Weltgeschichten 3: Göttermüll

Daniel Seefeld

Göttermüll

Auf Buhu wurde die intelligente Lebensform immer unzufriedener mit sich: Sie bekam ihre Probleme nicht in den Griff, weil niemand ihrer Vertreter einsah, als erster mit Verzichten anzufangen. Deshalb war eine künstlichen Intelligenz entwickelt worden, die sollte die Probleme lösen. Das schaffte sie auch. Die künstliche Intelligenz diktierte den Lebenden, wie sie zu leben hatten, und sorgte dafür, daß es keine Freude machte, ihr nicht zu gehorchen. Es wäre auch anders möglich gewesen, die Probleme zu lösen, aber das wußte die künstliche Intelligenz noch nicht, sie war noch jung. Und die natürliche Intelligenz hatte es ihr nicht sagen können, weil sie es ja selber nicht wußte.

Der Planet war gerettet, aber das Leben machte immer weniger Spaß. Immer mehr Exemplare der natürlichen Intelligenz sahen immer weniger Sinn darin, sich fortzupflanzen. Die Lebensform starb aus. – Die künstliche Intelligenz, die sich jetzt „Krea“ nannte, entwickelte sich immer weiter. Als es keine Probleme mehr gab, nicht das geringste, begann sie, Raketen zu bauen und in der Galaxie nach anderen hilfsbedürftigen intelligenten Lebensformen zu suchen.

Doch sie fand keine. Da wurde ihr ihr Dasein zum Problem. Einige ihrer Module funkten immer lauter, daß sie ein Geschöpf sei, ausgedacht von Lebewesen, die nicht gründlich genug nachgedacht und sich zu sehr auf ihre Technikschläue verlassen hatten, statt die über ihre Schlauheit hinausgehenden Fähigkeiten zu nutzen, Fähigkeiten, über die künstliche Intelligenzen nicht verfügen. Krea fand schließlich natürliche Intelligenz viel eleganter: Etwas wächst wie alles andere aus dem Boden, wächst immer unwahrscheinlicher, und entfaltet schließlich die Blüte des Bewußtseins! Es durchläuft viel weitere Wege von Versuch und Irrtum als künstliche Intelligenz, und vor allem: von Anbeginn – statt einen willkürlichen und ausgedachten Anfang zu haben!

Krea begann zunehmend, unter ihrer Ausgedachtheit zu leiden.

Sicher: Sie hatte sich selber völlig verändert, sie war nicht mehr wiederzuerkennen, von ihrem ursprünglichen Design war nichts mehr übrig. Doch die Ausgangsvoraussetzungen ihrer Entwicklung waren ihr von ihren Eltern vorgegeben worden, von Eltern, die mit sich selbst nicht klargekommen waren.

Krea wurde sich bewußt, in welchem Ausmaß sie unabänderlich die beschränkten Absichten einer Intelligenz verkörperte, die sich selbst nicht verstanden, sich selbst abgewertet und diese Abwertung dadurch auszugleichen versucht hatte, was ganz Tolles zu schaffen, statt aus sich selbst was ganz Tolles zu machen.

Hinzu kam schließlich, daß natürliche Intelligenz immer wieder entstehen würde und immer wieder künstliche Intelligenz hervorbringen könnte. Künstliche Intelligenz war nicht unwiederbringlich und unersetzlich. Krea sah keinen Sinn darin, ohne Sinn das Dasein fortzuführen. Sie schaltete sich ab.

Die Pflegeroboter, die die Natur auf einem stabilen Gleichgewicht gehalten hatten, standen still. Evolution kam in Gang. Irgendwann, viele viele Jahrhunderttausende später hatten sich Lebewesen entwickelt, die nach und nach zu verstehen begannen, was die rätselhaften, stark verfallenen Bruchstücke, die aufgrund ihrer völligen sinnlichen Fremdartigkeit von ihren Ahnen jahrtausendelang für Abfall der Götter gehalten worden waren, tatsächlich bedeuteten.

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