Ukraine-Krieg und Pazifismus

Sicher, ich kann nicht mitreden, es ist nicht mein Land, das überfallen wird. Aber mich wundert, wie wenig über die Möglichkeit geredet wurde, sich vor dem ersten Schuß zu ergeben.

Ich habe keine Ahnung, ich habe mich nicht mit den Lebensverhältnissen in Putins Land beschäftigt. Aber sind sie wirklich so schlimm, daß es sich lohnt, Hunderttausende von Toten zu riskieren?

Hat sich irgendjemand mal gefragt, wie sich der Alltag von über 95% der Ukrainer geändert hätte, wenn die Ukraine sich ergeben hätte? – Ich wundere mich, daß über die Frage, ob gut genug erwogen wurde, was das kleinere Übel ist, so gut wie gar nicht in der Öffentlichkeit diskutiert wird.

Um Mißverständnissen vorzubeugen: Es geht nicht darum, eine bestimmte Option für richtig oder falsch zu halten. Es geht nur um die Fragen: Warum werden bestimmte Fragen nicht öffentlich diskutiert? Und warum scheint das niemandem aufzufallen?

Hätte niemand der Ukraine Waffen geliefert, wäre der Krieg wahrscheinlich längst vorbei und zehntausende Menschen noch am Leben.

Es heißt, die, die jetzt auf Verhandlungen statt auf Waffen setzen, seien naiv. – Ist es weniger naiv, zu glauben, daß die weitere Aufrüstung der Ukraine gegen eine Supermacht zu einem zermürbenden Dauerkrieg führt, der unabsehbar viele Menschen tötet und alle Beteiligten ruiniert? Ist es nach Vietnam nicht viel naiver, die Ukraine aufzurüsten, als  Zugeständnisse an Putin zu machen?

Es heißt, mit unserer Unterstützung der Ukraine verteidigen wir die Demokratie. – Doch Putin ist ein Greis. Denken wir dekadisch: Wie lange wird sein Regime ohne ihn stabil bleiben?

Die Demokratie ist unaufhaltsam. Alle anderen Staatsformen haben sich als noch korrupter, realitätsferner und menschenverachtender herausgestellt. Die Geschichte zeigt, daß sich die Vernunft früher oder später durchsetzt – sonst wäre niemals eine Demokratie entstanden.

Wäre es nicht besser, Freiheit zu fördern als zu verteidigen? – Wurde wirklich seit dem Ende des Sozialismus ernsthaft die Frage gestellt: Was können wir dafür tun, daß sich in anderen Ländern Demokratie entwickelt?

Sicher, diese Frage hätte die Politik vor ein Problem gestellt: Unsere Demokratien hätten dann erst einmal glaubwürdiger werden müssen! Sie hätten zeigen müssen, daß sie in der Lage sind, die Finanzwirtschaft zu regulieren, mehr Transparenz zu schaffen, die wachsende Ungleichheit aufzuhalten, die Gerechtigkeit zu fördern, und gegen skrupellose globale Medienmonopole wie Facebook vorzugehen, die Manipulationen und Progrome ermöglichen.

Was für eine Wirkung hätte es z.B. gehabt, wenn es den Demokratien gelungen wäre, die Finanzmärkte so zu regulieren, daß es die Weltwirtschaftskrise 2008 nicht gegeben hätte? Wie leicht fällt es Regimen, gegen Demokratien zu argumentieren, die es als Tugend propagieren, „marktkonform“ zu sein (Merkel)? Wer sich nach dem Markt richtet, herrscht nicht.

Möglicherweise sind die Waffenlieferungen an die Ukraine ja richtig. Möglicherweise aber auch nicht. Wie sollen wir Bürger das beurteilen können? – In jedem Fall müßte jetzt aber eine viel umfassendere und vor allem ehrlichere und einfallsreichere Diskussion stattfinden!

Ist es wirklich ausgeschlossen, daß es eine antiquierte Entscheidung war, den Fehdehandschuh, den Putin hinwarf, aufzunehmen? Und daß es weit intelligentere und weniger tödliche und desaströsere Möglichkeiten gegeben hätte auf die Aggression zu reagieren?

Doch ich muß zugeben, daß ich keine Ahnung habe, wie naiv und verfehlt diese Fragen möglicherweise sind. Aber was könnte es schaden, darüber zu diskutieren? Das ist es, was ich nicht verstehe. Es gibt keine öffentliche Grundsatzdiskussion. Stattdessen gibt es moralischen Druck: Leute, die gegen den Krieg sind, hätten keine Empathie mit den Ukrainern heißt es. (Also für Krieg zu sein bedeutet neuerdings: Empathie zu haben…)

Diese Befunde lassen mich befürchten, daß es an Objektivität, Weitsicht und Besonnenheit fehlt.

(Der ARD-Beitrag „Pazifismus – Waren wir naiv“ zeigt Beschränktheit und Einfallslosigkeit: Ein großer Teil der Leute übernimmt die Mainstream-Meinung zum Ukrainekrieg und scheint nicht im Geringsten auf die Idee zu kommen, daß sie hinterfragbar sein könnte. – Ebenso einseitig: https://www.zdf.de/comedy/bosetti-will-reden/bosetti-will-reden-vom-4-mai-2022-100.html. Auf mich wirkt es geradezu pervers, wenn Kabarettisten für Waffenlieferungen sind. – Bezüglich Ausgewogenheit, Differenziertheit, selbständiges Denken und Vielfalt enttäuscht der Öffentliche-Rechtliche Rundfunk ein weiteres Mal. Mehr dazu in meinen „Offenen Fragen“ an die Intendanten)

Immerhin: Der NDR brachte ein Interview mit Konstantin Wecker: https://www.ndr.de/kultur/Konstantin-Wecker-ueber-Pazifismus-in-Zeiten-des-Krieges,wecker254.html

Dazu: Weckers eigenes „Manifest“: https://wecker.de/de/weckers-welt/item/890-Antikriegsmanifest-von-Konstantin-Wecker-auf-seiner-Utopia-Tournee-2-Maerz-2022.html

Und ein Interview mit Julie Zeh und mit Harald Welzer:

https://www.ndr.de/kultur/Offener-Brief-zum-Ukraine-Krieg-Es-geht-darum-fatale-Schaeden-zu-vermeiden,offenerbrief172.html

https://www.ndr.de/kultur/Offener-Brief-an-Scholz-Harald-Welzer-rechtfertigt-seine-Position,welzer134.html

Ebenso gibt es dort Interviews mit Leuten, die für den Krieg gegen Putin sind.

Im Hauptabendprogramm dagegen sind ARD und ZDF so, wie sie laut ihrer verfassungsmäßig verbrieften Existenzberechtigung eigentlich nicht sein sollten: tendenziös. Z.B. hier Anne Will. ARD und ZDF haben sich fragwürdig entwickelt. Mehr dazu hier.

Über Mittel gegen die Unwissenheit von uns Bürgern: Erste Ideen zu Bürgerräten   (Link auf die Seite philosophischeberatung.berlin)

Eine Geschichte zum Thema Gegengewalt hat Daniel Seefeld geschrieben: „Wozu?“ (2015)

PS:

Wir erleben wirklich eine Zeitenwende, wenn eine Politikerin der Grünen bei Anne Will sagt, daß Leute, die gegen Krieg sind, keine Empathie haben.

Wie sagte B.Brecht: „Unser Gedächtnis ist erstaunlich kurz“. – Ist der von einem Bundeswehroberst angeordnete Luftangriff bei Kundus vergessen, bei dem viele Zivilisten umkamen?: https://de.wikipedia.org/wiki/Luftangriff_bei_Kundus.

Wir sollten auch daran denken, daß Frau Merkel als Oppositionsführerin wollte, daß die Bundeswehr im Irakkrieg mitmischte, einem Krieg, der auf einer Lüge beruhte.

 

PS: Aus Goethes Faust:

„Nicht schöneres weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
Wenn hinten, weit, in der Türkei
Die Völker aufeinanderschlagen.

Man steh am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten
Dann geht man Abends froh nach Haus
Und segnet Fried und Friedenszeiten.“

„Herr Nachbar, ja so laß ich’s auch geschehen,
Sie mögen sich die Köpfe spalten
Mag alles durcheinander gehen
Doch nur zu Hause bleib es beim Alten!“

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