Ukraine-Krieg und Pazifismus

Sicher, ich kann nicht mitreden, es ist nicht mein Land, das überfallen wird. Aber mich wundert, wie wenig über die Möglichkeit geredet wurde, sich vor dem ersten Schuß zu ergeben.

Ich habe keine Ahnung, ich habe mich nicht mit den Lebensverhältnissen in Putins Land beschäftigt. Aber sind sie wirklich so schlimm, daß es sich lohnt, Hunderttausende von Toten zu riskieren?

Hat sich irgendjemand mal gefragt, wie sich der Alltag von über 95% der Ukrainer geändert hätte, wenn die Ukraine sich ergeben hätte? – Ich wundere mich, daß über die Frage, ob gut genug erwogen wurde, was das kleinere Übel ist, so gut wie gar nicht in der Öffentlichkeit diskutiert wird.

Stattdessen wird, um die Verteidigung gegen den Aggressor zu legitimieren, auf die Kriegsverbrechen der russischen Armee verwiesen. Aber warum hätte die Armee Kriegsverbrechen begehen sollen, wenn gar kein Krieg stattgefunden hätte?

Um Mißverständnissen vorzubeugen: Es geht nicht darum, eine bestimmte Option für richtig oder falsch zu halten. Es geht nur um die Fragen: Warum werden bestimmte Fragen nicht öffentlich diskutiert? Und warum scheint das niemandem aufzufallen?

Es gibt eine Allparteien-Zustimmung zum Krieg, in der erwogen wird, ob Putin ins Baltikum einmarschieren würde, würden wir der Ukraine nicht bei der Verteidigung helfen. Es wird nicht erwogen, daß diese Waffenhilfe zu einem neuen Vietnam führen könnte. (Stattdessen ist immer gleich vom Risiko eines Atomkrieges die Rede, das viel unwahrscheinlicher ist und deshalb leicht abzutun.) Warum wird das eine erwogen, vom anderen ist keine Rede? Eine solche parteienübergreifende Tendenziösität habe ich in Deutschland noch nie erlebt.

Der Bundeskanzler bezeichnete es als zynisch, den Ukrainern ernsthaft nahelegen zu wollen, sich nicht zu wehren. Wer nicht riskieren will, abgewertet zu werden, hält jetzt lieber seinen Mund. – Herr Bundeskanzler: So geht herrschaftsfreier Diskurs nicht!

Hätte niemand der Ukraine Waffen geliefert, wäre der Krieg wahrscheinlich längst vorbei und zehntausende Menschen noch am Leben.

Es heißt, die, die jetzt auf Verhandlungen statt auf Waffen setzen, seien naiv. – Ist es weniger naiv, zu glauben, daß die weitere Aufrüstung der Ukraine gegen eine Supermacht zu einem zermürbenden Dauerkrieg führt, der unabsehbar viele Menschen tötet und alle Beteiligten ruiniert? Ist es nach Vietnam nicht viel naiver, die Ukraine aufzurüsten, als alles zu tun, um zu verhandeln, d.h. auch Zugeständnisse an Putin zu machen?

Es heißt, wir müßten Rußland schwächen. Treiben wir es damit nicht in eine Symbiose mit China und stehen hinterher vor einem viel mächtigeren Gegner?

Es heißt, mit unserer Unterstützung der Ukraine verteidigen wir die Demokratie. – Doch Putin ist ein Greis. Denken wir dekadisch: Wie lange wird sein Regime ohne ihn stabil bleiben?

Die Demokratie ist unaufhaltsam. Alle anderen Staatsformen haben sich als noch korrupter, realitätsferner und menschenverachtender herausgestellt. Die Geschichte zeigt, daß sich die Vernunft früher oder später durchsetzt – sonst wäre niemals eine Demokratie entstanden.

Wäre es nicht besser, Freiheit zu fördern als zu verteidigen? – Wurde wirklich seit dem Ende des Sozialismus ernsthaft die Frage gestellt: Was können wir dafür tun, daß sich in anderen Ländern Demokratie entwickelt?

Sicher, diese Frage hätte die Politik vor ein Problem gestellt: Unsere Demokratien hätten dann erst einmal glaubwürdiger werden müssen! Sie hätten zeigen müssen, daß sie in der Lage sind, die Finanzwirtschaft zu regulieren, mehr Transparenz zu schaffen, die wachsende Ungleichheit aufzuhalten, die Gerechtigkeit zu fördern, und gegen skrupellose globale Medienmonopole wie Facebook vorzugehen, die Manipulationen und Progrome ermöglichen.

Was für eine Wirkung hätte es z.B. gehabt, wenn es den Demokratien gelungen wäre, die Finanzmärkte so zu regulieren, daß es die Weltwirtschaftskrise 2008 nicht gegeben hätte? Wie leicht fällt es Regimen, gegen Demokratien zu argumentieren, die es als Tugend propagieren, „marktkonform“ zu sein (Merkel)? Wer sich nach dem Markt richtet, herrscht nicht.

Und warum waren uns die Tschetschenen egal? Wie war Nordstream 2 nach dem Tschetschenienkrieg noch möglich? Warum haben wir geglaubt, die Freiheit am Hindukusch verteidigen zu müssen, aber nicht im Kaukasus?

Möglicherweise sind die Waffenlieferungen an die Ukraine ja richtig. Möglicherweise aber auch nicht. Wie sollen wir Bürger das beurteilen können? – In jedem Fall müßte jetzt aber eine viel umfassendere und vor allem ehrlichere und einfallsreichere Diskussion stattfinden!

(Der ARD-Beitrag „Pazifismus – Waren wir naiv“ zeigt Beschränktheit und Einfallslosigkeit: Ein großer Teil der Leute übernimmt die Mainstream-Meinung zum Ukrainekrieg und scheint nicht im Geringsten auf die Idee zu kommen, daß sie hinterfragbar sein könnte. – Ebenso einseitig: https://www.zdf.de/comedy/bosetti-will-reden/bosetti-will-reden-vom-4-mai-2022-100.html. Auf mich wirkt es geradezu pervers, wenn Kabarettisten für Waffenlieferungen sind. – Bezüglich Ausgewogenheit, Differenziertheit, selbständiges Denken und Vielfalt enttäuscht der Öffentliche-Rechtliche Rundfunk ein weiteres Mal. Mehr dazu in meinen „Offenen Fragen“ an die Intendanten)

Immerhin: Der NDR brachte ein Interview mit Konstantin Wecker: https://www.ndr.de/kultur/Konstantin-Wecker-ueber-Pazifismus-in-Zeiten-des-Krieges,wecker254.html

Dazu: Weckers eigenes „Manifest“: https://wecker.de/de/weckers-welt/item/890-Antikriegsmanifest-von-Konstantin-Wecker-auf-seiner-Utopia-Tournee-2-Maerz-2022.html

Über Mittel gegen die Unwissenheit von uns Bürgern: Erste Ideen zu Bürgerräten   (Link auf die Seite philosophischeberatung.berlin)

Eine Geschichte zum Thema Gegengewalt hat Daniel Seefeld geschrieben: „Wozu?“ (2015)

PS: Wie sagte B.Brecht: „Unser Gedächtnis ist erstaunlich kurz“. – Ist der von einem Bundeswehroberst angeordnete Luftangriff bei Kundus vergessen, bei dem viele Zivilisten umkamen?: https://de.wikipedia.org/wiki/Luftangriff_bei_Kundus.

Wir sollten auch daran denken, daß Frau Merkel als Oppositionsführerin wollte, daß die Bundeswehr im Irakkrieg mitmischte, einem Krieg, der auf einer Lüge beruhte.