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Frauen vor einem ausgestorben wirkenden Palast.
Das Alpha-Weibchen, von düsteren Vorahnungen bedrückt, geht hinein, doch stürmt schnell wieder heraus, als hätte sie ein Monster entdeckt. Während sie ihren Dienerinnen noch davon erzählt, erscheint das Monster in der Tür: Phorkyas, eine selten häßliche alte Frau (niemand anderes als Mephisto).
Als die Dienerinnen lautstark behaupten, den Anblick der Alten schlimmer zu finden, als die Kriegstraumatisierungen, die sie alle bei der Eroberung Trojas erlitten haben, beginnt die Alte zu keifen, was das Zeug hält. Es kommt zu einer Keilerei mit Worten, bis Helena dazwischengeht.
Als Helena endlich Zeit hat, sich auf sich selbst zu besinnen, gerät sie in eine Identitätskrise: Sie wurde durch ihre außergewöhnliche Schönheit zur Famme-Fatale, wegen der Männer katastrophales Unheil anrichteten. Sie ist nun eine klatschumsponnene Promi-Frau. Aus den verwirrenden und widersprüchlichen mannigfaltigen Phantasien, Gerüchten und Unterstellungen, die über sie in Umlauf sind, muß sie das Zutreffende vom Unzutreffenden trennen.
Mephisto macht den jungen Frauen weis, daß sie alle von König Menelas getötet werden. Bei Helena, die der Aussicht auf den Tod gefasst entgegenblickt, hat er damit keine Chance. Aber die Dienerinnen erstarren vor Angst. Als Phorkyas andeutet, einen Ausweg zu wissen, werden die Mädchen, die die häßliche alte Frau anfangs wegbeißen wollten, „scheißfreundlich“.
Phorkyas unterrichtet sie, daß in der Nachbarschaft sich ein mächtiger Räuber – Faust – eine Burg gebaut hat, da können alle hin. Sie betätigt sich mit genüßlicher Überlegenheit als Trainer zum Bestehen des Einwanderungstests für Fausts Burg: Sie erklärt den jungen Frauen, was Gotik ist und was Wappen sind. Dann macht sie sie scharf mit der Aussicht auf Tanzsäle und schmucke blonde Burschen. Die Mädchen sind kaum zu halten. – Helena stimmt der Rettung zu – allerdings mehr, um ihre Dienerinnen, als um sich selbst zu retten. – Schnitt.
Der Wächter von Fausts Burg ist von der Erscheinung Helenas so hingerissen, daß er vergißt, Helena zu melden. Faust will ihn deshalb bestrafen und stößt ihn gefesselt vor ihre Füße. Helena ist entsetzt darüber, was ihre Schönheit schon wieder angerichtet hat, und begnadigt den Wächter. Dann huldigt Faust Helena, sie bittet ihn an ihre Seite, so kommen sie ins Gespräch. Plötzlich kommt der Wächter mit Fausts Mannen zurück, hoch beladen mit Schätzen, die sie alle Helena zu Füßen werfen. Sie machen Faust klar, daß er jetzt nichts mehr zu melden hat sondern sich alle bloß noch Helena verpflichtet fühlen.
Faust und Helena vermählen sich. Als sie sich zur Liebe zurückziehen, stürzt sich Phorkyas herein und behauptet, König Menelas greife an. Die Dienerinnen sind sofort in Schrecken versetzt und fordern Faust auf, was zu unternehmen. Der schickt seine Mannen los, um die Frauen in Sicherheit zu wiegen. Dann zieht er sich mit ihnen nach Arkadien zurück. – Schnitt.
Phorkyas unterrichtet die Dienerinnen, daß Helena und Faust einen hochbegabten Sohn haben, ein „Naturwunder“ wie es die Welt noch nicht gesehen hat. – Die Dienerinnen wollen nicht akzeptieren, daß es erst einer Verbindung mit der „neuen Welt“ brauchte, um so ein Wunder zu erzeugen. Doch Phorkyas hält ihre Kultur mit der Geburt Euphorions endgültig für überholt und abgewirtschaftet.
Euphorion ist die große Freude seiner Eltern. Seine Eigenständigkeit können sie nicht ertragen, sie haben Angst, ihn zu verlieren, wenn er eigene Wege geht: „nicht ins Verwegene!“ Die Eltern sind entsetzt über seine Umtriebigkeit und machen ihm unmißverständlich klar, welche Besitzansprüche sie auf ihn zu haben glauben: Er soll gefälligst heile Familie mitspielen!
Euphorion versucht „den Eltern zuliebe“ sich zu bremsen, aber ist es irgendwann leid: „Was soll die Enge mir, bin ich doch jung und frisch“. Die durch die Enge gestaute Kraft entlädt sich unkontrolliert: Euphorion hat sich nicht mehr im Griff, versucht ein Mädchen zu vergewaltigen, und als er das nicht schafft, ist er wieder frustriert und macht seinen Eltern klar, daß er hier, im Land wo Milch und Honig fließt, alles bescheuert findet.
Bei seinem erneuten Versuch, der Enge zu entkommen entdeckt er den Freiheitskrieg der Griechen gegen die Türken und ist hingerissen von der Idee, gegen die Unterdrücker zu kämpfen, wenn’s sein muß, mit Einsatz des eigenen Lebens. Er glaubt fliegen zu können, stürzt natürlich gleich ab und ist tot.
Helena folgt Euphorion in die Unterwelt, um ihn nicht allein zu lassen, Faust kehrt in seine Welt zurück, gefolgt von Mephisto.
Und die Dienerinnen? Nur die Oberdienerin lässt ihre Herrin nicht im Stich. Die andern wollen nicht zurück ins Totenreich. Sie sind froh, aus den Fängen der „neuen Welt“ befreit zu sein und wieder ihrem angestammten Wesen freien Lauf lassen zu können, wieder ihre eigene Sprache sprechen zu dürfen, ohne Angst vor Abwertung und Zurechtweisung.
Der Hintergrund: Die Seherin Manto zeigte Faust einen Eingang zur Unterwelt. Dort bekam Faust einen Termin bei Persephone, der Herrin der Unterwelt. Er rührte sie zu Tränen, so daß sie ihm seine Bitte, Helena wieder rauszugeben, nicht abschlagen konnte. „Nun soll sie … auf den Boden von Sparta zurückkehren, um als wahrhaft lebendig dort in einem vorgebildeten Hause des Menelas aufzutreten, wo denn dem neuen Werber überlassen bleibe, inwiefern er auf ihren beweglichen Geist und empfänglichen Sinn einwirken und sich ihre Gunst erwerben könne“ (aus Goethes Skizzen).
Nachsatz: Die philologische Standartdeutung der Helenahandlung und die Idealisierung des Helenismus als Vermeidungsverhalten
Der europäische Helenismus begeisterte sich über die „Göttergleichheit der im antiken Griechenland zur ethisch-ästhetischen Vollkommenheit gelangten Menschen“ (Schmidt, 236).
Die Philologie glaubt, in der Helenahandlung – angefangen bei Fausts Abstieg zu den Müttern über die klassische Walpurgisnacht bis zur Vereinigung Helenas mit Faust – habe Goethe ein Gleichnis schaffen wollen für den Lernprozeß, der in der Renaissance durch die Rezeption der antiken griechischen Kunst und Kultur einsetzte (Schmidt 236f).- Goethe habe darstellen wollen, wie die von der Antike „abgeleiteten humanistischen Ideale“ eine Verbindung eingehen mit „mittelalterlich-ritterlichen Tugenden“ (247).
Es ist interessant, daß das antike Griechenland so idealisiert werden konnte, trotz der unfaßbaren Grausamkeit der „alten Griechen“ – nicht nur ihrer Grausamkeit gegen Kriegsgefangene sondern vor allem die gegen verschleppte Zivilisten: die unfaßbare Grausamkeit gegen Frauen und Kinder, die verkauft und versklavt wurden für Bordelle und Bergwerke, wo sie nie mehr rauskamen.
Sogar für die eigenen Kinder galt: daß sie „nicht das für uns selbstverständliche Recht auf Leben besaßen, sondern daß der Verkauf und die Aussetzung von Säuglingen … anhielt, als andere Rechte der väterlichen potestas längst veraltet waren“ (Hannah Arendt). – Dadurch bekommt Goethes Helenismusbegeisterung in Anbetracht der Tragödie von Margarete unfreiwillig eine bösartig grinsende Ironie.
Arendt schreibt weiter: „Es waren die Künste der Gewalt – „Krieg, Handel und Piraterie“, zu deren goethischer Dreieinigkeit sich noch die Kunst der despotischen Herrschaft über die Sklaven gesellte – welche den Siegern die Dienste der Besiegten sicherten“ (Arendt S.173).
Die freien Griechen fanden Sklaverei schlimmer als Tod und folgerten daraus messerscharf: Menschen, die sich in Sklaverei nicht umbringen, sind Untermenschen, die darf man ruhig versklaven. Platon schrieb sinngemäß: Wenn die so blöd sind, sich nicht selber umzubringen, sind sie ihr Sklavendasein selber schuld.
(Dennoch schufen die Griechen mit der Idee der Polis den Grundstein für die Idee des „herrschaftsfreien Diskurses“ und die moderne Demokratie. Doch wir sollten nie vergessen: Sie konnten dies nur, weil die Menschen, die sie sich als Sklaven verdingt hatten, ihnen das ermöglicht haben! Den Sklaven der Griechen, die den Bürgerlichen zum Reden und Denken den Rücken frei gehalten haben, haben wir die Idee der Demokratie zu verdanken.)
Obwohl all diese Greuel in Goethes Text erwähnt werden, bleiben sie ausgeblendet, an den äußersten Rand des Blickfelds gerückt, wie etwas was keiner größeren Aufmerksamkeit wert ist. Das gibt genau genommen dem Ganzen einen Stich.
Eine feministische Analyse würde sicher sogar den gesamten Text verreißen: sexistische Frauenbilder, sexistische Unterstellungen bis hin zu Täter-Opfer-Umkehr, Verleugnung der traumatisierenden Folgen von Gewalt gegen Frauen durch Bagatellisierung und Marginalisierung der Gewalt und schließlich der grundlegende Makel, daß hier ein Mann (Goethe) sich etwas über Frauen vorstellt, ohne zu reflektieren, wie begrenzt und irrtumsanfällig es ist, wenn wir uns Vorstellungen von anderen Geschlechtern machen, das hat naturgegeben immer einen sehr begrenzten und zweifelhaften Aussagewert, selbst bei einer so überragenden „Antizipationsfähigkeit“ wie der Goethes.
Es ist unabdingbar, diese Sachverhalte mit zu bedenken beim Lesen und Zuschauen. Aber auf einem von diesen Bedenken gut ausgeleuchteten Hintergrund wird es sinnvoll, sich den Stärken des Kunstwerks hinzugeben. – Gerade am Unzulänglichen, am Zeitbedingten, zeichnet sich etwas ab über uns Menschen. Hier: Wie schwer es ist, die Gräuel, die Menschen an Menschen verübten, nicht zu verdrängen und wie verkniffen und feige das wirkt: Wie mitzukriegen, daß der Nachbar seine Frau halb tot schlägt und so zu tun, als habe man nichts gehört.
Nachweise
Schmidt,Jochen, Goethes Faust. Erster und Zweiter Teil. Grundlagen – Werk – Wirkung. 2. Auflage. C. H. Beck, München 2001
Lit. Hannah Arendt, Vita aktiva und Vita kontemplativa, die Darstellungen über Sklaverei sind aus Kap.2, Anm. 15 und Anm. 30
weiterlesen: Helena – Phorkyas, Keifen als Kunst – Euphorion – Faust in Arkadien, die Utopie als Crashtest
4. Akt — Überblick über das Drama: Deutende Inhaltsangabe — Zum Faust-Pfad (Überblick über alle Beiträge zur Interpretation
weiterführend:
Link zum Wikipedia-Eintrag „Persephone“ —
Empfehlung: Kommentar aus gender-reflektierter Sicht zum Helenaakt von den Schöngeistinnen