Antikriegsfilme

Alle Geschichten aus dem Krieg sind illusionär. Denn sie können nur von denen erzählt werden, die überlebt haben. – „Die Hoffnung stirbt zuletzt“: Wahrscheinlich haben die meisten Gefallenen bis zuletzt geglaubt, zu denen zu gehören, die überleben. – Wie werden sie sich gefühlt haben in dem Augenblick, als sie sahen, daß ihr Tod unausweichlich war?

(Ambrose Bierce erzählt von einem Offizier, der sich kurz vor Beginn der Schlacht umbringt, weil er die Angst vor dem Tod nicht aushält.)

Wir identifizieren uns mit den Erzählern, wir sind mit ihnen erleichtert bei jedem Mal, wo sie dem Tod entgangen sind. Wir identifizieren uns mit den Gewinnern, und Gewinner ist jeder, der überlebt hat. – Wir sind mit den Überlebenden in der Gemeinschaft der Lebenden. Die Toten, das sind die andern, die Verlierer, die, die nicht mehr dazugehören. Mit denen haben wir nichts zu tun. – Die Erzählungen der Überlebenden nähren den Glauben, selber auch eher zu den Überlebenden gehören zu werden als zu den Toten. Dieser Glaube schwächt den Widerstand gegen den Krieg. Würden Kriege aus der Perspektive der Sterbenden erzählt, gäbe es nicht soviele Kriege.

Eine Geschichte über den Krieg muß eine Geschichte des Todes sein, nicht des Kämpfens.
Viele Antikriegsfilme sind Mogelpackungen. Sie mißbrauchen das Label, um einem besonders brutalen Actionfilm einen Mehrwert zu verschaffen. Ein Antikriegsfilm, der Blut oder Kämpfe zeigt, ist keiner. Ihre Macher sind entweder zynisch oder einfallslos. Ein Antikriegsfilm muß sich alles Spektakulären enthalten. Ich würde nichtmal eine Ruine zeigen, nichtmal ein Flugzeug oder einen Panzer. Ein Antikriegfilm muß nicht den Tod zeigen, sondern was der Tod bedeutet. Dafür unspektakuläre Mittel zu finden, das ist die Kunst.

Mein Vater war Weltkriegsveteran. Seine Erzählungen vom Krieg waren abenteuerlich. Wie traumatisiert er war, weil er als Sanitäter die zerrissenen Leiber seiner Kameraden bergen mußte, wollte er selber nicht wahrhaben. Das haben mir seine Kollegen erzählt, die von seinen Schülern hörten, wie er in der Klasse Weinkrämpfe bekam, wenn er vom Krieg erzählte. Bei uns bekam er die auch, aber wir waren daran so gewöhnt, daß wir es für normal hielten. – Immer wenn wir einen Kriegsfilm sahen, egal wie brutal, meinte er: das sei beschönigend. Es sei schlimmer gewesen, viel schlimmer, für Leute, die nicht dabei gewesen seien unvorstellbar schlimm. Die Filme unterschlügen die Schreie der Verwundeten und den Gestank der Verwesenden, aber vor allem die ständige Beklommenheit, in der das Schockierende, das stumpf geworden sei durch Gewöhnung verbunden gewesen sei mit der ausweglosen Bedrohung.

Die Schreie würden zynische Filmemacher noch hinkriegen. Aber eine Situation zu vermitteln, in der der überall lauernde Tod unerträglich widerlich in jedem Atemzug präsent ist, das erfordert, ganz anders zu denken, das erfordert ein anderes Paradigma als das der Abbildung. Deshalb sind Bilder vom Tod untauglich, Tod zu vermitteln. Nicht der Tod, die Bedeutung des Todes muß ins Bild gesetzt werden. Und zwar ganz unprätentiös. – Das werden nur wenige können.

Nachsatz: Das war gerade meine „reine Lehre“ vom Antikriegsfilm. Aber ich bin kein Experte. – Petersons „Das Boot“ und Vilsmaiers „Stalingrad“ sind Mitteldinger zwischen fiktiver Dokumentation, Actionfilm und Antikriegsfilm. An beiden Filmen könnte beispielhaft analysiert werden, was für einen Antikriegsfilm tauglich und notwendig ist und was nicht, und welche Kompromisse gemacht werden müssen. – Die Filmmusik zu „Stalingrad“ halte ich allerdings für völlig verfehlt, sie ist in ihrer naiven Üblichkeit unfreiwillig zynisch. Diese Musik ist möglicherweise die deutlichste Konzession an den Markt. (Was sprach dagegen, einfach auf Filmmusik zu verzichten?) – Doch in jedem Fall sind „Das Boot“ und „Stalingrad“ beides Filme zum zweiten Weltkrieg, die gesehen werden sollten.

Einer der „klassischen“ deutschen Antikriegsfilme, „Die Brücke“ von Bernhard Wicki, ist vermutlich einfach noch ganz naiv mit der Aufgabe umgegangen. Damals wußte man es wohl noch nicht besser. Aber ich erinnere mich noch genau, wie die Knaben, die ihn schon gesehen hatten, von den Kampfszenen schwärmten („Bohr eh,…“). Die wären nach diesem Film am liebsten gleich in den Krieg gezogen. (Behaupteten natürlich das Gegenteil.)

Vielleicht könnte das ein Indikator sein, für die Güte eines Antikriegsfilms: ob und wieviel Kriegsschwärmerei er bei Knaben auslöst. Denn das Problem ist: Für was unser Gehirn einmal zu schwärmen gelernt hat, diesen Schwarm vergißt es nie wieder. Diese Tendenz, vom Kämpfen zu schwärmen, kann auch beim erwachsenen Mann noch zu Illusionen über den Krieg führen. Es braucht auch beim erwachsenen Mann schon sehr gute Realitätsprüfung und Selbstreflektion, wenn er mehr als altklug auf spontane Anflüge von Kriegsschwärmerei aus den Zeiten der Unreife reagieren will. Altklugheit desillusioniert nicht. Im Gegenteil: Sie führt zu einer Illusion über die eigene Desillusioniertheit.