker für ein Streichquartett auf der Insel lebten. Die Konzerte waren daher begehrt und die Kirche immer ausgebucht bis auf den letzten Platz. Sogar die Kirchen-mäuse spitzen die Ohren.

Die Eintragungen über das Findelkind in der Zeit vor der Heirat sind noch ungetrübt und über-schwenglich. Ich erinnere den Satz: „Was für eine Freude es mir bereitet, Küken eine Freude zu be-reiten!“ Sie schilderte die Spiele, die das „Kind“ erfand (es wußte ja noch niemand, daß es sich eigentlich um eine junge Frau handelte), z.B. wenn es zwischen den großen alten Möbeln verschwand und ganz still wurde, und dann tauchte plötzlich an einer ganz anderen Ecke sein Köpfchen auf, schaute die Adoptivmutter an, lachte über ihre Überraschung und verschwand ebenso plötzlich wieder. „Küken ist so süß“, waren die stereotypen Kommentare der Bibliothekarin.

Immer öfter berichtete sie davon, beim Musizieren und im Dienst zerstreut zu sein und nur noch an ihr Küken denken zu können, an seine Spiele, sein Lachen, seine Freude. Sie wunderte sich, daß ihr ihre Aufgabe, die Bibliothek auszubauen, immer unwichtiger wurde gegen ihre Aufgabe als Adoptivmutter. Ihre Verwunderung war um so größer, weil das Kind ganz an-spruchslos war und nichts Forderndes hatte. Es konnte z.B. beim Quartettspielen stundenlang in einem Sessel liegen und mit offenen Augen vor sich hin träumen, geduldig, ohne einen Mucks. Sie spürte kein schlechtes Gewissen, wenn sie sich ihm stundenlang nicht zuwandte. Das stachelte sie noch mehr an, an das Kind zu denken: wie lieb es war, wie sie ihm eine Freude machen könnte und wie schön ihr Leben jetzt mit dem Kind war. – Dabei hatte sie aber nie das Gefühl, daß sie für das Kind unentbehrlich sei, sondern daß es auch mit anderen Adoptiveltern gut zurecht kommen würde, daß sie also nicht seine Mutter sein musste, sondern sein durfte.

Um so beglückender erlebte sie die verbindlichen Gesten des Kindes: Sie beschrieb ausführlich das Glück, das von seinem Blick ausgehe, wenn es sie anschaue und mit seinen Händen nach ihr greife und sie das Gefühl bekäme: sie sei gemeint, ihre ganz spezielle Art werde von dem Kind geschätzt und gewünscht und das, was zwischen ihnen entstanden sei, sei ihm wertvoll geworden. Einmal schrieb sie, dieses Gefühl sei für sie der Himmel auf Erden.

Im zweiten Teil der Tagebücher beschrieb sie erstaunt und selbstkritisch, wie ihr alles, was für sie früher Wert, Sinn und Bedeutung gehabt habe gegen das Glück mit Küken verblasse, lang-weilig werde und immer weniger motiviere. Das Musizieren gab sie auf, die Arbeit in der Biblio-thek war ihr längst nur noch lästiger Broterwerb, die Nähe zu ihrem Partner schätzte sie, aber nicht anders, als man einen warmen Ofen schätzt. So sehr ihr auch klar wurde, daß etwas nicht in Ordnung war, wusste sie sich doch nicht zu helfen: Nicht nur, weil ihr der Verzicht auf die Freude mit ihrem Küken unannehmbar schien, indiskutabel, nicht verhandelbar, sondern weil sie auch das unabweisbare Gefühl hatte, daß das Kind all diese Liebe verdient habe, daß man ihm keinen Deut davon nehmen dürfe – denn alle anderen Menschen hatten noch andere Quellen des Glücks zur Verfügung, diese behinderten, verstoßenen und vermutlich vor Lieb-losigkeit fast gestorbenen Kinder hatten nur diese eine Quelle des Glücks: Ihre Adoptiveltern. Die Kinder konnten gar nicht genug Liebe kriegen, das stand ihnen zu! Es schien ihr das Schäbigste, dem Kind etwas von seinem Glück zu nehmen, dadurch, daß sie es zu anderen Eltern gab, nur damit sie sich selbst verwirklichen könne. Sie begann daran zu zweifeln, daß ihr Musizieren und ihre Bibliotheksarbeit wirklich so wichtig für die Insel seien und nicht doch bloß ein Luxusgut, gegen das das Glück der Kinder weit schwerer wiege.

Die kritische Phase setzte ein, als sie zum ersten Mal den Gedanken hatte, daß solche Kinder in früheren Zeiten als kleine Götter erlebt worden wären. Ja: sie ertappte sich dabei, wie sie mit der Vorstellung spielte, einer Gottheit in Gestalt eines Kindes zu dienen, und sie musste sich eingestehen, daß dieser verbotene Gedanke – denn sie sollte ja keinen Gott neben dem des Pastors haben – daß dieser Gedanke – den sie selber auch gar nicht glaubte, sondern mit dem sie nur gerne spielte – daß der Gedanke sie zusätzlich euphorisierte.

Das erste Mal, als ihr klar wurde, daß an der ganzen Sache ernsthaft etwas nicht stimmte, war erreicht, als ihr ganz spontan die Idee kam, eine Auserwählte zu sein. Sie wies diesen Gedanken entschieden zurück. Sie fand ihn wahnhaft und lächerlich, sie hatte Gedanken dieser Art nie nötig gehabt, nichts war ihr fremder gewesen, als Auserwähltheitsfantasien. Doch sie merkte, daß ihre Selbstkritik immer wieder von dieser Idee unterlaufen wurde: Sicher, sie hatte es nicht nötig eine Auserwählte zu sein und sie wollte das auch nicht – aber wenn sie es nun doch wäre?

Dann war sie wieder zerknirscht, daß so ein dummer Gedanke überhaupt Macht in ihr haben konnte. Sie rechnete sich das als Geistesstörung an und überlegte, ob nicht ein Punkt überschritten sei, ob diese Geistesstörung nicht zeige, daß sie ihrer Aufgabe als Mutter dieses Kindes nicht gewachsen sei, so erstaunlich und überraschend dieser Befund auch war.

Doch dann fragte sie sich wieder, was sie denn eigentlich habe, wo denn eigentlich das Problem sei, es gebe doch nichts Sinnvolleres im Leben, als so ein Kind glücklich zu machen! Dennoch gab es aber immer wieder Momente, in denen sie die Freude an dem Kind als falsch empfand, als verkehrt, wie etwas, das zu wuchern begonnen hatte. – Doch ohne diese Freude, so falsch sie möglicherweise auch war: ohne diese Freude schien ihr das Leben ein Leben ohne Sonne zu sein, ein Leben im Schatten, ein Leben auf einem öden, lichtlosen, kalten Fleck ohne jemals wieder strahlendes Licht und üppige Wärme genießen zu können.

Außerdem hatte sie das Gefühl, daß sie nach einer Trennung immer daran denken müsse, was sie dem Kind dadurch angetan habe und ob es dem Kind ohne sie gut gehe. Es schien ihr ganz klar, daß sie ihres Lebens nicht mehr froh werden würde, wenn sie das Kind weggäbe.

Doch die Vorstellung, das Kind zu behalten, machte sie von Zeit zu Zeit nicht weniger beklommen. Was sonst nur ein vernachlässigbares Gefühl von Fadheit war, steigerte sich in solchen Augenblicken zu einem Gefühl beängstigender Leere: Die Musik war ihr gleichgültig geworden, ihre Ehe und ihr Beruf auch; und Küken würde sich nicht weiter entwickeln: Sie würde für den Rest ihres Lebens so für das Kind da sein, wie sie jetzt für es da war, es würde nie wieder etwas anderes kommen. Mit Küken war ihr Leben gelaufen – ohne Küken auch. Sie hatte in diesen Augenblicken das Gefühl, in eine Falle geraten zu sein: Mit dem Kind musste sie willenlos dem Zweck eines Fremden leben, sie fühlte sich um ihr Selbst beraubt, wie eine lebende Tote. Doch ohne das Kind fürchtete sie, zu verschmachten, ganz langsam an Freud- und Hoffnungslosigkeit zu verhungern und zu erfrieren, wie in einem Lebensraum, in dem es zu wenig Nahrung und Wärme gibt, um auf Dauer zu überleben. Ohne Kücken war ihr Leben grau, kalt, und beklommen vom schlechten Gewissen, mit Küken war es leer und ohne Selbst.

In diesen Augenblicken kam ihr das Kind nicht mehr vor wie ein Gott sondern wie ein Dämon, ein unschuldiger vielleicht, einer der keiner sein wollte, der vielleicht nicht mal wusste, daß er böse war, der gar keinen Begriff davon haben konnte. Sie sah dann nur noch einen Ausweg: sich umzubringen. Aber das wollte sie dem Kind nicht antun! Jeder Suizidimpuls wurde abgewiesen durch den Gedanken: was zählst Du? Du hattest ein schönes Leben bisher, hast Sinn erlebt und Liebe, jetzt ist das Kind dran! Es hat die Freude mit dir verdient! Es hat verdient, daß du wegen ihm auf deine Selbstverwirklichung, die ohnehin fragwürdig ist, verzichtest und dich zusammenreißt! Was hast du überhaupt? Läßt dir das Kind etwa nicht genug Zeit? Es quengelt nicht, wenn du arbeitest und musiziert, also wo ist das Problem?

Die Antwort war: Ihr ganzes Sinnen und Trachten drehte sich nur noch um das Kind, ob sie wollte oder nicht. Das Kind ließ ihr keine Zeit mehr, gar keine, nicht eine Sekunde. Aber immer wieder wurde ihr diese Antwort fraglich: „Wieso? Das bildest du dir nur ein! Stell dich nicht so an! Das redest du dir nur ein, um einen Grund zu haben, dich vor der Pflicht an diesem Kind zu drücken! Einer Pflicht, die es nicht mal verlangt und deshalb um so mehr verdient hat! Und wie undankbar du bist gegen die Freude, die Küken dir macht!“

Immer wieder wies sie die Suizidimpulse mit solchen Gedanken ab. Aber etwas in ihr wollte sich dem Selbstmissbrauch entziehen, um jeden Preis, um jeden – und ihr Selbstzerstörungswille lernte immer mehr über die Macht und die Strategie ihrer Moral, bis er schließlich instinktiv wusste, daß er gegen das Bewusstsein nicht lange bestehen konnte, daß er seinen Weg finden musste, bevor es gefechtsklar war…

 

5

Nach Abschluß der Untersuchungen rekonstruierten wir das Entgleisen der skrupellosen Experi-mente wie folgt:

Die Kinder waren von ihren Müttern nach der Geburt getrennt und in Brutkästen aufgezogen worden, betreut nur von den Forschern und ihrem Personal. Die Entbehrungen, die sie auf diese Weise erlitten, hatten zu ungerichteten Anstrengungen ihres Überlebenswillens geführt, der dabei offenbar die chemisch induzierte Mutationsfähigkeit „entdeckt“ hatte. Der ange-borene Instinkt der Säuglinge und Kleinkinder, alles zu tun, um die Bezugspersonen zu dem erforderlichen Pflegeverhalten zu bewegen, hatte dann Mutationen über Mutationen voran-getrieben, hatte nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum Gestalt und Verhaltensbereit-schaften der Kinder immer wieder moduliert, hatte regelrecht mit den Experimentatoren experimentiert, bis die Kinder schließlich eine unwiderstehliche „Putzigkeit“ ausgebildet hatten, jenen unnatürlichen Charme, der selbst die hartgesottensten Wissenschaftler regelrecht „betört“ hatte.

Die Kinder hatten es geschafft, die Biologie der Nachwuchshege für ihre Selbstverteidigung nutzbar zu machen: die angeborene Eigenschaft unseres Gehirns, auf Kinder mit Entzücken zu reagieren sowie mit Zuwendungs- und Fürsorgeimpulsen, deren Befolgung mit Glücksgefühlen belohnt wird. Die dafür verantwortlichen neuronalen Stoffwechselvorgänge in den Hirnen der skrupellosen Wissenschaftler hatten die Kinder durch die Modulationen ihres Aussehens und Verhaltens regelrecht hochfrisiert, bis sie die Wissenschaftler in eine Art körpereigener Drogenabhängigkeit versetzt hatten.

Das hatte dann fatalerweise auch bei den unschuldigen Inselbewohnern funktioniert. Spätestens als klar wurde, daß die Kinder immer so bleiben würden, hatten ihre Adoptiveltern gemerkt, daß ihr ganzes Leben, ihr ganzes Sinnen und Trachten nur noch auf die Kleinen ausgerichtet bleiben würde. Die Erwachsenen konnten an nichts anderes mehr denken, sich über nichts anderes mehr freuen, sie hatten keine geistige und seelische Kapazität mehr für ein eigenes Leben, gleichwohl war ihnen die Vorstellung unerträglich, sich von den Kindern zu trennen. Sie genossen das Elternglück und fühlten sich gleichzeitig leer, aber ohne zu wissen, ob sie sich das nicht nur einbildeten. Im Laufe der Zeit mehrten sich die Augenblicke, in denen sie sich von den Kindern regelrecht „besessen“ fühlten. Untergründig schwärte eine immer übermächtiger werdende Verzweiflung, die in dem Selbstzerstörungs-„Instinkt“ gipfelte, den nächsten sich bietenden hinreichend starken Suizidimpuls zu nutzen, ohne Wenn und Aber, koste es, was es wolle. Sie wurden dabei getrieben von der Angst, von den Kindern immer mehr verzaubert zu werden, schließlich vielleicht nie wieder eine Suizidentscheidung treffen zu können und zu einem entpersönlichten Leben versklavt zu bleiben.

Nachdem die Wahrheit über die Findelkinder ans Licht gekommen war, war es möglich, mit den Inselbewohnern vernünftig über den Handlungsbedarf zu reden. Die Kinder waren ahnungslos und unschuldig. Sie waren Helden wider Willen! Sie hatten als Kleinkinder die hoffnungslos überlegene Macht skrupelloser erwachsener Massenmörder gebrochen! Sie hatten alle nur erdenkliche Unterstützung und Zuwendung verdient! – Wir schlugen den Bürgern vor, die Kinder in ein Heim zu bringen, das extra für sie eingerichtet würde. Dort würde ausgesuchtes professionelles Personal mit engmaschiger Unterstützung der erfahrensten Psychologen versuchen, ihnen gerecht zu werden, ohne sich in die mächtigen Gefühle, die die Kinder auslösten, zu verstricken. Das würde sicher ein paar Jahre dauern. Aber dann könnten die Familien in dieser Art Beziehungsgestaltung geschult werden und die „Kinder“ zu ihnen zurückkehren.

Mittlerweile hatte der Lehrer, der versucht hatte, sich zu erhängen, Erfolg gehabt: er war bei einer Klassenfahrt auf dem Festland aus dem Zug gesprungen. Und ein Metzger war nur knapp dem Tod entronnen, weil er die Verwachsung seiner Brust falsch einkalkuliert und sich das Messer haarscharf am Herzen vorbei in den Leib gestochen hatte. – Unter dem Eindruck dieser neuerlichen Ereignisse willigten die Leute ein. Wir hatten keine Probleme, von internationalen Stiftungen genügend Gelder zu bekommen, um den „Kindern“ ein schönes Heim einzurichten: einen verwaisten großen alten Landsitz mit anmutigem Park. Und wir suchten die fortschritt-lichsten Psychologen und Erzieher für sie aus, in einem sehr sorgfältigen Auswahlverfahren. Ich konnte mich selber überzeugen, daß es den „Kindern“ dort richtig gut ging.

Eine Frage, die ich selbst längst für beantwortet hielt, kommt mir allerdings immer wieder in den Sinn: Warum hatten sich die letzten beiden Erwachsenen im Bunker umgebracht um möglichst viele der Kinder zu retten? – Es gibt einige Forschungsergebnisse und Tatsachen, die wir bis heute der Öffentlichkeit verschwiegen haben: Wir vermuten, daß über all die Jahre der Eingeschlossenheit mit den Kindern weiter experimentiert wurde. Jedenfalls erklären wir uns so die Tatsachen, deren Folgen nicht aufgehört haben, uns zu beunruhigen:

Die Babys, die ungefähr ein Jahr nach Adoption der „Findelkinder“ in den Adoptionsfamilien geboren worden waren, waren gegen Abschluß unserer Untersuchungen etwa 2 Jahre alt. Und in einigen Familien wurde immer mehr zur Gewissheit, was zunächst nur gescherzt worden war: Die Babys begannen immer mehr, den Findelkindern aufs Haar zu gleichen! Mit einem Mal sah man auch die verzweifelten Beteuerungen einiger minderjähriger und unverheirateter Mütter in ganz anderem Licht: Die Untersuchungen der Kleinkinder ergab, daß es sich um Klone handelte, um Klone der Findelkinder!

Nach aufwändigen Forschungen fanden wir heraus, daß die Findelkinder keimfähige Eizellen mit ihrem Speichel absonderten, so daß für eine Frau jedes Mal, wenn sie den gleichen Löffel benutzte oder am gleichen Biß abbiß, die Gefahr bestand, schwanger zu werden. Wie diese Eizellen es schaffen, den Weg in die Gebärmutter zu finden ist bis heute unbekannt. Offenbar gelingt das wohl den wenigsten, denn nur in einem Fall gab es Zwillinge und in den meisten Fällen war trotz jahrelanger Exposition nichts passiert. – Auch die Kinder der Findelkinder wurden in das Heim aufgenommen. Dort wurde die Fortpflanzung durch einfache Hygienevorschriften verhindert.

Wir erforschten die „Kinder“ weiter. Dabei kamen weitere ungewöhnliche Tatsachen zu Tage: Sie verhalten sich zu Kindern anders als zu Erwachsenen. Ab etwa 1.50m scheint ihr Gehirn Menschen als erwachsen zu definieren und stellt ihnen gegenüber auf ein neues Verhalten um, das nur durch systematische Beobachtung vom ursprünglichen Verhalten zu unterscheiden ist.

Kinder scheinen sie wirklich zu lieben. Den Erwachsenen aber scheinen sie die Liebe nur zu heucheln. Außerdem konnte durch Verhaltensexperimente, bei denen die „Kinder“ nicht wussten, worauf es ankam, gezeigt werden, daß sie gar nicht so lernunfähig und auffassungs-schwach sind, wie sie tun. Sie verbergen bloß systematisch, was sie können. Sie sind zwar nicht so intelligent wie normal entwickelte 4-jährige Kinder, geschweige denn normal entwickelte Gleichaltrige, aber sie haben eine andere Art von Intelligenz: Sie können sehr viel besser Gefühle, Stimmungen und Absichten Erwachsener an deren Körpersprache ablesen und haben einen hocheffektiven Manipulationsinstinkt. Darin sind sie Meister.

Die weitere Erforschung ihrer Haltung Erwachsenen gegenüber legt nahe: Sie betrachten nur Kinder als Menschen. Erwachsene können sie nicht mehr als Menschen erkennen, sondern nur noch als eine Art affenhaftes Raubtier. Sie setzen Erwachsenwerden offenbar mit einer Art Demenz gleich, die die wesentlichen Fähigkeiten des Menschen zerstört und sie dadurch aggressiv enthemmt und gnadenlos ichbezogen macht. Für sie sind Erwachsene Teil der nicht- sozialen Umwelt, wie für uns Affen, mit denen sie ohne ethische Bedenken Experimente machen.

Und es gibt noch ein Forschungsergebnis: Sie haben ihre Mutationsfähigkeit nicht verloren. Ihr Organismus ist weit „plastischer“ als der unsere. Es ist nicht abzusehen, was das für die Hirn- und Intelligenzentwicklung bedeutet.

All dies wäre weit weniger beunruhigend, wenn alles gelaufen wäre, wie geplant. Aber die bei den „Findelkindern“ erforderte hochspezielle Kunst der „inneren“ Abgrenzung musste erst mal entwickelt werden! Wir hatten nicht gleich nur Erfolge. Einige Erzieher und Erzieherinnen nahmen sich ein Kind und tauchten damit unter. Nicht alle davon konnten gefunden werden. Mehrere Kinder wurden auch „geklaut“, offenbar von Besuchern, die das Heim besichtigt hatten. Und einige Kinder sind ausgebüxt, obwohl sie in dem Heim doch wie kleine Fürsten lebten. Von denen wurde keines wieder gefunden.

Bei Menschen, die wie diese Nazi-Wissenschaftler eine so abseitige, skrupellose Aggression und kriminellen Energie besitzen, kann man sich vieles vorstellen. War es also aus Liebe, daß sie sich für das Überleben der Kinder aufopferten – oder aus Rache?“ –

 

„Eigenartig, Sie haben uns eben versucht, unsere pessimistischen Mutmaßungen zu relativieren, aber ihr erzählerischer Reflex auf unsere Diskussion läßt sich an Düsterkeit kaum überbieten!“ brach der Professor nach einiger Zeit das beklemmende Schweigen.

„Ich fürchte schon“, anwortete der Psychiater fast flüsternd. „Die Abseitigkeiten des letzten Jahr-hunderts stecken uns allen noch in den Knochen, verkapselt zwar, aber viele Menschen schaffen es einfach nicht, sich darüber zu beruhigen. Doch die meisten haben aber gar keine Zeit, sich mit ihrer Unruhe zu beschäftigen. – Diese Zeit habe ich nun. Und ich bin erst Anfänger darin, meiner Beunruhigung Ausdruck zu verschaffen. – Der Dichter Rilke sprach einmal davon, daß die Toten vielleicht nocht etwas von uns wollen könnten. – Wenn Sie z.B. zu irgendeinem Anlaß in irgendeiner Zeitung ein Bild sehen – und ich erinnere mich, vor dem Spaziergang, der diese Geschichte hervorbrachte, eines gesehen zu haben: Bürger die mit ihren Kindern abgeführt werden in eine Ermordungsfabrik – wenn Sie solche Bilder sehen: haben Sie da nicht auch das Gefühl, daß diese Getöteten noch etwas von uns wollen? Ich versuche, etwas von dem zu vernehmen, was sie uns zuraunen. Ich habe jetzt viel Zeit, da lösen sich Reflexe und ich bin jetzt alt genug, um es mir leisten zu dürfen, diese Reflexe nicht mehr zu unterdrücken.“

 

Weiterlesen: Psychjatergarn Nr. 5: „Das Verhängnis von Gelbau“