Joseph Conrad, Der Sieg, Würdigung und Kritik

Conrads Südseegeschichten atmen Weite, Wärme, Freiheit und Abenteuer. Wer diese Stimmung mag, ist bei Conrad nie verkehrt, gleichwohl öfter enttäuscht, denn seine Geschichten sind zuweilen etwas langatmig und seelenzergliederisch erzählt. So genau will ich nicht wissen, wie jemand die Bewegung einer Augenbraue interpretiert und warum der andere wegen dieser Interpretation beleidigt ist.

„Der Sieg“ handelt von einem Helden der fast schon Züge des „Fremden“ von Camus trägt, so ungebunden was Orte, Beziehungen und Lebensinn angeht wandert er umher im Zauberkreis der Inseln zwischen Vietnam, Philippinen, Malaysia und Indonesien.

In seinen Charakteren schafft es Conrad, menschliche Züge überzeugend zu Persönlichkeiten zu verbinden – Züge, die wir alle kennen, die aber durch Conrads Veranschaulichung betrachtbar werden und Erkenntnisgewinne ermöglichen.

Der Inhalt des Romans: Durch Mißgunst und Verleumdung brechen ein paar Psychopathen in eine Südseeidylle ein. Die Art der Auseinandersetzung, die sich ergibt, ist wohl einzigartig in dieser Art, und von der Idee her faszinierend, allerdings fand ich ihre Ausführung etwas zu konstruiert und teilweise an der Grenze zur Unglaubwürdigkeit: Man denkt öfter: Warum machen die das nicht einfach so und so?

Dennoch: Es ist eine Idee, die viel zum Nachdenken anregt. Und eine Idee, die, ohne Glaubwürdigkeitsschwächen  in Buch oder Film ausgeführt, mal was Neues wäre. Allerdings: Für so eine hoch anspruchsvolle Idee sind Conrads Ausführungen schon ziemlich gut und nicht leicht übertreffbar.

Ist Conrad ein Rassist und sind Südseeerzählungen kolonialistisch?

Ja, die Südseestimmung hat einen Stich, weil es ohne Kapitalismus und Kolonialismus diese Geschichten nicht geben würde. Allerdings finden sich bei Conrad immer wieder kritische Bemerkungen zu Kapitalismus, Kolonialismus und Rassismus.

Daher kann ich mir nicht vorstellen, dass Conrad Rassist in dem Sinn war, dass er an überlegene Rassen glaubte und Rassentrennung für sinnvoll hielt. Ich schätze, er war seiner Zeit an Rassismuskritik weit voraus. Dennoch mutet Manches rassistisch an, muß aber im Rahmen seiner Zeit gesehen werden.

Nicht rassistisch ist es, Menschen zu schildern, die durch ihre andere Kultur an manchen Stellen Beschränktheiten haben, die viele Europäer nicht haben. Conrad schildert hier einfach, was er erlebt hat. Und nichts an seinen Ausführungen legt nahe, dass er glaubte, dass diese Menschen so sein müssen und nicht anders sein können aus Rassegründen. – Oder auch nur: dass alle Leute aus dieser Kultur so seien. – Oder auch nur: daß wir als fortgeschrittenere Zivilisation mehr Stärken und weniger Schwächen hätten als die.

Ich halte es für sinnvoll, beim Lesen von Werken wie die Conrads über die Illusionsanfälligkeit von Beobachterperspektiven nachzudenken: Wenn ich durch die Fußgängerzone einer deutschen Großstadt gehe, habe ich spontan eine Teilnehmerperspektive und halte das, was ich sehe, für das richtige Leben. – Wenn ich im Urlaub auf dem Lande in eine Fronleichnamsprozession gerate, bin ich spontan in einer Beobachterperspektive und halte das, was ich sehe, für Folklore.

Ähnlich muß es Conrad in der Südsee gegangen sein. Ich kann mich nicht erinnern, daß Conrad sich in seinen Geschichten mit den Fallstricken seiner Beobachterperspektive auseinandersetzt. Würden wir ihn darauf ansprechen, würde er wahrscheinlich sagen: „Das ist sicher ein höchst wichtiges und interessantes Thema, aber es war nicht mein Thema, mich hat etwas anderes bewegt!“

Und er wäre sicher nicht abgeneigt, darüber zu reden, wie naiv und problematisch seine Einstellung ist, die Welt hinter dem Tellerrand seiner Beobachterperspektive so wenig zum Thema zu machen.

Hier ein zu dieser Thematik hilfreicher Link: https://literaturkritik.de/id/11750

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