Faust in Arkadien: die Utopie als Crashtest

(Lesezeit: 5 Minuten)

Inhalt
(1) Was bräuchte Faust, um die Wette zu verlieren?
(2) Rettet der Bengel mit seiner Ungezogenheit die Wette seines Vaters? 
(3) Was Faust aus dem Scheitern seines Arkadiens gelernt hat

Der dritte Akt kann als der Höhepunkt des Dramas angesehen werden: die ultimative Probe auf Fausts Wette, der Crashtest: Verflüchtigt sich Fausts Zweifel daran, daß das Leben die Ansprüche unserer Würde erfüllen kann, wenn ihm die denkbar besten Lebensbedingungen geboten werden mit allen Gütern des Glücks? – Faust mit der schönsten Frau der Welt im Paradies – was will er mehr? – Der Germanist Schmidt zitiert aus einem Brief Schillers: Der 3. Akt müsse ein Gipfel des ganzen Werks werden, er müsse „von allen Punkten des Ganzen gesehen werden und nach allen hin sehen“ (234).

 

(1) Was bräuchte Faust, um keinen Konflikt mehr zwischen Würde und Wirklichkeit zu erleben?

Faust hat den Konflikt zwischen Würde und Wirklichkeit klar benannt: Solange es Pein, Entbehrung, Krittel, Sorge („Lebensfratzen“) und Ohnmacht (Mangel an Wirkmacht) gibt, ist das Dasein unzumutbar. Checken wir ab, was diesbezüglich in Arkadien ausgetilgt ist:

Sorge: Abgehakt, Wehrmacht, südliche Sonne, Milch und Honig entheben ihn jeglicher Sorge.

Ohnmacht: Abgehakt, Wirkmacht ist unwesentlich, im Paradies braucht es keine tollen Projekte, weder technischer, politischer, wirtschaftlicher oder künstlerischer Art.

Krittel: Abgehakt, weil: Schönste Frau der Welt. Da gibts nichts mehr zu meckern.

Sonstige Pein: Abgehakt, weil: keine Angaben. Gäbe es irgendeine Pein, einer wie Faust, der die Geduld verflucht, würde das nicht klaglos hinnehmen.

Entbehrung: Mhm. Haken oder nicht? Entbehrung in gewissem Sinne gibt es offenbar noch: Genuß ohne Sinn wird langweilig. Deshalb legt Faust sich ein Kind zu.

Ein Augenblick, der Faust kleinkriegt, müßte einer sein, in dem Faust einig ist mit der Natur, völlig einig, ein Augenblick in dem es keinen Vorbehalt der Art mehr gibt: „Ist ja toll, wirklich toll, das muß ich schon sagen, aber ich finde es nicht in Ordnung, daß ich mir nicht selber aussuchen darf, was für mich toll ist und was nicht, sondern mit dem Erfüllen meiner Sehnsüchte die Zwecke der Natur verfolgen muß, statt Zwecke, die ich mir selbst gesetzt habe! Ich habs satt, von so’ner Molekülverbindung, die sich auf Reproduktion getrimmt hat, für diese ihre Reproduktion instrumentalisiert zu werden, eine Verbindung, die ich nicht mal selber mit designen durfte! – Mein Ich konstituiert sich aus Genen, die ich mir nicht ausgesucht habe, ich habe nichtmal Flügel! – das ist doch nicht Ich, das ist doch verkehrte Welt! Meine Gene müßten durch mein Ich konstituiert sein, nicht mein Ich durch irgendwelche dahergelaufenen Gene, die ich nicht selbst gemacht habe – was ist denn daran Ich?!“- („Ach, zu des Geistes Flügeln wird so leicht kein körperlicher Flügel sich gesellen“, seufzte Faust auf dem Osterspaziergang (V 1090).

In einem ewig währenden Paradies müßten wir eigentlich versöhnt sein mit der Tatsache, daß wir uns nicht selbst geschaffen haben sondern unsere Natur hinnehmen müssen. Denn was wollen wir mehr als sorgenfreien Lebensgenuß und die Erfüllung aller Sehnsüchte?

Welchen Sinn hätte es für Faust, unter diesen Umständen noch auf der Ur-Kränkung zu bestehen: hinnehmen zu müssen, wie die Natur uns gemacht und was sie für uns vorgesehen hat? (Zu dieser Ur-Kränkung gäbe es noch viel zu sagen, aber dafür müssen Sie auf einen begabteren Essayisten warten, ich komme hier an meiner Grenzen.)

Goethe macht es uns einfach, es ist, als ob er uns mit der Euphorion-Episode sagen wollte: Über die Möglichkeiten einer Erlösung von der Ur-Kränkung braucht ihr gar nicht erst anfangen nachzudenken, es kommt eh immer was dazwischen! Ohne Blagen ist das Leben öde und leer und mit Blagen haben wir es nicht in der Hand!

 

(2) Rettet der Bengel mit seiner Ungezogenheit die Wette seines Vaters?

Der Sohn soll dafür sorgen, daß Papa sich toll fühlt. Das ist verkehrte Welt, „Parentifizierung“ nennen die Fachleute das: Faust will das Glück an der Mutterbrust wieder erleben und deshalb muß die ganze Welt für sein Glück sorgen, auch der Sohn – der Sohn als Mama des Papas. („Wo faß ich dich lebendige Natur, euch Brüste wo, ihr Quellen alles Lebens, an denen Himmel und Erde hängt, dahin die welke Brust sich drängt, ich quellt, ihr tränkt, und schmacht ich so vergebens?“ – so klagte Faust in seinem Studierzimmer (V 455ff).

Was ist Würde für Faust: Würde ist, wenn er alles selber in der Hand hat („reine“ Tätigkeit), er will nicht, daß jemand ihm in die Suppe spuckt. Und genau das tut sein Sohn: Der gehorcht einfach nicht! – Entwürdigen uns unsere Kinder mit ihrem Eigensinn? (Man könnte hier aus Brechts Dreigroschenoper einfügen: „Anstatt daß, anstatt daß sie was machen was nen Sinn und nen Zweck, machen sie Spaß machen sie Spaß und verrecken dann natürlich glatt im Dreck!“)

Das Vaterglück besteht nicht darin, Freude an den eigenen Kindern zu haben, sondern in den Fortschritten beim Bestreben, die Aufgaben der Vaterschaft immer besser zu erfüllen – ähnlich wie die Fortschritte von Künstlern bei den Herausforderungen eines Kunstwerks. – Das könnte Faust in seiner Rückschau auf Arkadien aus dem Tod seines zweiten Sohnes gelernt haben und auf eine neue Aufgabe übertragen: Würde erfordert nicht Glück sondern Sinn. Sinn gibt uns Würde über alles Glück der Welt hinaus.

 

(3) Was Faust aus dem Scheitern Arkadiens gelernt hat

„Das Streben meiner ganzen Kraft ist gerade das was ich verspreche“: Faust verspricht und verpflichtet sich in der Wette, redlich zu erforschen: Was ist das bestechenste Glück? Und kann dieses Glück das Streben nach Würde ausstechen? – Faust scheint sich völlig sicher zu sein: Nicht nur sind wir fähig, selbst den teuflichsten Bestechungsversuchen zu widerstehen, sondern es gibt sowieso kein Glück, das uns mit dem menschlichen Dasein versöhnen könnte, selbst das Beste, was das Leben zu bieten hätte, wäre bloß Lock- und Gaukelwerk. Deshalb hat Faust keine Bedenken, die Wette wagen zu dürfen.

Nach dem Arkadienerlebnis könnte Faust klar geworden sein: Wenn selbst Arkadien es nicht schafft, ihn mit dem Leben zu versöhnen, weil Glück ohne Sinn nicht zu haben ist und alles, was dem Leben Sinn gibt, nicht nach unserer Pfeife tanzt, dann hat er Würde falsch konzeptualisiert: Wunscherfüllung statt Sinnerfüllung. Er braucht ein neues, ein raffinierteres Paradigma von glücklich würdevollem Leben, um zu beweisen, daß auch das nicht reicht.

Die Redlichkeit, mit der Faust immer wieder Neues daraufhin untersucht, ob es ihn „rumkriegt“, wirkt, als ob Faust am wenigsten dem Teufel beweisen wollte, daß Würde und Wirklichkeit für Menschen unversöhnlich sind, sondern viel mehr sich selbst, aber vor allem: Gott: Faust muß sich sicher sein, alles, wirklich alles durchgetestet zu haben, wenn er vor Gott nicht wie ein Dilettant da stehen will, so wie jemand, der meint, er sehe doch jeden Tag, daß die Sonne sich um die Erde drehe, und von Brechts Galilei gesagt kriegt: „Du siehst nicht, du glotzt bloß“.

Weiterlesen:

3.Akt Inhaltsangabe
4.Akt Inhaltsangabe

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Wikipediaartikel über Helena von Troja